> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 7.Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 7.Szene



Siebenter Auftritt


(Peter. Albert. Die Vorigen).


BREME. 

Willkommen! - Ist Jakob nicht bei euch?

PETER. 

Wir haben uns bei den drei Linden bestellt;
aber er blieb uns zu lang' aus, nun sind wir allein
da.

ALBERT. 

Was habt Ihr uns Neues zu sagen, Meister
Breme? Ist was von Wetzlar gekommen, geht der
Prozeß vorwärts?

BREME. 

Eben weil nichts gekommen ist, und weil,
wenn was gekommen wäre, es auch nicht viel heißen
würde, so wollt' ich euch eben einmal meine
Gedanken sagen: denn ihr wißt wohl, ich nehme
mich der Sachen aller, aber nicht öffentlich an, bis
jetzt nicht öffentlich; denn ich darf's mit der gnädigen
Herrschaft nicht ganz verderben.

PETER. 

Ja, wir verdürben's auch nicht gern mit ihr,
wenn sie's nur halbweg leidlich machte.

BREME. 

Ich wollte euch sagen - wenn nur Jakob da
wäre, daß wir alle zusammen wären, und daß ich
nichts wiederholen müßte und wir einig würden.

ALBERT. 

Jakob? Es ist fast besser, daß er nicht
dabei ist. Ich traue ihm nicht recht; er hat das Freigütchen,
und wenn er auch wegen der Zinsen mit
uns gleiches Interesse hat, so geht ihn doch die
Straße nichts an, und er hat sich im ganzen Prozeß
gar zu lässig bewiesen.

BREME. 

Nun so laßt's gut sein. Setzt euch und hört
mich an. 

(Sie setzen sich).

MARTIN. 

Ich bin recht neugierig, zu hören.

BREME. 

Ihr wißt, daß die Gemeinden schon vierzig
Jahre lang mit der Herrschaft einen Prozeß führen,
der auf langen Umwegen endlich nach Wetzlar gelangt
ist und von dort den Weg nicht zurückfinden
kann. Der Gutsherr verlangt Fronen und andere
Dienste, die ihr verweigert, und mit Recht verweigert:
denn es ist ein Rezeß geschlossen worden mit
dem Großvater unsers jungen Grafen - Gott erhalt'
ihn! -, der sich diese Nacht eine erschreckliche
Brausche gefallen hat.

MARTIN. 

Eine Brausche?

PETER. 

Gerade diese Nacht!

ALBERT. 

Wie ist das zugegangen?

MARTIN. 

Das arme liebe Kind!

BREME. 

Das will ich euch nachher erzählen. Nun
hört mich weiter an. Nach diesem geschlossenen
Rezeß überließen die Gemeinden an die Herrschaft
ein paar Fleckchen Holz, einige Wiesen, einige
Triften und sonst noch Kleinigkeiten, die euch von
keiner Bedeutung waren und der Herrschaft viel
nutzten; denn man sieht, der alte Graf war ein kluger
Herr, aber auch ein guter Herr. Leben und leben
lassen, war sein Spruch. Er erließ den Gemeinden
dagegen einige zu entbehrende Fronen und -

ALBERT. 

Und das sind die, die wir noch immer leisten
müssen.

BREME. 

Und machte ihnen einige Konvenienzen -

MARTIN. 

Die wir noch nicht genießen.

BREME. 

Richtig, weil der Graf starb, die Herrschaft
sich in Besitz dessen setzte, was ihr zugestanden
war, der Krieg einfiel und die Untertanen noch
mehr tun mußten, als sie vorher getan hatten.

PETER. 

Es ist akkurat so; so hab' ich's mehr als einmal
aus des Advokaten Munde gehört.

BREME. 

Und ich weiß es besser als der Advokat,
denn ich sehe weiter. Der Sohn des Grafen, der
verstorbene gnädige Herr, wurde eben um die Zeit
volljährig. Das war, bei Gott! ein wilder böser
Teufel, der wollte nichts herausgeben und mißhandelte
euch ganz erbärmlich. Er war im Besitz, der
Rezeß war fort und nirgends zu finden.

ALBERT. 

Wäre nicht noch die Abschrift da, die
unser verstorbener Pfarrer gemacht hat, wir wüßten
kaum etwas davon.

BREME. 

Diese Abschrift ist euer Glück und euer Unglück.
Diese Abschrift gilt alles vor jedem billigen
Menschen, vor Gericht gilt sie nichts. Hättet ihr
diese Abschrift nicht, so wäret ihr ungewiß in dieser
Sache. Hätte man diese Abschrift der Herrschaft
nicht vorgelegt, so wüßte man nicht, wie ungerecht
sie denkt.

MARTIN. 

Da müßt Ihr auch wieder billig sein. Die
Gräfin leugnet nicht, daß vieles für uns spricht; nur
weigert sie sich, den Vergleich einzugehen, weil
sie, in Vormundschaft ihres Sohnes, sich nicht getraut,
so etwas abzuschließen.

ALBERT. 

In Vormundschaft ihres Sohnes! Hat sie
nicht den neuen Schloßflügel bauen lassen, den er
vielleicht sein Lebtage nicht bewohnt, denn er ist
nicht gern in dieser Gegend.

PETER. 

Und besonders, da er nun eine Brausche gefallen
hat.

ALBERT. 

Hat sie nicht den großen Garten und die
Wasserfälle anlegen lassen, worüber ein paar Mühlen
haben müssen weggekauft werden? Das getraut
sie sich alles in Vormundschaft zu tun, aber das
Rechte, das Billige, das getraut sie sich nicht.

BREME. 

Albert, du bist ein wackrer Mann; so hör'
ich gern reden, und ich gestehe wohl, wenn ich von
unserer gnädigen Gräfin manches Gute genieße und
deshalb mich für ihren untertänigen Diener bekenne,
so möcht' ich doch auch darin meinem König
nachahmen und euer Sachwalter sein.

PETER. 

Das wäre recht schön. Macht nur, daß unser
Prozeß bald aus wird.

BREME. 

Das kann ich nicht, das müßt ihr.

PETER. 

Wie wäre denn das anzugreifen?

BREME. 

Ihr guten Leute wißt nicht, daß alles in der
Welt vorwärts geht, daß heute möglich ist, was vor
zehn Jahren nicht möglich war. Ihr wißt nicht, was
jetzt alles unternommen, was alles ausgeführt wird.

MARTIN. 

O ja, wir wissen, daß in Frankreich jetzt
wunderliches Zeug geschieht.

PETER. 

Wunderliches und abscheuliches!

ALBERT. 

Wunderliches und gutes.

BREME. 

So recht, Albert, man muß das Beste wählen!
Da sag' ich nun: Was man in Güte nicht haben
kann, soll man mit Gewalt nehmen.

MARTIN. 

Sollte das gerade das Beste sein?

ALBERT. 

Ohne Zweifel.

PETER. 

Ich dächte nicht.

BREME. 

Ich muß euch sagen, Kinder: jetzt oder niemals!

ALBERT. 

Da dürft Ihr uns in Wiesengruben nicht
viel vorschwatzen; dazu sind wir fix und fertig. Unsere
Leute wollten längst rebellern; ich habe nur
immer abgewehrt weil mir Herr Breme immer
sagte, es sei noch nicht Zeit, und das ist ein gescheiter
Mann, auf den ich Vertrauen habe.

BREME. 

Gratias, Gevatter, und ich sage euch: jetzt
ist es Zeit.

ALBERT. 

Ich glaub's auch.

PETER. 

Nehmt mir's nicht übel, das kann ich nicht
einsehen; denn wenn's gut aderlassen ist, gut purgieren,
gut schröpfen, das steht im Kalender, und
darnach weiß ich mich zu richten; aber wenn's just
gut rebellern sei, das, glaub' ich, ist viel schwerer
zu sagen.

BREME. 

Das muß unsereiner verstehen.

ALBERT. 

Freilich versteht Ihr's.

PETER. 

Aber sagt mir nur, woher's eigentlich kommt,
daß Ihr's besser versteht als andere gescheite
Leute?

BREME (gravitätisch). 

Erstlich, mein Freund, weil
schon vom Großvater an meine Familie die größten
politischen Einsichten erwiesen. Hier dieses Bildnis
zeigt euch meinen Großvater Hermann Breme
von Bremenfeld, der, wegen großer und vorzüglicher
Verdienste zum Burgemeister seiner Vaterstadt
erhoben, ihr die größten und wichtigsten
Dienste geleistet hat. Dort schwebt sein Andenken
noch in Ehren und Segen, wenngleich boshafte,
pasquillantische Schauspieldichter seine großen
Talente und gewisse Eigenheiten, die er an sich
haben mochte, nicht sehr glimpflich behandelten.
Seine tiefe Einsicht in die ganze politische und militärische
Lage von Europa wird ihm selbst von
seinen Feinden nicht abgesprochen.

PETER. 

Es war ein hübscher Mann, er sieht recht
wohlgenährt aus.

BREME. 

Freilich genoß er ruhigere Tage als seinv Enkel.

MARTIN. 

Habt Ihr nicht auch das Bildnis Eures Vaters?

BREME. 

Leider, nein! Doch muß ich euch sagen: die
Natur, indem sie meinen Vater Jost Breme von
Bremenfeld hervorbrachte, hielt ihre Kräfte zusammen,
um euren Freund mit solchen Gaben auszurüsten,
durch die er euch nützlich zu werden wünscht.
Doch behüte der Himmel, daß ich mich über meine
Vorfahren erheben sollte; es wird uns jetzt viel
leichter gemacht, und wir können mit geringern natürlichen
Vorzügen eine große Rolle spielen.

MARTIN. 

Nicht zu bescheiden, Gevatter!
BREME. 

Es ist lautre Wahrheit. Sind nicht jetzt der
Zeitungen, der Monatsschriften, der fliegenden
Blätter so viel, aus denen wir uns unterrichten, an
denen wir unsern Verstand üben können! Hätte
mein seliger Großvater nur den tausendsten Teil
dieser Hilfsmittel gehabt, er wäre ein ganz anderer
Mann geworden. Doch Kinder, was rede ich von
mir! Die Zeit vergeht, und ich fürchte, der Tag
bricht an. Der Hahn macht uns aufmerksam, daß
wir uns kurz fassen sollen. Habt ihr Mut?

ALBERT. 

An mir und den Meinigen soll's nicht fehlen.

PETER. 

Unter den Meinigen findet sich wohl einer,
der sich an die Spitze stellt; ich verbitte mir den
Auftrag.

MARTIN. 

Seit den paar letzten Predigten, die der
Magister hielt, weil der alte Pfarrer so krank liegt,
ist das ganze große Dorf hier in Bewegung.

BREME. 

Gut! so kann was werden. Ich habe ausgerechnet,
daß wir über sechshundert Mann stellen
können. Wollt ihr, so ist in der nächsten Nacht
alles getan.

MARTIN. 

In der nächsten Nacht?

BREME. 

Es soll nicht wieder Mitternacht werden,
und ihr sollt wiederhaben alles, was euch gebührt,
und mehr dazu.

PETER. 

So geschwind? wie wäre das möglich?

ALBERT. 

Geschwind oder gar nicht.

BREME. 

Die Gräfin kommt heute an, sie darf sich
kaum besinnen. Rückt nur bei einbrechender Nacht
vor das Schloß und fordert eure Rechte, fordert eine
neue Ausfertigung des alten Reverses, macht euch
noch einige kleine Bedingungen, die ich euch schon
angeben will, laßt sie unterschreiben, laßt sie
schwören, und so ist alles getan.

PETER. 

Vor einer solchen Gewalttätigkeit zittern mir
Arm und Beine.

ALBERT. 

Narr! Wer Gewalt braucht, darf nicht zittern.

MARTIN. 

Wie leicht können sie uns aber ein Regiment
Dragoner über den Hals ziehen. So arg dürfen
wir's doch nicht machen. Das Militär, der Fürst, die
Regierung würden uns schön zusammenarbeiten.

BREME. 

Gerade umgekehrt. Das ist's eben, worauf
ich fuße. Der Fürst ist unterrichtet, wie sehr das
Volk bedrückt sei. Er hat sich über die Unbilligkeit
des Adels, über die Langweiligkeit der Prozesse,
über die Schikane der Gerichtshalter und Advokaten
oft genug deutlich und stark erklärt, so daß man
voraussetzen kann: er wird nicht zürnen, wenn man
sich Recht verschafft, da er es selbst zu tun gehindert
ist.

PETER. 

Sollte das gewiß sein?

ALBERT. 

Es wird im ganzen Lande davon
gesprochen.

PETER. 

Da wäre noch allenfalls was zu wagen.

BREME. 

Wie ihr zu Werke gehen müßt, wie vor
allen Dingen der abscheuliche Gerichtshalter beiseite
muß, und auf wen noch mehr genau zu sehen
ist, das sollt ihr alles noch vor Abend erfahren. Bereitet
eure Sachen vor, regt eure Leute an und seid
mir um sechse beim Herrenbrunnen. Daß Jakob
nicht kommt, macht ihn verdächtig; ja es ist besser,
daß er nicht gekommen ist. Gebt auf ihn acht, daß
er uns wenigstens nicht schade; an dem Vorteil,
den wir uns erwerben, wird er schon teilnehmen
wollen. Es wird Tag; lebt wohl und bedenkt nur,
daß, was geschehen soll, schon geschehen ist. Die
Gräfin kommt eben erst von Paris zurück, wo sie
das alles gesehn und gehört hat, was wir mit so vieler
Verwunderung lesen; vielleicht bringt sie schon
selbst mildere Gesinnungen mit, wenn sie gelernt
hat, was Menschen, die zu sehr gedrückt werden,
endlich für ihre Rechte tun können und müssen.

MARTIN. 

Lebt wohl, Gevatter, lebt wohl! Punkt
sechse bin ich am Herrenbrunnen.

ALBERT.

 Ihr seid ein tüchtiger Mann! Lebt wohl.
PETER. Ich will Euch recht loben, wenn's gut abläuft.

MARTIN. 

Wir wissen nicht, wie wir's Euch danken
sollen.

BREME (mit Würde)

Ihr habt Gelegenheit genug,
mich zu verbinden. Das kleine Kapital zum Exempel
von zweihundert Talern, das ich der Kirche
schuldig bin, erlaßt ihr mir ja wohl.

MARTIN. 

Das soll uns nicht reuen.

ALBERT. 

Unsere Gemeine ist wohlhabend und wird
auch gern was für Euch tun.

BREME. 

Das wird sich finden. Das schöne Fleck,
das Gemeindegut war und das der Gerichtshalter
zum Garten einzäunen und umarbeiten lassen, das
nehmt ihr wieder in Besitz und überlaßt mir's.

ALBERT. 

Das wollen wir nicht ansehen, das ist
schon verschmerzt.

PETER. 

Wir wollen auch nicht zurückbleiben.

BREME. 

Ihr habt selbst einen hübschen Sohn und ein
schönes Gut; dem könnt' ich meine Tochter geben.
Ich bin nicht stolz, glaubt mir, ich bin nicht stolz.
Ich will Euch gern meinen Schwäger heißen.

PETER. 

Das Mamsellchen ist hübsch genug; nur ist
sie schon zu vornehm erzogen.

BREME. 

Nicht vornehm, aber gescheit. Sie wird sich
in jeden Stand zu finden wissen. Doch darüber läßt
sich noch vieles reden. Lebt jetzt wohl, meine
Freunde, lebt wohl!

ALLE. 

So lebt denn wohl!



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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