> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Großkophta- 2. Akt 5. Szene

2019-08-25

Johann Wolfgang Goethe: Der Großkophta- 2. Akt 5. Szene




Fünfter Auftritt

Die Vorigen. Jäck. Der Graf.
JÄCK. Der Graf!

GRAF der gleich hinter Jäck hereinkommt. Wird nirgends angemeldet. Keine Tür ist ihm verschlossen, er tritt in alle Gemächer unversehens herein. Und sollte er auch unerwartet, unwillkommen herabfahren wie ein Donnerschlag: so wird er doch nie hinweggehen, ohne, gleich einem wohltätigen Gewitter, Segen und Fruchtbarkeit zurückzulassen.

Jäck, der indes unbeweglich dagestanden, den Grafen angesehen und ihm zugehört, schüttelt den Kopf und geht ab.

DER GRAF setzt sich und behält in diesem sowie in den vorhergehenden und folgenden Auftritten den Hut auf dem Kopfe, den er höchstens nur, um jemand zu grüßen, lüftet. Auch Sie treff ich wieder hier, Ritter? Fort mit Ihnen, überlassen Sie sich der Meditation; und diesen Abend zur gesetzten Stunde finden Sie sich in dem Vorzimmer des Domherrn.

RITTER. Ich gehorche. Und Ihnen allerseits empfehle ich mich. Ab.

NICHTE. Wer ist dieser Herr?

MARQUIS. Der Graf Rostro, der größte und wunderbarste aller Sterblichen.

GRAF. Marquise! Marquise! Wenn ich nicht so nachsichtig wäre, wie würde es um Sie stehen?

MARQUISE. Wie das, Herr Graf?

GRAF. Wenn ich nicht so nachsichtig und mächtig zugleich wäre! Ihr seid ein leichtsinniges Volk! Wie oft habt ihr mich nicht fußfällig gebeten, daß ich euch weiter in die Geheimnisse führen soll! Habt ihr nicht versprochen, euch allen Prüfungen zu unterwerfen, wenn ich euch den Großkophta zeigen, wenn ich euch seine Gewalt über die Geister sehen und mit Händen greifen ließe; und was habt ihr gehalten?

MARQUISE. Keine Vorwürfe, bester Graf! Sie haben uns genug gestraft.

GRAF. Ich lasse mich erweichen. Nach einigem Nachdenken. Ich sehe wohl, ich muß anders zu Werke gehen und euch durch eine ganz besondere Weihung, durch die kräftigste Anwendung meiner Wundergaben in wenig Augenblicken rein und fähig machen, vor dem Wundermann zu erscheinen. Es ist eine Operation, die, wenn sie nicht gerät, uns allen gefährlich sein kann. Ich sehe es immer lieber, wenn meine Schüler sich selber vorbereiten, damit ich sie als umgeschaffene Menschen ruhig und sicher in die Gesellschaft der Geister führen kann.

MARQUISE. Lassen Sie uns nicht länger warten. Machen Sie uns noch heute glücklich, wenn es möglich ist. Lieber will ich mich der größten Gefahr aussetzen, die nur einen Augenblick dauert, als mich dem strengen Gebot unterwerfen, das mir monatelang Tage und Nächte raubt.

GRAF. Leicht wollt ihr alles haben, leicht und bequem! und ihr fragt nicht, wie schwer mir nun die Arbeit werden muß?

MARQUISE. Ihnen schwer? Ich wüßte nicht, was Ihnen schwer werden könnte.

GRAF. Schwer! sauer! und gefährlich! Glaubt ihr, der Umgang mit Geistern sei eine lustige Sache? Man zwingt sie nicht, wie ihr die Männer, mit einem Blick, mit einem Händedruck. Ihr denkt nicht, daß sie mir widerstehen, daß sie mir zu schaffen machen, daß sie mich überwältigen möchten, daß sie auf jeden meiner Fehler achthaben, mich zu überlisten. Schon zweimal in meinem Leben habe ich gefürchtet, ihnen unterzuliegen; darum trage ich dieses Gewehr Er zieht ein Terzerol aus der Tasche. immer bei mir, um mich des Lebens zu berauben, wenn ich fürchten müßte, ihnen untertänig zu werden.

NICHTE zum Marquis. Welch ein Mann! Es zittern mir die Knie vor Schrecken! So hab ich nie reden hören! von solchen Dingen hab ich nie reden hören! von solchen Dingen hab ich nichts geträumt!

MARQUIS. Wenn Sie erst die Einsichten, die Gewalt dieses Mannes kennen sollten, Sie würden erstaunen.

NICHTE. Er ist gefährlich! mir ist angst und bange!

Der Graf sitzt indes unbeweglich und sieht starr vor sich hin.

MARQUISE. Wo sind Sie, Graf? Sie scheinen abwesend! So hören Sie doch! Sie faßt ihn an und schüttelt ihn. Was ist das? Er rührt sich nicht! Hören Sie mich doch!

MARQUIS tritt näher. Sie sind ein Kenner von Steinen, wie hoch schätzen Sie diesen Ring? Er hat die Augen auf und sieht mich nicht an.

MARQUISE die ihn noch bei dem Arm hält. So steif wie Holz, als wenn kein Leben in ihm wäre!

NICHTE. Sollte er ohnmächtig geworden sein? Er sprach so heftig! Hier ist etwas zu riechen!

MARQUIS. Nein doch, er sitzt ja ganz gerade, es ist nichts Hinfälliges an ihm.

MARQUISE. Stille! er bewegt sich!

Der Marquis und die Nichte treten von ihm weg.

GRAF sehr laut und heftig, indem er vom Stuhle auffährt. Hier! halt ein, Schwager! hier will ich aussteigen!

MARQUISE. Wo sind Sie, Graf?

GRAF nachdem er tief Atem geholt hat. Ah Sehen Sie, so geht mir's! Nach einer Pause. Da haben Sie ein Beispiel! Pause. Ich kann es Ihnen wohl vertrauen. Ein Freund, der gegenwärtig in Amerika lebt, kam unversehens in große Gefahr; er sprach die Formel aus, die ich ihm anvertraut habe; nun konnte ich nicht widerstehen! Die Seele ward mir aus dem Leibe gezogen, und ich eilte in jene Gegenden. Mit wenig Worten entdeckte er mir sein Anliegen, ich gab ihm schleunigen Rat; nun ist mein Geist wieder hier, verbunden mit der irdischen Hülle, die inzwischen als ein lebloser Klotz zurückblieb. Pause. Das sonderbarste ist dabei, daß eine solche Abwesenheit sich immer damit endigt, daß es mir vorkommt, ich fahre entsetzlich schnell, sehe meine Wohnung und rufe dem Postillion zu, der eben im Begriff ist, vorbeizufahren. Hab ich nicht so was ausgerufen?

MARQUISE. Sie erschreckten uns damit. Sonderbar und erstaunlich! Leise. Welche Unverschämtheit!

GRAF. Sie können aber nicht glauben, wie ich ermüdet bin. Mir sind alle Gelenke wie zerschlagen; ich brauche Stunden, um mich wieder zu erholen. Davon ahnet ihr nichts; ihr wähnt, man mache nur alles bequem mit dem Zauberstäbchen.

MARQUIS. Wunderbarer, verehrungswürdiger Mann! Leise. Welch ein dreister Lügner!

NICHTE herbeitretend. Sie haben mir recht bange gemacht, Herr Graf.

GRAF. Ein gutes, natürliches Kind! Zur Marquise. Ihre Nichte?

MARQUISE. Ja, Herr Graf! Sie hat vor kurzem ihre Mutter verloren; sie ist auf dem Lande erzogen und erst drei Tage in der Stadt.

GRAF die Nichte scharf ansehend. So hat mich Uriel doch nicht betrogen.

MARQUISE. Hat Ihnen Uriel von meiner Nichte was gesagt?

GRAF. Nicht geradezu; er hat mich nur auf sie vorbereitet.

NICHTE leise zum Marquis. Um Gottes willen, der weiß alles, der wird alles verraten.

MARQUIS leise. Bleiben Sie ruhig, wir wollen hören.

