> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Egmont- 1. Akt

2019-08-15

Johann Wolfgang Goethe: Egmont- 1. Akt




Erster Aufzug

Armbrustschießen. Soldaten und Bürger mit Armbrüsten

Soest. Nun schießt nur hin, daß es alle wird! Ihr nehmt mir's doch nicht! Drei
Ringe schwarz, die habt Ihr Eure Tage nicht geschossen. Und so wär' ich
für dies Jahr Meister.

Jetter. Meister und König dazu. Wer mißgönnt's Euch? Ihr sollt dafür auch die
Zeche doppelt bezahlen; Ihr sollt Eure Geschicklichkeit bezahlen, wie's
'recht ist.

Buyck. Jetter, den Schuß handl' ich Euch ab, teile den Gewinst, traktiere die
Herren: ich bin so schon lange hier und für viele Höflichkeit Schuldner. Fehl
ich, so ist's, als wenn Ihr geschossen hättet. -

Soest. Ich sollte dreinreden: denn eigentlich verlier ich dabei. Doch, Buyck, nur
immerhin.

Buyck (schießt). Nun, Pritschmeister, Reverenz! – Eins! Zwei! Drei! Vier!

Soest. Vier Ringe? Es sei!

Alle. Vivat, Herr König, hoch! und abermal hoch!

Buyck. Danke, ihr Herren. Wäre Meister zu viel! Danke für die Ehre.

Jetter. Die habt Ihr Euch selbst zu danken.

Ruysum. Daß ich euch sage!

Soest. Wie ist's, Alter?

Ruysum. Daß ich euch sage! – Er schießt wie sein Herr, er schießt wie
Egmont.

Buyck. Gegen ihn bin ich nur ein armer Schlucker. Mit der Büchse trifft er erst,
wie keiner in der Welt. Nicht etwa, wenn er Glück oder gute Laune hat;
nein! wie er anlegt, immer rein schwarz geschossen. Gelernt habe ich von
ihm. Das wäre auch ein Kerl, der bei ihm diente und nichts von ihm lernte.
– Nicht zu vergessen, meine Herren! Ein König nährt seine Leute; und so,
auf des Königs Rechnung, Wein her!

Jetter. Es ist unter uns ausgemacht, daß jeder -

Buyck. Ich bin fremd und König, und achte eure Gesetze und Herkommen
nicht.

Jetter. Du bist ja ärger als der Spanier; der hat sie uns doch bisher lassen
müssen.

Ruysum. Was?

Soest (laut). Er will uns gastieren; er will nicht haben, daß wir zusammenlegen
und der König nur das Doppelte zahlt.

Ruysum. Laßt ihn! doch ohne Präjudiz! Das ist auch seines Herrn Art, splendid
zu sein und es laufen zu lassen, wo es gedeiht.

Alle. Ihro Majestät Wohl! Hoch!

Jetter (zu Buyck). Versteht sich: Eure Majestät.

Buyck. Danke von Herzen, wenn's doch so sein soll.

Soest. Wohl! Denn unserer spanischen Majestät Gesundheit trinkt nicht leicht
ein Niederländer von Herzen.

Ruysum. Wer?

Soest (laut). Philipps des Zweiten, Königs in Spanien.

Ruysum. Unser allergnädigster König und Herr! Gott geb' ihm langes Leben.

Soest. Hattet Ihr seinen Herrn Vater, Karl den Fünften, nicht lieber?

Ruysum. Gott tröst' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand über den ganzen
Erdboden und war euch alles in allem; und wenn er euch begegnete, so
grüßt' er euch wie ein Nachbar den andern; und wenn ihr erschrocken
wart, wußt' er mit so guter Manier – ja, versteht mich – Er ging aus, ritt
aus, wie's ihm einkam, gar mit wenig Leuten. Haben wir doch alle geweint,
wie er seinem Sohn das Regiment hier abtrat – sagt' ich, versteht mich –
der ist schon anders, der ist majestätischer.

Jetter. Er ließ sich nicht sehen, da er hier war, als in Prunk und königlichem
Staate. Er spricht wenig, sagen die Leute.

Soest. Es ist kein Herr für uns Niederländer. Unsre Fürsten müssen froh und
frei sein wie wir, leben und leben lassen. Wir wollen nicht verachtet noch
gedruckt sein, so gutherzige Narren wir auch sind.

Jetter. Der König, denk ich, wäre wohl ein gnädiger Herr, wenn er nur bessere
Ratgeber hätte.

Soest. Nein, nein! Er hat kein Gemüt gegen uns Niederländer, sein Herz ist
dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht; wie können wir ihn
wiederlieben? Warum ist alle Welt dem Grafen Egmont so hold? Warum
trügen wir ihn alle auf den Händen? Weil man ihm ansieht, daß er uns
wohlwill; weil ihm die Fröhlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus
den Augen sieht; weil er nichts besitzt, das er dem Dürftigen nicht
mitteilte, auch dem, der's nicht bedarf. Laßt den Grafen Egmont leben!
Buyck, an Euch ist's, die erste Gesundheit zu bringen! Bringt Eures Herrn
Gesundheit aus.

Buyck. Von ganzer Seele denn: Graf Egmont hoch!

Ruysum. Überwinder bei St. Quintin.

