> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 4.Szene

2019-08-21

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 4.Szene



                               
Vierter Auftritt


   Zum Himmel werdet ihr euch heben
   Die Sterblichen, sie sehn's entzückt
   Und glorreich über Welten schweben,
   Die ihr auf ewig nun beglückt.

   Doch was dem Abgrund kühn entstiegen,
   Kann durch ein ehernes Geschick
   Den halben Weltkreis übersiegen,
   Zum Abgrund muß es doch zurück.
   Schon droht ein ungeheures Bangen,
   Vergebens wird er widerstehn!
   Und alle, die noch an ihm hangen,
   Sie müssen mit zugrunde gehn.

HOFFNUNG. 
   Nun begegn' ich meinen Braven,
   Die sich in der Nacht versammelt,
   Um zu schweigen, nicht zu schlafen,
   Und das schöne Wort der Freiheit
   Wird gelispelt und gestammelt,
   Bis in ungewohnter Neuheit
   Wir an unsrer Tempel Stufen
   Wieder neu entzückt es rufen:
                               
Mit Überzeugung, laut.

   Freiheit! 
                                   
Gemäßigter.

   Freiheit! 
                               
Von allen Enden Echo.

   Freiheit!

LIEBE. 
   Kommt, zu sehn, was unsre frommen
   Guten Schwestern unternommen,
   Die mit Seufzen sich bereiten
   Auf die blutig wilden Zeiten.

GLAUBE. 
   Denn der Liebe Hilf' und Laben
   Wird den schönsten Segen haben,
   Und im Glauben überwinden
   Sie die Furcht, die sie empfinden.

GENIUS I. 
   Ihr werdet eure Kraft beweisen,
   Bereitet still den jüngsten Tag.

GENIUS II. 
   Denn jenes Haupt von Stahl und Eisen
   Zermalmt zuletzt ein Donnerschlag.

Die sämtlichen fünfe, unter musikalischer Begleitung, kehren sich um und gehen nach dem
Grunde. Die Hoffnung besteigt die Ruinen links des Zuschauers, Glaube und Liebe die
Ruinen rechts; die Knaben besteigen die Treppen und stellen sich an die Pforten. Sie
begrüßen sich alle untereinander nochmals zum Abschied. Es wird Nacht.

                                                                       

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