> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 5. Akt

2019-08-13

Johann Wolfgang Goethe: Der Triumph der Empfindsamkeit 5. Akt



Fünfter Akt


Vorsaal.
Mana. Sora. Lato. Mela.

SORA: Liebe Schwestern, es koste, was es wolle, wir
müssen in des Prinzen Zimmer.

MANA: aber die Wache?

SORA: Die hindert uns nicht; es sind Männer. Wir
wollen ihnen schöntun und Wein geben; damit führen
wir sie, wie wir wollen.

LATO: Laß sehn!

SORA: Ich habe vom süßen Wein genommen und ihn
mit Schlaftrunk gemischt. Denn, ihr Kinder, es
liegt viel dran.

MELA: Wieso?

SORA: Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts. Mir
brannt es auf dem Herzen, zu wissen, wie's im
Zimmer wohl sein möchte, wenn die schönen Sachen
alle spielten. Gegen Mitternacht schlich ich
mich hinan und guckte durch einen Ritz in der Tür,
den ich von alters her wohl kenne.

MANA: Was sahst du?

SORA: Was ihr nicht denkt! Nun glaub ich wohl, daß
der Prinz gegen uns so unempfindlich blieb, so verachtend
von uns wegging!

LATO: Ach! er ist ein schöner Geist von der neuen
Sorte, die sind alle grob.

SORA: Das nicht allein. Er führt seine Geliebte mit
sich herum.

MANA: Nicht möglich!

LATO: Ei wie?

SORA: Wenn ich euch nichts aufspürte! In dem verfluchten
Kasten, in der geheimnisvollen Laube sitzt
sie. Mich wundert nur, wie sie sich mag so herumschleppen
lassen, so stille sitzen!

MANA: Drum wurde das Ding von Mauleseln getragen!

MELA: Wie sieht sie aus?

SORA: Ich habe nur einen Zipfel vom Kleide sehen
können und daß der Prinz ihre Hand nahm und
küßte. Gar nichts weiter. Hernach entstand ein Geräusche;
da ruscht ich fort.

LATO: O laßt uns sehen!

MANA: Wenn sich's nur schickte!

SORA: Es ist ja Nacht, kein Mensch wird es erfahren.
Ich habe schon den Hauptschlüssel. Nun spielt mit
der Wache hübsch die Mädchen.

Musik.

Die Frauenzimmer spielen unter sich kleine Spiele.
Die von der Wache kommen einzeln herein und
sehen zu; sie rufen einander herbei, endlich mischen
sie sich in die Spiele. Die Fräulein tun erst fremd,
dann freundlich, endlich bringen sie Wein und
Früchte; die Jünglinge lassen sich's wohl
schmecken, Tanz und Scherz geht fort, bis die
Wache anfängt, schläfrig zu werden; sie taumeln hin
und her, zuletzt in die Kulissen, und die Mädchen
behalten das Feld.

SORA: Nun frisch ohne Zeitverlust ins Zimmer! Laßt
uns die Verwegene aus ihrer Dunkelheit reißen,
ihre Schande zu unserm Triumph offenbaren!

(Alle ab.

Der hintere Vorhang geht auf, das Theater verändert
sich in die Waldszene. Nacht ohne Mondschein.
Um die Laube ist alles düster und stille.
Die vier Fräulein kommen mit Fackeln: Pantomime
und Tanz, worin sie Neugierde und Verdruß
ausdrücken. Sie öffnen die Laube, leuchten
starrend hinein und fahren zurück.)

SORA: Was ist das? Mandandane!

LATO: Ein Gespenst oder Andrasons Gemahlin!

MELA: Eine Maske. Was steckt darunter?

(Sie nähern sich wieder allmählich.)

MANA: Wir wollen sie anrufen.

LATO: Heda, junge Dame!

SORA: Sie rührt sich nicht.

MELA: Ich dächte, wir blieben aus dem Spiele; ich
fürchte, es steckt Zauberei dahinter.

SORA: Ich muß es doch näher besehn.

MANA: Nimm dich in acht! wenn's auffährt -

LATO: Sie wird dich nicht beißen.

MELA: Ich gehe meiner Wege.