Buyck. Dem Helden von Gravelingen!

Alle. Hoch!

Ruysum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. ich konnte kaum mehr fort,
kaum die schwere Büchse mehr schleppen. Hab ich doch den Franzosen
noch eins auf den Pelz gebrennt, und da kriegt' ich zum Abschied noch
einen Streifschuß ans rechte Bein.

Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's frisch! Den Sieg haben wir allein.
Brannten und sengten die welschen Hunde nicht durch ganz Flandern?
Aber ich mein, wir trafen sie! Ihre alten, handfesten Kerle hielten lange
wider, und wir drängten und schossen und hieben, daß sie die Mäuler
verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd unter dem
Leibe niedergeschossen, und wir stritten lange hinüber herüber, Mann für
Mann, Pferd gegen Pferd, Haufe mit Haufe, auf dem breiten flachen Sand
an der See hin. Auf einmal kam's, wie vom Himmel herunter, von der
Mündung des Flusses, bav, bau! immer mit Kanonen in die Franzosen
drein. Es waren Engländer, die unter dem Admiral Malin von ungefähr von
Dünkirchen her vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns nicht; sie konnten
nur mit den kleinsten Schiffen herbei, und das nicht nah genug; schossen
auch wohl unter uns – Es tat doch gut! Es brach die Welschen und hob
unsern Mut. Da ging's! Rick! rack! herüber, hinüber! Alles totgeschlagen,
alles ins Wasser gesprengt. Und die Kerle ersoffen, wie sie das Wasser
schmeckten; und was wir Holländer waren, gerad hintendrein. Uns, die wir
beidlebig sind, ward erst wohl im Wasser wie den Fröschen; und immer die
Feinde im Fluß zusammengehauen, weggeschossen wie die Enten. Was
nun noch durchbrach, schlugen euch auf der Flucht die Bauerweiber mit
Hacken und Mistgabeln tot. Mußte doch die welsche Majestät gleich das
Pfötchen reichen und Friede machen. Und den Frieden seid ihr uns
schuldig, dem großen Egmont schuldig.

Alle. Hoch! dem großen Egmont hoch! und abermal hoch! und abermal hoch!

Jetter. Hätte man uns den statt der Margrete von Parma zum Regenten
gesetzt!

Soest. Nicht so! Wahr bleibt wahr! Ich lasse mir Margareten nicht schelten.
Nun ist's an mir. Es lebe unsre gnäd'ge Frau!

Alle. Sie lebe!

Soest. Wahrlich, treffliche Weiber sind in dem Hause. Die Regentin lebe!

Jetter. Klug ist sie, und mäßig in allem, was sie tut; hielte sie's nur nicht so
steif und fest mit den Pfaffen. Sie ist doch auch mit, schuld, daß wir die
vierzehn neuen Bischofsmützen im Lande haben. Wozu die nur sollen?
Nicht wahr, daß man Fremde in die guten Stellen einschieben kann, wo
sonst Äbte aus den Kapiteln gewählt wurden? Und wir sollen glauben, es
sei um der Religion willen. Ja, es hat sich. An drei Bischöfen hatten wir
genug: da ging's ehrlich und ordentlich zu. Nun muß doch auch jeder tun,
als ob er nötig wäre; und da setzt's allen Augenblick Verdruß und Händel.
Und je mehr ihr das Ding rüttelt und schüttelt, desto trüber wird's.

Soest. Das war nun des Königs Wille; sie kann nichts davon- noch dazutun.

Jetter. Da sollen wir nun die neuen Psalmen nicht singen. Sie sind wahrlich gar
schön in Reimen gesetzt und haben recht erbauliche Weisen. Die sollen wir
nicht singen, aber Schelmenlieder, so viel wir wollen. Und warum? Es seien
Ketzereien drin, sagen sie, und Sachen, Gott weiß. Ich hab ihrer doch auch
gesungen; es ist jetzt was Neues, ich hab nichts drin gesehen.

Buyck. Ich wollte sie fragen! In unsrer Provinz singen wir, was wir wollen. Das
macht, daß Graf Egmont unser Statthalter ist; der fragt nach so etwas
nicht. – In Gent, Ypern, durch ganz Flandern singt sie, wer Belieben
hat. (Laut.) Es ist ja wohl nichts unschuldiger als ein geistlich Lied? Nicht
wahr, Vater?

Ruysum. Ei wohl! Es ist ja ein Gottesdienst, eine Erbauung.

Jetter. Sie sagen aber, es sei nicht auf die rechte Art, nicht auf ihre Art; und
gefährlich ist's doch immer, da läßt man's lieber sein. Die Inquisitionsdiener
schleichen herum und passen auf; mancher ehrliche Mann ist schon
unglücklich geworden. Der Gewissenszwang fehlte noch! Da ich nicht tun
darf, was ich möchte, können sie mich doch denken und singen lassen,
was ich will.

Soest. Die Inquisition kommt nicht auf. Wir sind nicht gemacht, wie die
Spanier, unser Gewissen tyrannisieren zu lassen. Und der Adel muß auch
beizeiten suchen, ihr die Flügel zu beschneiden.

