> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 2. Akt

2019-08-13

Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 2. Akt





 Zweiter Akt


Saal, in chinesischem Geschmacke, der Grund gelb
mit bunten Figuren.
Mana und Sora.

MANA: Nun, das heiß ich ein Gepäcke! Der ganze
Hof ist voll Kisten, Kasten, Mantelsäcke und ungeheurer
Verschläge.

SORA (läuft ans Fenster:) Wir werden ihm den ganzen
Flügel des Palastes geben müssen, nur seine
Sachen unterzubringen.

MANA: Es ist abscheulich, wenn Mannspersonen reisen,
als ob sie Wöchnerinnen wären. Über uns halten
sie sich auf, daß, wenn wir doch auf vier Wochen
ins Bad gehen, der Schachteln, Kästchen,
Pappen und Wachstücher kein Ende werden will;
und sich erlauben sie's!

SORA: Wie mehr Sachen, liebes Kind, die sie uns
übelnehmen.

Ein Bedienter kommt.

BEDIENTER: Der Kavalier des Prinzen läßt sich
melden.

MANA: Führt ihn herein.

(Bedienter ab.)

Sieh zu, es hat sich doch nichts an meinem Kopfputze
verschoben?

SORA: Halt! - Die Locke hier - Er kommt.

Merkulo tritt herein.

MERKULO: Vollkommene Damen! Es sind nicht
viel Augenblicke meines Lebens, worin ich mich so
glücklich fühlte als in dem gegenwärtigen. Sonst
werden wir armen Diener meistenteils bei verdrießlichen
Angelegenheiten vorgeschoben, bei angenehmen
Ereignissen stehen wir zurück; aber diesmal
erhebt mich mein Prinz über sich selbst, indem
er mich voraus in die Wohnung des Vergnügens
und der Reize sendet.

MANA: Sie sind sehr gütig.

SORA: Und recht willkommen. Wir haben so viel
Gutes von dem Prinzen gehört, daß wir vor Neugierde
brennen, ihn zu sehen.

MERKULO: Mein Fürst ist glücklich, daß er schon
in der Entfernung Ihre Aufmerksamkeit auf sich
ziehen können; und wenn er, wie ich nicht anders
hoffe, durch seine Gegenwart Ihre Gunst erhalten
sollte, so kann er sich als den glücklichsten der
Menschen preisen. Dürfte ich nicht indes Ihrer
Prinzessin aufwarten, an die er mir eine Unzahl
Verbindlichkeiten aufgetragen hat?

MANA: Sie werden ihr bald vorgestellt werden können.
Sie hat uns befohlen, Ihnen diese und die anstoßenden
Zimmer anzuweisen. Bedienen Sie sich
davon, soviel und wie Sie's nötig finden.

MERKULO: Wollen Sie mir erlauben, daß ich unsere
Gerätschaften, deren freilich nicht wenige sind, herein-
und in Ordnung bringen lasse?

MANA: Nach Ihrer Bequemlichkeit.

(Merkulo mit einer Verbeugung ab.)

SORA: Wir wollen bleiben. Ich bin gar zu neugierig,
was sie alles mitbringen.

(Es läßt sieh ein lebhafter Marsch hören, und es
kommt ein Zug. Merkulo voraus, der Oberste, die
Wache, sodann Trabanten, welche Kasten von
verschiedener Größe tragen, vier Mohren, die eine
Laube bringen, und Gefolge. Sie umgehen das
Theater. Die Kasten werden auf beiden Seiten, die
Laube in den Grund und ein großer Kasten auf die
Laube gesetzt. Die stummen Personen gehn alle ab,
der Marsch hört auf. Es bleiben
Sora, Mana, Merkulo.)

SORA: Wer sind denn die hübschen bewaffneten jungen
Leute, und wer ist der Herr, der uns salutierte?

MERKULO: Das ist der Oberste über des Prinzen
Kriegsvolk, und die andern sind junge Edelleute,
militärische Edelknaben meines gnädigsten Herrn
und lose Vögel.

MANA: Wir erstaunen, mein Herr! Sie führen Dekorationen
mit sich! Wollen Sie etwa eine Komödie
spielen? Vermutlich ist die Theatergarderobe in
diesen Kasten?

MERKULO: Verzeihen Sie, meine Damen! - Eigentlich
sollte ich den Finger auf den Mund legen und
Sie mit guter Art bitten, diesen Saal, der von nun
an ein Platz der Geheimnisse wird, zu verlassen;
allein wie vermag ich das gegen Ihre Güte und
gegen Ihre Reize! Nur vor unheiligen fremden
Augen bewahren wir unsere heiligen Empfindungen,
nicht vor so angenehmen Seelen, deren Teilnehmung
wir wünschen.

SORA: Sagen Sie uns um 's Himmels willen, was soll
die Laube?

MERKULO: An diesem Zug, meine schönen Kinder,
können Sie einen großen Teil des Charakters meines
liebenswürdigen Prinzen erkennen. Er, der
empfindsamste Mann von allen Männern, der für
die Schönheiten der Natur ein gefühlvolles Herz
trägt, der Rang und Hoheit nicht so sehr schätzt als
den zärtlichen Umgang mit der Natur -
SORA: Ach, das ist ein Mann für uns! Wir gehn auch
gar zu gern im Mondschein spazieren und hören
die Nachtigallen lieber als alles.

MERKULO: Da ist eins zu bedauern, meine vortrefflichen
Damen! Mein Prinz ist von so zärtlichen,
äußerst empfindsamen Nerven, daß er sich gar sehr
vor der Luft und vor schnellen Abwechselungen der
Tageszeiten hüten muß. Freilich, unter freiem Himmel
kann man's nicht immer so temperiert haben,
wie man wünscht. Die Feuchtigkeit des Morgenund
Abendtaues halten die Leibärzte für höchst
schädlich, den Duft des Mooses und der Quellen
bei heißen Sommertagen für nicht minder gefährlich!
Die Ausdünstungen der Täler, wie leicht
geben die einen Schnupfen! Und in den schönsten
wärmsten Mondnächten sind die Mücken just am
unerträglichsten. Hat man sich auf dem Rasen seinen
Gedanken überlassen, gleich sind die Kleider
voll Ameisen, und die zärtlichste Empfindung in
einer Laube wird oft durch eine herabfahrende
Spinne gestört. Der Prinz hat durch seine Akademien
Preise ausgesetzt, um zu erfahren, ob diesen Beschwerden,
zum Besten der zärtlichen Welt, nicht
abgeholfen werden könne? Es sind auch
verschiedene Abhandlungen gekrönt worden; die
Sache aber ist bis jetzo noch um kein Haar weiter.

SORA: Oh, wenn je ein Mittel gegen die Mücken und
Spinnen erfunden werden sollte, machen Sie es
doch ja gemeinnützig! Denn wenn man oft in
himmlischen Entzückungen aufgefahren ist, erinnert
einen das leidige Geziefer, mit seinen Stacheln
und krabbligen Füßen, gleich wieder an die Sterblichkeit.

MERKULO: Inzwischen, meine schönen Damen, hat
der Prinz, der seinen Genuß weder verschoben
noch unterbrochen haben will, den Entschluß gefaßt,
durch tüchtige Künstler sich eine Welt in der
Stube zu verschaffen. Sein Schloß ist daher auf die
angenehmste Weise ausgeziert, seine Zimmer gleichen
Lauben, seine Säle Wäldern, seine Kabinette
Grotten, so schön und schöner als in der Natur; und
dabei alle Bequemlichkeiten, die Stahlfedern und
Ressorts nur geben können.

SORA: Das muß scharmant sein!

MERKULO: Und weil der Prinz so sehr dran gewöhnt
ist, wie er denn in jedem Lustschloß seine
Natur hat, so haben wir auch eine Reisenatur, die
wir auf unsern Zügen überall mit herumführen.
Unser Hof-Etat ist mit einem sehr geschickten
Manne vermehrt worden, dem wir den Titel als Naturmeister,
Directeur de la nature, gegeben haben.
Er hat eine große Anzahl von Künstlern unter sich.
Ein würdiger Schüler von ihm ist dieser Mann hier,
der unsere Natur auf der Reise besorgt und den ich
die Ehre habe, Ihnen in dieser Qualität zu präsentieren.
Was uns allein noch abgeht, das sind die
kühlen Lüftchen. Die Versuche davon sind immer
noch unvollkommen; wir hoffen aber, aus Frankreich
auch diesem Mangel nächstens abgeholfen zu
sehen.

SORA: Um Vergebung, was ist in den Kasten da?
Darf man's wissen?

