> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 5.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 5.Szene




Fünfter Auftritt

(Friederike. Der Baron. Die Vorigen).

FRIEDERIKE. 

Hier, liebe Mutter, ein Hase und zwei
Feldhühner! Ich habe die drei Stücke geschossen,
der Vetter hat immer gepudelt.

GRÄFIN. 

Du siebst wild aus, Friederike; wie du
durchnäßt bist!

FRIEDERIKE 

(das Wasser vom Hute abschwingend).

Der erste glückliche Morgen, den ich seit
langer Zeit gehabt habe.

BARON. 

Sie jagt mich nun schon vier Stunden im
Felde herum.

FRIEDERIKE. 

Es war eine rechte Lust. Gleich nach
Tische wollen wir wieder hinaus.

GRÄFIN. 

Wenn du's so heftig treibst, wirst du es
bald überdrüssig werden.

FRIEDERIKE. 

Geben Sie mir das Zeugnis, liebe
Mama! wie oft hab' ich mich aus Paris wieder nach
unsern Revieren gesehnt. Die Opern, die Schauspiele,
die Gesellschaften, die Gastereien, die Spaziergänge,
was ist das alles gegen einen einzigen
vergnügten Tag auf der Jagd, unter freiem Himmel,
auf unsern Bergen, wo wir eingeboren und eingewohnt
sind. - Wir müssen ehester Tage hetzen, Vetter.

BARON. 

Sie werden noch warten müssen, die Frucht
ist noch nicht aus dem Felde.

FRIEDERIKE. 

Was will das viel schaden? es ist fast
von gar keiner Bedeutung. Sobald es ein bißchen
auftrocknet, wollen wir hetzen.

GRÄFIN. 

Geh, zieh dich um! Ich vermute, daß wir zu
Tische noch einen Gast haben, der sich nur kurze
Zeit bei uns aufhalten kann.

BARON. 

Wird der Hofrat kommen?

GRÄFIN. 

Er versprach mir, heute wenigstens auf ein
Stündchen einzusprechen. Er geht auf Kommission.

BARON. 

Es sind einige Unruhen im Lande.

GRÄFIN. 

Es wird nichts zu bedeuten haben, wenn
man sich nur vernünftig gegen die Menschen beträgt
und ihnen ihren wahren Vorteil zeigt.

FRIEDERIKE. 

Unruhen? Wer will Unruhen anfangen?

BARON. 

Mißvergnügte Bauern, die von ihren Herrschaften
gedrückt werden und die leicht Anführer
finden.

FRIEDERIKE. 

Die muß man auf den Kopf schießen.

(Sie macht Bewegungen mit der Flinte). 

Sehen Sie, gnädige Mama, wie der Magister die Flinte
verwahrlost hat! Ich wollte sie doch mitnehmen,
und da Sie es nicht erlaubten, wollte ich sie dem
Jäger aufzuheben geben. Da bat mich der Graurock
so inständig, sie ihm zu lassen: sie sei so leicht,
sagt' er, so bequem, er wolle sie so gut halten, er
wolle so oft auf die Jagd gehen. Ich ward ihm wirklich
gut, weil er so oft auf die Jagd gehen wollte,
und nun, sehen Sie, find' ich sie heute in der Gesindestube
hinterm Ofen. Wie das aus sieht! sie wird
in meinem Leben nicht wieder rein.

BARON. 

Er hatte die Zeit her mehr zu tun; er arbeitet
mit an der allgemeinen Gleichheit, und da hält er
wahrscheinlich die Hasen auch mit für seinesgleichen
und scheut sich, ihnen was zuleide zu tun.

GRÄFIN. 

Zieht euch an, Kinder, damit wir nicht zu
warten brauchen. Sobald der Hofrat kommt, wollen
wir essen. (Ab).

FRIEDERIKE 

(ihre Flinte besehend). 

Ich habe die französische Revolution schon so oft verwünscht,
und jetzt tu' ich's doppelt und dreifach. Wie kann
mir nun der Schaden ersetzt werden, daß meine
Flinte rostig ist?



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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