> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 3.Akt 1.Szene

2019-08-23

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 3.Akt 1.Szene



Dritter Aufzug

Erster Auftritt

(Saal im Schlosse. Gräfin. Hofrat).

GRÄFIN. 

Ich geb' es Ihnen recht aufs Gewissen, teurer
Freund. Denken Sie nach, wie wir diesem unangenehmen
Prozesse ein Ende machen. Ihre große
Kenntnis der Gesetze, Ihr Verstand und Ihre
Menschlichkeit helfen gewiß ein Mittel finden, wie
wir aus dieser widerlichen Sache scheiden können.
Ich habe es sonst leichter genommen, wenn man
unrecht hatte und im Besitz war: je nun, dacht' ich,
es geht ja wohl so hin, und wer hat, ist am besten
dran. Seitdem ich aber bemerkt habe, wie sich Unbilligkeit
von Geschlecht zu Geschlecht so leicht
aufhäuft, wie großmütige Handlungen meistenteils
nur persönlich sind und der Eigennutz allein
gleichsam erblich wird; seitdem ich mit Augen gesehen
habe, daß die menschliche Natur auf einen
unglaublichen Grad gedrückt und erniedrigt, aber
nicht unterdrückt und vernichtet werden kann: so
habe ich mir fest vorgenommen, jede einzelne
Handlung, die mir unbillig scheint, selbst streng zu
vermeiden und unter den Meinigen, in Gesellschaft,
bei Hof, in der Stadt über solche Handlungen
meine Meinung laut zu sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit
will ich mehr schweigen, keine Kleinheit
unter einem großen Scheine ertragen, und wenn ich
auch unter dem verhaßten Namen einer Demokratin
verschrien werden sollte.

HOFRAT. 

Es ist schön, gnädige Gräfin, und ich freue
mich, Sie wiederzufinden, wie ich Abschied von
Ihnen genommen, und noch ausgebildeter. Sie
waren eine Schülerin der großen Männer, die uns
durch ihre Schriften in Freiheit gesetzt haben, und
nun finde ich in Ihnen einen Zögling der großen
Begebenheiten, die uns einen lebendigen Begriff
geben von allem, was der wohldenkende Staatsbürger
wünschen und verabscheuen muß. Es ziemt
Ihnen, Ihrem eignen Stande Widerpart zu halten.
Ein jeder kann nur seinen eignen Stand beurteilen
und tadeln. Aller Tadel heraufwärts oder hinabwärts
ist mit Nebenbegriffen und Kleinheiten vermischt,
man kann nur durch seinesgleichen gerichtet
werden. Aber eben deswegen, weil ich ein Bürger
bin, der es zu bleiben denkt, der das große Gewicht
des höheren Standes im Staate anerkennt und
zu schätzen Ursache hat, bin ich auch unversöhnlich
gegen die kleinlichen neidischen Neckereien,
gegen den blinden Haß, der nur aus eigner Selbstigkeit
erzeugt wird, prätentios Prätentionen bekämpft,
sich über Formalitäten formalisiert und,
ohne selbst Realität zu haben, da nur Schein sieht,
wo er Glück und Folge sehen könnte. Wahrlich!
wenn alle Vorzüge gelten sollen, Gesundheit,
Schönheit, Jugend, Reichtum, Verstand, Talente,
Klima, warum soll der Vorzug nicht auch irgendeine
Art von Gültigkeit haben, daß ich von einer
Reihe tapferer, bekannter, ehrenvoller Väter entsprungen
bin! Das will ich sagen da, wo ich eine
Stimme habe, und wenn man mir auch den verhaßten
Namen eines Aristokraten zueignete.

(Hier findet sich eine Lücke, welche wir durch Erzählung
ausfüllen. Der trockne Ernst dieser Szene
wird dadurch gemildert, daß der Hofrat seine
Neigung zu Luisen bekennt, indem er sich bereit
zeigt, ihr seine Hand zu geben. Ihre frühern Verhältnisse,
vor dem Umsturz, den Luisens Familie
erlitt, kommen zur Sprache, sowie die stillen Bemühungen
des vorzüglichen Mannes, sich und zugleich
Luisen eine Existenz zu verschaffen.
Eine Szene zwischen der Gräfin, Luisen und dem
Hofrat gibt Gelegenheit, drei schöne Charaktere
näher kennen zu lernen und uns für das, was wir
in den nächsten Auftritten erdulden sollen,
vorläufig einigermaßen zu entschädigen. Denn
nun versammelt sich um den Teetisch, wo Luise
einschenkt, nach und nach das ganze Personal
des Stücks, so daß zuletzt auch die Bauern eingeführt
werden. Da man sich nun nicht enthalten
kann, von Politik zu sprechen, so tut der Baron,
welcher Leichtsinn, Frevel und Spott nicht verbergen
kann, den Vorschlag, sogleich eine Nationalversammlung
vorzustellen. Der Hofrat wird zum
Präsidenten erwählt, und die Charaktere der Mitspielenden,
wie man sie schon kennt, entwickeln
sich freier und heftiger. Die Gräfin, das Söhnchen
mit verbundenem Kopfe neben sich, stellt die Fürstin
vor, deren Ansehen geschmälert werden soll
und die aus eigenen liberalen Gesinnungen nachzugeben
geneigt ist. Der Hofrat, verständig und
gemäßigt, sucht ein Gleichgewicht zu erhalten,
ein Bemühen, das jeden Augenblick schwieriger
wird. Der Baron spielt die Rolle des Edelmanns,
der von seinem Stande abfällt und zum Volke
übergeht. Durch seine schelmische Verstellung
werden die andern gelockt, ihr Innerstes hervorzukehren.
Auch Herzensangelegenheiten mischen
sich mit ins Spiel. Der Baron verfehlt nicht, Karolinen
die schmeichelhaftesten Sachen zu sagen,
die sie ihren schönsten Gunsten auslegen kann.
An der Heftigkeit, womit Jakob die Gerechtsame
des gräflichen Hauses verteidigt, läßt sich eine
stille, unbewußte Neigung zu der jungen Gräfin
nicht verkennen. Luise sieht in allem diesen nur
die Erschütterung des häuslichen Glücks, dem sie
sich so nahe glaubt, und wenn die Bauern mitunter
schwerfällig werden, so erheitert Bremenfeld
die Szene durch seinen Dünkel, durch Geschichten
und guten Humor. Der Magister, wie wir ihn
schon kennen, überschreitet vollkommen die
Grenze, und da der Baron immerfort hetzt, läuft
es endlich auf Persönlichkeiten hinaus, und als
nun vollends die Brausche des Erbgrafen als unbedeutend,
ja lächerlich behandelt wird, so bricht
die Gräfin los, und die Sache kommt so weit, daß
dem Magister aufgekündigt wird. Der Baron verschlimmert
das Übel, und er bedient sich, da der
Lärm 25immer stärker wird, der Gelegenheit,
mehr in Karolinen zu dringen und sie zu einer
heimlichen Zusammenkunft für die Nacht zu bereden.
Bei allem diesen zeigt sich die junge Gräfin
entschieden heftig, parteiisch auf ihren Stand,
hartnäckig auf ihren Besitz, welche Härte jedoch
durch ein unbefangenes, rein natürliches und im
tiefsten Grunde rechtliches weibliches Wesen bis
zur Liebenswürdigkeit gemildert wird. Und so
läßt sich einsehen, daß der Akt ziemlich tumultuarisch
und, insofern es der bedenkliche
Gegenstand erlaubt, für das Gefühl nicht ganz
unerträglich geendigt wird. Vielleicht bedauert
man, daß der Verfasser die Schwierigkeiten einer
solchen Szene nicht zur rechten Zeit zu überwinden
bemüht war).



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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