> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 2.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 2.Szene




Zweiter Auftritt

(Die Vorigen. Der Magister).


MAGISTER. 

Guten Morgen, Herr Breme. Was gibt's
Neues? Sie wollen mir etwas Wichtiges vertrauen,
sagten Sie.

BREME. 

Etwas sehr Wichtiges, gewiß! Setzen Sie
sich. 

(Magister will den einzelnen Stuhl nehmen
und zu ihnen nicken). 

Nein, bleiben Sie dort, sitzen
Sie dort nieder! Wir wissen noch nicht, ob Sie
an unserer Seite niedersitzen wollen.

MAGISTER. 

Eine wunderbare Vorbereitung.

BREME. 

Sie sind ein Mann, ein freigeborner, ein
freidenkender, ein geistlicher, ein ehrwürdiger
Mann. Sie sind ehrwürdig, weil Sie geistlich sind,
und noch ehrwürdiger, weil Sie frei sind. Sie sind
frei, weil Sie edel sind, und sind schätzbar, weil Sie
frei sind. Und nun! was haben wir erleben müssen!
Wir haben Sie verachtet, wir haben Sie beleidigt
gesehen, wir haben Ihren edlen Zorn gesehen; aber
einen Zorn ohne Wirkung. Glauben Sie, daß wir
Ihre Freunde sind, so glauben Sie auch, daß sich
unser Herz im Busen umkehrt, wenn wir Sie verkehrt
behandelt sehen. Ein edler Mann und verhöhnt,
ein freier Mann und bedroht, ein geistlicher
Mann und verachtet, ein treuer Diener und verstoßen!
Zwar verhöhnt von Leuten, die selbst Hohn
verdienen, verachtet von Menschen, die keiner
Achtung wert sind, verstoßen von Undankbaren,
deren Wohltaten man nicht genießen möchte, bedroht
von einem Kinde, von einem Mädchen - das
scheint freilich nicht viel zu bedeuten; aber wenn
Ihr bedenkt, daß dieses Mädchen kein Mädchen,
sondern ein eingefleischter Satan ist, daß man sie
Legion nennen sollte - denn es sind viele tausend
aristokratische Geister in sie gefahren -, so seht Ihr
deutlich, was uns von allen Aristokraten bevorsteht,
Ihr seht es, und wenn Ihr klug seid, so nehmt
Ihr Eure Maßregeln.

MAGISTER. 

Wozu soll diese sonderbare Rede?
wohin wird Euch der seltsame Eingang führen?
Sagt Ihr das, um meinen Zorn gegen diese verdammte
Brut noch mehr zu erhitzen, um meine aufs
Äußerste getriebene Empfindlichkeit noch mehr zu
reizen? schweigt stille! wahrhaftig, ich wüßte nicht,
wozu mein gekränktes Herz jetzt nicht alles fähig
wäre. Was! nach so vielen Diensten, nach so vielen
Aufopferungen mir so zu begegnen, mich vor die
Türe zu setzen! und warum? wegen einer elenden
Beule, wegen einer gequetschten Nase, mit der so
viele hundert Kinder lustig auf und davon springen.
Aber es kommt eben recht, eben recht! Sie wissen
nicht, die Großen, wen sie in uns beleidigen, die
wir Zungen, die wir Federn haben.

BREME. 

Dieser edle Zorn ergetzt mich, und so frage
ich Euch denn im Namen aller edlen, freigebornen,
der Freiheit werten Menschen, ob Ihr diese Zunge,
diese Feder von nun an dem Dienste der Freiheit
völlig widmen wollt?

MAGISTER. 

O ja, ich will, ich werde!

BREME. 

Daß Ihr keine Gelegenheit versäumen wollt,
zu dem edlen Zwecke mitzuwirken, nach dem jetzt
die ganze Menschheit emporstrebt?

MAGISTER. 

Ich gebe Euch mein Wort.

BREME. 

So gebt mir Eure Hand, mir und diesen
Männern.

MAGISTER. 

Einem jeden; aber was haben diese
armen Leute, die wie Sklaven behandelt werden,
mit der Freiheit zu tun?

BREME. 

Sie sind nur noch eine Spanne davon, nur
so breit, als die Schwelle des Gefängnisses ist, an
dessen eröffneter Türe sie stehen.

MAGISTER. 

Wie?

BREME. 

Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen werdet!

MAGISTER. 

Ich gebe es.

BREME. 

Der Augenblick ist nahe, die Gemeinden
sind versammelt, in einer Stunde sind sie hier. Wir
überfallen das Schloß, nötigen die Gräfin zur Unterschrift
des Rezesses und zu einer eidlichen Versicherung,
daß künftighin alle drückenden Lasten
aufgehoben sein sollen.

MAGISTER. 

Ich erstaune!

BREME. 

Da habe ich nur noch ein Bedenken wegen
des Eids. Die vornehmen Leute glauben nichts
mehr. Sie wird einen Eid schwören und sich davon
entbinden lassen. Man wird ihr beweisen, daß ein
gezwungener Eid nichts gelte.

MAGISTER. 

Dafür will ich Rat schaffen. Diese Menschen,
die sich über alles wegsetzen, ihresgleichen
behandeln wie das Vieh, ohne Liebe, ohne Mitleid,
ohne Furcht frech in den Tag hineinleben, solange
sie mit Menschen zu tun haben, die sie nicht schätzen,
solange sie von einem Gott sprechen, den sie
nicht erkennen: dieses übermütige Geschlecht kann
sich doch von dem geheimen Schauer nicht
losmachen, der alle lebendigen Kräfte der Natur
durchschwebt, kann die Verbindung sich nicht
leugnen, in der Worte und Wirkung, Tat und Folge
ewig miteinander bleiben. Laßt sie einen feierlichen
Eid tun.

MARTIN. 

Sie soll in der Kirche schwören.

BREME. 

Nein, unter freiem Himmel.

MAGISTER. 

Das ist nichts. Diese feierlichen Szenen
rühren nur die Einbildungskraft. Ich will es euch
anders lehren. Umgebt sie, laßt sie in eurer Mitte
die Hand auf ihres Sohnes Haupt legen, bei diesem
geliebten Haupte ihr Versprechen beteuern und
alles Übel, was einen Menschen betreffen kann, auf
dieses kleine Gefäß herabrufen, wenn sie unter irgendeinem
Vorwande ihr Versprechen zurücknähme
oder zugäbe, daß es vereitelt würde.

BREME. 

Herrlich!

MARTIN. 

Schrecklich!

ALBERT. 

Entsetzlich!

MAGISTER. 

Glaubt mir, sie ist auf ewig gebunden.

BREME. 

Ihr sollt zu ihr in den Kreis treten und ihr
das Gewissen schärfen.

MAGISTER. 

An allem, was ihr tun wollt, nehm' ich
Anteil; nur sagt mir, wie wird man es in der Residenz
ansehen? Wenn sie euch Dragoner schicken,
so seid ihr alle gleich verloren.

MARTIN. 

Da weiß Herr Breme schon Rat.

ALBERT. 

Ja, was das für ein Kopf ist!

MAGISTER. 

Klärt mich auf.

BREME. 

Ja, ja, das ist's nun eben, was man hinter
Hermann Breme dem Zweiten nicht sucht. Er hat
Konnexionen, Verbindungen da, wo man glaubt, er
habe nur Kunden. So viel kann ich euch nur sagen,
und es wissen's diese Leute, daß der Fürst selbst
eine Revolution wünscht.

MAGISTER. 

Der Fürst?

BREME. 

Er hat die Gesinnungen Friedrichs und Josephs,
der beiden Monarchen, welche alle wahren
Demokraten als ihre Heiligen anbeten sollten. Er
ist erzürnt, zu sehen, wie der Bürger- und Bauernstand
unterm Druck des Adels seufzt, und leider
kann er selbst nicht wirken, da er von lauter Aristokraten
umgeben ist. Haben wir uns nur aber erst legitimiert,
dann setzt er sich an unsere Spitze, und
seine Truppen sind zu unsern Diensten, und Breme
und alle braven Männer sind an seiner Seite.

MAGISTER. 

Wie habt Ihr das alles erforscht und
getan und habt Euch nichts merken lassen?

BREME. 

Man muß im stillen viel tun, um die Welt
zu überraschen. 

(Er geht ans Fenster). 

Wenn nur erst der Hofrat fort wäre, dann solltet ihr Wunder
sehen.

MARTIN (auf Bremen deutend).

Nicht wahr, das ist ein Mann!

ALBERT. 

Er kann einem recht Herz machen.

BREME. 

Und, lieber Magister, die Verdienste, die
Ihr Euch heute nacht erwerbt, dürfen nicht unbelohnt
bleiben. Wir arbeiten heute fürs ganze Vaterland.
Von unserm Dorfe wird die Sonne der Freiheit
aufgehen. Wer hätte das gedacht!

MAGISTER. 

Befürchtet Ihr keinen Widerstand?

BREME. 

Dafür ist schon gesorgt. Der Amtmann und
die Gerichtsdiener werden gleich gefangengenommen.
Der Hofrat geht weg, die paar Bedienten wollen
nichts sagen, und der Baron ist nur der einzige
Mann im Schlosse; den locke ich durch meine
Tochter herüber ins Haus und sperre ihn ein, bis
alles vorbei ist.

MARTIN. 

Wohl ausgedacht.

MAGISTER. 

Ich verwundere mich über Eure Klugheit.

BREME. 

Nu, nu! wenn es Gelegenheit gibt, sie zu
zeigen, sollt Ihr noch mehr sehen, besonders was
die auswärtigen Angelegenheiten betrifft. Glaubt
mir, es geht nichts über einen guten Chirurgus, besonders
wenn er dabei ein geschickter Barbier ist.
Das unverständige Volk spricht viel von Bartkratzern
und bedenkt nicht, wie viel dazu gehört jemanden
zu barbieren, eben daß es nicht kratze.
Glaubt mir nur, es wird zu nichts mehr Politik erfordert,
als den Leuten den Bart zu putzen, ihnen
diese garstigen barbarischen Exkremente der Natur,
diese Barthaare, womit sie das männliche Kinn täglich
verunreinigt, hinwegzunehmen und den Mann
dadurch an Gestalt und Sitten einer glattwangigen
Frau, einem zarten liebenswürdigen Jüngling ähnlich
zu machen. Komme ich dereinst dazu, mein
Leben und Meinungen aufzusetzen, so soll man
über die Theorie der Barbierkunst erstaunen, aus
der ich zugleich alle Lebens- und Klugheitsregeln
herleiten will.

MAGISTER.

Ihr seid ein originaler Kopf.

BREME. 

Ja, ja, das weiß ich wohl, und deswegen
habe ich auch den Leuten verziehen, wenn sie mich
oft nicht begreifen konnten und wenn sie, albern
genug, glaubten mich zum besten zu haben. Aber
ich will ihnen zeigen, daß, wer einen rechten Seifenschaum
zu schlagen weiß, wer mit Leichtigkeit,
Bequemlichkeit und Gewandtheit der Finger einzuseifen,
den sprödesten Bart zahm zu machen versteht;
wer da weiß, daß ein frisch abgezognes Messer
ebenso gut rauft als ein stumpfes, wer mit dem
Strich oder wider den Strich die Haare wegnimmt,
als wären sie gar nicht dagewesen; wer dem warmen
Wasser zum Abwaschen die gehörige Temperatur
verleiht und selbst das Abtrocknen mit Gefälligkeit
verrichtet und in seinem ganzen Benehmen
etwas Zierliches darstellt - das ist kein gemeiner
Mensch, sondern er muß alle Eigenschaften besitzen,
die einem Minister Ehre machen.

ALBERT. 

Ja, ja, es ist ein Unterschied zwischen Barbier
und Barbier.

MARTIN. 

Und Herr Breme besonders, das ist dir
eine ordentliche Lust.

BREME. 

Nu, nu, es wird sich zeigen. Es ist bei der
ganzen Kunst nichts Unbedeutendes. Die Art, den
Schersack aus- und einzukramen, die Art, die Gerätschaften
zu halten, ihn unterm Arm zu tragen -
ihr sollt Wunder hören und sehen. Nun wird's aber
Zeit, daß ich meine Tochter vorkriege. Ihr Leute,
geht an eure Posten! Herr Magister, halten Sie sich
in der Nähe.

MAGISTER.

Ich gehe in den Gasthof, wohin ich
gleich meine Sachen habe bringen lassen, als man
mir im Schlosse übel begegnete.

BREME. 

Wenn Sie stürmen hören, so soll's Ihnen
freistehen, sich zu uns zu schlagen oder abzuwarten,
ob es uns glückt, woran ich gar nicht zweifle.

MAGISTER. 

Ich werde nicht fehlen.

BREME. 

So lebt denn wohl und gebt aufs Zeichen
acht.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

Keine Kommentare: