> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Großkophta- 5. Akt 8. Szene

2019-08-28

Johann Wolfgang Goethe: Der Großkophta- 5. Akt 8. Szene





Achter Auftritt

Die Vorigen. Der Ritter.

RITTER. Ja, hier bin ich, die Abscheulichen zu beschämen und die Toren zu bedauern!

DIE ÜBRIGEN außer dem Obersten. Was soll das heißen? Der Ritter! Entsetzlich! Es ist nicht möglich!

RITTER. Ja, ich bin hier, um gegen euch alle zu zeugen.

NICHTE. Daran bin ich allein schuld!

DOMHERR. Was soll das heißen? Ich werde wahnsinnig!

OBERSTER. Sie kennen also diesen Mann? Hier geht alles natürlich zu, außer daß dieser in solcher Gesellschaft ehrlich geblieben ist. Er hat eure Schelmereien beobachtet, er hat sie dem Fürsten entdeckt, und ich habe den Auftrag, zu untersuchen und zu strafen. Zum Domherrn. Zuvörderst also, damit Sie einsehen, auf welchem Wege man Sie bisher geführt, von wem Sie geführt worden, wie sehr Sie betrogen sind, so erkennen Sie doch endlich das Phantom, womit man diesen Abend unsre Fürstin gelästert hat. Er hebt der Nichte den Schleier vom Gesicht.

Domherr erkennt sie und drückt pantomimisch sein Entsetzen aus.

RITTER. Wie die Fürstin, so die Geister! Solchen Menschen vertrauten Sie!

DOMHERR. Auch Ihnen vertraut ich, und Sie, merk ich, haben mich zugrunde gerichtet.

OBERSTER. Diese Nichtswürdigen haben sich Ihrer Schwäche bedient und Sie zu den strafwürdigsten Unternehmungen angefeuert. Was können Sie erwarten?

DOMHERR. Herr Oberst

OBERST. Beruhigen Sie sich! Und erfahren Sie zuvörderst, daß der Fürst edel genug denkt, um auch diesmal Ihren Leichtsinn, Ihren Frevel mit Gelindigkeit zu bestrafen. Was sag ich, bestrafen? Er will vielmehr den zweiten Versuch machen, ob es möglich sei, Sie zu bessern, Sie der großen Ahnherrn würdig zu machen, von denen Sie abstammen. Ihre Entfernung vom Hofe, die nun zwei Jahre dauert, hat Ihnen wenig genutzt. Ich kündige Ihnen an, daß Sie frei sind, aber nur mit der Bedingung, daß Sie binnen acht Tagen das Land verlassen, unter dem Vorwande, als wenn Sie eine große Reise zu tun willens wären. Mit Ihrem Oheim, den der Fürst besonders schätzt, dem er vertraut, wird alles abgeredet und eingerichtet werden. Sie können frei in Ihrem Wagen zurückkehren, wenn Sie nur erst unterrichtet sind, wie es mit dem gefährlichen Juwelenhandel aussieht, in den Sie sich eingelassen haben.

DOMHERR. Was muß ich erfahren! Was muß ich erleben!

OBERST zu dem Marquis. Geben Sie zuvörderst die Juwelen heraus, die Sie in der Tasche haben.

MARQUIS. Die Juwelen? Ich weiß von keinen!

EIN SCHWEIZER. Er hat da was erst in den Busch geworfen. Es muß nicht weit liegen.
Man sucht und bringt das Kästchen hervor, das man dem Obersten überreicht.

OBERST. Leugnet nicht weiter! Es ist alles am Tage. Zur Marquise. Wo sind die übrigen Steine? Gestehn Sie nur! Sie kommen nicht wieder nach Hause, und zu Hause bei Ihnen ist in diesem
Augenblicke alles versiegelt. Verdienen Sie die Gelindigkeit, mit der man Sie zu behandeln gedenkt.

MARQUISE. Hier sind sie. Das Schmuckkästchen hervorbringend. So dacht ich sie nicht loszuwerden.

OBERST zum Domherrn. Man wird diese Juwelen den Hofjuwelieren wieder zustellen und Ihre Verbindlichkeit dagegen einlösen. Die falsche Unterschrift der Prinzessin werden Sie dagegen zurücklassen. Ich halte Sie nicht weiter auf, Sie können gehen.

DOMHERR. Ja, ich gehe. Sie haben mich beschämt gesehn; aber glauben Sie nicht, daß ich erniedrigt bin. Meine Geburt gibt mir ein Recht auf die ersten Bedienungen im Staate; diese Vorzüge kann mir niemand nehmen, und noch weniger wird man mir die Leidenschaft aus dem Herzen reißen, die ich für meine Fürstin empfinde. Sagen Sie es ihr, wie glücklich mich dieses Phantom gemacht hat. Sagen Sie ihr, daß alle Demütigungen nichts gegen den Schmerz sind, mich noch weiter von ihr entfernen zu müssen; in ein Land zu gehen, wo ich sie nicht mehr auch nur im Vorüberfahren erblicken werde: aber ihr Bild und die Hoffnung werden nie aus meinem Herzen kommen, solange ich lebe. Sagen Sie ihr das. Euch übrige verachte ich. Ihr waret geschäftig um meine Leidenschaft, wie Käfer um einen blühenden Baum; die Blätter konntet ihr verzehren, daß ich mitten im Sommer wie ein dürres Reis dastehe; aber die Äste, die Wurzeln mußtet ihr unangetastet lassen. Schwärmt hin, wo ihr wieder Nahrung findet! Der Domherr geht ab.

OBERSTER. Die übrigen werden unter guter Bedeckung ganz in der Stille auf eine Grenzfestung gebracht, bis man hinlänglich untersucht hat, ob ihre Schelmstreiche nicht vielleicht noch weiter um sich gegriffen haben. Findet sich's, daß sie in weiter keine Händel verwickelt sind, so wird man sie in der Stille des Landes verweisen und so von diesem betrügerischen Volke sich befreien. Es sind eben vier, ein Wagen voll. Fort mit ihnen! Man begleite sie bis an das große Tor, wo ein Fuhrwerk steht, und übergebe sie dort den Dragonern.

NICHTE. Wenn ein unglückliches Mädchen von einem strengen Urteilsspruch noch auf Gnade sich berufen darf, so hören Sie mich an. Ich unterziehe mich jeder Strafe, nur trennen Sie mich von diesen Menschen, die meine Verwandten sind, sich meine Freunde nannten und mich in das tiefste Elend gestürzt haben. Verwahren Sie mich, entfernen Sie mich; nur haben Sie Barmherzigkeit, bringen Sie mich in ein Kloster.

RITTER. Was höre ich?

OBERST. Ist es Ihr Ernst?

NICHTE. O hätte dieser Mann geglaubt, daß meine Gesinnungen aufrichtig seien, so wären wir alle nicht, wo wir sind. Ritter, Sie haben nicht edel gehandelt! Durch meine Unvorsichtigkeit, durch einen Zufall haben Sie das Geheimnis erfahren. Wären Sie der Mann gewesen, für den ich Sie hielt, Sie hätten diesen Gebrauch nicht davon gemacht, Sie hätten den Domherrn unterrichten, die Juwelen beischaffen und ein Mädchen retten können, das nun unwiederbringlich verloren ist. Es ist wahr, man wird Sie für diesen Dienst belohnen; unser Unglück wird ein Kapital sein, von dem Sie große Renten ziehen. Ich verlange nicht, daß Sie im Genuß der fürstlichen Gunst, der einträglichen Stellen, in deren Besitz Sie sich bald befinden werden, an die Tränen eines armen Mädchens denken sollen, deren Zutraulichkeit Ihnen Gelegenheit gab, zu horchen. Aber brauchen Sie jetzt, da Sie ein bedeutender Mann bei Hofe sind, Ihren Einfluß, das zu bewirken, warum ich Sie bat, da Sie noch nichts hatten, wenigstens zeigten, als Gesinnungen, die ich ehren mußte. Erlangen Sie von diesem ernsthaften würdigen Manne nur, daß ich nicht mit dieser Gesellschaft weggebracht werde; daß meine Jugend in einem fremden Lande nicht größern Erniedrigungen ausgesetzt werde, als ich in diesem leider schon dulden mußte. Zum Obersten. Ich bitte, ich beschwöre Sie, mein Herr, wenn Sie eine Tochter haben, an der Sie Freude zu erleben wünschen, so schicken Sie mich fort; aber allein. Verwahren Sie mich; aber verbannen Sie mich nicht!

OBERST. Sie rührt mich!

RITTER. Ist es Ihr Ernst?

NICHTE. O hätten Sie es früher geglaubt!

OBERST. Ich kann Ihren Wunsch erfüllen; ich gehe in nichts von meiner Instruktion ab.

NICHTE. Ja, Sie erfüllen ganz Ihre Instruktion, wenn die Absicht ist, wie es scheint, diesen verwegenen Handel im stillen beizulegen. Verbannen Sie mich nicht, schicken Sie mich in kein fremdes Land; denn die Neugierde wird rege werden. Man wird die Geschichte erzählen, man wird sie wiederholen. Man wird fragen: »Wie sieht das abenteuerliche Mädchen aus? Sie soll, sie muß der Prinzessin gleichen, sonst hätte die Fabel nicht können erfunden, nicht gespielt werden. Wo ist sie? Man muß sie sehen, man muß sie kennen.« O Ritter, wenn ich ein Geschöpf war, wie Sie dachten, so wäre der gegenwärtige Fall für mich erwünscht genug, und ich brauchte keine Ausstattung weiter, um in der Welt mein Glück zu machen.

OBERST. Hiermit sei es genug! Begleitet jene drei an den Wagen; der Offizier, dem ihr sie übergebt, weiß schon das Weitere.

MARQUIS leise zur Marquise. Es ist nur von Verbannung die Rede. Wir wollen demütig abziehn, um das Übel nicht ärger zu machen.

MARQUISE. Wut und Verdruß kochen mir im Herzen; nur die Furcht vor einem größern. Übel hält mich ab, ihr Luft zu machen.

OBERST. Nun fort!

MARQUISE. Bedenken Sie, Herr Oberst, und lassen Sie den Fürsten bedenken, welches Blut in meinen Adern fließt, daß ich ihm verwandt bin und daß er seine eigne Ehre verletzt, wenn er mich erniedrigt!

OBERST. Das hätten Sie bedenken sollen! Gehen Sie! Schon hat man diese noch lange nicht erwiesene Verwandtschaft zu Ihrem Vorteil mit in Anschlag gebracht.

GRAF. Mein Herr, Sie vermischen mit diesem Gesindel einen Mann, der gewohnt ist, überall
ehrenvoll behandelt zu werden.

OBERST. Gehorchen Sie!

GRAF. Es ist mir unmöglich!

OBERST. So wird man Sie's lehren.

GRAF. Ein Reisender, der überall, wo er hinkommt, Wohltaten verbreitet.

OBERST. Es wird sich zeigen.

GRAF. Dem man wie einem Schutzgeist Tempel bauen sollte.

OBERST. Es wird sich finden.

GRAF. Der sich als Großkophta legitimiert hat.

OBERST. Wodurch?

GRAF. Durch Wunder.

OBERST. Wiederholen Sie eins und das andre, rufen Sie Ihre Geister herbei, lassen Sie sich befreien!

GRAF. Ich achte euch nicht genug, um meine Macht vor euch sehen zu lassen.

OBERST. Groß gedacht! So unterwerfen Sie sich dem Befehl.

GRAF. Ich tue es, meine Langmut zu zeigen; aber bald werde ich mich offenbaren. Ich werde Ihrem Fürsten solche Geheimnisse melden, daß er mich im Triumphe zurückholen soll, und Sie werden vor dem Wagen voranreiten, in dem der Großkophta verherrlicht zurückkehren wird.

OBERST. Das wird sich alles finden; nur heute kann ich Sie unmöglich begleiten. Fort mit Ihnen!

SCHWEIZER. Fort, sagt der Oberste, und wenn Ihr nicht geht, so werdet Ihr unsre Hellebarden fühlen.

GRAF. Ihr Elenden, ihr werdet bald vor mir ins Gewehr treten.

DIE SCHWEIZER schlagen auf ihn los. Will Er das letzte Wort haben?

Die Schweizer mit den drei Personen ab.

OBERST zur Nichte. Und Sie sollen noch heute nacht in das Frauenkloster, das keine Viertelstunde von hier liegt. Wenn es Ihr Ernst ist, sich von der Welt zu scheiden, so sollen Sie Gelegenheit finden.

NICHTE. Es ist mein völliger Ernst. Ich habe keine Hoffnung mehr auf dieser Welt. Zum Ritter. Aber das muß ich Ihnen noch sagen, daß ich meine erste, lebhafte Neigung mit in die Einsamkeit nehme die Neigung zu Ihnen.

RITTER. Sagen Sie das nicht, strafen Sie mich nicht so hart. Jedes Ihrer Worte verwundet mich tief. Ihr Zustand ist gegen den meinigen zu beneiden. Sie können sagen: »Man hat mich unglücklich gemacht«; und welchen unerträglichen Schmerz muß ich empfinden, wenn ich mir sage: »Auch dich zählt sie unter die Menschen, die zu ihrem Verderben mitwirkten.« O vergeben Sie mir! vergeben Sie einer Leidenschaft, die, durch einen unglückseligen Zufall mit sich selbst uneins, das verletzte, was ihr noch vor wenig Augenblicken das Liebste, das Werteste auf der Welt war. Wir sollen uns trennen! Unaussprechlich ist die Qual, die ich in diesem Zustand empfinde. Erkennen Sie meine Liebe und bedauren Sie mich. O daß ich nicht meiner Empfindung folgte und nach der zufälligen Entdeckung gleich zum Domherrn eilte! Ich hätte mir einen Freund, eine Geliebte erworben, und ich hätte mein Glück mit Freuden genießen können. Es ist alles verloren.

OBERST. Fassen Sie sich!

NICHTE. Leben Sie wohl! Diese letzten tröstlichen Worte werden mir immer gegenwärtig bleiben. Zum Oberst. Ich sehe an Ihren Augen, daß ich scheiden soll. Möge Ihre Menschlichkeit belohnt werden!

Sie geht mit der Wache ab.

OBERST. Das arme Geschöpf dauert mich! Kommen Sie! Alles ist gut gegangen. Ihre Belohnung wird nicht ausbleiben.

RITTER. Sie mag sein, welche sie will, so fürstlich, als ich sie erwarten darf; ich werde nichts genießen können, denn ich habe nicht recht gehandelt. Mir bleibt nur ein Wunsch und eine Hoffnung, das gute Mädchen aufzurichten und sie sich selbst und der Welt wiederzugeben.


 Ende

D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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