> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 6.Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 6.Szene




Sechster Auftritt

(Breme. Martin).

BREME. 

Seid Ihr's, Gevatter Martin?

MARTIN. 

Ja, lieber Gevatter Breme, das bin ich. Ich
habe mich ganz stille aufgemacht, wie die Glocke
zwölfe schlug, und bin hergekommen; aber ich
habe noch Lärm gehört und hin und wider gehen,
und da bin ich im Garten einige mal auf und ab geschlichen,
bis alles ruhig war. Sagt mir nur, was Ihr
wollt, Gevatter Breme, daß wir so spät bei Euch
zusammenkommen, in der Nacht; konnten wir's
denn nicht bei Tag abmachen?

BREME. 

Ihr sollt alles erfahren, nur müßt Ihr Geduld
haben, bis die andern alle beisammen sind.
MARTIN. Wer soll denn noch alles kommen?

BREME. 

Alle unsere guten Freunde, alle vernünftigen
Leute. Außer Euch, der Ihr Schulze von dem
Ort hier seid, kommt noch Peter, der Schulze von
Rosenhahn, und Albert, der Schulze von Wiesengruben;
ich hoffe, auch Jakob wird kommen, der
das hübsche Freigut besitzt. Dann sind recht ordentliche
und vernünftige Leute beisammen, die
schon was ausmachen können.

MARTIN. 

Gevatter Breme, Ihr seid ein wunderlicher
Mann; es ist Euch alles eins, Nacht und Tag, Tag
und Nacht, Sommer und Winter.

BREME. 

Ja, wenn das auch nicht so wäre, könnte
nichts Rechts werden. Wachen oder schlafen, das
ist mir auch so ganz gleich. Es war nach der
Schlacht bei Leuthen, wo unsere Lazarette sich in
schlechtem Zustande befanden und sich wahrhaftig
noch in schlechterm Zustande befunden hätten,
wäre Breme nicht damals ein junger rüstiger Bursche
gewesen. Da lagen viele Blessierte, viele
Kranke, und alle Feldscherer waren alt und verdrossen,
aber Breme ein junger tüchtiger Kerl, Tag
und Nacht parat. Ich sag' Euch, Gevatter, daß ich
acht Nächte nacheinander weg gewacht und am
Tage nicht geschlafen habe. Das merkte sich aber
auch der alte Fritz, der alles wußte, was er wissen
so wollte. Höre Er, Breme, sagte er einmal, als er
in eigner Person das Lazarett visitierte, höre Er,
Breme, man sagt, daß Er an der Schlaflosigkeit
krank liege. - Ich merkte, wo das hinaus wollte,
denn die andern stunden alle dabei; ich faßte mich
und sagte: Ihro Majestät, das ist eine Krankheit,
wie ich sie allen Ihren Dienern wünsche, und da sie
keine Mattigkeit zurückläßt und ich den Tag auch
noch brauchbar bin, so hoffe ich, daß Seine Majestät
deswegen keine Ungnade auf mich werfen werden.

MARTIN. 

Ei, ei! wie nahm denn das der König auf?

BREME. 

Er sah ganz ernsthaft aus, aber ich sah ihm
wohl an, daß es ihm wohlgefiel. Breme, sagte er,
womit vertreibt Er sich denn die Zeit? Da faßt' ich
mir wieder ein Herz und sagte: Ich denke an das,
was Ihro Majestät getan haben und noch tun werden,
und da könnt' ich Methusalems Jahre erreichen
und immer fort wachen und könnt's doch nicht ausdenken.
Da tat er, als hört' er's nicht, und ging vorbei.
Nun war's wohl acht Jahre darnach, da faßt' er
mich bei der Revue wieder ins Auge. Wacht Er
noch immer, Breme? rief er. Ihro Majestät, versetzt'
ich, lassen einem ja im Frieden so wenig Ruh als
im Kriege. Sie tun immer so große Sachen, daß
sich ein gescheiter Kerl daran zu Schanden denkt.

MARTIN. 

So habt Ihr mit dem König gesprochen,
Gevatter? Durfte man so mit ihm reden?

BREME. 

Freilich durfte man so und noch ganz anders,
denn er wußte alles besser. Es war ihm einer
wie der andere, und der Bauer lag ihm am mehrsten
am Herzen. Ich weiß wohl, sagte er zu seinen Ministern,
wenn sie ihm das und jenes einreden wollten,
die Reichen haben viel Advokaten, aber die Dürftigen
haben nur einen, und das bin ich.

MARTIN. 

Wenn ich ihn doch nur auch gesehen hätte!

BREME. 

Stille, ich höre was! es werden unsere
Freunde sein. Sieh da! Peter und Albert.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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