> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 2. Szene

2019-08-22

Johann Wolfgang Goethe: Die Aufgeregten- 1.Akt 2. Szene







Zweiter Auftritt

(Die Vorigen. Georg).

GEORG (heftig und ängstlich). 

Liebes Mamsellchen,
geben Sie mir geschwinde, geschwinde -

LUISE. 

Was denn, Georg?

GEORG. 

Geben Sie mir die Flasche.

LUISE. 

Was für eine Flasche?

GEORG. 

Ihr Herr Onkel sagte, Sie sollen mir die Flasche
geschwinde geben; sie steht in der Kammer,
oben auf dem Brette rechter Hand.

LUISE. 

Da stehen viele Flaschen; was soll denn drinne
sein?

GEORG. 

Spiritus.

LUISE. 

Es gibt allerlei Spiritus; hat er sich nicht
deutlicher erklärt? wozu soll's denn?

GEORG. 

Er sagt' es wohl, ich war aber so erschrocken.
Ach, der junge Herr -

KAROLINE (die aus dem Schlaf auffährt). 

Was gibt's? - Der Baron?

LUISE. 

Der junge Graf?

GEORG. 

Leider, der junge Graf!

KAROLINE. 

Was ist ihm begegnet?

GEORG. 

Geben Sie mir den Spiritus.

LUISE. 

Sage nur, was dem jungen Grafen begegnet
ist, so weiß ich wohl, was der Onkel für eine Flasche
braucht.

GEORG. 

Ach, das gute Kind? was wird die Frau
Gräfin sagen, wenn sie morgen kommt! wie wird
sie uns ausschelten!

KAROLINE. 

So red' Er doch!

GEORG. 

Er ist gefallen, mit dem Kopfe vor eine Tischecke,
das Gesicht ist ganz in Blut; wer weiß, ob
nicht gar das Auge gelitten hat.

LUISE (indem sie einen Wachsstock anzündet und
in die Kammer geht). 

Nun weiß ich, was sie brauchen.

KAROLINE. 

So spät! wie ging das zu?

GEORG. 

Liebes Mamsellchen, ich dachte lange, es
würde nichts Gutes werden. Da sitzt Ihr Vater und
der Hofmeister alle Abend beim alten Pfarrer und
lesen die Zeitungen und Monatsschriften, und so
disputieren sie und können nicht fertig werden, und
das arme Kind muß dabei sitzen; da drückt sich's
denn in eine Ecke, wenn's spät wird, und schläft
ein, und wenn sie aufbrechen, da taumelt das Kind
schlaftrunken mit, und heute - nun sehen Sie - da
schlägt's eben zwölfe - heute bleiben sie über alle
Gebühr aus, und ich sitze zu Hause und habe Licht
brennen, und dabei stehen die andern Lichter für
den Hofmeister und den jungen Herrn, und Ihr
Vater und der Magister bleiben vor der Schloßbrücke
stehen und können noch nicht fertig werden

LUISE (kommt mit einem Glase zurück).

GEORG (fährt fort)

Und das Kind kommt in den
Saal getappt und ruft mich, und ich fahre auf und
will die Lichter an zünden, wie ich immer tue, und
wie ich schlaftrunken bin, lösche ich das Licht aus.
Indessen tappt das Kind die Treppe hinauf, und auf
dem Vorsaal stehen die Stühle und Tische, die wir
morgen früh in die Zimmer verteilen wollen; das
Kind weiß es nicht, geht geradezu, stößt sich, fällt,
wir hören es schreien, ich mache Lärm, ich mache
Licht, und wie wir hinaufkommen, liegt's da und
weiß kaum von sich selbst. Das ganze Gesicht ist
blutig. Wenn es ein Auge verloren hat, wenn es gefährlich
wird, geh' ich morgen früh auf und davon,
eh' die Frau Gräfin ankommt; mag's verantworten,
wer will!

LUISE (die indessen einige Bündelchen Leinwand
aus der Schublade genommen, gibt ihm die Flasche).

Hier! geschwind! trage das hinüber und
nimm die Läppchen dazu, ich komme gleich selbst.
Der Himmel verhüte, daß es so übel sei! Geschwind,
Georg, geschwind! (Georg ab). Halte
warmes Wasser bereit, wenn der Onkel nach Hause
kommt und Kaffee verlangt. Ich will geschwind
hinüber. Es wäre entsetzlich, wenn wir unsere gute
Gräfin so empfangen müßten. Wie empfahl sie
nicht dem Magister, wie empfahl sie nicht mir das
Kind bei ihrer Abreise! Leider hab' ich sehen müssen,
daß es die Zeit über sehr versäumt worden ist.
Daß man doch gewöhnlich seine nächste Pflicht
versäumt! (Ab).



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt



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