Jetter. Es ist sehr fatal. Wenn's den lieben Leuten einfällt, in mein Haus zu
stürmen, und ich sitz an meiner Arbeit und summe just einen französischen
Psalm und denke nichts dabei, weder Gutes noch Böses; ich summe ihn
aber, weil er mir in der Kehle ist: gleich bin ich ein Ketzer und werde
eingesteckt. Oder ich gehe über Land und bleibe bei einem Haufen Volks
stehen, das einem neuen Prediger zuhört, einem von denen, die aus
Deutschland gekommen sind: auf der Stelle heiß ich ein Rebell und komme
in Gefahr, meinen Kopf zu verlieren. Habt ihr je einen predigen hören?

Soest. Wackre Leute. Neulich hört' ich einen auf dem Felde vor tausend und
tausend Menschen sprechen. Das war ein ander Geköch, als wenn unsre
auf der Kanzel herumtrommeln und die Leute mit lateinischen Brocken
erwürgen. Der sprach von der Leber weg; sagte, wie sie uns bisher hätten
bei der Nase herumgeführt, uns in der Dummheit erhalten, und wie wir
mehr Erleuchtung haben könnten. – Und das bewies er euch alles aus der
Bibel.

Jetter. Da mag doch auch was dran sein. Ich sagt's immer selbst und grübelte
so über die Sache nach. Mir ist's lang im Kopf herumgegangen.

Buyck. Es läuft ihnen auch alles Volk nach.

Soest. Das glaub ich, wo man was Gutes hören kann und was Neues.

Jetter. Und was ist's denn nun? Man kann ja einen jeden predigen lassen nach
seiner Weise.

Buyck. Frisch, ihr Herren! Über dem Schwätzen vergeßt ihr den Wein und
Oranien.

Jetter. Den nicht zu vergessen. Das ist ein rechter Wall: wenn man nur an ihn
denkt, meint man gleich, man könne sich hinter ihn verstecken und der
Teufel brächte einen nicht hervor. Hoch! Wilhelm von Oranien, hoch!

Alle. Hoch! hoch!

Soest. Nun, Alter, bring auch deine Gesundheit.

Ruysum. Alte Soldaten! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!


Buyck. Bravo, Alter! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!

Jetter. Krieg! Krieg! Wißt ihr auch, was ihr ruft? Daß es euch leicht vom Munde
geht, ist wohl natürlich; wie lumpig aber unsereinem dabei zumute ist,
kann ich nicht sagen. Das ganze Jahr das Getrommel zu hören; und nichts
zu hören, als wie da ein Haufen gezogen kommt und dort ein andrer, wie
sie über einen Hügel kamen und bei einer Mühle hielten, wieviel da
geblieben sind, wieviel dort, und wie sie sich drängen, und einer gewinnt,
der andere verliert, ohne daß man sein Tage begreift, wer was gewinnt
oder verliert. Wie eine Stadt eingenommen wird, die Bürger ermordet
werden, und wie's den armen Weibern, den unschuldigen Kindern ergeht.
Das ist eine Not und Angst, man denkt jeden Augenblick: »Da kommen sie!
Es geht uns auch so.«

Soest. Drum muß auch ein Bürger immer in Waffen geübt sein.

Jetter. Ja, es übt sich, wer Frau und Kinder hat. Und doch hör ich noch lieber
von Soldaten, als ich sie sehe.

Buyck. Das sollt' ich übelnehmen.

Jetter. Auf Euch ist's nicht gesagt, Landsmann. Wie wir die spanischen
Besatzungen los waren, holten wir wieder Atem.

Soest. Gelt! die lagen dir am schwersten auf?

Jetter. Vexier' Er sich.

Soest. Die hatten scharfe Einquartierung bei dir.

Jetter. Halt dein Maul.

Soest. Sie hatten ihn vertrieben aus der Küche, dem Keller, der Stube – dem
Bette.

Jetter. Du bist ein Tropf.

Buyck. Friede, ihr Herren! Muß der Soldat Friede rufen? – Nun da ihr von uns
nichts hören wollt, nun bringt auch eure Gesundheit aus, eine bürgerliche
Gesundheit.

Jetter. Dazu sind wir bereit! Sicherheit und Ruhe!

Soest. Ordnung und Freiheit!

Buyck. Brav! das sind auch wir zufrieden.

Alle. Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit!

Palast der Regentin

Regentin. Ihr stellt das Jagen ab, ich werde heut nicht reiten. Sagt
Machiavellen, er soll zu mir kommen.Der Gedanke an diese
schrecklichen Begebenheiten läßt mir keine Ruhe!
Nichts kann mich ergetzen, nichts mich zerstreuen; immer sind diese
Bilder, diese Sorgen vor mir. Nun wird der König sagen, dies sei'n die
Folgen meiner Güte, meiner Nachsicht; und doch sagt mir mein Gewissen
jeden Augenblick, das Rätlichste, das Beste getan zu haben. Sollte ich
früher mit dem Sturme des Grimmes diese Flammen anfachen und
umhertreiben? Ich hoffte sie zu umstellen, sie in sich selbst zu verschütten.
Ja, was ich mir selbst sage, was ich wohl weiß, entschuldigt mich vor mir
selbst; aber wie wird es mein Bruder aufnehmen? Denn, ist es zu leugnen?
Der Übermut der fremden Lehrer hat sich täglich erhöht; sie haben unser
Heiligtum gelästert, die stumpfen Sinne des Pöbels zerrüttet und den
Schwindelgeist unter sie gebannt. Unreine Geister haben sich unter die
Aufrührer gemischt, und schreckliche Taten sind geschehen, die zu denken
schauderhaft ist, und die ich nun einzeln nach Hofe zu berichten habe,
schnell und einzeln, damit mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, damit
der König nicht denke, man wolle noch mehr verheimlichen. Ich sehe kein
Mittel, weder strenges noch gelindes, dem Übel zu steuern. O was sind wir
Großen auf der Woge der Menschheit? Wir glauben sie zu beherrschen,
und sie treibt uns auf und nieder, hin und her.

Regentin. Sind die Briefe an den König aufgesetzt?

Machiavell. In einer Stunde werdet Ihr sie unterschreiben können.

Regentin. Habt Ihr den Bericht ausführlich genug gemacht?

Machiavell. Ausführlich und umständlich, wie es der König liebt. Ich erzähle,
wie zuerst um St. Omer die bilderstürmerische Wut sich zeigt. Wie eine
rasende Menge, mit Stäben, Beilen, Hämmern, Leitern, Stricken versehen,
von wenig Bewaffneten begleitet, erst Kapellen, Kirchen und Klöster
anfallen, die Andächtigen verjagen, die verschlossenen Pforten aufbrechen,
alles umkehren, die Altäre niederreißen, die Statuen der Heiligen
zerschlagen, alle Gemälde verderben, alles, was sie nur Geweihtes,
Geheiligtes antreffen, zerschmettern, zerreißen, zertreten. Wie sich der
Haufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die Tore
eröffnen. Wie sie den Dom mit unglaublicher Schnelle verwüsten, die
Bibliothek des Bischofs verbrennen. Wie eine große Menge Volks, von
gleichem Unsinn ergriffen, sich über Menin, Comines, Werwicq, Lille
verbreitet, nirgend Widerstand findet, und wie fast durch ganz Flandern
in einemAugenblicke die ungeheure Verschwörung sich erklärt und
ausgeführt ist.

Regentin. Ach, wie ergreift mich aufs neue der Schmerz bei deiner
Wiederholung! Und die Furcht gesellt sich dazu, das Übel werde nur größer
und größer werden. Sagt mir Eure Gedanken, Machiavell!

Machiavell. Verzeihen Eure Hoheit, meine Gedanken sehen Grillen so ähnlich;
und wenn Ihr auch immer mit meinen Diensten zufrieden wart, habt Ihr
doch selten meinem Rat folgen mögen. Ihr sagtet oft im Scherze: »Du
siehst zu weit, Machiavell! Du solltest Geschichtschreiber sein: wer handelt,
muß fürs Nächste sorgen.« Und doch, habe ich diese Geschichte nicht
vorauserzählt? Hab ich nicht alles vorausgesehen?

Regentin. Ich sehe auch viel voraus, ohne es ändern zu können.

Machiavell. Ein Wort für tausend: Ihr unterdrückt die neue Lehre nicht. Laßt
sie gelten, sondert sie von den Rechtgläubigen, gebt ihnen Kirchen, faßt sie
in die bürgerliche Ordnung, schränkt sie ein; und so habt Ihr die Aufrührer
auf einmal zur Ruhe gebracht. Jede andern Mittel sind vergeblich, und Ihr
verheert das Land.

Regentin. Hast du vergessen, mit welchem Abscheu mein Bruder selbst die
Frage verwarf, ob man die neue Lehre dulden könne? Weißt du nicht, wie
er mir in jedem Briefe die Erhaltung des wahren Glaubens aufs eifrigste
empfiehlt? daß er Ruhe und Einigkeit auf Kosten der Religion nicht
hergestellt wissen will? Hält er nicht selbst in den Provinzen Spione, die wir
nicht kennen, um zu erfahren, wer sich zu der neuen Meinung
hinüberneigt? Hat er nicht zu unsrer Verwunderung uns diesen und jenen
genannt, der sich in unsrer Nähe heimlich der Ketzerei schuldig machte?
Befiehlt er nicht Strenge und Schärfe? Und ich soll gelind sein? ich soll
Vorschläge tun, daß er nachsehe, daß er dulde? Würde ich nicht alles
Vertrauen, allen Glauben bei ihm verlieren?

Machiavell. Ich weiß wohl; der König befiehlt, er läßt Euch seine Absichten
wissen. Ihr sollt Ruhe und Friede wiederherstellen, durch ein Mittel, das die
Gemüter noch mehr erbittert, das den Krieg unvermeidlich an allen Enden
anblasen wird. Bedenkt, was Ihr tut. Die größten Kaufleute sind
angesteckt, der Adel, das Volk, die Soldaten. Was hilft es, auf seinen
Gedanken beharren, wenn sich um uns alles ändert? Möchte doch ein guter
Geist Philippen eingeben, daß es einem Könige anständiger ist, Bürger
zweierlei Glaubens zu regieren, als sie durch einander aufzureiben.

Regentin. Solch ein Wort nie wieder. Ich weiß wohl, daß Politik selten Treu
und Glauben halten kann, daß sie Offenheit, Gutherzigkeit, Nachgiebigkeit
aus unsern Herzen ausschließt. In weltlichen Geschäften ist das leider nur
zu wahr; sollen wir aber auch mit Gott spielen wie unter einander? Sollen
wir gleichgültig gegen unsre bewährte Lehre sein, für die so viele ihr Leben
aufgeopfert haben? Die sollten wir hingeben an hergelaufne, ungewisse,
sich selbst widersprechende Neuerungen?

Machiavell. Denkt nur deswegen nicht übler von mir.

Regentin. Ich kenne dich und deine Treue und weiß, daß einer ein ehrlicher
und verständiger Mann sein kann, wenn er gleich den nächsten besten
Weg zum Heil seiner Seele verfehlt hat. Es sind noch andere, Machiavell,
Männer, die ich schätzen und tadeln muß.

Machiavell. Wen bezeichnet Ihr mir?

Regentin. Ich kann es gestehen, daß mir Egmont heute einen recht
innerlichen tiefen Verdruß erregte.

Machiavell. Durch welches Betragen?

Regentin. Durch sein gewöhnliches, durch Gleichgültigkeit und Leichtsinn. Ich
erhielt die schreckliche Botschaft, eben als ich, von vielen und ihm
begleitet, aus der Kirche ging. Ich hielt meinen Schmerz nicht an, ich
beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihm wendete. »Seht, was in
Eurer Provinz entsteht! Das duldet Ihr, Graf, von dem der König sich alles
versprach?«

Machiavell. Und was antwortete er?

Regentin. Als wenn es nichts, als wenn es eine Nebensache wäre, versetzte
er: »Wären nur erst die Niederländer über ihre Verfassung beruhigt! Das
übrige würde sich leicht geben.«

Machiavell. Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm gesprochen. Wie soll
Zutrauen entstehen und bleiben, wenn der Niederländer sieht, daß es mehr
um seine Besitztümer als um sein Wohl, um seiner Seele Heil zu tun ist?
Haben die neuen Bischöfe mehr Seelen gerettet, als fette Pfründen
geschmaust, und sind es nicht meist Fremde? Noch werden alle
Statthalterschaften mit Niederländern besetzt; lassen sich es die Spanier
nicht zu deutlich merken, daß sie die größte, unwiderstehlichste Begierde
nach diesen Stellen empfinden? Will ein Volk nicht lieber nach seiner Art
von den Seinigen regieret werden als von Fremden, die erst im Lande sich
wieder Besitztümer auf Unkosten aller zu erwerben suchen, die einen
fremden Maßstab mitbringen und unfreundlich und ohne Teilnehmung
herrschen?

Regentin. Du stellst dich auf die Seite der Gegner.

Machiavell. Mit dem Herzen gewiß nicht; und wollte, ich könnte mit dem
Verstande ganz auf der unsrigen sein.

Regentin. Wenn du so willst, so tät' es not, ich träte ihnen meine Regentschaft
ab; denn Egmont und Oranien machten sich große Hoffnung, diesen Platz
einzunehmen. Damals waren sie Gegner; jetzt sind sie gegen mich
verbunden, sind Freunde, unzertrennliche Freunde geworden.

Machiavell. Ein gefährliches Paar.

Regentin. Soll ich aufrichtig reden: ich fürchte Oranien, und ich fürchte für
Egmont. Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen in die Ferne,
er ist heimlich, scheint alles anzunehmen, widerspricht nie, und in tiefster
Ehrfurcht, mit größter Vorsicht tut er, was ihm beliebt.

Machiavell. Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt, als wenn die
Welt ihm gehörte.

Regentin. Er trägt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majestät nicht
über ihm schwebte.

Machiavell. Die Augen des Volks sind alle nach ihm gerichtet, und die Herzen
hängen an ihm.

Regentin. Nie hat er einen Schein vermieden; als wenn niemand Rechenschaft
von ihm zu fordern hätte. Noch trägt er den Namen Egmont. Graf Egmont
freut ihn sich nennen zu hören; als wollte er nicht vergessen, daß seine
Vorfahren Besitzer von Geldern waren. Warum nennt er sich nicht Prinz
von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum tut er das? Will er erloschne
Rechte wieder geltend machen?

Machiavell. Ich halte ihn für einen treuen Diener des Königs.

Regentin. Wenn er wollte, wie verdient könnte er sich um die Regierung
machen; anstatt daß er uns schon, ohne sich zu nutzen, unsäglichen
Verdruß gemacht hat. Seine Gesellschaften, Gastmahle und Gelage haben
den Adel mehr verbunden und verknüpft als die gefährlichsten heimlichen
Zusammenkünfte. Mit seinen Gesundheiten haben die Gäste einen
dauernden Rausch, einen nie sich verziehenden Schwindel geschöpft. Wie
oft setzt er durch seine Scherzreden die Gemüter des Volks in Bewegung,
und wie stutzte der Pöbel über die neuen Livreen, über die törichten
Abzeichen der Bedienten!

Machiavell. Ich bin überzeugt, es war ohne Absicht.

Regentin. Schlimm genug. Wie ich sage: er schadet uns und nützt sich nicht.
Er nimmt das Ernstliche scherzhaft; und wir, um nicht müßig und
nachlässig zu scheinen, müssen das Scherzhafte ernstlich nehmen. So
hetzt eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst
recht. Er ist gefährlicher als ein entschiednes Haupt einer Verschwörung;
und ich müßte mich sehr irren, wenn man ihm bei Hofe nicht alles gedenkt.
Ich kann nicht leugnen, es vergeht wenig Zeit, daß er mich nicht
empfindlich, sehr empfindlich macht.