SORA (die es anrührt und zurückfährt:) Ha!

MANA: Was gibt's?

MELA: Es ist wahrlich lebendig! Sollt es denn Mandandane
selbst sein? Es ist nicht möglich!

LATO (indem sie sich immer weiter entfernt:) Wir
müssen's doch heraus haben.

MELA: So redet es doch an!

SORA (die sich furchtsam nähert:) Wer du auch
seist, seltsame, unbekannte Gestalt, rede! rühre
dich! und gib uns Rechenschaft von deinem
abenteuerlichen Hiersein!

MANA: Es will sich nicht rühren.

LATO: Geh eins hin und nehm ihr die Maske ab!

SORA: Ich will einen Anlauf nehmen! Kommt alle
mit!

(Sie halten sich aneinander, und es zerrt eine die
andre nach sich bis zur Laube.)

MANA: Wir wollen am Sessel ziehen, ob's leicht
oder schwer ist.

(Sie ziehen am Sessel und bringen ihn mit leichter
Mühe bis ganz hervor ans Theater; sie gehen
drum herum, machen allerlei Versuche, die
Maske fällt herunter, und sie tun einen allgemeinen
Schrei.)

MANA: Eine Puppe!

SORA: Eine ausgestopfte Nebenbuhlerin!

LATO: O ein schönes Gehirn!

SORA: Wenn sie ebenso ein Herz hat?

MANA: Die soll uns nicht umsonst vexiert haben!
Auskleiden soll man sie und in den Garten stellen,
die Vögel damit zu scheuchen.

LATO: So was ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen.

MELA: Es ist doch ein schönes Kleid.

MANA: Man sollte schwören, es gehöre Mandandanen.

MELA: Ich begreife nicht, was der Prinz mit der
Puppe will.

(Sie versuchen an der Puppe verschiedenes, endlich
bringen sie aus der Brust einen Sack hervor
und erheben ein lautes Geschrei.)

SORA: Was ist in dem Sack? Laßt sehn, was ist in
dem Sack?

MANA: Häckerling ist drin, wie sich's anfühlen läßt.

SORA: Es ist doch zu schwer -

LATO: Es ist auch etwas Festes drin.

MELA: Bindet ihn auf; laßt sehn!
Andrason kommt.

ANDRASON: Ihr Kinder, wo seid ihr? Ich such euch
überall ihr Kinder.

MANA: Du kommst eben zur gelegenen Zeit! Da
sieh!

ANDRASON: Was Teufel ist das? meiner Frauen

Kleider? meiner Frauen Gestalt?

MANA (ihm den Sack zeigend:) Mit Häckerling ausgestopft.

SORA: Sieh dich um! Das ist die Natur, worin der
Prinz lebt, und das ist seine Geliebte.

ANDRASON (auffahrend:) Ihr großen Götter!

SORA: Mach nur den Sack auf!

ANDRASON (aus tiefen Gedanken:) Halt!

MANA: Was ist dir, Andrason?

ANDRASON: Mir ist, als wenn mir in dieser Finsternis
ein Licht vom Himmel käme.

SORA: Du bist verzückt.

ANDRASON: Seht ihr nichts, ihr Mädchen? Begreift
ihr nichts?

MANA: Ja, Ja! das Gespenst, das uns geängstet hat,
ist begreiflich genug und der Sack, den ich in meinen
Armen habe, dazu.

ANDRASON: Verehre die Götter!

SORA: Du machst mich mit deinem Ernst zu lachen.

ANDRASON: Seht ihr nicht die Hälfte des mir Glück
weissagenden Orakels erfüllt? -

MANA: Daß wir nicht darauf gefallen sind!

ANDRASON: »Wenn wird ein greiflich Gespenst
von schönen Händen entgeistert« -

SORA: Nichts kann klärer sein!

ANDRASON: »Und der leinene Sack seine Geweide
gibt her«. Nun aufgemacht, ihr Kinder! Laßt uns
vor allem sehn, was der enthält!

(Sie binden ihn auf, und wie sie ihn umschütteln,
fällt eine ganze Partie Bücher, mit Häckerling
vermischt, heraus.)

ANDRASON: Gebt acht, das werden Zauberbücher
sein.

