> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 1.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 1.Szene





Vierter Aufzug

Erster Auftritt

(Bremens Wohnung. Breme. Martin und Albert).

BREME. 

Sind eure Leute alle an ihren Posten? Habt
ihr sie wohl unterrichtet? Sind sie gutes Muts?

MARTIN. 

Sobald Ihr mit der Glocke stürmt, werden
sie alle da sein.

BREME. 

So ist's recht! Wenn im Schlosse die Lichter
alle aus sind, wenn es Mitternacht ist, soll es gleich
angehen. Unser Glück ist's, daß der Hofrat fortgeht.
Ich fürchtete sehr, er möchte bleiben und uns den
ganzen Spaß verderben.

ALBERT. 

Ich fürchte so noch immer, es geht nicht
gut ab. Es ist mir schon zum voraus bange, die
Glocke zu hören.

BREME. 

Seid nur ruhig. Habt ihr nicht heute selbst
gehört, wie übel es jetzt mit den vornehmen Leuten
steht? Habt ihr gehört, was wir der Gräfin alles unters
Gesicht gesagt haben?

MARTIN. 

Es war ja aber nur zum Spaß.

ALBERT. 

Es war schon zum Spaße grob genug.

BREME. 

Habt ihr gehört, wie ich eure Sache zu verfechten
weiß? wenn's Ernst gilt, will ich so vor den
Kaiser treten. Und was sagt ihr zum Herrn Magister,
hat sich der nicht auch wacker gehalten?

ALBERT. 

Sie haben's Euch aber auch brav abgegeben.
Ich dachte zuletzt, es würde Schläge setzen;
und unsere junge gnädige Comtesse - war's doch,
als wenn ihr seliger Herr Vater leibhaftig dastünde.

BREME. 

Laßt mir das gnädige weg, es wird sich
bald nichts mehr zu gnädigen haben. Seht, hier hab'
ich die Briefe schon fertig, die schick' ich in die benachbarten
Gerichtsdörfer. Sobald's hier losgeht,
sollen die auch stürmen und rebellieren und auch
ihre Nachbarn auffordern.

MARTIN. 

Das kann was werden.

BREME. 

Freilich! Und alsdann Ehre, dem Ehre gebührt!
euch, meine lieben Kinder. Ihr werdet als die
Befreier des Landes angesehn.

MARTIN. 

Ihr, Herr Breme, werdet das größte Lob
davontragen.

BREME. 

Nein, das gehört sich nicht; es muß jetzt
alles gemein sein.

MARTIN. 

Indessen habt Ihr's doch angefangen.

BREME. 

Gebt mir die Hände, brave Männer! So
standen einst die drei großen Schweizer, Wilhelm
Tell, Walther Staubbach, Fürst von Uri, die standen
auf dem Grütliberg beisammen und schwuren
den Tyrannen ewigen Haß und ihren Mitgenossen
ewige Freiheit. Wie oft hat man diese wackern Helden
gemalt und in Kupfer gestochen! Auch uns
wird diese Ehre widerfahren. In dieser Positur werden
wir auf die Nachwelt kommen.

MARTIN. 

Wie Ihr Euch das alles so denken könnt.

ALBERT. 

Ich fürchte nur, daß wir im Karrn eine
böse Figur machen können. Horcht! es klingelt jemand.
Mir zittert das Herz im Leibe, wenn sich nur
was bewegt.

BREME. 

Schämt Euch! ich will aufziehen. Es wird
der Magister sein, ich habe ihn herüber bestellt.
Die Gräfin hat ihm den Dienst aufgesagt; die Konteß
hat ihn sehr beleidigt. Wir werden ihn leicht in
unsere Partei ziehen. Wenn wir einen Geistlichen
unter uns haben, sind wir unserer Sache desto gewisser.

MARTIN. 

Einen Geistlichen und Gelehrten.

BREME. 

Was die Gelehrsamkeit betrifft, geb' ich
ihm nichts nach, und besonders hat er weit weniger
politische Lektüre als ich. Alle die Chroniken, die
ich von meinem seligen Großvater geerbt habe,
waren in meiner Jugend schon durchgelesen, und
das Theatrum Europäum kenn' ich in- und auswendig.
Wer recht versteht, was geschehen ist, der
weiß auch, was geschieht und geschehen wird. Es
ist immer einerlei; es passiert in der Welt nichts
Neues. Der Magister kommt. Halt! wir müssen ihn
feierlich empfangen. Er muß Respekt vor uns kriegen.
Wir stellen jetzt die Repräsentanten der ganzen
Nation gleichsam in Nuce vor. Setzt euch.

(Er setzt drei Stühle auf die eine Seite des Theaters,
auf die andere einen Stuhl. Die beiden Schulzen
setzen sich, und wie der Magister hereintritt, setzt
sich Breme geschwind in ihre Mitte und nimmt ein
gravitätisches Wesen an).



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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