> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 6. Akt

2019-08-13

Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 6. Akt




Sechster Akt


Wald und Laube.
Prinz und Merkulo.
Prinz auf dem Rasen liegend.

MERKULO (für sich:) Der Besuch beim Orakel ist
meinem Prinzen nicht wohl bekommen. War er
vorher betrübt, so ist er jetzt außer sich. Könnt ich
seinen Schmerz nur zu Worten bringen! (Zum
Prinzen:) Teuerster Herr! Hat die kurze
Abwesenheit Ihr Herz so gegen mich zugeschlossen,
daß Sie mich nicht würdigen, der Vertraute
Ihres Schmerzes zu sein, da ich so oft der Vertraute
Ihres Entzückens gewesen bin?

PRINZ: Ich verstehe nicht, was sie sagen - und doch
ist mir's, als wenn die Götter etwas Großes über
mich verhängten. Mein Gemüt ist von unbekannten
Empfindungen durchdrungen.

MERKULO: Wie lautet der Ausspruch des Orakels?

PRINZ: Seine Worte sind zweideutig, und was mich
am meisten verdrießt, ihnen fehlt der Stempel der
Ehrfurcht, den meine Fragen und mein Zustand
selbst den Göttern einflößen sollten. Ich bat sie mit
gerührtem Herzen, mir zu entwickeln: wann denn
diese stürmische Bewegung meines Herzens endlich
aufhören, wann dieses tantalische Streben nach
ewig fliehendem Genuß endlich ersättiget werden
würde? wann ich, für meine Mühseligkeiten und
Leiden endlich belohnt, die Entzückungen mit der
Ruhe und diese holde Traurigkeit mit einem bestätigten
Herzen würde verbinden können? Und was
gaben sie mir für eine Antwort! Ich mag sie meinem
Gedächtnis nicht wieder zurückrufen! Nimm
und lies! (Er gibt ihm eine Rolle.)

MERKULO (liest:)
»Wird nicht ein kindisches Spiel vom ernsten
Spiele vertrieben,
Wird dir lieb nicht und wert, was du besitzend
nicht hast,
Gibst entschlossen dafür, was du nicht habend
besitzest:
Schwebt in ewigem Traum, Armer, dein Leben
dahin.«
Ein witziges Orakel! ein antithetisches Orakel! (Er
liest weiter:)
»Was du töricht geraubt, gib du dem Eigener
wieder;
Eigen werde dir dann, was du so ängstlich erborgst.
Oder fürchte den Zorn der überschwebenden
Götter!
Hier und über dem Fluß fürchte des Tantalus Los.«

(Merkulo kann nach Belieben den Orakelspruch
wiederholen, Anmerkungen machen usw., bis er
glaubt, das Publikum habe die Worte genugsam
gehört.)

PRINZ: Warum mußt ich Törichter fragen, da ich
nunmehr wider meinen Willen folgen oder der Götter
Zorn auf mich laden muß!
MERKULO: Bei dieser Gelegenheit, dacht ich, könnten
Sie sich immer mit der Unwissenheit entschuldigen;
denn ich sehe wenigstens nicht, wie das Orakel
prätendieren kann, daß man's verstehen soll.
PRINZ: Ich versteh es nur zu wohl! Nicht die Worte,
aber den Sinn. (Gegen die Laube gekehrt:) Dich
soll ich weggeben! Dich soll ich aufopfern! Als
wenn ich Ruhe der Seele und Glück erwerben
könnte, wenn ich mich ganz zugrunde richte!

MERKULO: Freilich lassen sich allenfalls die Worte
des Orakels dahin deuten.

PRINZ: Es ist allzu grausam!
Wegzugeben, was ich habe,
Götter, ach! ist allzuviel.

MERKULO: Nennen doch die hohe Gabe
Götter selbst ein Kinderspiel!

PRINZ: Ich verliere diese Freuden!
Mir verschwindet dieses Licht!

MERKULO (für sich:) O wahrhaftig! zu beneiden
Sind die Seligkeiten nicht.

PRINZ: Götter neiden dies Entzücken,
Und sie nennen es ein Spiel.

MERKULO: Uns weit besser zu erquicken,
Gibt's doch andrer Sachen viel.

PRINZ: Es ist ein entsetzlicher Entschluß, der in meiner
Seele sich hin und her bewegt, und was für
Empfindungen auf- und absteigen, die mir diesen
Entschluß bald zu erleichtern, bald zu erschweren
scheinen! - Laß mich allein, und sei bereit, auf
meinen Wink alle meine Leute, alle Bewohner dieses
Hauses zusammenzurufen: denn was ich tun
will, ist eine große und männliche Tat und leidet
den Anblick vieler Zeugen.

MERKULO: Bester Herr, Sie machen mir bange.

PRINZ: Erfülle deine Pflicht!