(Er hebt eins auf.) Empfindsamkeiten!

MANA: O gebt's her!

(Die andern haben indessen die übrigen Bücher
aufgehoben.)

ANDRASON: Was hast du? »Siegwart, eine Klostergeschichte,
in drei Bänden.«

MANA: O das muß scharmant sein! Gib her, das muß
ich lesen. - »Der gute Jüngling«!

LATO: Den müssen wir kennenlernen!

SORA: Da ist la auch ein Kupfer dabei!

MELA: Das ist gut, da weiß man doch, wie er ausgesehen
hat.

LATO: Er hat wohl recht traurig, recht interessant
ausgesehn.

(Es bleibt den Schauspielern überlassen, sich hier
auf gute Art über ähnliche Schriften lustig zu machen.)

ANDRASON: Eine schöne Gesellschaft unter einem
Herzen!

MELA: Wie kommen die Bücher nur da herein?
ANDRASON: Laßt sehn! Ist das alles? 

(Er wendet den Sack völlig um, es fallen noch einige Bücher
und viel Häckerling heraus.) 

Da kommt erst die Grundsuppe!

SORA: O laßt sehn!

ANDRASON: »Die neue Héloïse«! - weiter! - » Die
Leiden des jungen Werthers«! - Armer Werther!

SORA: O gebt's! das muß ja wohl traurig sein.

ANDRASON: Ihr Kinder, da sei Gott vor, daß ihr in
das Zeug nur einen Blick tun solltet! Gebt her!

(Er packt die Bücher wieder in den Sack zusammen,
tut den Häckerling dazu und bindet's ein.)

MANA: Es ist nicht artig von Euch, daß Ihr uns den
Spaß verderben wollt! Wir hätten da manche schöne
Nacht lesen können, wo wir ohnedem nicht
schlafen.

ANDRASON: Es ist zu euerm Besten, ihr Kinder! Ihr
glaubt's nicht, aber es ist wahrlich zu euerm Besten.
Nur ins Feuer damit!

MANA: Laßt sie nur erst die Prinzessin sehn!

ANDRASON: Ohne Barmherzigkeit! (Nach einer
Pause:) Aber was erscheinen mir für neue Lichter
auf dem dunkeln Pfade der Hoffnung! Ich seh! ich
seh, die Götter nehmen sich meiner an.

SORA: Was habt Ihr für Erscheinungen?

ANDRASON: Hört mich! Diese Bücher sollen nicht
ins Feuer!

MANA: Das ist mir sehr lieb.

ANDRASON: Und ihr sollt sie auch nicht haben!
SORA: Warum?

ANDRASON: Hört, was das Orakel ferner gesagt
hat: »Wird die geflickte Braut mit dem Verliebten
vereinet: Dann kommt Ruhe und Glück, Fragender, über dein
Haus.«Daß von dieser lieblichen Braut die Rede sei, das
ist wohl keine Frage mehr. Wie wir sie aber mit
dem lieben Prinzen vereinen sollen, das seh ich
noch nicht ein. Ich will auch nicht darüber nachdenken;
das ist der Götter Sache! Aber geflickt
muß sie zuerst werden, das ist klar, und das ist unsere
Sache!

(Er tut den Sack wieder an den vorigen Ort, die
Mädchen helfen dazu, und man bittet, daß alles
mit der größten Dezenz geschehe. Darauf wird
die Maske wieder vorgebunden und die Puppe in
gehörige Positur gesetzt.)

SORA: Ich verstehe noch von allem dem kein Wort;
und das, was mir an dem Orakel nicht gefällt, ist,
daß es von so gemeinen Sachen und in so niedrigen
Ausdrücken spricht.

ANDRASON: Liebes Kind, die gemeinen Sachen
haben auch ihr hohes Interesse, und ich verzeihe
dir, daß du den tiefen Sinn des Orakels nicht einsiehst.

MANA: Nun, so seid nicht so geheimnisvoll, erklärt
einem was.

ANDRASON: Ist es nicht deutlich, meine schönen
Kinder, daß in diesen Papieren eine Art von Talisman
steckt, daß in ihnen diese magische Gewalt
liegt, die den Prinzen an eine abgeschmackte, ausgestopfte
Puppe fesselt, wozu er die Gestalt von
eines ehrlichen Mannes Frau geborgt hat? Seht ihr
nicht, daß, wenn wir diese Papiere verbrennten, der
Zauber aufhören und er seine Geliebte als ein hohles
Bild der Phantasie gleich erkennen würde? Die
Götter haben mir diesen Wink gegeben, und ich
danke ihnen, daß ich sie nicht mißverstanden habe.
O du liebliche, holde, geflickte Braut, möge die
Kraft aller lügenhaften Träume auf dich herabsteigen!
möge dein papiernes Herz, deine leinenen Gedärme
so viel Kraft haben, den hoch und fein empfindenden
Prinzen an sich zu ziehen, wie sonst magische
Zeichen, geweihte Kerzen, Alraune und
Totenköpfe Geister und Schätze an sich zu ziehen
pflegen! - Die Laube war wohl der Aufenthalt dieser
himmlischen Nymphe? Kommt! wir wollen sie
verwahren, alles in Ordnung bringen, niemand
etwas davon entdecken und der Mitwirkung der
Götter fürs Folgende gewiß sein.

MANA: Andrason, nun kommt mir's erst wunderbar
vor, daß Ihr da seid.

ANDRASON: Ein Seltsames verdrängt die Empfindung
des andern.

SORA: Wie kommt Ihr so schnell wieder und in tiefer
Nacht bei uns an?

ANDRASON: Laßt's euch sagen und klagen, meine
lieben Kinder! Als ich von euch wegging, eilte ich
gerade nach Hause. Ich machte den Weg in ziemlich
kurzer Zeit; das Verlangen, mein Haus, meine
liebe Frau wiederzusehen, wurde immer größer bei
mir. Ich fühlte mich schon in ihren Armen und letzte
mich für die lange Abwesenheit recht herzlich.
Wie ich in meinen Schloßhof hineintrete, ihr Kinder,
höre ich oben ein Gebrause, ein Getöne,
Rufen, hohles Anschlagen und eine Wirtschaft
durcheinander, daß ich nicht anders dachte, als der
wilde Jäger sei bei mir eingezogen. Ich gehe hinauf;
es wird immer ärger; die Stimmen werden unvernehmlicher
und hohler, je näher ich komme; nur
meine Frau höre ich schreien und rufen, als wenn
sie unsinnig geworden wäre. Ganz verwundert tret
ich in den Saal. Ich finde ihn finster wie eine
Höhle, ganz zur Hölle dekoriert, und mein Weib
fährt mir in ungeheurer Leidenschaft und mit entsetzlichem
Fluchen auf den Hals, traktiert mich als
Pluto, als Scheusal und flieht endlich vor mir, daß
ich eben wie versteint dastehe und kein Wort hervorzubringen
weiß.

MANA: aber um Gottes willen, was war ihr denn?

ANDRASON: Wie ich's beim Licht besah, war's ein
Monodrama!

MELA: Das muß doch ganz kurios sein.

ANDRASON: Nun muß ich euch noch eine Neuigkeit
sagen: sie ist mit hier.

MANA: Mit hier?

SORA: O laßt uns gleich zu ihr gehen! Wir haben sie
doch alle recht lieb.

MANA: Wie kommt's denn aber, daß Ihr sie mit hierherbringt,
da Ihr wißt, der Prinz wird wieder durchkommen?

ANDRASON: Ihr kennt ja, lieben Kinder, meine alte
Gutmütigkeit. Wie sie sich aus ihrer poetisch-theatralischen
Wut ein bißchen erholt hatte, war sie
wieder gefällig und gut gegen mich. Ich erzählte ihr
allerlei, um sie zu zerstreuen, erzählte ihr allerhand
von euch und meiner Schwester; sie sagte, sie hätte
längst gewünscht, euch wieder einmal zu sehn; ich
sagte ihr, daß eine Reise ihr sehr gut sein würde,
und weil die schnellsten Entschlüsse die besten
seien, sollte sie sich gleich in den Wagen setzen.
Sie nahm's an, und erst hinterdrein fiel mir ein, daß
ich einen dummen Streich gemacht hatte, sie, ehe
es nötig war, mit dem Prinzen wieder zusammenzubringen.
Doch war's gleich mein Trost, wie gewöhnlich,
daß ich dachte, es entsteht vielleicht
etwas Gutes daraus. Und wie ihr seht, gelegner hätten
wir nicht kommen können.

Mandandane, Feria kommen.

MANA: Sei uns willkommen, Mandandane!

MANDANDANE: Willkommen, meine Freundinnen!

FERIA: Das war eine recht unvermutete Freude! -
Was macht ihr in des Prinzen Zimmer?

MANDANDANE: Ist das sein Zimmer?

FERIA: Was gibt's denn da? Was ist das?

MANDANDANE: Wie? Meine Gestalt? Meine Kleider?

ANDRASON (für sich:) Wie wird das ausgehn?

MANA: Wir haben diese ausgestopfte Puppe in der
Laube gefunden, die der Prinz mit sich herumschleppt.

SORA: Dies ist die Göttin, die seine vollkommene
Anbetung hat.

MANDANDANE: Es ist Verleumdung! Der Mann,
dessen Liebe ganz in geistigen Empfindungen
schwebt, sollte sich mit so einem schalen Puppenwerk
abgeben? Ich weiß, daß er mich liebt; aber es
ist meine Gesellschaft, die Unterhaltung, die er für
seinen Geist bei mir findet.- Ihn mit so einem kindischen
Spiel im Verdacht haben, heißt ihn und
mich beleidigen!

SORA: Man könnte sagen, daß er Euer Andenken so
werthält und Euer Bild überall mit sich herumträgt,
um sich mit ihm wie mit Euch selbst zu unterhalten.

ANDRASON (leise zu ihr:) Halte dein verwünschtes
Maul!

FERIA: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.

MANDANDANE: Nein! Sollte sein Andenken so
eine erlogene, abgeschmackte Nahrung brauchen,
so müßte seine Liebe selbst von dieser kindischen
Art sein; er würde nicht mich, sondern eine Wolke
lieben, die er nur nach meiner Gestalt zu modeln
Belieben trüge.

ANDRASON: Wenn du wüßtest, womit sie ausgestopft
ist.

MANDANDANE: Es ist nicht wahr!

MANA: Wir beteuern's. Wo sollten wir denn die
Puppe hernehmen? Sieh hier noch den Platz, wo sie
gesteckt hat.

ANDRASON: Wenn du es nicht glauben willst, so ist
das beste Mittel: wenn wir merken, daß der Prinz
wiederkommt, nimm die Maske vor, setze dich
selbst in die Laube, tue, als seist du mit Häckerling
ausgestopft, und sieh alsdann zu, ob wir wahr
reden.

(Die Mädchen setzen indes die Puppe wieder in
die Laube.)

MANDANDANE: Das ist ein seltsamer Vorschlag.

FERIA: Laßt uns gehen, eh der Tag und jemand von
seinen Leuten uns überrascht.

(Alle ab bis auf Andrason, der Sora zurückhält.)

ANDRASON: Sora!

SORA: Herr!

ANDRASON: Ich bin in der größten Verlegenheit.

SORA: Wie?

ANDRASON: Der fünfte Akt geht zu Ende, und wir
sind erst recht verwickelt!

SORA: So laßt den sechsten spielen!

ANDRASON: Das ist außer aller Art.

SORA: Ihr seid ein Deutscher, und auf dem deutschen
Theater geht alles an.

ANDRASON: Das Publikum dauert mich nur; es
weiß noch kein Mensch, woran er ist.

SORA: Das geschieht ihnen oft.

ANDRASON: Sie könnten denken, wir wollten sie
zum besten haben.

SORA: Würden sie sich sehr irren?

ANDRASON: Freilich! denn eigentlich spielen wir
uns selber.

SORA: Ich habe so etwas gemerkt.

ANDRASON: Mut gefaßt! - O ihr Götter! Seht, wie
ihr euerm Orakel Erfüllung, dem Zuschauer Geduld
und diesem Stück eine Entwicklung gebt! denn
ohne ein Wunder weiß ich nicht, wie wir auf gute
Art auseinanderkommen sollen.
                                                                    



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