Machiavell. Er scheint mir in allem nach seinem Gewissen zu handeln.

Regentin. Sein Gewissen hat einen gefälligen Spiegel. Sein Betragen ist oft
beleidigend. Er sieht oft aus, als wenn er in der völligen Überzeugung lebe,
er sei Herr und wolle es uns nur aus Gefälligkeit nicht fühlen lassen, wolle
uns so gerade nicht zum Lande hinausjagen; es werde sich schon geben.

Machiavell. Ich bitte Euch, legt seine Offenheit, sein glückliches Blut, das alles
Wichtige leicht behandelt, nicht zu gefährlich aus. Ihr schadet nur ihm und
Euch.

Regentin. Ich lege nichts aus. Ich spreche nur von den unvermeidlichen
Folgen, und ich kenne ihn. Sein niederländischer Adel und sein Golden Vlies
vor der Brust stärken sein Vertrauen, seine Kühnheit. Beides kann ihn vor
einem schnellen, willkürlichen Unmut des Königs schützen. Untersuch es
genau; an dem ganzen Unglück, das Flandern trifft, ist er doch nur allein
schuld. Er hat zuerst den fremden Lehrern nachgesehn, hat's so genau
nicht genommen und vielleicht sich heimlich gefreut, daß wir etwas zu
schaffen hatten. Laß mich nur; was ich auf dem Herzen habe, soll bei
dieser Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeile nicht umsonst
verschießen; ich weiß, wo er empfindlich ist. Er ist auch empfindlich.

Machiavell. Habt Ihr den Rat zusammenberufen lassen? Kommt Oranien
auch?

Regentin. Ich habe nach Antwerpen um ihn geschickt. Ich will ihnen die Last
der Verantwortung nahe genug zuwälzen; sie sollen sich mit mir dem Übel
ernstlich entgegensetzen oder sich auch als Rebellen erklären. Eile, daß die
Briefe fertig werden, und bringe mir sie zur Unterschrift. Dann sende
schnell den bewährten Vaska nach Madrid; er ist unermüdet und treu; daß
mein Bruder zuerst durch ihn die Nachricht erfahre, daß der Ruf ihn nicht
übereile. Ich will ihn selbst noch sprechen, eh' er abgeht.

Machiavell. Eure Befehle sollen schnell und genau befolgt werden.

Bürgerhaus

Klare. Wollt Ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg?

Brackenburg. Ich bitt Euch, verschont mich, Klärchen.

Klare. Was habt Ihr wieder? Warum versagt Ihr mir diesen kleinen
Liebesdienst?

Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn so fest vor Euch hin, ich kann
Euern Augen nicht ausweichen.

Klare. Grillen! kommt und haltet!

Mutter Singt doch eins! Brackenburg sekundiert so hübsch. Sonst wart ihr
lustig, und ich hatte immer was zu lachen.

Brackenburg. Sonst.

Klare. Wir wollen singen.

Brackenburg. Was Ihr wollt.

Klare. Nur hübsch munter und frisch weg! Es ist ein Soldatenliedchen, mein
Leibstück.

Die Trommel gerühret!
Das Pfeifchen gespielt!
Mein Liebster gewaffnet
Dem Haufen befiehlt,
Die Lanze hoch führet,
Die Leute regieret.
Wie klopft mir das Herze!
Wie wallt mir das Blut!
O hätt' ich ein Wämslein
Und Hosen und Hut!

Ich folgt' ihm zum Tor 'naus
Mit mutigem Schritt,
Ging' durch die Provinzen,
Ging' überall mit.
Die Feinde schon weichen,
Wir schießen darein.
Welch Glück sondergleichen,
Ein Mannsbild zu sein!

(Brackenburg hat unter dem Singen Klärchen oft angesehen; zuletzt bleibt ihm
die Stimme stocken, die Tränen kommen ihm in die Augen, er läßt den Strang
fallen und geht ans Fenster. Klärchen singt das Lied allein aus, die Mutter winkt
ihr halb unwillig, sie steht auf, geht einige Schritte nach ihm hin, kehrt halb
unschlüssig wieder um und setzt sich.)

Mutter. Was gibt's auf der Gasse, Brackenburg? Ich höre marschieren.

Brackenburg. Es ist die Leibwache der Regentin.

Klare. Um diese Stunde? was soll das bedeuten? Das ist nicht die tägliche
Wache, das sind weit mehr! Fast alle ihre Haufen. O Brackenburg, geht!
hört einmal, was es gibt. Es muß etwas Besonderes sein. Geht, guter
Brackenburg, tut mir den Gefallen.

Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da

Mutter. Du schickst ihn schon wieder weg.

Klare. Ich bin neugierig; und auch, verdenkt mir's nicht, seine Gegenwart tut
mir weh. Ich weiß immer nicht, wie ich mich gegen ihn betragen soll. Ich
habe unrecht gegen ihn, und mich nagt's am Herzen, daß er es so lebendig
fühlt. – Kann ich's doch nicht ändern!

Mutter. Es ist ein so treuer Bursche.

Klare. Ich kann's auch nicht lassen, ich muß ihm freundlich begegnen. Meine
Hand drückt sich oft unversehens zu, wenn die seine mich so leise, so
liebevoll anfaßt. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich ihn betriege, daß ich in
seinem Herzen eine vergebliche Hoffnung nähre. Ich bin übel dran. Weiß
Gott, ich betrieg ihn nicht. Ich will nicht, daß er hoffen soll, und ich kann
ihn doch nicht verzweifeln lassen.

Mutter. Das ist nicht gut.

Klare. Ich hatte ihn gern und will ihm auch noch wohl in der Seele. Ich hätte
ihn heiraten können und glaube, ich war nie in ihn verliebt.

Mutter. Glücklich wärst du immer mit ihm gewesen.

Klare. Wäre versorgt und hätte ein ruhiges Leben.

Mutter. Und das ist alles durch deine Schuld verscherzt.

Klare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich so nachdenke, wie es
gegangen ist, weiß ich's wohl und weiß es nicht. Und dann darf ich Egmont
nur wieder ansehen, wird mir alles sehr begreiflich, ja wäre mir
weit mehr begreiflich. Ach, was ist's ein Mann! Alle Provinzen beten ihn an,
und ich in seinem Arm sollte nicht das glücklichste Geschöpf von der Welt
sein?

Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden?

Klare. Ach, ich frage nur, ob er mich liebt; und ob er mich liebt, ist das eine
Frage?

Mutter. Man hat nichts als Herzensangst mit seinen Kindern. Wie das
ausgehen wird! Immer Sorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du hast
dich unglücklich gemacht! mich unglücklich gemacht.

Klare (gelassen). Ihr ließet es doch im Anfange.

Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut.

Klare. Wenn Egmont vorbeiritt und ich ans Fenster lief, schaltet Ihr mich da?
Tratet Ihr nicht selbst ans Fenster? Wenn er heraufsah, lächelte, nickte,
mich grüßte: war es Euch zuwider? Fandet Ihr Euch nicht selbst in Eurer
Tochter geehrt?

Mutter. Mache mir noch Vorwürfe.

Klare (gerührt). Wenn er nun öfter die Straße kam, und wir wohl fühlten, daß
er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet Ihr's nicht selbst mit
heimlicher Freude? Rieft Ihr mich ab, wenn ich hinter den Scheiben stand
und ihn erwartete?

Mutter. Dachte ich, daß es so weit kommen sollte?

Klare (mit stockender Stimme und zurückgehaltenen Tränen). Und wie er uns
abends, in den Mantel eingehüllt, bei der Lampe überraschte, wer war
geschäftig, ihn zu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie angekettet und
staunend sitzen blieb?

Mutter. Und konnte ich fürchten, daß diese unglückliche Liebe das kluge
Klärchen so bald hinreißen würde? Ich muß es nun tragen, daß meine
Tochter -

Klare (mit ausbrechenden Tränen). Mutter! Ihr wollt's nun! Ihr habt Eure
Freude, mich zu ängstigen.

Mutter (weinend). Weine noch gar! Mache mich noch elender durch deine
Betrübnis. Ist mir's nicht Kummer genug, daß meine einzige Tochter ein
verworfenes Geschöpf ist?

Klare (aufstehend und kalt). Verworfen! Egmonts Geliebte verworfen? –
Welche Fürstin neidete nicht das arme Klärchen um den Platz an seinem
Herzen! O Mutter – meine Mutter, so redetet Ihr sonst nicht. Liebe Mutter,
seid gut! Das Volk, wasdas denkt, die Nachbarinnen, was die murmeln –
Diese Stube, dieses kleine Haus ist ein Himmel, seit Egmonts Liebe drin
wohnt.

Mutter. Man muß ihm hold sein! das ist wahr. Er ist immer so freundlich, frei
und offen.

Klare. Es ist keine falsche Ader an ihm. Seht, Mutter, und er ist doch der große
Egmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist, so gut! wie er mir
seinen Stand, seine Tapferkeit gerne verbärge! wie er um mich besorgt ist!
so nur Mensch, nur Freund, nur Liebster.

Mutter. Kommt er wohl heute?

Klare. Habt Ihr mich nicht oft ans Fenster gehen sehn? Habt Ihr nicht bemerkt,
wie ich horche, wenn's an der Tür rauscht? – Ob ich schon weiß, daß er vor
Nacht nicht kommt, vermut ich ihn doch jeden Augenblick, von morgens
an, wenn ich aufstehe. Wär' ich nur ein Bube und könnte immer mit ihm
gehen, zu Hofe und überall hin! Könnt' ihm die Fahne nachtragen in der
Schlacht! - Mutter. Du warst immer so ein Springinsfeld; als ein kleines Kind
schon, bald toll, bald nachdenklich. Ziehst du dich nicht ein wenig besser an?

Klare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe! – Gestern, denkt, gingen
von seinen Leuten vorbei und sangen Lobliedchen auf ihn. Wenigstens war
sein Name in den Liedern! das übrige konnte ich nicht verstehn. Das Herz
schlug mir bis an den Hals – Ich hätte sie gern zurückgerufen, wenn ich
mich nicht geschämt hätte.

Mutter. Nimm dich in acht! Dein heftiges Wesen verdirbt noch alles; du
verrätst dich offenbar vor den Leuten. Wie neulich bei dem Vetter, wie du
den Holzschnitt und die Beschreibung fandst und mit einem Schrei riefst:
»Graf Egmont!« – Ich ward feuerrot.

Klare. Hätt' ich nicht schreien sollen? Es war die Schlacht bei Gravelingen, und
ich finde oben im Bilde den Buchstaben C. und suche unten in der
Beschreibung C. Steht da: »Graf Egmont, dem das Pferd unter dem Leibe
totgeschossen wird.« Mich überlief's – und hernach mußt' ich lachen über
den holzgeschnitzten Egmont, der so groß war als der Turm von
Gravelingen gleich dabei und die englischen Schiffe an der Seite. – Wenn
ich mich manchmal erinnere, wie ich mir sonst eine Schlacht vorgestellt
und was ich mir als Mädchen für ein Bild vom Grafen Egmont machte,
wenn sie von ihm erzählten, und von allen Grafen und Fürsten – und wie
mir's jetzt ist!

Klare. Wie steht's?

Brackenburg. Man weiß nichts Gewisses. In Flandern soll neuerdings ein
Tumult entstanden sein; die Regentin soll besorgen, er möchte sich hieher
verbreiten. Das Schloß ist stark besetzt, die Bürger sind zahlreich an den
Toren, das Volk summt in den Gassen. – Ich will nur schnell zu meinem
alten Vater. (Als wollt' er gehen.)

Klare. Sieht man Euch morgen? Ich will mich ein wenig anziehen. Der Vetter
kommt, und ich sehe gar zu liederlich aus. Helft mir einen Augenblick,
Mutter. – Nehmt das Buch mit, Brackenburg, und bringt mir wieder so eine
Historie.

Mutter. Lebt wohl.

Brackenburg Eure Hand!

Klare Wenn Ihr wiederkommt.

Brackenburg Ich hatte mir vorgenommen, gerade wieder fortzugehn; und da
sie es dafür aufnimmt und mich gehen läßt, möcht' ich rasend werden. –
Unglücklicher! und dich rührt deines Vaterlandes Geschick nicht? der
wachsende Tumult nicht? – und gleich ist dir Landsmann oder Spanier, und
wer regiert und wer recht hat? – War ich doch ein andrer Junge als
Schulknabe! – Wenn da ein Exerzitium aufgegeben war: »Brutus' Rede für
die Freiheit, zur Übung der Redekunst«, da war doch immer Fritz der Erste,
und der Rektor sagte: »Wenn's nur ordentlicher wäre, nur nicht alles so
übereinander gestolpert.« – Damals kocht' es und trieb! – Jetzt schlepp ich
mich an den Augen des Mädchens so hin. Kann ich sie doch nicht lassen!
Kann sie mich doch nicht lieben! – Ach – Nein – Sie – Sie kann mich nicht
ganz verworfen haben – Nicht ganz – und halb und nichts! – ich duld es
nicht länger! – - Sollte es wahr sein, was mir ein Freund neulich ins Ohr
sagte? daß sie nachts einen Mann heimlich zu sich einläßt, da sie mich
züchtig immer vor Abend aus dem Hause treibt. Nein, es ist nicht wahr, es
ist eine Lüge, eine schändliche verleumderische Lüge! Klärchen ist so
unschuldig, als ich unglücklich bin. – Sie hat mich verworfen, hat mich von
ihrem Herzen gestoßen – - Und ich soll so fortleben? Ich duld, ich duld es
nicht. – - Schon wird mein Vaterland von innerm Zwiste heftiger bewegt,
und ich sterbe unter dem Getümmel nur ab! Ich duld es nicht! – Wenn die
Trompete klingt, ein Schuß fällt, mir fährt's durch Mark und Bein! Ach, es
reizt mich nicht! es fordert mich nicht, auch mit einzugreifen, mit zu retten,
zu wagen. – Elender, schimpflicher Zustand! Es ist besser, ich end auf
einmal. Neulich stürzt' ich mich ins Wasser, ich sank – aber die geängstete
Natur war stärker; ich fühlte, daß ich schwimmen konnte, und rettete mich
wider Wille. – - Könnt' ich der Zeiten vergessen, da sie mich liebte, mich zu
lieben schien! – Warum hat mir 's Mark und Bein durchdrungen, das Glück?
Warum haben mir diese Hoffnungen allen Genuß des Lebens aufgezehrt,
indem sie mir ein Paradies von weitem zeigten? – Und jener erste Kuß!
Jener einzige! – Hier (die Hand auf den Tisch legend), hier waren wir allein
– sie war immer gut und freundlich gegen mich gewesen – da schien sie
sich zu erweichen – sie sah mich an – alle Sinnen gingen mir um, und ich
fühlte ihre Lippen auf den meinigen. – Und – und nun? – Stirb, Armer! Was
zauderst du? (Er zieht ein Fläschchen aus der Tasche.) Ich will dich nicht
umsonst aus meines Bruders Doktorkästchen gestohlen haben, heilsames
Gift! Du sollst mir dieses Bangen, diese Schwindel, diese Todesschweiße
auf einmal verschlingen und lösen.

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