> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 1. Akt

2019-08-13

Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 1. Akt

Johann Wolfgang Goethe




Erster Akt

Saal, im guten Geschmacke dekoriert.

Mana und Sora begegnen einander.

MANA: Wo willst du hin, Sora?

SORA: In den Garten, Mana.

MANA: Hast du soviel Zeit? Wir erwarten den König
jeden Augenblick; verliere dich nicht vom Schlosse.

SORA: Ich kann es unmöglich aushalten; ich bin den
ganzen Tag noch nicht an die freie Luft gekommen.

MANA: Wo ist die Prinzessin?

SORA: In ihrem Zimmer. Sie probiert mit der kleinen
Mela einen Tanz und läuft jeden Augenblick ans
Fenster, zu sehen, ob der Bruder kommt.

MANA: Es ist eine rechte Not, seitdem die großen
Herren auf das Inkognito gefallen sind. Man weiß
gar nicht mehr, woran man ist. Sonst wurden sie
monatelang voraus angekündigt, und wenn sie sich
näherten, war alles in Bewegung; Kuriere sprengten
herbei, man konnte sich schicken und richten.
Jetzo, eh man sich's versieht, sind sie einem auf
dem Nacken. Wahrhaftig, das letztemal hat er mich
in der Nachtmütze überrascht.

SORA: Darum warst du heut so frühe fertig?

MANA: Ich finde keine Lust daran. - Wenn mir ein
Fremder auf der Treppe begegnet, wird mir's immer
bang; ich denke gleich, es ist wieder einmal ein
König oder ein Kaiser, der seinen gnädigen Spaß
mit uns zu trüben kommt.

SORA: Diesmal ist er nun gar zu Fuße. Andre lassen
sich doch ins Gebirge zum Orakel in Sänften tragen,
er nicht so; allein, mit einem tüchtigen Stabe
in der Hand, trat er seine Reise an.

MANA: Schade, daß er nicht zu Theseus' Zeiten gelebt
hat!

Feria tritt auf, mit ihr Mela.

FERIA: Seht ihr noch niemand? Wenn ihm nur kein
Unglück begegnet ist!

SORA: Seid ruhig, meine Fürstin! Die Gefahren und
der üble Humor scheinen sich beide vor ihm zu
fürchten.

FERIA: Er will mich nur einen Augenblick sprechen
und dann gleich wieder fort.

Lato tritt auf.

LATO: Der König kommt.

FERIA: Wohl! sehr wohl!

LATO: Ich sah hinüber in das Tal und erblickte ihn
eben, als er über den Bach schritt.

FERIA: Laßt uns ihm entgegengehen.

SORA: Da ist er.

Andrason kommt.

FERIA: Sei uns willkommen! herzlich willkommen!

ALLE: Willkommen!

ANDRASON: Ich umarme dich, meine Schwester!
Ich grüße euch, meine Kinder! Eure Freude macht
mich glücklich, eure Liebe tröstet mich.

FERIA: Mein Bruder, bedarfst du noch Trostes? Hat
das Orakel dir keinen gegeben? Möchtest du doch
immer vergnügt sein! Möchte dir doch immer wohl
sein! Wir waren, seit du uns ehegestern verließest,
voller Hoffnung für dich und dein Anliegen.

MANA: Majestät! -

ANDRASON: Schönheit!

SORA: Herr!

ANDRASON: Gebieterin!

LATO: Wie soll man Euch denn nennen?

ANDRASON: Ihr wißt, daß ihr keine Umstände mit
mir machen sollt.

MANA (für sich:) Nur damit er auch keine mit uns
zu machen braucht.

LATO: Wir möchten von dem Orakel hören.

SORA: Hat das Orakel nichts Gutes gesagt?

MELA: Habt Ihr das Orakel nicht unsertwegen gefragt;

ANDRASON: Liebe Kinder, das Orakel ist eben ein
Orakel.

LATO: Sonderbar!

ANDRASON: Daß ein zartes Herz, voller Gefühle,
Hoffnungen und Ahnungen, das einer ungewissen
Zukunft sehnsuchtsvoll entgegenlebt, nach Würfeln
hascht, den Becher schüttelt, Wurf über Wurf versucht
und in dem Glückstäfelchen sorgfältig
forscht, was ihm die Würfe bedeuten, und dann
fröhlich oder traurig einen halben Tag verlebt, das
mag hingehn, mag recht gut sein.

LATO (für sich:) Woher er alles weiß? Damit habe
ich mich erst heute beschäftigt.

ANDRASON: Daß ein schönes Kind Punkte über
Punkte tüpfelt, nachschlägt und sucht, was ihr für
ein Gatte werden möchte? ob der Liebhaber treu
ist? und so weiter, das find ich wohlgetan.

MELA (für sich:) Er ist ein Hexenmeister! Wenn wir
allein sind, wissen wir nichts Bessers.

ANDRASON: aber wer ein positives Übel, Zahnweh
oder Unfrieden, im Hause hat, der frage keinen
Arzt und kein Orakel! Ihr Wissen und ihre Kunst
fällt zu kurz; dies und jenes Mittelchen und vorzüglich
Geduld ist, was sie euch empfehlen.

FERIA: Kannst du, darfst du uns sagen? Hat's dir
eine Antwort gegeben? Darfst du sie entdecken?

ANDRASON: Ich will sie in vier Sprachen übersetzen
und an allen Landstraßen aufhängen lassen, es
weiß doch kein

Mensch, was es soll.

FERIA: Wie?

ANDRASON: Da ich ankomme und eingeführt
werde -

SORA: Wie sieht's im Tempel aus?

MANA: Ist der recht prächtig?

FERIA: Ruhe, ihr Mädchen!

ANDRASON: Wie mich die Priester zur heiligen
Höhle bringen -

MELA: Die ist wohl schwarz und dunkel?

ANDRASON: Wie deine Augen. - Ich trete vor die
Tiefe und sage klar und vernehmlich: »Geheimnisvolle
Weisheit! hier tritt ein Mann auf, der sich bisher
für den Glücklichsten hielt; denn es geht ihm
nichts ab; alles, was die Götter einem Menschen
Gutes zueignen können, schenkten sie mir, selbst
das köstlichste aller Besitztümer versagten sie mir
nicht: ein treffliches Weib. Aber - ach! daß Aber
und Aber sich immer zu dem Danke gesellen, den
wir den Göttern zu bringen haben! - Diese Frau,
dieses Muster der Liebe und Treue, nimmt seit kurzem
unglücklicherweise an einem Menschen teil,
der sich ihr aufdringt und der mir verhaßt ist. Dir,
hohe Weisheit, der alles bekannt ist, sag ich nichts
weiter und bitte: enthülle mir mein Schicksal! gib
mir Rat und, was mehr ist, Hülfe!« - Ich dächte,
das hieße sich deutlich erklären?

LATO: Wir verstehn es wohl.

FERIA: Und die Antwort?

ANDRASON: Wer sagen könnte: ich verstehe sie!
SORA: Ich bin höchst neugierig - Haben wir doch
manches Rätsel erraten!

MELA: Geschwinde!

ANDRASON: Ich steh und horche, und es fängt von
unten auf an - erst leise - dann vernehmlich -
dann vernehmlicher:
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen
Händen entgeistert« -

ALLE: Oh!

ANDRASON: Gebt mir ein Licht. Das greifliche Gespenst
soll entgeistert werden.

LATO: Von schönen Händen.

ANDRASON: Die fänden sich allenfalls. Ein greiflich
Gespenst, das ist etwas aus der neuen Poesie,
die mir immer unbegreiflich gewesen ist.

FERIA: Es ist arg.

ANDRASON: Wartet nur und merkt; es kommt noch
besser:
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen
Händen entgeistert
Und der leinene Sack seine Geweide verleiht« -

ALLE: Oh! oh! Ei! Oh! ah! ha! ha!

ANDRASON: Seht! Ein leinen Gespenst und ein
greiflicher Sack und Eingeweide von schönen Händen!
Nein, was zuviel ist, bleibt zuviel! Was so ein
Orakel nicht alles sagen darf!

MANA: Wiederholt es uns!

ANDRASON: Nicht wahr, ihr hört gar zu gerne, was
erhaben klingt, wenn ihr's gleich nicht versteht?
»Wenn wird ein greiflich Gespenst von schönen
Händen entgeistert
Und der leinene Sack seine Geweide verleiht« -
Seid ihr nun klüger, meine Lieben? Nun aber merkt
auf:
»Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten
vereinet:
Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über
dein Haus.«

SORA: Nein, das ist nicht möglich!

ANDRASON: O ja; die Götter haben sich diesmal
sehr ihrer poetischen Freiheit bedient.

LATO: Habt Ihr es nicht aufgeschrieben?

ANDRASON: Freilich! Hier ist die Rolle, wie ich sie
aus den Händen der Priester erhielt.

LATO: Laßt es uns lesen, vielleicht wird es uns klärer.

(Andrason bringt eine Rolle aus dem Gürtel und
wickelt sie auf. Die Frauenzimmer drängen sieh
wechselsweise zu, lesen, lachen und machen ihre
Anmerkungen. Es kommt auf den guten Humor
der Schauspielerinnen an, dieses munter und angenehm
vorzustellen; deswegen ihnen überlassen
bleibt; hier zu extemporieren. Die Hauptabsicht
dieser Wiederholung ist, daß das Publikum mit
dem Orakelspruch recht bekannt werde.)

FERIA: Das ist höchst sonderbar und unbegreiflich!
Wie ist es dir weiter ergangen? Hast du nicht irgendeine
Aufklärung gefunden?

ANDRASON: Nicht Aufklärung, aber Hoffnung.
Verwundert über die unverschämte Dunkelheit der
Antwort, aber nicht außer Fassung gebracht, trat
ich aus der Höhle. Ich sah den ältesten Priester auf
einem goldenen Sessel sitzen. Ich nahte mich ihm,
und indem ich einige Edelsteine in seinen Schoß
legte, rief ich aus: »O welche Fülle der Weisheit
kommt uns von den Göttern! Wie erleuchtet werden
wir, die wir auf dunkeln Wegen irren, durch
ihre Offenbarungen! Aber nicht raten allein, helfen
müssen die Unsterblichen. Der Jüngling, über den
ich mich beklage, der mir das Leben verbittert,
wird ehstens hier erscheinen, voll Zutrauens und
Gehorsams. Möge die alles durchdringende Stimme
der Götter ihn ergreifen, sein Herz fassen und ihm
gebieten, nie wieder einen Fuß über meine Schwelle
zu setzen! Mein Dank würde ohne Grenzen bleiben.
« - Der Alte nickte mit dem Kopfe, sein weißer
Bart bewegte sich murmelnd; ich ging mit
wechselnder Hoffnung und Sorgen zurück und bin
nun hier.

FERIA: Möge alles zum Besten ausschlagen! - Du
verzeihst, Bruder; ich muß vor Tafel mit meinen
Räten, die schon lange warten, noch einige Geschäfte
abtun; ich lasse dir die Kinder; unterhalte
dich mit meinem muntern Geschlechte.

ANDRASON: Ich danke dir, Schwester. Wenn ich
dich missen soll, weiß ich nichts Bessers als diese
freundlichen Augen.

FERIA: Bald seh ich dich wieder. (Ab.)

SORA: Sagt uns nun, Herr, was Ihr denkt.

ANDRASON: Von der geflickten Braut?
SORA: Ich meine, was Ihr tun wollt.

ANDRASON: Tun! als ob das Orakel nichts gesagt
hätte; mit meinem Übel beladen wieder nach Hause
gehn und nach meiner Frau sehen, die ich in wunderbaren
Zuständen anzutreffen fürchte.

SORA: Was macht sie denn indessen?

ANDRASON: Sie geht im Mondscheine spazieren,
schlummert an Wasserfällen und hält weitläufige
Unterredungen mit den Nachtigallen. Denn seitdem
der Prinz weg ist, einen Zug durch seine Provinzen
und hiernächst zum Orakel zu tun, ist's nicht anders,
als ob ihre Seele in einen langen Faden gezogen
wäre, der bis zu ihm hinüberreichte. Eins noch,
an dem sie großes Vergnügen findet, ist, daß sie
Monodramen aufführt.

MANA: Was sind das für Dinge?

ANDRASON: Wenn ihr Griechisch könntet, würdet
ihr gleich wissen, daß das ein Schauspiel heißt, wo
nur eine Person spielt.

LATO: Mit wem spielt sie denn?

ANDRASON: Mit sich selbst, das versteht sich.

LATO: Pfui, das muß ein langweilig Spiel sein!
ANDRASON: Für den Zuschauer wohl. Denn eigentlich
ist die Person nicht allein, sie spielt aber doch
allein; denn es können noch mehr Personen dabeisein,
Liebhaber, Kammerjungfern, Najaden, Oreaden,
Hamadryaden, Ehemänner, Hofmeister; aber
eigentlich spielt sie für sich, es bleibe ein Monodrama.
Es ist eben eine von den neuesten Erfindungen;
es läßt sich nichts darüber sagen. Solche
Dinge finden großen Beifall.

SORA: Und das spielt sie ganz allein für sich?

ANDRASON: O ja! Oder, wenn etwa Dolch oder
Gift zu bringen ist - denn es geht meistens etwas
bunt her -, wenn eine schreckliche Stimme aus
dem Felsen oder durchs Schlüsselloch zu rufen hat,
solche wichtige Rollen nimmt der Prinz über sich,
wenn er da ist, oder in seiner Abwesenheit ihr
Kammerdiener, ein sehr alberner Bursche; aber das
ist eins.

MELA: Wir wollen auch einmal so spielen.

ANDRASON: Laßt's doch gut sein und dankt Gott,
daß es noch nicht bis zu euch gekommen ist! Wenn
ihr spielen wollt, so spielt zu zweien wenigstens;
das ist seit dem Paradiese her das üblichste und gescheiteste
gewesen. Nun noch eins, meine Besten -
daß wir die Zeit nicht mit fremden Dingen verplappern
-, meine Hoffnung, wieder glücklich zu werden,
ruht nicht allein bei den Göttem, sondern auch
auf euch, ihr Mädchen.

SORA: Auf uns?

ANDRASON: Ja, auf euch! und ich hoffe, ihr werdet
das Eure tun.

MANA: Wie soll das werden?

ANDRASON: Der Prinz, wenn er nach dem Orakel
geht, wird hier vorbeikommen, euch seine Ehrerbietung
zu bezeigen, wie Fremde gewöhnlich tun,
die diesen Weg nehmen. Meine Schwester wird
artig sein und ihm Quartier anbieten; ihm anbieten,
daß sie seine Leute, sein Gepäcke beherbergen
will, indes er sich ins Gebirge nach dem Orakel tragen
läßt, wo jeder, er sei, wer er wolle, allein, ohne
Gefolge anlangen muß. Wenn er nun kommt, meine
Besten, so sucht sein Herz zu rühren. - Ihr seid liebenswürdig.
Ich will die als eine Göttin verehren,
die ihn an sich zieht und mich von ihm befreit.

SORA: Gut! Euch ist er unerträglich, und uns wollt
Ihr ihn zuschieben! Wenn er uns nun auch unerträglich
ist?

ANDRASON: Seid ruhig, Kinder! Das findet sich.
Ihr andern liebt meistenteils an den Männern, was
Männer an sich untereinander nicht leiden können.
Und gewiß, er ist so übel nicht und wäre, denk ich,
noch zu kurieren.

MELA: Wie sollen wir es denn anfangen?

ANDRASON: Bravo, liebes Kind! du zeigst doch
guten Willen! Ich muß erst eure Anlagen ein wenig
kennenlernen. Laßt sehn! Stellt euch vor, ich sei
der Prinz; ich will ankommen, schmachtend und
traurig tun - wie wollt ihr mich empfangen?

(Sie beginnen einen lebhaften Tanz.)

ANDRASON: Nicht doch, Kinder, nicht doch! Meint
ihr, daß alles Wild nach einer Witterung geht? Mit
einem solchen Bauerntanz wollt ihr meinen sublimierten
Helden gewinnen? Nein! seht auf mich!
das muß in einem andern Geiste traktiert werden.

Sanfte Musik.

(Er macht ihnen die hergebrachten Bewegungen
vor, womit die Schauspieler gewöhnlich die Empfindungen
auszudrücken denken.)

ANDRASON: Habt ihr wohl achtgegeben, Kinder?
Erstlich, immer den Leib vorwärtsgebogen und mit
den Knien geknickt, als wenn ihr kein Mark in den
Knochen hättet! Hernach immer eine Hand an der
Stirne und eine am Herzen, als wenn's euch in
Stücken springen wollte; mitunter tief Atem geholt,
und so weiter. Die Schnupftücher nicht vergessen!

(Die Musik geht fort, und die Fräulein befolgen
seine Vorschrift. Er stellt den Prinzen vor; bald
korrigiert er sie, bald nimmt er die Person des
Prinzen wieder an; endlich hört man eine Trompete
in der Ferne.)

ANDRASON: Aha!

LATO: Es wird aufgetragen.

ANDRASON: Es heißt zu Pferde und zu Tische! Beides
eine schöne Einladung. Kommt! diese Empfindsamkeit
zuletzt hat mich hungriger gemacht als
meine Reisen bisher.
                                                              



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