> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 5.Szene

2019-08-24

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 5.Szene





Fünfter Auftritt

(Die Vorigen. Der Baron am Fenster).

BARON. 

Karoline!

BREME. 

Was ist das? 

(Er schiebt die Blendlaterne
zu und hält Karolinen fest, die aufstehen will).

BARON (wie oben). 

Karoline! sind Sie nicht hier?

(Er steigt herein). 

Stille! wo bin ich? daß ich nicht
fehlgehe. Gleich dem Fenster gegenüber ist des Vaters
Schlafzimmer, und hier rechts an der Wand die
Tür in der Mädchen Kammer. (Er tappt an der
Seite hin und trifft die Tür). Hier ist sie, nur angelehnt.
O wie gut sich der blinde Cupido im Dunkeln
zu finden weiß! (Er geht hinein).

BREME. 

In die Falle! 

(Er schiebt die Blendlaterne
auf, eilt nach der Kammertüre und stößt den Riegel
vor). 

So recht, und das Vorlegeschloß ist auch
schon in Bereitschaft. 

(Er legt ein Schloß vor).

Und du, Nichtswürdige! so verrätst du mich?

KAROLINE. 

Mein Vater!

BREME. 

So heuchelst du mir Vertrauen vor?

BARON (inwendig)

Karoline! Was heißt das?

KAROLINE.

Ich bin das unglücklichste Mädchen
unter der Sonne.

BREME (laut an der Türe)

Das heißt: daß Sie hier
schlafen werden, aber allein.

BARON (inwendig). 

Nichtswürdiger! Machen Sie
auf, Herr Breme, der Spaß 
 wird Ihnen teuer zu stehenkommen.

BREME (laut). 

Es ist mehr als Spaß, es ist bitterer
Ernst.

KAROLINE (an der Türe)

Ich bin unschuldig an dem Verrat!

BREME. 

Unschuldig? Verrat?

KAROLINE (vor der Türe knieend). 

O, wenn du sehen könntest, mein Geliebter, wie ich hier vor
dieser Schwelle liege, wie ich untröstlich meine
Hände ringe, wie ich meinen grausamen Vater
bitte! - Machen Sie auf, mein Vater! Er hört nicht,
er sieht mich nicht an. - O mein Geliebter habe
mich nicht in Verdacht, ich bin unschuldig!

BREME. 

Du unschuldig? Niederträchtige feile Dirne!
Schande deines Vaters! Ewiger schändender
Flecken in das Ehrenkleid, das er eben in diesem
Augenblicke angezogen hat. Steh auf, hör' auf zu
weinen, daß ich dich nicht an den Haaren von der
Schwelle wegziehe, die du, ohne zu erröten, nicht
wieder betreten solltest. Wie! in dem Augenblick,
da Breme sich den größten Männern des Erdbodens
gleichsetzt, erniedrigt sich seine Tochter so sehr!

KAROLINE. 

Verstoßt mich nicht, verwerft mich
nicht, mein Vater! Er tat mir die heiligsten
Versprechungen.

BREME. 

Rede mir nicht davon, ich bin außer mir.
Was! ein Mädchen, das sich wie eine Prinzessin,
wie eine Königin aufführen sollte, vergißt sich so
ganz und gar? Ich halte mich kaum, daß ich dich
nicht mit Fäusten schlage, nicht mit Füßen trete.
Hier hinein! 

(Er stößt sie in sein Schlafzimmer).

Dies französische Schloß wird dich wohl verwahren.
Von welcher Wut fühl' ich mich hingerissen!
Das wäre die rechte Stimmung, um die Glocke zu
ziehen. - Doch nein, fasse dich, Breme! - Bedenke,
daß die größten Menschen in ihrer Familie
manchen Verdruß gehabt haben. Schäme dich nicht
einer frechen Tochter und bedenke, daß Kaiser Augustus
in eben dem Augenblick mit Verstand und
Macht die Welt regierte, da er über die Vergehungen
seiner Julie bittere Tränen vergoß. Schäme dich
nicht, zu weinen, daß eine solche Tochter dich hintergangen
hat; aber bedenke auch zugleich, daß der
Endzweck erreicht ist, daß der Widersacher eingesperrt
verzweifelt und daß deiner Unternehmung
ein glückliches Ende bevorsteht.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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