> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 12.Szene

2019-08-20

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 1.Akt 12.Szene



                               
Zwölfter Auftritt

DÄMON DER UNTERDRÜCKUNG aus den Ruinen hervortretend. 
   Es ist noch allzu frisch, man könnt' es wieder bauen;
   Die graue Zeit, wirkend ein neues Grauen
   Verwittrung, Staub und Regenschlick –,
   Mit Moos und Wildnis düstre sie die Räume.
   Nun wachst empor, ehrwürd'ge Bäume!
   Und zeiget dem erstaunten Blick
   Ein längst veraltetes, verschwundenes Geschick,
   Begraben auf ewig jedes Glück.
           
Während dieser Arie begrünet sich die Ruine nach und nach.

   Nicht zu zieren zu verdecken,
   Nicht zu freuen zu erschrecken,
   Wachse dieses Zaubertal!
   Und so schleichen und so wanken,
   Wie verderbliche Gedanken,
   Sich die Büsche, sich die Ranken
   Als Jahrhunderte zumal.

   So sei die Welt denn einsam! aber mir,
   Dem Herrscher, ziemt es nicht, daß er allein:
   Mit Männern mag er nicht verkehren,
   Eunuchen sollen Männern wehren,
   Und halb umgeben wird er sein;
   Nun aber sollen schöne Frauen
   Mit Taubenblick mir in die Augen schauen,
   Mit Pfauenwedeln luftig wehen,
   Gemeßnen Schrittes mich umgehen,
   Mich liebenswürdig all' umsehnen,
   Und ganze Scharen mir allein.
   Das Paradies, es tritt herein!
   Er ruht im Überfluß gebettet,
   Und jene, die sich glücklich wähnen,
   Sie sind bewacht, sie sind gekettet.
                                                                 

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