> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 3. Akt

2019-08-13

Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 3. Akt



Dritter Akt



Wald, die Laube im Grunde wie zu Ende des vorigen
Akts.
Die vier Fräulein führen den Prinzen unter einer
sanften Musik herein. Merkulo folgt ihnen. Die
Frauenzimmer bemühen sich in einem gefälligen
Tanze um den nachdenklichen und in sich selbst
versunkenen Ankömmling; er antwortet ihren
Freundlichkeiten nur gezwungen. Da die Musik
einen Augenblick pausiert, spricht

MERKULO (für sich:) Das sind recht Homerische
Sitten, wo die schönen Töchter des Hauses sich um
die Fremden bemühen. Ich hätte wohl Lust, mich
ins Bad zu setzen und mich abreiben zu lassen.

(Die Musik geht fort; endlich, da die Fräulein
ihre Bemühungen ganz vergeblich sehn, eilen sie
verdrießlich davon, und es bleiben)

Prinz und Merkulo.

PRINZ: Gesegnet seist du, liebe Einsamkeit! Wie erbärmlich
habe ich mich seit dem Eintritt in dieses
Haus zwingen müssen!

MERKULO: Das muß ich Eurer Durchlaucht bekennen,
daß mir's manchmal unbegreiflich gewesen ist,
wie Sie sich an einer wohlbesetzten Tafel und zwischen
liebenswürdigen Frauen ennuyieren können?

PRINZ: Es ist nicht Langeweile, es ist die Gefälligkeit
dieser angenehmen Geschöpfe, die mich ängstet.
Ach! warum muß ich dem weiblichen Geschlechte
zur Qual geschaffen sein? Denn nur eine
kann mein Herz besitzen, und die übrigen - Ach! -

MERKULO: Die hab ich schon oft bedauert! und ich
hab ihnen auch gelegentlich mein Mitleiden auf
eine so überzeugende Art zu verstehn gegeben, daß
ich wirklich sagen kann: ich habe das Glück gehabt,
einigen das Leben zu fristen, die auf dem
Sprunge standen, durch Ihre Grausamkeit in die
elysischen Felder vertrieben zu werden.

PRINZ: Rede davon nicht! vermehre nicht meinen
Kummer!

MERKULO: Ich sage nichts! denn wenn man Ihren
hohen Stand und Ihre trefflichen Qualitäten zusammennimmt,
so ist's evident, daß einer Ihrer Blicke
ganz unglaubliche Bewegungen in einem schönen
Herzen hervorbringen muß.

PRINZ: Meinen Stand erwähnst du, Unglücklicher?
Was ist mein Stand gegen dieses Herz?

MERKULO: Halten Sie mir's zu Gnaden. Wir wollen
der Sache ihr Recht antun. Eine wahre Liebe ist
zum Exempel was Vortreffliches; aber eine wahre
Liebe mit einem wohlgespickten Beutel, darüber
geht gar nichts. So auch, was den Stand betrifft -

PRINZ: Rede nur nicht immer! nicht solche Dinge!

MERKULO: Nein, ich müßte undankbar sein, wenn
ich es nicht gestände, nicht bekennte! In Ihrer
Nähe, mein Gebieter, bin ich ohnehin sicher. Ihre
fürstliche Gegenwart zieht, wie ein Gewitterableiter,
alle Elektrizität zärtlicher Herzen an sich, daß
wir andern vorm Einschlagen ganz gesichert sind.

PRINZ: Ist es bald eilfe?

MERKULO: Es wird gleich sein, und ich gehe, um
Sie Ihren Empfindungen in der feierlichen Stunde
der Mitternacht allein zu überlassen. Es ist eine
vortreffliche neuere Erfindung, daß jeder Stunde,
jeder Tagszeit ihre eignen Gefühle gewidmet sind.
Darin waren die Alten rechte Tröpfe. In ihren
Schauspielen konnte das Feierlichste, Schrecklichste
bei hellem Tage und unter freiem Himmel vorgehn;
unter eilfe und zwölfe tun wir's aber gar
nicht, und ohne Särge, Kirchhöfe und schwarze Tücher
läßt sich nichts Rechts ausrichten.

