> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 1. Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 1. Szene







Erster Aufzug

Erster Auftritt



(Ein gemeines Wohnzimmer, an der Wand zwei
Bilder, eines bürgerlichen Mannes und seiner Frau,
in der Tracht, wie sie vor funfzig oder sechzig
Jahren zu sein pflegte. Nacht)

(Luise, an einem Tische, worauf ein Licht steht,
strickend.

Karoline, in einem Großvatersessel gegenüber,
schlafend).

LUISE (einen eben vollendeten gestrickten Strumpf
in die Höhe haltend). 

Wieder ein Strumpf! Nun
wollt' ich, der Onkel käme nach Hause, denn ich
habe nicht Lust, einen andern anzufangen. 

(Sie steht auf und geht ans Fenster). 

Er bleibt heut' ungewöhnlich
lange weg, sonst kommt er doch gegen
eilf Uhr, und es ist jetzt schon Mitternacht. (Sie
tritt wieder an den Tisch). Was die französische
Revolution Gutes oder Böses stiftet, kann ich nicht
beurteilen; so viel weiß ich, daß sie mir diesen
Winter einige Paar Strümpfe mehr ein bringt. Die
Stunden, die ich jetzt wachen und warten muß, bis
Herr Breme nach Hause kommt, hätt' ich verschlafen,
wie ich sie jetzt verstricke, und er verplaudert
sie, wie er sie sonst verschlief.

KAROLINE (im Schlafe redend). 

Nein, nein! Mein Vater!

LUISE (sich dem Sessel nähernd)

Was gibt's, liebe
Muhme? - Sie antwortet nicht! - Was nur dem
guten Mädchen sein mag! Sie ist still und unruhig;
des Nachts schläft sie nicht, und jetzt, da sie vor
Müdigkeit eingeschlafen ist, spricht sie im Traume.
Sollte meine Vermutung gegründet sein? sollte der
Baron in diesen wenigen Tagen einen solchen Eindruck
auf sie gemacht haben, so schnell und so
stark? (Hervortretend). Wunderst du dich, Luise,
und hast du nicht selbst erfahren, wie die Liebe
wirkt, wie schnell und wie stark!



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt



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