GRAF. Ich war diese Tage sehr verlegen, als ich die wichtige Handlung überdachte, die noch heute vorgehen soll. Sobald sich euch der Großkophta wird offenbart haben, wird er sich umsehen und fragen: Wo ist die Unschuldige? Wo ist die Taube? Ein unschuldiges Mädchen muß ich ihm stellen. Ich dachte hin und wider, wo ich sie finden, wie ich sie zu uns einführen wollte. Da lächelte Uriel und sagte: »Sei getrost, du wirst sie finden, ohne sie zu suchen. Wenn du von einer großen Reise zurückkehrest, wird die schönste, reinste Taube vor dir stehen.« Alles ist eingetroffen, wie ich mir's gar nicht denken konnte. Ich komme aus Amerika zurück, und dieses unschuldige Kind steht vor mir.

MARQUIS leise. Diesmal hat Uriel gewaltig fehlgegriffen.

NICHTE leise. Ich zittre und bebe!

MARQUIS leise. So hören Sie doch aus.

MARQUISE. Dem Großkophta soll ein unschuldiges Mädchen gebracht werden? Der Großkophta kommt von Orient? Ich hoffe nicht

GRAF zur Marquise. Entfernen Sie alle fremden, alle leichtfertigen Gedanken! Zur Nichte, sanft und freundlich. Treten Sie näher, mein Kind! nicht furchtsam, treten Sie näher! So! Ebenso zeigen Sie sich dem Großkophta. Seine scharfen Augen werden Sie prüfen; er wird Sie vor einen blendenden, glänzenden Kristall führen, Sie werden darin die Geister erblicken, die er beruft, Sie werden das Glück genießen, wornach andere vergebens streben, Sie werden Ihre Freunde belehren und sogleich einen großen Rang in der Gesellschaft einnehmen, in die Sie treten, Sie, die jüngste, aber auch die reinste. Wetten wir, Marquise! dieses Kind wird Sachen sehen, die den Domherrn höchst glücklich machen. Wetten wir, Marquise?

MARQUISE. Wetten? Mit Ihnen, der alles weiß?

NICHTE die bisher ihre Verlegenheit zu verbergen gesucht. Verschonen Sie mich, Herr Graf! Ich bitte Sie, verschonen Sie mich!

GRAF. Sein Sie getrost, gutes Kind! die Unschuld hat nichts zu fürchten!

NICHTE in der äußersten Bewegung. Ich kann die Geister nicht sehen! ich werde des Todes sein!

GRAF schmeichelnd. Fassen Sie Mut. Auch diese Furcht, diese Demut kleidet Sie schön und macht Sie würdig, vor unsre Meister zu treten! Reden Sie ihr zu, Marquise!

Die Marquise spricht heimlich mit der Nichte.

MARQUIS. Darf ich nicht auch ein Zeuge dieser Wunder sein?

GRAF. Kaum! Sie sind noch unvorbereiteter als diese Frauen. Sie haben diese ganze Zeit unsere Versammlungen gemieden.

MARQUIS. Verzeihen Sie, ich war beschäftigt.

GRAF. Sich zu putzen, das Sie den Weibern überlassen sollten.

MARQUIS. Sie sind zu strenge.

GRAF. Nicht so strenge, daß ich den ausschließen sollte, der mich noch hoffen läßt. Kommen Sie, kommen Sie! Lassen Sie uns eine Viertelstunde spazierengehn. Wenigstens muß ich Sie examinieren und vorbereiten. Leben Sie wohl! Auf Wiedersehn beide!

NICHTE die den Grafen zurückhält. Ich bitte, ich beschwöre sie!

GRAF. Noch einmal, mein Kind: verlassen Sie sich auf mich, daß Ihnen nichts Schreckliches bevorsteht, daß Sie die Unsterblichen mild und freundlich finden werden. Marquise! geben Sie ihr einen Begriff von unsern Versammlungen, belehren Sie das holde Geschöpf. Unser Freund, der Domherr, fragt den Großkophta gewiß nach dem, was ihm zunächst am Herzen liegt; ich bin überzeugt, die Erscheinung wird seine Hoffnungen stärken. Er verdient, zufrieden, verdient, glücklich zu werden; und wie sehr, meine Taube, wird er Sie schätzen, wenn die Geister ihm durch Sie sein Glück verkündigen. Leben Sie wohl. Kommen Sie, Marquis!

NICHTE dem Grafen nacheilend. Herr Graf! Herr Graf!



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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