MERKULO: Geheimnisse, meine schönen Fräulein,
Geheimnisse! Aber Sie haben das Geheimnis gefunden,
die Geheimnisse meines Herzens aufzulösen,
so daß Ihnen eben weiter nichts verborgen
bleibt. Hier führen wir die vorzüglichsten Glückseligkeiten
empfindsamer Seelen bei uns. In diesem
Kasten sind sprudelnde Quellen.

MANA: Oh!

MERKULO: Hier in diesem ist der Gesang, der lieblichste
Gesang der Vögel verborgen.

MANA: Warum nicht gar?

MERKULO: Und hier in diesem größern ist Mondschein
eingepackt.

SORA: Es ist nicht möglich! Lassen Sie's uns doch
sehn.

MERKULO: Es steht nicht in meiner Gewalt. Der
Prinz allein weiß diese Herrlichkeiten in Bewegung
und Leben zu setzen. Er ganz allein darf sie fühlen;
ich könnte Ihnen nur den groben Stoff sichtbar machen.

MANA: O wir müssen den Prinzen bitten, daß er uns
die Maschinen einmal spielen läßt.

MERKULO: Um 's Himmels willen, lassen Sie sich
nichts merken! Und besonders unter dem Titel von
Spielen würde der Prinz seine Liebhabereien nicht
erkennen. Jeder Mensch, meine schönen Fräulein,
treibt seine Liebhabereien sehr ernsthaft, meistens
ernsthafter als seine Geschäfte. Indessen halte ich
für Schuldigkeit, Ihr Vergnügen, soviel an mir ist,
zu befördern, und wollte Ihnen gern unsre Raritäten,
wenngleich nur leblos, vorzeigen, wäre nur die
Dekoration des Saales einigermaßen mit dieser eingeschloßnen
Natur übereinstimmend.

MANA: So vollkommen muß man die Illusion nicht
verlangen.

SORA: Dem ist leicht abzuhelfen. Wir haben ja die
gewirkten Tapeten, die nichts als Wälder und Gegenden
vorstellen.

MERKULO: Das wird allerliebst sein.

SORA: He!

Ein Bedienter kommt.

Sagt dem Hoftapezier, er soll die gewirkte Waldtapete
gleich herunterlassen!

MERKULO: An mir soll's auch nicht fehlen.
Musik.

(Er gibt ein Zeichen, und in dem Augenblicke, als
sich die Szene in Wald verwandelt, verwandeln
sich die Kasten in Rasenbänke, Felsen, Gebüsche
und so weiter; der Kasten über der Laube in Wolken.
Der Dekorateur wird sorgen, daß das Ganze
übereinstimmend und reizend sei und mit der verschwindenden
Dekoration einen recht fühlbaren
Kontrast mache.)

MERKULO: Bravo! Bravo!

SORA: O wie schön!

(Sie besehen alles auf das emsigste, solange die
Musik fortdauert.)

MANA: Die Dekoration ist allerliebst.

MERKULO: Um Vergebung, nicht Dekoration, sondern
künstliche Natur nennen wir das; denn das
Wort Natur, merken Sie wohl, muß überall dabeisein.

SORA: Scharmant! Allerliebst!

MERKULO: Da muß ich Sie noch ein Kunstwort lehren,
mit dem weit zu reichen ist. »Scharmant! Allerliebst!
«, das könnten Sie allenfalls auch von
einer Florschürze, von einem Häubchen sagen.
Nein, wenn Sie etwas erblicken, es sei, was es
wolle, sehn Sie es steif an und rufen: »Ach, was
das für einen Effekt auf mich macht!« - Es weiß
zwar kein Mensch, was Sie eigentlich sagen wollen;
denn Sonne, Mond, Fels und Wasser, Gestalten
und Gesichter, Himmel und Erde und ein Stück
Glanzleinewand, jedes macht seinen eignen Effekt;
was für einen, das ist ein bißchen schwerer auszudrücken.
Halten Sie sich aber nur ans Allgemeine:
»Ach! was das für einen besondernEffekt auf mich
macht!« - Jeder, der dabeisteht, sieht auch hin und
stimmt in den besondern Effekt mit ein; und dann
ist's ausgemacht - daß die Sache einen besondern
Effekt tut.

MANA: Mit allem dem scheint mir Ihr Prinz Liebhaber
vom Theater.

MERKULO: Sehr! sehr! Das Theater und unsere
Natur sind freilich nahe miteinander verwandt.
Dabei ist er ein trefflicher Schauspieler. Wenn Sie
ihn bereden könnten, etwas vor Ihnen aufzuführen!

SORA: Haben Sie denn eine Truppe bei sich?

MERKULO: Das nicht! Wir sind aber alle eine Art
von Komödianten. Und dann agiert der Prinz,
wenn's dazu kommt, meistenteils allein.

SORA: Ach! davon haben wir schon gehört.

MERKULO: Ei! - Sehen Sie, meine Damen, das ist
eine Erfindung oder vielmehr eine Wiederauffindung,
die unsern erleuchteten Zeiten aufbehalten
war. Denn in den alten Zeiten, schon auf dem römischen
Theater, waren die Monodramen vorzüglich
eingeführt. So lesen wir zum Exempel vom Nero -

MANA: Das war der böse Kaiser?

MERKULO: Es ist wahr, er taugte von Haus aus
nichts, war aber drum doch ein exzellenter Schauspieler.
Er spielte bloß Monodramen. Denn erstlich
sagt Suetonius - Nun, das werden Sie alles in der
trefflich gelehrten Schrift eines unserer Akademisten
über diese Schauspielart lesen! Sie wird auf
Befehl unsers Prinzen geschrieben und auf seine
Kosten gedruckt. Wir führen aber auch die neusten
Werke auf, wie man sie von der Messe kriegt: Monodramen
zu zwei Personen, Duodramen zu dreien,
und so weiter.

SORA: Wird denn auch drin gesungen?

MERKULO: Ei, gesungen und gesprochen! Eigentlich
weder gesungen noch gesprochen. Es ist weder
Melodie noch Gesang drin, deswegen es auch
manchmal Melodram genannt wird.

SORA: Wie ist das?

MERKULO: Gelegentlich, meine Fräulein!
Gelegentlich!

SORA: Nun, wir hoffen, der Prinz soll gut Freund mit
uns werden. Wir hoffen, Sie sollen recht lange bei
uns bleiben. Sie bleiben doch recht lange bei uns?

MERKULO: Gar zu gütig! - Ach! wer glauben könnte,
daß so eine Einladung aus einem so schönen
Herzen käme! Es ist aber leider eins der gewöhnlichen
Hofkomplimente, womit man einen Fremden
bewillkommt, nur um sich zu versichern, daß er
bald wieder weggehen werde.

MANA: Warten Sie nur, wir haben dem Prinzen
schon allerlei Scherze von unsrer Art zugedacht,
die ihn gewiß unterhalten sollen.

MERKULO: Meine Fräulein, ich wünsche Ihnen
Glück und uns allen! Möchten Sie sein Herz, sein
zärtlich Herz, gewinnen und ihn durch Ihren Liebreiz
aus der sanften Traurigkeit ziehen, in der er
verschmachtet!

SORA: Ach! Wir haben auch zärtliche Herzen, das ist
just recht unsre Sache.

MANA: Bringen Sie uns nicht auch neue Liedchen
mit?

SORA: Ja, wir haben's in der Art, wenn wir eine hübsche
Melodie finden, singen wir sie meist tot, daß
sie kein Mensch mehr hören mag.

MANA: Kein Liedchen an den Mond?

MERKULO: Oh, deren haben wir verschiedene. Ich
kann gleich mit einem aufwarten.

SORA: Tun Sie's ja!

MERKULO (singt:) Du gedrechselte Laterne
Überleuchtest alle Sterne,
Und an deiner kühlen Schnuppe
Trägst du der Sonne mildesten Glanz.

SORA: O pfui! das ist gar nichts Empfindsames!

MERKULO: Schönes Kind, um 's Himmels willen, es
ist aus dem Griechischen!

MANA: Es gefällt mir ganz und gar nicht.

MERKULO: Daran ist wohl die Melodie schuld, ich
hab es immer gedacht. Das Lied an sich selbst ist
gewiß vortrefflich; hören Sie nur!

(Er singt's auf die Melodie: »Monseigneur, voyez,
nos larmes«, und die Fräulein fangen an mitzusingen.)

BEDIENTE: Der Prinz kommt! Man eilt ihm entgegen!

(Merkulo und die Fräulein gehn singend ab.)
                                                             



Goethe auf meiner Seite

weiter

Kanzler von Müller: Unterhaltungen mit Goethe


Inhalt und Personen

Keine Kommentare: