> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 3.Szene

2019-08-21

Johann Wolfgang Goethe : Des Epimenides Erwachen 2.Akt 3.Szene



                                 
Dritter Auftritt

GENIEN herbeieilend. 
   Immer sind wir noch im Lande,
   Hier und dort mit raschem Lauf.
               
Sie nehmen die Ketten ab, zugleich mit dem Schmuck.

   Erstlich lösen wir die Bande
   Richte du sie wieder auf!
   Denn uns Genien gegeben
   Ward gewiß ein schönes Teil;
   Euer eigenes Bestreben
   Wirke nun das eigne Heil.
                                 
Sie entfernen sich.

HOFFNUNG zu den wegeilenden Genien. 
   Nehmt Gotteslohn, ihr süßen Brüder!
           
Sie hebt erst den Glauben auf und bringt ihn gegen die Mitte.

   Und steht nur erst der Glaube fest,
   So hebt sich auch die Liebe wieder.

LIEBE die von selbst aufspringt und auf die Hoffnung loseilt.
   Ja, ich bin's, und neugeboren
   Werf' ich mich an deine Brust.

GLAUBE. 
   Völlig hatt' ich mich verloren,
   Wieder find' ich mich mit Lust.

HOFFNUNG. 
   Ja, wer sich mit mir verschworen,
   Ist sich alles Glücks bewußt.
   Denn wie ich bin, so bin ich auch beständig,
   Nie der Verzweiflung geb' ich mich dahin;
   Ich mildre Schmerz, das höchste Glück vollend' ich;
   Weiblich gestaltet, bin ich männlich kühn.
   Das Leben selbst ist nur durch mich lebendig,
   Ja übers Grab kann ich's hinüberziehn,
   Und wenn sie mich sogar als Asche sammeln,
   So müssen sie noch meinen Namen stammeln.

   Und nun vernehmt! Wie einst in Grabeshöhlen
   Ein frommes Volk geheim sich flüchtete
   Und allen Drang der himmlisch reinen Seelen
   Nach oben voll Vertrauen richtete,
   Nicht unterließ, auf höchsten Schutz zu zählen,
   Und auszudauern sich verpflichtete:
   So hat die Tugend still ein Reich gegründet
   Und sich, zu Schutz und Trutz, geheim verbündet.

   Im Tiefsten hohl, das Erdreich untergraben,
   Auf welchem jene schrecklichen Gewalten
   Nun offenbar ihr wildes Wesen haben
   In majestätisch häßlichen Gestalten
   Und mit den holden überreifen Gaben
   Der Oberfläche nach Belieben schalten
   Doch wird der Boden gleich zusammenstürzen
   Und jenes Reich des Übermuts verkürzen.

   Von Osten rollt, Lauinen gleich, herüber
   Der Schnee- und Eisball, wälzt sich groß und größer,
   Er schmilzt, und nah und näher stürzt vorüber
   Das alles überschwemmende Gewässer:
   So strömt's nach Westen, dann zum Süd hinüber
   Die Welt sieht sich zerstört und fühlt sich besser:
   Vom Ozean, vom Belt her kommt uns Rettung;
   So wirkt das All in glücklicher Verkettung.
                                                                 

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