> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 4.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 4.Szene





Vierter Auftritt


(Die Vorigen. Luise).

(Durch die Ankunft dieses vorzüglichen
Frauenzimmers wird die Lebhaftigkeit des
Gesprächs erst gemildert und sodann die
Unterredung von dem Gegenstande gänzlich
abgelenkt. Der Magister, der nun weiterhin kein
Interesse findet, entfernt sich, und das Gespräch
unter den beiden Frauenzimmern setzt sich fort, wie
folgt).


GRÄFIN. 

Was macht mein Sohn? ich war eben im
Begriff, zu ihm zu gehen.

LUISE. 


Er schläft recht ruhig, und ich hoffe, er wird
bald wieder herumspringen und in kurzer Zeit keine
Spur der Beschädigung mehr übrig sein.

GRÄFIN. 

Das Wetter ist gar zu übel, sonst ging ich
in den Garten. Ich bin recht neugierig, zu sehen,
wie alles gewachsen ist und wie der Wasserfall,
wie die Brücke und die Felsenkluft sich jetzt ausnehmen.

LUISE. 

Es ist alles vortrefflich gewachsen; die Wildnisse,
die Sie angelegt haben, scheinen natürlich zu
sein, sie bezaubern jeden, der sie zum erstenmal
sieht, und auch mir geben sie noch immer in einer
stillen Stunde einen angenehmen Aufenthalt. Doch
muß ich gestehen, daß ich in der Baumschule unter
den fruchtbaren Bäumen lieber bin. Der Gedanke
des Nutzens führt mich aus mir selbst heraus und
gibt mir eine Fröhlichkeit, die ich sonst nicht empfinde.
Ich kann säen, pfropfen, okulieren; und
wenngleich mein Auge keine malerische Wirkung
empfindet, so ist mir doch der Gedanke von Früchten
höchst reizend, die einmal und wohl bald jemanden
erquicken werden.

GRÄFIN. 

Ich schätze Ihre guten häuslichen Gesinnungen.

LUISE. 

Die einzigen, die sich für den Stand schicken,
der ans Notwendige zu denken hat, dem wenig
Willkür erlaubt ist.

GRÄFIN. 

Haben Sie den Antrag überlegt, den ich
Ihnen in meinem letzten Briefe tat? können Sie sich
entschließen, meiner Tochter Ihre Zeit zu widmen,
als Freundin, als Gesellschafterin mit ihr zu leben?

LUISE. 

Ich habe kein Bedenken, gnädige Gräfin.

GRÄFIN. 

Ich hatte viel Bedenken, Ihnen den Antrag
zu tun. Die wilde und unbändige Gemütsart meiner
Tochter macht ihren Umgang unangenehm und oft
sehr verdrießlich. So leicht mein Sohn zu behandeln
ist, so schwer ist es meine Tochter.

LUISE. 

Dagegen ist ihr edles Herz, ihre Art, zu handeln,
aller Achtung wert. Sie ist heftig, aber bald zu
besänftigen, unbillig, aber gerecht, stolz, aber
menschlich.

GRÄFIN. 

Hierin ist sie ihrem Vater --

LUISE. 

Äußerst ähnlich. Auf eine sehr sonderbare
Weise scheint die Natur in der Tochter den rauhen
Vater, in dem Sohne die zärtliche Mutter wieder
hervorgebracht zu haben.

GRÄFIN. 

Versuchen Sie, Luise, dieses wilde, aber
edle Feuer zu dämpfen. Sie besitzen alle Tugenden,
die ihr fehlen. In Ihrer Nähe, durch Ihr Beispiel
wird sie gereizt werden, sich nach einem Muster zu
bilden, das so liebenswürdig ist.

LUISE. 

Sie beschämen mich, gnädige Gräfin. Ich
kenne mir keine Tugend als die, daß ich mich bisher
in mein Schicksal zu finden wußte, und selbst
diese hat kein Verdienst mehr, seitdem Sie, gnädige
Gräfin, so viel getan haben, um es zu erleichtern.
Sie tun jetzt noch mehr, da Sie mich näher an sich
heranziehen. Nach dem Tode meines Vaters und
dem Umsturz meiner Familie habe ich vieles entbehren
lernen, nur nicht gesitteten und verständigen
Umgang.

GRÄFIN. 

Bei Ihrem Onkel müssen Sie von dieser
Seite viel ausstehen.

LUISE. 

Es ist ein guter Mann; aber seine Einbildung
macht ihn oft höchst albern, besonders seit der letzten
Zeit, da jeder ein Recht zu haben glaubt, nicht
nur über die großen Weltbändel zu reden, sondern
auch darin mitzuwirken.

GRÄFIN. 

Es geht ihm wie sehr vielen.

LUISE. 

Ich habe manchmal meine Bemerkungen im
stillen darüber gemacht. Wer die Menschen nicht
kennte, würde sie jetzt leicht kennen lernen. So
viele nehmen sich der Sache der Freiheit, der allgemeinen
Gleichheit an, nur um für sich eine Ausnahme
zu machen, nur um zu wirken, es sei, auf welche
Art es wolle.

GRÄFIN. 

Sie hätten nichts mehr erfahren können,
und wenn Sie mit mir in Paris gewesen wären.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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