> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 5.Szene

2019-08-19

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 5.Szene



                                 
Fünfter Auftritt

DÄMON DES KRIEGS sehr schnell auftretend. 
   Mit Staunen seh' ich euch, mit Freude,
   Der ich euch schuf, bewundr' euch heute:
   Ihr zieht mich an, ihr zieht mich fort,
   Mich muß ich unter euch vergessen:
   Mein einzig Streben sei immerfort,
   An eurem Eifer mich zu messen.
   Des Höchsten bin ich mir bewußt,
   Dem Wunderbarsten widm' ich mich mit Lust:
   Denn wer Gefahr und Tod nicht scheut,
   Ist Herr der Erde, Herr der Geister;
   Was auch sich gegensetzt und dräut,
   Er bleibt zuletzt allein der Meister.
   Kein Widerspruch! kein Widerstreben!
   Ich kenne keine Schwierigkeit,
   Und wenn umher die Länder beben,
   Dann erst ist meine Wonnezeit.
   Ein Reich mag nach dem andern stürzen,
   Ich steh' allein und wirke frei;
   Und will sich wo ein schneller Knoten schürzen,
   Um desto schneller hau' ich ihn entzwei.
   Kaum ist ein großes Werk getan,
   Ein neues war schon ausgedacht;
   Und wär' ich ja aufs Äußerste gebracht,
   Da fängt erst meine Kühnheit an.
   Ein Schauder überläuft die Erde,
   Ich ruf' ihr zu ein neues Werde.
                 
Ein Brandschein verbreitet sich über das Theater.

   Es werde Finsternis! Ein brennend Meer
   Soll allen Horizont umrauchen
   Und sich der Sterne zitternd Heer
   Im Blute meiner Flammen tauchen.
   Die höchste Stunde bricht herein,
   Wir wollen ihre Gunst erfassen:
   Gleich unter dieser Ahnung Schein
   Entfaltet euch, gedrängte Massen;
   Vom Berg ins Land, flußab ans Meer
   Verbreite dich, unüberwindlich Heer!
   Und wenn der Erdkreis überzogen
   Kaum noch den Atem heben mag,
   Demütig seine Herrn bewirtet
   Am Ufer schließet mir des Zwanges ehrnen Bogen:
   Denn wie euch sonst das Meer umgürtet,
   Umgürtet ihr die kühnen Wogen:
   So Nacht für Nacht, so Tag für Tag;
   Nur keine Worte Schlag auf Schlag!

HEERESZUG sich entfernend. 
   So geht es kühn
   Zur Welt hinein;
   Was wir beziehn,
   Wird unser sein:
   Will einer das,
   Verwehren wir's;
   Hat einer was,
   Verzehren wir's.

   Hat einer gnug
   Und will noch mehr,
   Der wilde Zug
   Macht alles leer.
   Da sackt man auf,
   Und brennt das Haus,
   Da packt man auf
   Und rennt heraus.

   So zieht vom Ort
   Mit festem Schritt
   Der Erste fort
   Den Zweiten mit;
   Wenn Wahn und Bahn
   Der Beste brach,
   Kommt an und an
   Der Letzte nach.
                                                               

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