> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 4.Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 4.Szene




Vierter Auftritt


(Karoline. Breme).


KAROLINE. 

Lieber Vater, wie geht's? was macht der
junge Graf?

BREME. 

Es ist eine starke Kontusion; doch hoff' ich,
die Läsion soll nicht gefährlich sein. Ich werde eine
vortreffliche Kur machen, und der Herr Graf wird
sich künftig, sooft er sich im Spiegel besieht, bei
der Schmarre mit Achtung seines geschickten Chirurgi,
seines Breme von Bremenfeld erinnern.

KAROLINE. 

Die arme Gräfin! wenn sie nur nicht
schon morgen käme.

BREME. 

Desto besser! und wenn sie den übeln Zustand
des Patienten mit Augen sieht, wird sie, wenn
die Kur vollbracht ist, desto mehr Ehrfurcht für
meine Kunst empfinden. Standespersonen müssen
auch wissen, daß sie und ihre Kinder Menschen
sind; man kann sie nicht genug empfinden machen,
wie verehrungswürdig ein Mann ist, der ihnen in
ihren Nöten beisteht, denen sie wie alle Kinder
Adams unterworfen sind, besonders ein Chirurgus.
Ich sage dir, mein Kind, ein Chirurgus ist der verehrungswürdigste
Mann auf dem ganzen Erdboden.
Der Theolog befreit dich von der Sünde, die er
selbst erfunden hat; der Jurist gewinnt dir deinen
Prozeß und bringt deinen Gegner, der gleiches
Recht hat, an den Bettelstab; der Medikus kuriert
dir eine Krankheit weg, die andere herbei, und du
kannst nie recht wissen, ob er dir genutzt oder geschadet
hat: der Chirurgus aber befreit dich von
einem reellen Übel, das du dir selbst zugezogen
hast oder das dir zufällig und unverschuldet über
den Hals kommt; er nutzt dir, schadet keinem Menschen,
und du kannst dich unwidersprechlich überzeugen,
daß seine Kur gelungen ist.

KAROLINE. 

Freilich auch, wenn sie nicht gelungen
ist.

BREME. 

Das lehrt dich den Pfuscher vom Meister
unterscheiden. Freue dich, meine Tochter, daß du
einen solchen Meister zum Vater hast: für ein
wohldenkendes Kind ist nichts ergetzlicher, als
sich seiner Eltern und Großeltern zu freuen.

KAROLINE (mit traurigem Ton, wie bisher). 

Das tu ich, mein Vater.

BREME (sie nachahmend). 

Das tust du, mein Töchterchen,
mit einem betrübten Gesichtchen und weinerlichen
Tone. - Das soll doch wohl keine Freude vorstellen?

KAROLINE. 

Ach, mein Vater!

BREME. 

Was hast du, mein Kind?

KAROLINE. 

Ich muß es Ihnen gleich sagen.

BREME. 

Was hast du?

KAROLINE. 

Sie wissen, der Baron hat diese Tage
her sehr freundlich, sehr zärtlich mit mir getan; ich
sagt' es Ihnen gleich und fragte Sie um Rat.

BREME. 

Du bist ein vortreffliches Mädchen! wert,
als eine Prinzessin, eine Königin aufzutreten.

KAROLINE. 

Sie rieten mir, auf meiner Hut zu sein,
auf mich wohl achtzuhaben, aber auch auf ihn; mir
nichts zu vergeben, aber auch ein Glück, wenn es
mich aufsuchen sollte, nicht von mir zu stoßen. Ich
habe mich gegen ihn betragen, daß ich mir keine
Vorwürfe zu machen habe; aber er -

BREME. 

Sprich, meine Tochter, sag, was ist geschehen?

KAROLINE. 

O, es ist abscheulich. Wie frech, wie verwegen! -

BREME. 

Wie? (Nach einer Pause). 

Sage mir nichts,meine Tochter, du kennst mich, ich bin eines hitzigen
Temperaments, ein alter Soldat; ich würde mich nicht fassen können, ich würde einen tollen Streich machen.

KAROLINE. 

Sie können es hören, mein Vater, ohne
zu zürnen; ich darf es sagen, ohne rot zu werden.
Er hat meine Freundlichkeit übel ausgelegt, er hat
sich in Ihrer Abwesenheit, nachdem Luise auf das
Schloß geeilt war, hier ins Haus geschlichen. Er
war verwegen, aber ich wies ihn zurechte. Ich trieb
ihn fort, und ich darf wohl sagen: seit diesem Augenblick
haben sich meine Gesinnungen gegen ihn
geändert. Er schien mir liebenswürdig, als er gut
war, als ich glauben konnte, daß er es gut mit mir
meinte; jetzt kommt er mir vor, schlimmer als jeder
andere. Ich werde Ihnen alles, wie bisher, erzählen,
alles gestehen und mich Ihrem Rat ganz allein
überlassen.

BREME. 

Welch ein Mädchen! welch ein vortreffliches
Mädchen! O ich beneidenswerter Vater! Wartet
nur, Herr Baron, wartet nur! Die Hunde werden
von der Kette loskommen und den Füchsen den
Weg zum Taubenschlag verrennen. Ich will nicht
Breme heißen, nicht den Namen Bremenfeld
verdienen, wenn in kurzem nicht alles anders werden
soll.

KAROLINE. 

Erzürnt Euch nicht, mein Vater.

BREME. 

Du gibst mir ein neues Leben, meine Tochter;
ja, fahre fort, deinen Stand durch deine Tugend
zu zieren, gleiche in allem deiner vortrefflichen Urgroßmutter,
der seligen Bürgemeisterin von Bremenfeld.
Diese würdige Frau war durch Sittsamkeit
die Ehre ihres Geschlechts und durch Verstand die
Stütze ihres Gemahls. Betrachte dieses Bild jeden
Tag, jede Stunde, ahme sie nach und werde verehrungswürdig
wie sie!

(Karoline sieht das Bild an
und lacht). 

Was lachst du, meine Tochter?

KAROLINE.

Ich will meiner Urgroßmutter gern in
allem Guten folgen, wenn ich mich nur nicht anziehen
soll wie sie. Ha, ha, ha! Sehn Sie nur, sooft ich
das Bild ansehe, muß ich lachen, ob ich es gleich
alle Tage vor Augen habe, ha, ha, ha! Sehn Sie nur
das Häubchen, das wie Fledermausflügel vom
Kopfe lossteht.

BREME. 

Nun, nun! zu ihrer Zeit lachte niemand darüber,
und wer weiß, wer über euch künftig lacht,
wenn er euch gemalt sieht; denn ihr seid sehr selten
angezogen und aufgeputzt, daß ich sagen möchte,
ob du gleich meine hübsche Tochter bist: sie gefällt
mir! Gleiche dieser vortrefflichen Frau an Tugenden
und kleide dich mit besserm Geschmack, so
hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, daß, wie sie
sagen, der gute Geschmack nicht teurer ist als der
schlechte. Übrigens dächt' ich, du gingst zu Bette;
denn es ist spät.

KAROLINE. 

Wollen Sie nicht noch Kaffee trinken?
das Wasser siedet, er ist gleich gemacht.

BREME. 

Setze nur alles zurechte, schütte den gemahlenen
Kaffee in die Kanne, das heiße Wasser will
ich selbst darüber gießen.

KAROLINE. 

Gute Nacht, mein Vater! (Geht ab).

BREME. 

Schlafwohl, mein Kind.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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