> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 10.Szene

2019-08-20

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 10.Szene



                           
 Zehnter Auftritt

DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG tritt auf, im Kostüm eines orientalischen Despoten. 

DÄMON DER LIST ehrerbietig. 
   Mein Fürst! mein Herrscher, so allein?

DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG. 
   Da, wo ich bin, da soll kein andrer sein.

DÄMON DER LIST. 
   Auch die nicht, die dir angehören?

DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG. 
   Ich werde niemals dir verwehren,
   Zu schaun mein fürstlich Angesicht;
   Doch weiß ich wohl, du liebst mich nicht.
   Dein Vielbemühn, was hilft es dir?
   Denn ewig dienstbar bist du mir.

DÄMON DER LIST. 
   Herr, du verkennest meinen Sinn!
   Zu dienen dir, ist mein Gewinn;
   Und wo kann freieres Leben sein,
   Als dir zu dienen, dir allein!
   Was Großes auch die Welt gesehn,
   Für deinen Zepter ist's geschehn;
   Was Himmel zeugte, Hölle fand,
   Ergossen über Meer und Land,
   Es kommt zuletzt in deine Hand.

DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG. 
   Sehr wohl! Die Mühe mir verkürzen,
   Das ist dein edelster Beruf:
   Denn was die Freiheit langsam schuf,
   Es kann nicht schnell zusammenstürzen,
   Nicht auf der Kriegsposaune Ruf;
   Doch hast du klug den Boden untergraben,
   So stürzt das alles Blitz vor Blitz.
   Da kann ich meinen stummen Sitz
   In sel'gen Wüsteneien haben.
   Du hast getan, wie ich gedacht.
   Ich will nun sehn, was du vollbracht.
                           
Verliert sich unter die Ruinen. 
                                                                          

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