> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 7.Szene

2019-08-24

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 4.Akt 7.Szene




Siebenter Auftritt

(Friederike, nachher die Gräfin und der Hofrat).

FRIEDERIKE. 

Die Büchse ist noch, wie ich sie verlassen
habe; die hat mir der Jäger recht gut versorgt.
Ja, das ist auch ein Jäger, und über die geht
nichts. Ich will sie gleich laden und morgen früh
bei guter Tageszeit einen Hirsch schießen. 

(Sie beschäftigt sich an einem Tische, worauf ein Armleuchter
steht, mit Pulverhorn, Lademaß, Pflaster,
Kugel, Hammer und lädt die Büchse ganz langsam
und methodisch).

GRÄFIN. 

Da hast du schon wieder das Pulverhorn
beim Licht, wie leicht kann eine Schnuppe herunterfallen.
Sei doch vernünftig, du kannst dich unglücklich
machen.

FRIEDERIKE. 

Lassen Sie mich, liebe Mutter, ich bin
schon vorsichtig. Wer sich vor dem Pulver fürchtet,
muß nicht mit Pulver umgehen.

GRÄFIN. 

Sagen Sie mir, lieber Hofrat, ich habe es
recht auf dem Herzen: könnten wir nicht einen
Schritt tun, wenigstens bis Sie zurückkommen?
HOFRAT. Ich verehre in Ihnen diese Heftigkeit, das
Gute zu wirken und nicht einen Augenblick zu zaudern.

GRÄFIN. 

Was ich einmal für Recht erkenne, möcht'
ich auch gleich getan sehn. Das Leben ist so kurz,
und das Gute wirkt so langsam.

HOFRAT. 

Wie meinen Sie denn?

GRÄFIN. S

ie sind moralisch überzeugt, daß der Amtmann
in dem Kriege das Dokument beiseitegebracht
hat -
FRIEDERIKE (heftig). 

Sind Sie 's?

HOFRAT. 

Nach allen Anzeigen kann ich wohl sagen,
es ist mehr als Vermutung.

GRÄFIN. 

Sie glauben, daß er es noch zu irgendeiner
Absicht verwahre?

FRIEDERIKE (wie oben). 

Glauben Sie?

HOFRAT. 

Bei der Verworrenheit seiner Rechnungen,
bei der Unordnung des Archivs, bei der ganzen Art,
wie er diesen Rechtshandel benutzt hat, kann ich
vermuten, daß er sich einen Rückzug vorbehält,
daß er vielleicht, wenn man ihn von dieser Seite
drängt, sich auf die andere zu retten und das Dokument
dem Gegenteile für eine an sehnliche Summe
zu verhandeln denkt.

GRÄFIN. 

Wie wär' es, man suchte ihn durch Gewinst
zu locken? Er wünscht seinen Neffen substituiert
zu haben; wie wär' es, wir versprächen diesem jungen
Menschen eine Belohnung, wenn er zur Probe
das Archiv in Ordnung brächte, besonders eine ansehnliche,
wenn er das Dokument ausfindig machte?
Man gäbe ihm Hoffnung zur Substitution. Sprechen
Sie ihn noch, ehe Sie fortgehen; indes, bis Sie
wiederkommen, richtet sich's ein.

HOFRAT. 

Es ist zu spät, der Mann ist gewiß schon
zu Bette.

GRÄFIN. 

Glauben Sie das nicht. So alt er ist, paßt er
Ihnen auf, bis Sie in den Wagen steigen. Er macht
Ihnen noch in völliger Kleidung seinen Scharrfuß
und versäumt gewiß nicht, sich Ihnen zu empfehlen.
Lassen wir ihn rufen.

FRIEDERIKE. 

Lassen Sie ihn rufen, man muß doch
sehen, wie er sich gebärdet.

HOFRAT. 

Ich bin's zufrieden.
FRIEDERIKE 

(klingelt und sagt zum Bedienten, der
hereinkommt). 

Der Amtmann möchte doch noch
einen Augenblick herüberkommen!

GRÄFIN. 

Die Augenblicke sind kostbar. Wollen Sie
nicht indes noch einen Blick auf die Papiere werfen,
die sich auf diese Sache beziehen?

(Zusammen ab).



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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