> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 2.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 2.Szene





Zweiter Auftritt


(Die Gräfin im Negligé. Der Amtmann).

AMTMANN. 

Euer Exzellenz haben zwar auf eine angenehme
Weise, doch unvermutet Ihre Dienerschaft
überrascht, und wir bedauern nur, daß Dieselben
bei Ihrer Ankunft durch einen so traurigen Anblick
erschreckt worden. Wir hatten alle Anstalten zu
Dero Empfang gemacht: das Tannenreisig zu einer
Ehrenpforte liegt wirklich schon im Hofe; die sämtlichen
Gemeinden wollten reihenweis an dem Wege
stehen und Hochdieselben mit einem lauten Vivat
empfangen, und jeder freute sich schon, bei einer so
feierlichen Gelegenheit seinen Festtagsrock anzuziehen
und sich und seine Kinder zu putzen.

GRÄFIN. 

Es ist mir lieb, daß die guten Leute sich
nicht zu beiden Seiten des Wegs gestellt haben; ich
hätte ihnen unmöglich ein freundlich Gesicht machen
können, und Ihnen am wenigsten, Herr Amtmann!

AMTMANN. 

Wieso? wodurch haben wir Eurer
Exzellenz Ungnade verdient?

GRÄFIN. 

Ich kann nicht leugnen, ich war sehr verdrießlich,
als ich gestern auf den abscheulichen
Weg kam, der gerade da anfängt, wo meine Besitzungen
angehen. Die große Reise hab' ich fast auf
lauter guten Wegen vollbracht, und eben da ich
wieder in das Meinige zurückkomme, find' ich sie
nicht nur schlechter wie vorm Jahr, sondern so abscheulich,
daß sie alle Übel einer schlechten
Chaussee verbinden. Bald tief ausgefahrne Löcher,
in die der Wagen umzustürzen droht, aus denen die
Pferde mit aller Gewalt ihn kaum herausreißen,
bald Steine ohne Ordnung übereinandergeworfen,
daß man eine Viertelstunde lang selbst in dem bequemsten
Wagen aufs unerträglichste zusammengeschüttelt
wird. Es sollte mich wundern, wenn
nichts daran beschädigt wäre.

AMTMANN. 

Euer Exzellenz werden mich nicht ungehört
verdammen; nur mein eifriges Bestreben,
von Eurer Exzellenz Gerechtsamen nicht das mindeste
zu vergeben, ist Ursache an diesem üblen Zustande
des Wegs.

GRÄFIN. 

Ich verstehe -

AMTMANN. 

Sie erlauben, Ihrer tiefen Einsicht nur
anheimzustellen, wie wenig es mir hätte ziemen
wollen, den widerspenstigen Bauern auch nur ein
Haarbreit nachzugeben. Sie sind schuldig, die
Wege zu bessern, und da Euer Exzellenz Chaussee
befehlen, sind sie auch schuldig, die Chaussee zu
machen.

GRÄFIN. 

Einige Gemeinden waren ja willig.

AMTMANN. 

Das ist eben das Unglück. Sie fuhren
die Steine an; als aber die übrigen, widerspenstigen
sich weigerten und auch jene widerspenstig machten,
blieben die Steine liegen und wurden nach und
nach, teils aus Notwendigkeit, teils aus Mutwillen,
in die Gleise geworfen, und da ist nun
der Weg freilich ein bißchen holprig geworden.

GRÄFIN. 

Sie nennen das ein wenig holprig?

AMTMANN. 

Verzeihen Euer Exzellenz, wenn ich
sogar sage, daß ich diesen Weg öfters mit vieler
Zufriedenheit zurücklege. Es ist ein vortreffliches
Mittel gegen die Hypochondrie, sich dergestalt zusammenschütteln
zu lassen.

GRÄFIN 

Das, gesteh' ich, ist eine eigne Kurmethode.

AMTMANN. 

Und freilich, da nun eben wegen dieses
Streites, welcher vor dem Kaiserlichen Reichskammergericht
auf das eifrigste betrieben wird, seit
einem Jahre an keine Wegebesserung zu denken
gewesen und überdies die Holzfuhren stark gehen,
in diesen letzten Tagen auch anhaltendes Regenwetter
eingefallen, so möchte denn freilich jemanden,
der gute Chausseen gewohnt ist, unsere Straße
gewissermaßen impraktikabel vorkommen.

GRÄFIN. 

Gewissermaßen? ich dächte, ganz und gar.

AMTMANN. 

Euer Exzellenz belieben zu scherzen.
Man kommt doch noch immer fort -

GRÄFIN. 

Wenn man nicht liegenbleibt. Und doch
hab' ich an der Meile sechs Stunden zugebracht.

AMTMANN. 

Ich, vor einigen Tagen, noch länger.
Zweimal wurd' ich glücklich herausgewunden, das
drittemal brach ein Rad, und ich mußte mich nur
noch so hereinschleppen lassen. Aber bei allen diesen
Unfällen war ich getrost und gutes Muts: denn
ich bedachte, daß Eurer Exzellenz und Ihres Herrn
Sohnes Gerechtsame salviert sind. Aufrichtig gestanden,
ich wollte auf solchen Wegen lieber von
hier nach Paris fahren, als nur einen Fingerbreit
nachgeben, wenn die Rechte und Befugnisse meiner
gnädigsten Herrschaft bestritten werden. Ich
wollte daher, Euer Exzellenz dachten auch so, und
Sie würden gewiß diesen Weg nicht mit so viel Unzufriedenheit
zurückgelegt haben.

GRÄFIN. 

Ich muß sagen, darin bin ich anderer Meinung,
und gehörten diese Besitztümer mir eigen,
müßte ich mich nicht bloß als Verwalterin ansehen,
so würde ich über manche Bedenklichkeit hinausgehen,
ich würde mein Herz hören, das mir Billigkeit
gebietet, und meinen Verstand, der mich einen
wahren Vorteil von einem scheinbaren unterscheiden
lehrt. Ich würde großmütig sein, wie es dem
gar wohl ansteht, der Macht hat. Ich würde mich
hüten, unter dem Scheine des Rechts auf Forderungen
zu beharren, die ich durchzusetzen kaum wünschen
müßte und die, indem ich Widerstand finde,
mir auf lebenslang den völligen Genuß eines Besitzes
rauben, den ich auf billige Weise verbessern
könnte. Ein leidlicher Vergleich und der unmittelbare
Gebrauch sind besser als eine wohl gegründete
Rechtssache die mir Verdruß macht und von
der ich nicht einmal den Vorteil für meine Nachkommen
ein sehe.

AMTMANN. 

Euer Exzellenz erlauben, daß ich darin
der entgegengesetzten Meinung sein darf. Ein Prozeß
ist eine so reizende Sache, daß, wenn ich reich
wäre, ich eher einige kaufen würde, um nicht ganz
ohne dieses Vergnügen zu leben. (Tritt ab).

GRÄFIN. 

Es scheint, daß er seine Lust an unsern Besitztümern
büßen will.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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