PRINZ: Sind meine Pistolen geladen?

MERKULO: Auf Ihren Befehl, wie immer. Aber ich
bitte Sie um Gottes willen, erschießen Sie sich
nicht einmal!

PRINZ: Sei ruhig!

(Es schlägt eilfe.)

Es schlägt!

MERKULO: Sie haben hier eine Glocke, die gar keinen
feierlichen Ton hat. Es klingt, als wenn man
auf Blech hämmerte; mich könnte nun so etwas
gleich vollkommen aus meiner zärtlichsten Fassung
bringen.

(Die Musik gibt einige Laute und entfernte Melodien
zum folgenden an.)

PRINZ: Schweig, Unheiliger! und entflieh!

MERKULO: Ab! (Ab.)

PRINZ: Vergebens sucht ihr mich durch eure Schönheit,
durch euer einschmeichelndes Wesen abzuziehen,
von den Gedanken wegzuwenden, die ich
immer mit den Armen meiner Seele umschlungen
halte. Fahrt wohl, ihr sterblichen Mädchen! Das
Unsterbliche umschwebt meine Stirne, und die Geister
steigen herab, meine Wohnung zu beleben und
mein Herz zu beseligen.

(Die feierliche Musik geht fort, die Wasserfälle
fangen an zu rauschen, die Vögel zu singen, der
Mond zu scheinen.)

Dich ehr ich, heiliges Licht,
Reiner, hoher Gefühle Freund!
Du, der du mir
Der Liebe stockende Schmerzen
Im Busen auf zu sanften Tränen lösest!
Ach, welche Seligkeiten säuselst du mir
Ins tiefe Heiligtum der Nacht
Und deutest mir
Auf der geheimnisvollen Liebe Ruhestätte!
Ach, verzeih! Ach, mein Herz
Fühlt nicht immer gleich!
Verzeih dem trüben Blick auf deine Schönheit!
Verzeih dem flüchtigen!

(Nach der Laube gekehrt:)

Hier, hier wohnt meine Gottheit,
Die ganz mein Herz nach ihrem Herzen zieht!
Dies Pochen und dies Zittern!
Ha! es schlägt dem Augenblick entgegen,
Wo die Zauberei
Die Seligkeit des Wahren überflügelt!
O den Genuß, ihr Götter, gabt ihr mir!
O den Genuß bewahret mir, ihr Götter!

(Die Laube tut sich auf, man sieht ein
Frauenzimmer darin sitzen: sie muß vollkommen
an Gestalt und Kleidung der Schauspielerin gleichen,
die nachher als Mandandane auftritt.)

Himmel, sie ist's! Himmel, sie ist's!
Seligkeit tauet herab. - -
Deine Hand an dieses Herz,
Geliebte, süße Freundin!
Du ganz für mich Geschaffne,
Ganz durch Sympathie Gefundene,
Gewählte!
In dieser schönen Stimmung unsrer Herzen
Wird mir ein Glück, das nur die Götter kennen.
Ach, in hohen Himmelsfreuden
Fühl ich schaudernd mich verschweben!
Ha! vor Wonne stockt mein Leben,
Stockt der Atem in der Brust!
Ach, umweht mich, Seligkeiten!
Lindert dieses heiße Streben,
Und in wonnevolles Leben
Löset auf die schöne Lust!

(Während der letzten Kadenz, da die Instrumente
die Stimme zu lange nachahmen, setzt sich der
Prinz auf eine Rasenbank und schläft endlich ein.
Man gibt ihm verschiednemal den Ton an, damit
er einfallen und schließen möge; allein er rührt
sich nicht, und es entsteht eine Verlegenheit im
Orchester; endlich sieht sich die erste Violine genötigt,
die Kadenz zu schließen, die Instrumente
fallen ein, die Laube geht zu, der mittlere Vorhang
fällt nieder, und es zeigt sich)

Ein Vorsaal.

Feria und die vier Fräulein.

FERIA: Mich dünkt, der Prinz pflegt seiner Ruhe
ziemlich lange. Es soll nicht gesagt sein, daß ein
Mann in unserm Schlosse ungestraft die Morgenröte
herbeigeschlafen habe! Sind die Klappern bei
der Hand und die Rasseln? Wir wollen ihm ein
Chariwari machen und die fatale Schläfrigkeit,
unsre verhaßte Nebenbuhlerin, von seinen Augen
peitschen.

(Lebhafter Tanz zu fünfen mit Kastagnetten und
Metallbecken; mitunter tanzt Feria solo. Der
Oberste kommt, die Prinzessin zu bitten, daß sie
des Prinzen Ruhe nicht stören möge, indem die
Wache die Fräulein aufhalten will. Diese machen
immer ärgern Lärm. Der hintere Vorhang geht
auf; das Theater ist wieder wie zu Anfang des
Akts; Merkulo tritt zu gleicher Zeit herein, der
Prinz fährt bewegt von seiner Rasenbank in die
Hohe, ergrimmt und singt:)

Ja, ihr seid's, Erinnyen, Mänaden
Ohne Gefühl für Liebe,
Ohne Gefühl für Schmerz!
Ich hofft im Arm der Grazien zu baden,
Und ihr zerreißt mein Herz!
Mein Herz! mein Herz!
Zerreißt mein leidend Herz!

(Während der Arie begibt sich Feria, die Fräulein
und die Wache, eins nach dem andern, auf die
Seite; es bleiben allein)

Prinz und Merkulo.

MERKULO: Mein Prinz, fassen Sie sich!

PRINZ: Mein Freund, welche tödliche Wunde!

MERKULO: Gnädiger Herr, nur Chariwari!

PRINZ: Ich will weg! diesen Augenblick mich in die
Einsamkeit des Gebirgs verlieren!

MERKULO: Was wird die Prinzessin, was werden
die Damen denken?

PRINZ: Denken sie doch, auch nicht, wen sie vor sich
haben. Ohne das mindeste Gefühl für das Hohe,
Überirdische meiner Stimmung, rasseln sie mit
knirschenden Tönen der Vorhölle drein. Ach, ihr
goldnen Morgenträume, wo seid ihr hin? auf ewig!
auf ewig!

MERKULO: Es war nicht böse gemeint. Schon vor
Sonnenaufgang waren die Mädchen geschäftig, ein
Dejeuner im Garten zurechtzumachen; wir haben
auch wirklich den Morgenstern mit Bratwürsten in
der Hand und einem vortrefflichen Glas Zyperwein
bewillkommt. Man fürchtete, es möchte alles kalt
werden, verderben, und wir wollten Ihr angenehmes
Gesicht im Glanz der ersten Morgensonne genießen.

PRINZ: Ja, mit Schellen und Klapperblechen genießt
man den Morgen! - Fort! - Leb wohl!

MERKULO: Gnädiger Herr!

PRINZ: Du weißt, meine Entschließungen sind rasch
und fest.

MERKULO: (für sich:) Leider!

PRINZ: Ich gehe nach dem Orakel! Laß aufs schärfste
dieses Heiligtum bewachen, daß unter keinem Vorwand
eine lebendige Seele einen Fuß hereinsetze!

MERKULO: Bleiben Sie beruhigt.

PRINZ: Leb wohl. (Ab.)
                                                                  



Goethe auf meiner Seite

weiter


Kanzler von Müller: Unterhaltungen mit Goethe


Inhalt und Personen

Keine Kommentare: