> Gedichte und Zitate für alle: Johann W. Goethe: Fragmente-Zum Trauerspiel "Essex" (18)

2019-08-30

Johann W. Goethe: Fragmente-Zum Trauerspiel "Essex" (18)




Zum Trauerspiel "Essex" im Charakter der Königin
den 13. November 1813

Und Essex nicht? — Unselige, kein Wort!
Ihr tretet auf, den Edlen trägt man fort!
Die Schwäche wird, die List zu spät verbannt;
Ich traut euch noch, ob ich euch schon gekannt,
Wie einer, der, zu eigenem Gericht,
Die Schlange nährt und wähnt, sie steche nicht.
Kein Laut, kein Hauch beleidige mich hier!
Essex verstummt, und so verstummt auch ihr!
Nun zeige sich mein ungebeugter Sinn;
Verschwindet all! Es bleibt die Königinn.

(Alles entfernt sich, sie tritt vor.)

Sie bleibe! ja! an diesem Tag voll Graun
Mit schnellem Blick ihr Leben zu beschaun;
Denn ihr geziemts, so hoch hinaufgestellt,
Des Glücks Gebieterin, die Lust der Welt,
Sich immer selber gleich, da klar zu sehn,
Wo andre, dumpf gedrückt, im Traume gehn.

Wer Mut sich fühlt in königlicher Brust,
Er zaudert keineswegs, betritt mit Lust
Des Stufenthrones untergrabene Bahn,
Kennt die Gefahr und steigt getrost hinan;
Des goldnen Reifes ungeheure Last,
Er wägt sie nicht; entschlossen, wie gefasst,
Drückter sie fröhlich auf das kühne Haupt
Und trägt sie leicht, als wie von Grün umlaubt.
So tatest du. — Was noch so weit entfernt,
Hast du dir anzueignen still gelernt;
Und was auch Wildes dir den Weg verrannt,
Du hasts gesehn, betrachtet und erkannt. —

Des Vaters Wut, der Mutter Mißgeschick,
Der Schwester Haß, das alles blieb zurück,
Blieb hinter dir, indessen du gebeugt
Mit hohem Sinn dich in dir selbst erzeugt
Und, im Gefängnis hart behandelt, Frist
Zu bilden dich gewannst, das, was du bist.
Ein froher Tag erschien, er rief dich an,
Manrief dich aus, und so war es getan:
„Die Königin — sie lebe!“ Nun, du standst
Und stehest noch trotz dem, was du empfandst,
Und trotz der Feinde, die mit Krieg und Tod
Von außen und von innen dich bedroht.
Des Papstes heilger Grimm, des Spaniers Neid,
So vieler Freier Unbescheidenheit,
Der Großen tückisch aufgeregter Sinn,
Verräter viel, selbst eine Königin, —
Und dieser denn zuletzt! — Dastrag ich hier!
Die schnöde Welt, was weiß sie denn von mir?
Schauspielerin! so nennen sie mich all,
Und Schau zu spielen ist ja unser Fall.
Die Völker gaffen, reden, wähnen viel;
Was wollen sie denn anders als ein Spiel?
Verstellt man sich denn einzig auf dem Thron?
Dort spielt ein Kind, und das verstellt sich schon.

Doch mit dir selbst, in Glück und in Gefahr,
Elisabeth, dir selbst getreu und wahr,
Mit Rccht verschlossen. — Welches zweite Herz
Vermag zu teilen königlichen Schmerz?
Die falsche Welt, siıe buhlt um unsern Schatz,
Um unsre Gunst, sogar um unsern Platz;
Und machst du je dir den Geliebten gleich,
Nicht Liebe gnügt, er will das Königreich.
So war auch dieser. — Und nun sprich es aus:
Dein Leben trugen sie mit ihm hinaus. —
Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,
Ein letztes Glück und einen letzten Tag.
Dies gibt man zu; doch wer gesteht sich frei,
Daß diese Liebe nun die letzte sei.

Daß sich kein Auge mehr mit froher Glut
Zu unserm wendet, kein erregtes Blut,
Das überraschtem Herzen leicht entquoll,
Verrätisch mehr die Wange färben soll;
Daß kein Begegnen möglich, das entzückt,
Kein Wiedersehn zu hoffen, das beglückt;
Daß von der Sonne klarstem Himmelspracht
Nichts mehr erleuchtet wird. — Hier ist es Nacht —
Und Nacht wirds bleiben in der hohlen Brust.
Du blickst umher und schauest ohne Lust,
Solang die Parze deinen Faden zwirnt,
Den Sternenhimmel, den du selbst gestirnt,
Und suchst vergebens um dein fürstlich Haupt
Den schönsten Stern, den du dir selbst geraubt;
Das andre scheint ein unbedeutend Heer,
Gesteh dirs nur! denn Essex lebt nicht mehr.

War er dir nicht der Mittelpunkt der Welt?
Der liebste Schmuck an allem, was gefällt?
War nicht um ihn Saal, Garten und Gefild
Als wie der Rahmen um ein kostbar Bild?
Das holde Bild, es war ein eitler Traum;
Das Schnitzwerk bleibt und zeigt den leeren Raum.

Wie schritt er nicht so frei, so musterhaft!
Des Jünglings Reize mit des Mannes Kraft;
Wie lauscht ich gern dem wohlbedachten Rat!
Erst reine Klugheit, dann die rasche Tat.
Gemäßigt Feuer erst, dann Flammenglut,
Und königlich war selbst sein Übermut.

Doch ach zu lange hast du dirs verhehlt:
Was ist das alles, wenn die Treue fehlt,
Und wenn der Günstling, gegen uns ergrimmt,
Das rauben will, was wir ihm frei bestimmt,
Wenn unsre Macht, zu eigenem Verdruß,
Wo sie belohnen wollte, strafen muß!

Er ist gestraft — ich bin es auch! wohlan,
Hier ist der Abschluß! Alles ist getan,
Und nichts kann mehr geschehn! Das Land, das Meer,
Das Reich, die Kirche, das Gericht, das Heer,
Sie sind verschwunden, alles ist nicht mehr!

Und über dieses Nichts du Herrscherin!
Hier zeige sich zuletzt dein fester Sinn:
Regiere noch, weil es die Not gebeut,
Regiere noch, da es dich nicht mehr freut.
Im Purpurmantel und mit Glanz gekrönt,
Dich so zu sehen, ist die Welt gewöhnt;
So unerschüttert zeige dich am Licht,
Wenn dirs im Busen morsch zusammenbricht.

Allein wenn dich die nächtlich stille Zeit
Von jedem Auge, jedem Ohr befreit,
In deiner Zimmer einsamstem Gemach
Entledige sich dein gerechtes Ach!
Du seufzest! — Fürchte nicht der Wände Spott,
Und wenn du weinen kannst, so danke Gott!

Und immer mit dir selbst, und noch einmal
Erneuet sich die ungemeßne Qual.
Du wiederholst die ungemeßne Pein:
Er ist nicht mehr; auch du hörst auf, zu sein —
So stirb, Elisabeth, mit dir allein!



weiter

Keine Kommentare: