> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 1.Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 2.Akt 1.Szene




Zweiter Aufzug

Erster Auftritt


(Vorzimmer der Gräfin. Sowohl im Fond als an den
Seiten hängen adelige Familienbilder in
mannigfaltigen geistlichen und weltlichen
Kostümen.
Der Amtmann tritt herein, und indem er sich
umsieht, ob niemand da ist, kommt Luise von der
andern Seite).

AMTMANN. 

Guten Morgen, Demoiselle! Sind Ihro
Exzellenz zu sprechen? Kann ich meine untertänigste
Devotion zu Füßen legen?

LUISE. 

Verzeihen Sie einigen Augenblick, Herr Amtmann
Die Frau Gräfin wird gleich herauskommen.
Die Beschwerlichkeiten der Reise und das
Schrecken bei der Ankunft haben einige Ruhe nötig
gemacht.

AMTMANN. 

Ich bedaure von ganzem Herzen! Nach
einer so langen Abwesenheit, nach einer so beschwerlichen
Reise ihren einzig geliebten Sohn in
einem so schrecklichen Zustande zu finden! ich
muß gestehen, es schaudert mich, wenn ich nur
daran denke. Ihro Exzellenz waren wohl sehr alteriert?

LUISE. 

Sie können sich leicht vorstellen, was eine
zärtliche sorgsame Mutter empfinden mußte, als sie
ausstieg, ins Haus trat und da die Verwirrung fand,
nach ihrem Sohne fragte und aus unserm Stocken
und Stottern leicht schließen konnte, daß ihm ein
Unglück begegnet sei.

AMTMANN. 

Ich bedaure von Herzen. Was fingen
Sie an?

LUISE. 

Wir mußten nur geschwind alles erzählen,
damit sie nicht etwas Schlimmeres besorgte; wir
mußten sie zu dem Kinde führen, das mit verbundenem
Kopf und blutigen Kleidern dalag. Wir hatten
nur für Umschläge gesorgt und ihn nicht ausziehen
können.

AMTMANN. 

Es muß ein schrecklicher Anblick gewesen
sein.

LUISE. 

Sie blickte hin, tat einen lauten Schrei und
fiel mir ohnmächtig in die Arme. Sie war untröstlich,
als sie wieder zu sich kam, und wir hatten alle
Mühe, sie zu überführen, daß das Kind sich nur
eine starke Beule gefallen, daß es aus der Nase geblutet
und daß keine Gefahr sei.

AMTMANN. 

Ich möcht' es mit dem Hofmeister nicht
teilen, der das Kind so vernachlässigt.

LUISE. 

Ich wunderte mich über die Gelassenheit der
Gräfin, besonders da er den Vorfall leichter behandelte,
als es ihm in dem Augenblick geziemte.

AMTMANN. 

Sie ist gar zu gnädig, gar zu nachsichtig.
LUISE. Aber sie kennt ihre Leute und merkt sich
alles. Sie weiß, wer ihr redlich und treu dient; sie
weiß, wer nur dem Schein nach ihr untertäniger
Knecht ist. Sie kennt die Nachlässigen so gut als
die Falschen, die Unklugen so wohl als die Bösartigen.

AMTMANN. 

Sie sagen nicht zu viel, es ist eine vortreffliche
Dame, aber eben deswegen! Der Hofmeister
verdiente doch, daß sie ihn geradezu wegschickte.

LUISE. 

In allem, was das Schicksal des Menschen
betrifft, geht sie langsam zu Werke, wie es einem
Großen geziemt. Es ist nichts schrecklicher als
Macht und Übereilung.

AMTMANN. 

Aber Macht und Schwäche sind auch
ein trauriges Paar.

LUISE. 

Sie werden der gnädigen Gräfin nicht nachsagen,
daß sie schwach sei.

AMTMANN. 

Behüte Gott, daß ein solcher Gedanke
einem alten treuen Diener einfallen sollte! Aber es
ist denn doch erlaubt, zum Vorteil seiner gnädigen
Herrschaft zu wünschen, daß man manchmal mit
mehr Strenge gegen Leute zu Werke gehe, die mit
Strenge behandelt sein wollen.

LUISE. Die Frau Gräfin!

 (Tritt ab).



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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