MERKULO (im Weggehen umkehrend:) Noch eins!
Andrason ist wieder hier; wollen Sie den auch zum
Zeugen haben?

PRINZ: Himmel! Andrason!

MERKULO: Er selbst. Ich hab ihn, wie ich aufstand,
mit seiner Schwester am Fenster gesehen.
PRINZ: Laß mich allein! - Meine Sinnen verwirren
sich; ich muß Luft haben, um die tausend Gedanken,
die in mir durcheinandergehn, zurechtzulegen.

(Merkulo ab.)

PRINZ (allein, nach einer) Pause: Fasse dich! Entschließe
dich: denn du mußt! - Weggeben sollst du
das, was dein ganzes Glück macht; aufgeben, was
die Götter wohl Spiel nennen dürfen, weil ihnen die
ganze Menschheit ein Spiel zu sein scheint. Dich
weggeben!

(Er macht die Laube auf. Mandandane mit einer
Maske vor dem Gesicht sitzt drin.)

Es ist ganz unmöglich! Es ist, als griff' ich nach
meinem eignen Herzen, um es herauszureißen! Und
doch! - 

(Er fährt zusammen und von der Laube
weg.) 

Was ist das in mir? Wie unbegreiflich! Wollen
mir die Götter meinen Entschluß erleichtern?
Soll ich mir's leugnen oder gestehn? Zum erstenmal
fühl ich den Zug, der mich nach dieser himmlischen
Gestalt zieht, sich verringern! Diese Gegenwart
umfängt mich nicht mehr mit dem unendlichen
Zauber, der mich sonst vor ihr mit himmlischen
Nebeln bedeckte! Ist's möglich? In meinem Herzen
entwickelt, bestimmt sich das Gefühl: du kannst,
du willst sie weggeben! - Es ist mir unbegreiflich!
(Er geht auf sie los.) Geliebteste! (Er wendet kurz
wieder um.) Nein, ich belüge mich! Mein Herz ist
nicht hier! In fremden Gegenden schwärmt's herum
und sucht nach voriger Seligkeit - Mir ist's, als
wenn du es nicht mehr wärest, als wenn eine Fremde
mir untergeschoben wäre. O ihr Götter! die ihr
so grausam seid, welche seltsame Gnade erzeigt ihr
mir wieder, daß ihr mir das so erleichtert, was ich
auf euern Befehl tue! - Ja, lebe wohl! Von ungefähr
ist Andrason nicht hier. Ich hatte ihm die beste
Hälfte seines Eigentums geraubt; hier nehme er sie
wieder! Und ihr, himmlische Geister, gebt euerm
folgsamen Sohn aus den Weiten der Welt neues unbekanntes
Glück! (Er ruft:) Merkulo!

(Merkulo kommt.)

PRINZ: Bringe sie zusammen, die Meinigen, das
Haus: könnt ich die Welt zusammenrufen, sie sollte
Zeuge der wundervollen Tat sein!

(Merkulo ab.)

Der Prinz verschließt die Laube. Unter einer
feierlichen Musik kommen der Oberste, die Wache,
das ganze Gefolge, nach ihnen die Fräulein; alles
stellt sich zu beiden Seiten, wie sie stehen müssen,
um das Schlußballett anzufangen. Zuletzt kommen
Feria und Andrason mit Merkulo. Die Musik hört
auf.

PRINZ: Tritt näher, Andrason, und höre mich einen
Augenblick geruhig an. Bisher sind wir nicht die
besten Freunde gewesen; nunmehr haben die Götter
mir die Augen geöffnet. Das Unrecht, seh ich, war
auf meiner Seite; ich raubte dir die beste Hälfte des
Weibes, das du liebst. Auf Befehl der Unsterblichen
geb ich dir sie zurück. Nimm als ein Heiligtum
wieder, was ich als ein Heiligtum bewahrt
habe; und verzeih das Vergangne meiner Not, meinem
Irrtum, meiner Jugend und meiner Liebe!

ANDRASON (laut:) Was soll das heißen? (Für sich)
: Was wird das geben?

PRINZ (eröffnet die Laube, man sieht Mandandane
sitzen:) Hier, erkenne das Geheimnis und empfange
sie zurück!

ANDRASON: Meine Frau! Du entführst mir meine
Frau? schleppst sie mit dir herum? beschimpfest
mich öffentlich, da du sie mir vor den Augen aller
Welt zurückgibst?

PRINZ: Dies sei dir ein Beweis der Heiligkeit meiner
Gesinnungen, daß ich jetzt das Licht nicht scheue!

ANDRASON: Himmel und Hölle! Ich will es rächen.
(Er greift nach dem Schwert, Feria hält ihn, er
spricht leise zu ihr:) Laß sein! Ich muß ja so tun.

PRINZ: Entrüste dich nicht! Mein Schwert hat auch
eine Schärfe. Sei stille, gib der Vernunft Gehör! Du
kannst nicht sagen: es ist mein Weib; und es ist
doch dein Weib.

ANDRASON: Ich hasse die Rätsel! (Nach einem Augenblick,
stille für sich:) Ich erstaune! Wieder entbindet
sich in meiner Seele ein neuer Verstand, eine
Erklärung der letzten Worte des Orakels! Wär es
möglich? O helft mir, gütige Götter! Laut: Verzeih!
ich fühle, daß ich dir unrecht tue. Hierin ist Zauberei
oder eine andere geheime Kraft, die der Menschen
Sinne zwiespaltig mit sich selbsten macht.
Was soll ich mit zwei Weibern tun? Ich verehre
den Wink des Himmels und deinen Schwur. Diese
nehm ich wieder an; aber gern geb ich dir jene dagegen,
die ich gegenwärtig besitze.

PRINZ: Wie?

ANDRASON: Bringt sie her!

(Die Sklaven ab.)

PRINZ: Sollte ich nach so viel Leiden noch glücklich
werden können?

ANDRASON: Vielleicht tun hier die Himmlischen
ein Wunder, um uns beide zur Ruhe zu bringen.
Laß uns diese beiden als Schwestern betrachten,
jeder darf eine besitzen, und jeder die Seinige ganz.

PRINZ: Ich vergeh in Hoffnung!

ANDRASON: Komm du auf mein Teil, immer gleich
Geliebte!

(Die Mohren heben den Sessel aus der Laube und
setzen ihn an die linke Seite des Grundes.)

MANDANDANE (im Begriff, die Maske abzuwerfen,
an Andrasons Hals:) O Andrason!

ANDRASON (der sie nicht aufstehn noch die Maske
abnehmen läßt:) Still, Püppchen! Stille, Liebchen!
Es naht der entscheidende Augenblick!

(Die Sklaven bringen die Puppe, der Prinz auf sie
los und fällt vor ihr nieder.)

PRINZ: Himmel, sie ist's! Himmel, sie ist's! Seligkeit
tauet herab!

(Die Puppe wird an die andere Seite des Theaters
Mandandanen gegenübergesetzt. Hier muß die
Ähnlichkeit beider dem Zuschauer noch Illusion
machen, wie es überhaupt durchs ganze Stück
darauf angesehen ist.)

ANDRASON: Komm und gib mir deine Hand! Aller
Groll höre unter uns auf, und feierlich entsag ich
hier dieser zweiten Mandandane und vereine sie
mit dir auf ewig! (Er legt ihre Hände zusammen.)
Sei glücklich! (Für sich:) mit deiner geflickten
Braut!

PRINZ: Ich weiß nicht, wo mich die Trunkenheit der
Wonne hinführt. Diese ist's, ich fühl ihre Nähe, die
mich so lang an sich zog, die so lang das Glück
meines Lebens machte! Ich fühl's, ich bin wieder in
dem Zauberstrudel fortgerissen, der unaufhörlich
von ihr ausfließt. (Zu Mandandanen:) Verzeih und
leb wohl! (Auf die Puppe deutend:) Hier, hier ist
meine Gottheit, die ganz mein Herz nach ihrem
Herzen zieht!

MANDANDANE

(die die Maske abwirft, zu
Andrason:)

Laß uns den Bund erneuen,
Gib wieder deine Hand!
Verzeih, daß ich den Treuen,
So töricht dich verkannt.

PRINZ (zur Puppe:) Was, Menschen zu erfreuen,
Die Götter je gesandt,
Das Leben zu erneuen,
Fühl ich an deiner Hand!

MERKULO: Wie mir's ist, sag ich nicht!
Als zögen uns die Wände ein Fratzengesicht!
Himmel und Erde scheint uns Esel zu bohren,
Wir sind unwiederbringlich verloren.

MANDANDANE (zu Andrason:)
Laß uns den Bund erneuen,
Gib wieder deine Hand!
Verzeih, daß ich den Treuen,
So töricht dich verkannt.

PRINZ (zur Puppe:) Was, Menschen zu erfreuen,
Die Götter je gesandt,
Das Leben zu erneuen,
Fühl ich an deiner Hand!

ANDRASON: Wenn je ein seltsam Orakel buchstäblich
erfüllt worden, so ist's dieses, und alle meine
Wünsche sind befriedigt, da ich dich so wieder in
meinen Armen halte. Auf, Schwester, Kinder,
Freunde! Laßt's nun an Lustbarkeiten nicht fehlen!
Wir wollen unsers Glücks genießen, über die wunderbare
Geschichte unsere stillen Betrachtungen
anstellen - (mehr hervortretend, gegen die Zuschauer
-) und von hundert Lehren, die wir daraus
ziehen könnten, uns besonders diese merken: daß
ein Tor erst dann recht angeführt ist, wenn er sich
einbildet, er folge gutem Rat oder gehorche den
Göttern.

Ein großes Ballett zum Schlusse.
                                                            



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