> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 10.Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 10.Szene



                                     
Zehnter Auftritt


DIE EINIGKEIT. 
   Der Geist, der alle Welten schafft,
   Durch mich belehrt er seine Teuren:
   »Von der Gefahr, der ungeheuren,
   Errettet nur gesamte Kraft.«
   Das, was ich lehre, scheint so leicht,
   Und fast unmöglich zu erfüllen:
   »Nachgiebigkeit bei großem Willen.«
   Nun ist des Wortes Ziel erreicht,
   Den höchsten Wunsch seh' ich erfüllen.

JUGENDFÜRST. 
   Ja, alle Kronen seh' ich neu geschmückt
   Mit eignem Gold, mit Feindes Beute;
   Ihr habt das Volk, ihr habt euch selbst beglückt;
   Was ihr besitzt, besitzt ihr erst von heute.
   Zwar hat der Ahnen würdiges Verdienst
   Die goldnen Reife längst geflochten,
   Doch nun ist's eigener Gewinst:
   Ihr habt das Recht daran erfochten.

EPIMENIDES. 
   Und wir sind alle neugeboren,
   Das große Sehnen ist gestillt;
   Bei Friedrichs Asche war's geschworen
   Und ist auf ewig nun erfüllt.

CHOR DER KRIEGER. 
   Und wir wandeln mit freien Schritten,
   Weil wir uns was zugetraut,
   Und empfangen in unsre Mitten
   Gattin, Schwester, Tochter, Braut.
   Getan! Glück auf! Getan!
   Und den Dank nun zum Himmel hinan!

CHOR DER FRAUEN.
   Euch zu laben,
   Laßt uns eilen,
   Unsre Gaben
   Auszuteilen,
   Eure Wunden
   Auszuheilen:
   Selige Stunden
   Sind gegeben
   Unsrem Leben!
                                   
Große Gruppe.

EPIMENIDES. 
   Ich sehe nun mein frommes Hoffen
   Nach Wundertaten eingetroffen;
   Schön ist's, dem Höchsten sich vertraun.
   Er lehrte mich das Gegenwärt'ge kennen;
   Nun aber soll mein Blick entbrennen,
   In fremde Zeiten auszuschaun.

PRIESTER. 
   Und nun soll Geist und Herz entbrennen,
   Vergangnes fühlen, Zukunft schaun.

CHOR. 
   So rissen wir uns ringsherum
   Von fremden Banden los.
   Nun sind wir Deutsche wiederum,
   Nun sind wir wieder groß.
   So waren wir und sind es auch
   Das edelste Geschlecht,
   Von biederm Sinn und reinem Hauch
   Und in der Taten Recht.

   Und Fürst und Volk und Volk und Fürst
   Sind alle frisch und neu!
   Wie du dich nun empfinden wirst
   Nach eignem Sinne frei.
   Wer dann das Innere begehrt,
   Der ist schon groß und reich;
   Zusammen haltet euren Wert,
   Und euch ist niemand gleich.

   Gedenkt unendlicher Gefahr,
   Des wohlvergoßnen Bluts,
   Und freuet euch von Jahr zu Jahr
   Des unschätzbaren Guts.
   Die große Stadt, am großen Tag,
   Die unsre sollte sein
   Nach ungeheurem Doppelschlag
   Zum zweitenmal hinein!

   Nun töne laut: Der Herr ist da!
   Von Sternen glänzt die Nacht.
   Er hat, damit uns Heil geschah,
   Gestritten und gewacht.
   Für alle, die ihm angestammt,
   Für uns war es getan,
   Und wie's von Berg zu Bergen flammt,
   Entzücken flamm' hinan!
                           
Der Vorhang fällt. 
                                                                   

Personen und Gesamtübersicht

Ende

Goethe auf meiner Seite

Keine Kommentare: