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2019-08-15

Johann Wolfgang Goethe: Egmont- 2. Akt




Zweiter Aufzug

Platz in Brüssel

Zimmermeister. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen auf der Zunft
sagt' ich, es würde schwere Händel geben.

Jetter. Ist's denn wahr, daß sie die Kirchen in Flandern geplündert haben?

Zimmermeister. Ganz und gar zugrunde gerichtet haben sie Kirchen und
Kapellen. Nichts als die vier nackten Wände haben sie stehen lassen.
Lauter Lumpengesindel! Und das macht unsre gute Sache schlimm. Wir
hätten eher, in der Ordnung und standhaft, unsere Gerechtsame der
Regentin vortragen und drauf halten sollen. Reden wir jetzt, versammeln
wir uns jetzt, so heißt es, wir gesellen uns zu den Aufwieglern.

Jetter. Ja, so denkt jeder zuerst: was sollst du mit deiner Nase voran? hängt
doch der Hals gar nah damit zusammen.

Zimmermeister. Mir ist's bange, wenn's einmal unter dem Pack zu lärmen
anfängt, unter dem Volk, das nichts zu verlieren hat. Die brauchen das zum
Vorwande, worauf wir uns auch berufen müssen, und bringen das Land in
Unglück.

Soest. Guten Tag, ihr Herrn! Was gibt's Neues? Ist's wahr, daß die
Bilderstürmer gerade hierher ihren Lauf nehmen?

Zimmermeister. Hier sollen sie nichts anrühren.

Soest. Es trat ein Soldat bei mir ein, Tobak zu kaufen – den fragt' ich aus. Die
Regentin, so eine wackre kluge Frau sie bleibt, diesmal ist sie außer
Fassung. Es muß sehr arg sein, daß sie sich so geradezu hinter ihre Wache
versteckt. Die Burg ist scharf besetzt. Man meint sogar, sie wolle aus der
Stadt flüchten.

Zimmermeister. Hinaus soll sie nicht! Ihre Gegenwart beschützt uns, und wir
wollen ihr mehr verschaffen als ihre Stutzbärte. Und wenn sie uns unsere
Rechte und Freiheiten aufrechterhält, so wollen wir sie auf den Händen
tragen.

Seifensieder. Garstige Händel! Üble Händel! Es wird unruhig und geht schief
aus! – Hütet euch, daß ihr stille bleibt, daß man euch nicht auch für
Aufwiegler hält.

Soest. Da kommen die sieben Weisen aus Griechenland.

Seifensieder. Ich weiß, da sind viele, die es heimlich mit den Calvinisten
halten, die auf die Bischöfe lästern, die den König nicht scheuen. Aber ein
treuer Untertan, ein aufrichtiger Katholike! -

Vansen. Gott grüß' euch Herren! Was Neues?

Zimmermeister. Gebt euch mit dem nicht ab, das ist ein schlechter Kerl.

Jetter. Ist es nicht der Schreiber beim Doktor Wiets?

Zimmermeister. Er hat schon viele Herren gehabt. Erst war er Schreiber, und
wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmstreiche halber,
pfuscht er jetzt Notaren und Advokaten ins Handwerk und ist ein
Branntweinzapf.

(Es kommt mehr Volk zusammen und steht truppweise.)

Vansen. Ihr seid auch versammelt, steckt die Köpfe zusammen. Es ist immer
redenswert.

Soest. Ich denk auch.

Vansen. Wenn jetzt einer oder der andere Herz hätte, und einer oder der
andere den Kopf dazu: wir könnten die spanischen Ketten auf einmal
sprengen.

Soest. Herre! So müßt Ihr nicht reden. Wir haben dem König geschworen.

Vansen. Und der König uns. Merkt das.

Jetter. Das läßt sich hören! Sagt Eure Meinung.

Einige andere. Horch, der versteht's. Der hat Pfiffe.

Vansen. Ich hatte einen alten Patron, der besaß Pergamente und Briefe von
uralten Stiftungen, Kontrakten und Gerechtigkeiten; er hielt auf die rarsten
Bücher. In einem stand unsere ganze Verfassung: wie uns Niederländer
zuerst einzelne Fürsten regierten, alles nach hergebrachten Rechten,
Privilegien und Gewohnheiten; wie unsre Vorfahren alle Ehrfurcht für ihren
Fürsten gehabt, wenn er sie regiert, wie er sollte; und wie sie sich gleich
vorsahen, wenn er über die Schnur hauen wollte. Die Staaten waren gleich
hinterdrein: denn jede Provinz, so klein sie war, hatte ihre Staaten, ihre
Landstände.

Zimmermeister. Haltet Euer Maul! das weiß man lange! Ein jeder
rechtschaffene Bürger ist, so viel er braucht, von der Verfassung
unterrichtet.

Jetter. Laßt ihn reden; man erfährt immer etwas mehr.

Soests. Er hat ganz recht.

Mehrere. Erzählt! erzählt! So was hört man nicht alle Tage.

Vansen. So seid ihr Bürgersleute! Ihr lebt nur so in den Tag hin; und wie ihr
euer Gewerb' von euern Eltern überkommen habt, so laßt ihr auch das
Regiment über euch schalten und walten, wie es kann und mag. Ihr fragt
nicht nach dem Herkommen, nach der Historie, nach dem Recht eines
Regenten; und über das Versäumnis haben euch die Spanier das Netz über
die Ohren gezogen.

Soests. Wer denkt da dran? wenn einer nur das tägliche Brot hat.

Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf und sagt einem so
etwas?

Vansen. Ich sag es euch jetzt. Der König in Spanien, der die Provinzen durch
gut Glück zusammen besitzt, darf doch nicht drin schalten und walten
anders als die kleinen Fürsten, die sie ehemals einzeln besaßen. Begreift
ihr das?

Jetter. Erklärt's uns.

Vansen. Es ist so klar als die Sonne. Müßt ihr nicht nach euern Landrechten
gerichtet werden? Woher käme das?

Ein Bürger. Wahrlich!

Vansen. Hat der Brüsseler nicht ein ander Recht als der Antwerper? der
Antwerper als der Genter? Woher käme denn das?

Anderer Bürger. Bei Gott!

Vansen. Aber, wenn ihr's so fortlaufen laßt, wird man's euch bald anders
weisen. Pfui! Was Karl der Kühne, Friedrich der Krieger, Karl der Fünfte
nicht konnten, das tut nun Philipp durch ein Weib.

Soests. Ja, ja! Die alten Fürsten haben's auch schon probiert.

Vansen. Freilich! – Unsere Vorfahren paßten auf. Wie sie einem Herrn gram
wurden, fingen sie ihm etwa seinen Sohn und Erben weg, hielten ihn bei
sich und gaben ihn nur auf die besten Bedingungen heraus. Unsere Väter
waren Leute! Die wußten, was ihnen nütz war! Die wußten etwas zu fassen
und festzusetzen! Rechte Männer! Dafür sind aber auch unsere Privilegien
so deutlich, unsere Freiheiten so versichert.

Seifensieder. Was sprecht Ihr von Freiheiten?

Das Volk. Von unsern Freiheiten, von unsern Privilegien! Erzählt noch was von
unsern Privilegien.

Vansen. Wir Brabanter besonders, obgleich alle Provinzen ihre Vorteile haben,
wir sind am herrlichsten versehen. Ich habe alles gelesen.

Soests. Sagt an.

Jetter. Laßt hören.

Ein Bürger. Ich bitt Euch.

Vansen. Erstlich steht geschrieben: Der Herzog von Brabant soll uns ein guter
und getreuer Herr sein.

Soests. Gut! Steht das so?

Jetter. Getreu? Ist das wahr?

Vansen. Wie ich euch sage. Er ist uns verpflichtet, wie wir ihm. Zweitens: Er
soll keine Macht oder eignen Willen an uns beweisen, merken lassen, oder
gedenken zu gestatten, auf keinerlei Weise.

Jetter. Schön! Schön! nicht beweisen.

Soests. Nicht merken lassen.

Ein anderer. Und nicht gedenken zu gestatten! Das ist der Hauptpunkt.
Niemanden gestatten, auf keinerlei Weise.

Vansen. Mit ausdrücklichen Worten.


Jetter. Schafft uns das Buch.

Ein Bürger. Ja, wir müssen's haben.

Andere. Das Buch! das Buch!

Ein anderer. Wir wollen zu der Regentin gehen mit dem Buche.

Ein anderer. Ihr sollt das Wort führen, Herr Doktor.

Seifensieder. O die Tröpfe!

Andere. Noch etwas aus dem Buche!

Seifensieder. Ich schlage ihm die Zähne in den Hals, wenn er noch ein Wort
sagt.

Das Volk. Wir wollen sehen, wer ihm etwas tut. Sagt uns was von den
Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien?

Vansen. Mancherlei, und sehr gute, sehr heilsame. Da steht auch: Der
Landsherr soll den geistlichen Stand nicht verbessern oder mehren, ohne
Verwilligung des Adels und der Stände! Merkt das! Auch den Staat des
Landes nicht verändern.

Soest. Ist das so?

Vansen. Ich will's euch geschrieben zeigen, von zwei-, dreihundert Jahren her.

Bürger. Und wir leiden die neuen Bischöfe? Der Adel muß uns schützen, wir
fangen Händel an!

Andere. Und wir lassen uns von der Inquisition ins Bockshorn jagen?

Vansen. Das ist eure Schuld.

Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Oranien! Die sorgen für unser Bestes!

Vansen. Eure Brüder in Flandern haben das gute Werk angefangen.

Seifensieder. Du Hund!

Andere (widersetzen sich und rufen). Bist du auch ein Spanier?

Ein anderer. Was? den Ehrenmann?

Ein anderer. Den Gelahrten?

Zimmermeister. Um's Himmels willen, ruht!

Zimmermeister. Bürger, was soll das?

(Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Bürger stehn und gaffen,
Volk läuft zu, andere gehn gelassen auf und ab, andere treiben allerlei
Schalkspossen, schreien und jubilieren.)

Andere. Freiheit und Privilegien! Privilegien und Freiheit!

Egmont. Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt sie aus einander!

Zimmermeister. Gnädiger Herr, Ihr kommt wie ein Engel des Himmels. Stille!
seht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz!

Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Bürger gegen Bürger! Hält sogar die
Nähe unsrer königlichen Regentin diesen Unsinn nicht zurück? Geht
auseinander, geht an euer Gewerbe. Es ist ein übles Zeichen, wenn ihr an
Werktagen feiert. Was war's?

Zimmermeister. Sie schlagen sich um ihre Privilegien.

Egmont. Die sie noch mutwillig zertrümmern werden – Und wer seid Ihr? Ihr
scheint mir rechtliche Leute.

Zimmermeister. Das ist unser Bestreben.

Egmont. Eures Zeichens?

Zimmermeister. Zimmermann und Zunftmeister.

Egmont. Und Ihr?

Soest. Krämer.

Egmont. Ihr?

Jetter. Schneider.

Egmont. Ich erinnere mich, Ihr habt mit an den Livreen für meine Leute
gearbeitet. Euer Name ist Jetter.

Jetter. Gnade, daß Ihr Euch dessen erinnert.

Egmont. Ich vergesse niemanden leicht, den ich einmal gesehen und
gesprochen habe. – Was an euch ist, Ruhe zu erhalten, Leute, das tut; ihr
seid übel genug angeschrieben. Reizt den König nicht mehr, er hat zuletzt
doch die Gewalt in Händen. Ein ordentlicher Bürger, der sich ehrlich und
fleißig nährt, hat überall so viel Freiheit, als er braucht.

Zimmermeister. Ach wohl! das ist eben unsre Not! Die Tagdiebe, die Söffer,
die Faulenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die stänkern aus Langerweile und
scharren aus Hunger nach Privilegien und lügen den Neugierigen und
Leichtgläubigen was vor, und um eine Kanne Bier bezahlt zu kriegen,
fangen sie Händel an, die viel tausend Menschen unglücklich machen. Das
ist ihnen eben recht. Wir halten unsre Häuser und Kasten zu gut verwahrt;
da möchten sie gern uns mit Feuerbränden davontreiben.

Egmont. Allen Beistand sollt ihr finden; es sind Maßregeln genommen, dem
Übel kräftig zu begegnen. Steht fest gegen die fremde Lehre und glaubt
nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien. Bleibt zu Hause; leidet
nicht, daß sie sich auf den Straßen rotten. Vernünftige Leute können viel
tun.

Zimmermeister. Danken Euer Exzellenz, danken für die gute Meinung! Alles,
was an uns liegt. (Egmont ab.) Ein gnädiger Herr! der echte Niederländer!
Gar so nichts Spanisches.

Jetter. Hätten wir ihn nur zum Regenten! Man folgt' ihm gerne.

Soest. Das läßt der König wohl sein. Den Platz besetzt er immer mit den
Seinigen.

Jetter. Hast du das Kleid gesehen? Das war nach der neuesten Art, nach
spanischem Schnitt.

Zimmermeister. Ein schöner Herr!

Jetter. Sein Hals wär' ein rechtes Fressen für einen Scharfrichter.

Soest. Bist du toll? was kommt dir ein!

Jetter. Dumm genug, daß einem so etwas einfällt. – Es ist mir nun so. Wenn
ich einen schönen langen Hals sehe, muß ich gleich wider Willen denken:
der ist gut köpfen. – Die verfluchten Exekutionen! man kriegt sie nicht aus
dem Sinne. Wenn die Bursche schwimmen, und ich seh einen nackten
Buckel, gleich fallen sie mir zu Dutzenden ein, die ich habe mit Ruten
streichen sehen. Begegnet mir ein rechter Wanst, mein ich, den säh' ich
schon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's an allen
Gliedern; man wird eben keine Stunde froh. Jede Lustbarkeit, jeden Spaß
hab ich bald vergessen; die fürchterlichen Gestalten sind mir wie vor die
Stirne gebrannt.

Egmonts Wohnung

Sekretär. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei Stunden, die Feder
in der Hand,. die Papiere vor mir; und eben heute möcht' ich gern so zeitig
fort. Es brennt mir unter den Sohlen. Ich kann vor Ungeduld kaum bleiben.
»Sei auf die Stunde da«, befahl er mir noch, ehe er wegging; nun kommt
er nicht. Es ist so viel zu tun, ich werde vor Mitternacht nicht fertig. Freilich
sieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch hielt' ich's besser, wenn
er strenge wäre und ließe einen auch wieder zur bestimmten Zeit. Man
könnte sich einrichten. Von der Regentin ist er nun schon zwei Stunden
weg; wer weiß, wen er unterwegs angefaßt hat.

Egmont. Wie sieht's aus?

Sekretär. Ich bin bereit, und drei Boten warten.

Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein verdrießlich
Gesicht.

Sekretär. Euerm Befehl zu gehorchen, wart ich schon lange. Hier sind die
Papiere!

Egmont. Donna Elvira wird böse auf mich werden, wenn sie hört, daß ich dich
abgehalten habe.

Sekretär. Ihr scherzt.

Egmont. Nein, nein. Schäme dich nicht. Du zeigst einen guten Geschmack. Sie
ist hübsch; und es ist mir ganz recht, daß du auf dem Schlosse eine
Freundin hast. Was sagen die Briefe?

Sekretär. Mancherlei und wenig Erfreuliches.

Egmont. Da ist gut, daß wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von
auswärts zu erwarten brauchen. Ist viel gekommen?

Sekretär. Genug, und drei Boten warten.

Egmont. Sag an! das Nötigste!

Sekretär. Es ist alles nötig.

Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind!

Sekretär. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in Gent und der
umliegenden Gegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt. -

Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen Ungezogenheiten und
Tollkühnheiten?

Sekretär. Ja! Es kommt noch manches vor.

Egmont. Verschone mich damit.

Sekretär. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei Wervicq das Marienbild
umgerissen haben. Er fragt an, ob er sie auch wie die andern soll hängen
lassen?

Egmont. Ich bin des Hängens müde. Man soll sie durchpeitschen, und sie
mögen gehen.

Sekretär. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch durchpeitschen?

Egmont. Die mag er verwarnen und laufenlassen.

Sekretär. Brink von Bredas Kompanie will heiraten. Der Hauptmann hofft, Ihr
werdet's ihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem Haufen, schreibt
er, daß, wenn wir ausziehen, es keinem Soldatenmarsch, sondern einem
Zigeunergeschleppe ähnlich sehen wird.

Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein schöner junger Kerl; er bat mich
noch gar dringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's keinem mehr gestattet
sein, so leid mir's tut, den armen Teufeln, die ohnedies geplagt genug sind,
ihren besten Spaß zu versagen.

Sekretär. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Mädel, einer
Wirtstochter, übel mitgespielt. Sie kriegten sie allein, und die Dirne konnte
sich ihrer nicht erwehren.

Egmont. Wenn es ein ehrlich Mädchen ist, und sie haben Gewalt gebraucht, so
soll er sie drei Tage hintereinander mit Ruten streichen lassen, und wenn
sie etwas besitzen, soll er so viel davon einziehen, daß dem Mädchen eine
Ausstattung gereicht werden kann.

Sekretär. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch Comines
gegangen und entdeckt worden. Er schwört, er sei im Begriff, nach
Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soll er enthauptet werden.

Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen und ihm versichern,
daß er das zweitemal nicht so wegkommt.

Sekretär. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es komme wenig Geld
ein, er könne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich schicken; der
Tumult habe in alles die größte Konfusion gebracht.

Egmont. Das Geld muß herbei! er mag sehen, wie er es zusammenbringt.

Sekretär. Er sagt, er werde sein möglichstes tun und wolle endlich den
Raymond, der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in Verhaft nehmen
lassen.

Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen.

Sekretär. Das letztemal setzte er sich selbst vierzehn Tage.

Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er gegen ihn
verfahren.

Sekretär. Ihr tut wohl. Es ist nicht Unvermögen; es ist böser Wille. Er macht
gewiß Ernst, wenn er sieht, Ihr spaßt nicht. – Ferner sagt der Einnehmer:
er wolle den alten Soldaten, den Witwen und einigen andern, denen Ihr
Gnadengehalte gebt, die Gebühr einen halben Monat zurückhalten; man
könne indessen Rat schaffen; sie möchten sich einrichten.

Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld nötiger als ich.
Das soll er bleibenlassen.

Sekretär. Woher befehlt Ihr denn, daß er das Geld nehmen soll?

Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen Briefe schon gesagt.

Sekretär. Deswegen tut er die Vorschläge.

Egmont. Die taugen nicht, er soll auf was anders sinnen. Er soll Vorschläge
tun, die annehmlich sind, und vor allem soll er das Geld schaffen.

Sekretär. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hiehergelegt. Verzeiht,
daß ich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient vor allen andern eine
ausführliche Antwort. Ihr wolltet ihm selbst schreiben. Gewiß, er liebt Euch
wie ein Vater.

Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem Verhaßten ist mir das
Schreiben das Verhaßteste. Du machst meine Hand ja so gut nach, schreib
in meinem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu; und
wünschte selbst, daß ihm auf seine Bedenklichkeiten was recht
Beruhigendes geschrieben würde.

Sekretär. Sagt mir nur ungefähr Eure Meinung; ich will die Antwort schon
aufsetzen und sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden, daß sie vor
Gericht für Eure Hand gelten kann.

Egmont. Gib mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter ehrlicher Alter!
Warst du in deiner Jugend auch wohl so bedächtig? Erstiegst du nie einen
Wall? Bliebst du in der Schlacht, wo es die Klugheit anrät, hinten? – Der
treue, sorgliche! Er will mein Leben und mein Glück und fühlt nicht, daß
der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt. – Schreib ihm, er
möge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich werde mich schon
wahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten brauchen und
meines vollkommnen Dankes gewiß sein.

Sekretär. Nichts weiter? O er erwartet mehr.

Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte machen, so steht's
bei dir. Es dreht sich immer um den einenPunkt: ich soll leben, wie ich
nicht leben mag. Daß ich fröhlich bin, die Sachen leicht nehme, rasch lebe,
das ist mein Glück; und ich vertausch es nicht gegen die Sicherheit eines
Totengewölbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensart nicht einen
Blutstropfen in meinen Adern; nicht Lust, meine Schritte nach der neuen
bedächtigen Hofkadenz zu mustern. Leb ich nur, um aufs Leben zu
denken? Soll ich den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich
des folgenden gewiß sei? Und diesen wieder mit Sorgen und Grillen
verzehren?

Sekretär. Ich bitt Euch, Herr; seid nicht so harsch und rauh gegen den guten
Mann. Ihr seid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein gefällig Wort,
das den edeln Freund beruhige. Seht, wie sorgfältig er ist, wie leis er Euch
berührt.

Egmont. Und doch berührt er immer diese Saite. Er weiß von alters her, wie
verhaßt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre, sie helfen
nichts. Und wenn ich ein Nachtwandler wäre und auf dem gefährlichen
Gipfel eines Hauses spazierte, ist es freundschaftlich, mich beim Namen zu
rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu töten? Laßt jeden seines
Pfades gehn; er mag sich wahren.

Sekretär. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen, aber wer Euch kennt und liebt -

Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten Märchen auf, was
wir an einem Abend in leichtem Übermut der Geselligkeit und des Weins
getrieben und gesprochen; und was man daraus für Folgen und Beweise
durchs ganze Königreich gezogen und geschleppt habe. – Nun gut! wir
haben Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener Ärmel sticken
lassen, und haben diese tolle Zierde nachher in ein Bündel Pfeile
verwandelt; ein noch gefährlicher Symbol für alle, die deuten wollen, wo
nichts zu deuten ist. Wir haben die und jene Torheit in einem lustigen
Augenblick empfangen gleich und geboren; sind schuld, daß eine ganze
edle Schar mit Bettelsäcken und mit einem selbstgewählten Unnamen dem
Könige seine Pflicht mit spottender Demut ins Gedächtnis rief; sind schuld
– was ist's nun weiter? Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns
die kurzen, bunten Lumpen zu mißgönnen, die ein jugendlicher Mut, eine
angefrischte Phantasie um unsers Lebens arme Blöße hängen mag? Wenn
ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran? Wenn uns der
Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen
übrigbleibt: ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne
heut, um das zu überlegen, was gestern war? und um zu raten, zu
verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines
kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sie
Schülern und Höflingen überlassen. Die mögen sinnen und aussinnen,
wandeln und schleichen, gelangen, wohin sie können, erschleichen, was sie
können. – Kannst du von allem diesem etwas brauchen, daß deine Epistel
kein Buch wird, so ist mir's recht. Dem guten Alten scheint alles viel zu
wichtig. So drückt ein Freund, der lang unsre Hand gehalten, sie stärker
noch einmal, wenn er sie lassen will.

Sekretär. Verzeiht mir, es wird dem Fußgänger schwindlig, der einen Mann,
mit rasselnder Eile daherfahren sieht.

Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht,
gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen
durch; und uns bleibt nichts, als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und
bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze da, die Räder
wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum,
woher er kam.

Sekretär. Herr! Herr!

Egmont. Ich stehe hoch und kann und muß noch höher steigen; ich fühle mir
Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht
erreicht; und steh ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich stehn.
Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind, ja ein selbst
verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen; da lieg ich mit viel
Tausenden. Ich habe nie verschmäht, mit meinen guten Kriegsgesellen um
kleinen Gewinst das blutige Los zu werfen; und sollt' ich knickern, wenn's
um den ganzen freien Wert des Lebens geht?

Sekretär. O Herr! Ihr wißt nicht, was für Worte Ihr sprecht! Gott erhalt' Euch!

Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus, was am
nötigsten ist, daß die Boten fortkommen, eh die Tore geschlossen werden.
Das andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laß bis morgen; versäume
nicht, Elviren zu besuchen, und grüße sie von mir. – Horche, wie sich die
Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleich verbirgt.

Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.

Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin?

Egmont. Ich fand in ihrer Art, uns aufzunehmen, nichts Außerordentliches. Ich
habe sie schon mehr so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl.

Oranien. Merktet Ihr nicht, daß sie zurückhaltender war? Erst wollte sie unser
Betragen bei dem neuen Aufruhr des Pöbels gelassen billigen; nachher
merkte sie an, was sich doch auch für ein falsches Licht darauf werfen
lasse; wich dann mit dem Gespräche zu ihrem alten gewöhnlichen Diskurs:
daß man ihre liebevolle gute Art, ihre Freundschaft zu uns Niederländern,
nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daß nichts einen erwünschten
Ausgang nehmen wolle, daß sie am Ende wohl müde werden, der König
sich zu andern Maßregeln entschließen müsse. Habt Ihr das gehört?

Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie ist ein Weib,
guter Oranien, und die möchten immer gern, daß sich alles unter ihr
sanftes Joch gelassen schmiegte, daß jeder Herkules die Löwenhaut
ablegte und ihren Kunkelhof vermehrte; daß, weil sie friedlich gesinnt sind,
die Gärung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den mächtige Nebenbuhler
gegeneinander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen ließe und
die widrigsten Elemente sich zu ihren Füßen in sanfter Eintracht
vereinigten. Das ist ihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen kann, so hat
sie keinen Weg, als launisch zu werden, sich über Undankbarkeit,
Unweisheit zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die Zukunft zu
drohen, und zu drohen – daß sie fortgehn will.

Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daß sie ihre Drohung erfüllt?

Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig gesehn! Wo will
sie denn hin? Hier Statthalterin, Königin; glaubst du, daß sie es unterhalten
wird, am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaspeln? oder nach
Italien zu gehen und sich in alten Familienverhältnissen
herumzuschleppen?

Oranien. Man hält sie dieser Entschließung nicht fähig, weil Ihr sie habt
zaudern, weil Ihr sie habt zurücktreten sehn; dennoch liegt's wohl in ihr;
neue Umstände treiben sie zu dem lang verzögerten Entschluß. Wenn sie
ginge? und der König schickte einen andern?

Egmont. Nun, der würde kommen, und würde eben auch zu tun finden. Mit
großen Planen, Projekten und Gedanken würde er kommen, wie er alles
zurechtrücken, unterwerfen und zusammenhalten wolle; und würde heut
mit dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu tun haben, übermorgen
jene Hindernis finden, einen Monat mit Entwürfen, einen andern mit
Verdruß über fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen über
eine einzige Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf
schwindeln und die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daß er, statt weite
Meere nach einer vorgezognen Linie zu durchsegeln, Gott danken mag,
wenn er sein Schiff in diesem Sturme vom Felsen hält.

Oranien. Wenn man nun aber dem König zu einem Versuch riete?

Egmont. Der wäre?

Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge.

Egmont. Wie?

Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verhältnisse am Herzen,
ich stehe immer wie über einem Schachspiele und halte keinen Zug des
Gegners für unbedeutend; und wie müßige Menschen mit der größten
Sorgfalt sich um die Geheimnisse der Natur bekümmern, so halt ich es für
Pflicht, für Beruf eines Fürsten, die Gesinnungen, die Ratschläge aller
Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zu befürchten. Der
König hat lange nach gewissen Grundsätzen gehandelt; er sieht, daß er
damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daß er es auf einem
andern Wege versucht?

Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel versucht, und es
will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muß man es endlich wohl genug
haben.

Oranien. Eins hat er noch nicht versucht.

Egmont. Nun?


Oranien. Das Volk zu schonen und die Fürsten zu verderben.

Egmont. Wie viele haben das schon lange gefürchtet! Es ist keine Sorge.

Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung, zuletzt
Gewißheit geworden.

Egmont. Und hat der König treuere Diener als uns?

Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander können wir
gestehen, daß wir des Königs Rechte und die unsrigen wohl abzuwägen
wissen.

Egmont. Wer tut's nicht? Wir sind ihm untertan und gewärtig in dem, was ihm
zukommt.

Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und Treulosigkeit nennte,
was wir heißen: auf unsre Rechte halten?

Egmont. Wir werden uns verteidigen können. Er rufe die Ritter des Vlieses
zusammen, wir wollen uns richten lassen.

Oranien. Und was wäre ein Urteil vor der Untersuchung? eine Strafe vor dem
Urteil?

Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig machen wird; und
eine Torheit, die ich ihm und seinen Räten nicht zutraue.

Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und töricht wären?

Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht möglich. Wer sollte wagen, Hand an uns zu
legen? – Uns gefangenzunehmen, wär' ein verlornes und fruchtloses
Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei so hoch
aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht übers Land brächte,
würde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wohinaus wollten sie?
Richten und verdammen kann nicht der König allein; und wollten sie
meuchelmörderisch an unser Leben? – Sie können nicht wollen. Ein
schrecklicher Bund würde in einem Augenblick das Volk vereinigen. Haß
und ewige Trennung vom spanischen Namen würde sich gewaltsam
erklären.

Oranien. Die Flamme wütete dann über unserm Grabe, und das Blut unsrer
Feinde flösse zum leeren Sühnopfer. Laß uns denken, Egmont.

Egmont. Wie sollten sie aber?

Oranien. Alba ist unterwegs.

Egmont. Ich glaub's nicht.

Oranien. Ich weiß es.

Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen.

Oranien. Um desto mehr bin ich überzeugt. Die Regentin wird ihm Platz
machen. Seinen Mordsinn kenn ich, und ein Heer bringt er mit.

Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belästigen? Das Volk wird höchst
schwierig werden.

Oranien. Man wird sich der Häupter versichern.

Egmont. Nein! Nein!

Oranien. Laß uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen wir uns
verstärken; mit offner Gewalt fängt er nicht an.

Egmont. Müssen wir ihn nicht begrüßen, wenn er kommt?

Oranien. Wir zögern.

Egmont. Und wenn er uns im Namen des Königs bei seiner Ankunft fordert?

Oranien. Suchen wir Ausflüchte.

Egmont. Und wenn er dringt?

Oranien. Entschuldigen wir uns.

Egmont. Und wenn er drauf besteht?

Oranien. Kommen wir um so weniger.

Egmont. Und der Krieg ist erklärt, und wir sind die Rebellen. Oranien, laß dich
nicht durch Klugheit verführen; ich weiß, daß Furcht dich nicht weichen
macht. Bedenke den Schritt.

Oranien. Ich hab ihn bedacht.

Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist; an dem
verderblichsten Kriege, der je ein Land verwüstet hat. Dein Weigern ist das
Signal, das die Provinzen mit einmal zu den Waffen ruft, das jede
Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwand
gehascht hat. Was wir lange mühselig gestillt haben, wirst du
mit einem Winke zur schrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk an die
Städte, die Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe!
und denke die Verwüstung, den Mord! – Ruhig sieht der Soldat wohl im
Felde seinen Kameraden neben sich hinfallen; aber den Fluß herunter
werden dir die Leichen der Bürger, der Kinder, der Jungfrauen
entgegenschwimmen, daß du mit Entsetzen dastehst und nicht mehr weißt,
wessen Sache du verteidigst, da die zugrunde gehen, für deren Freiheit du
die Waffen ergriffst. Und wie wird dir's sein, wenn du dir still sagen mußt:
»Für meine Sicherheit ergriff ich sie.«

Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich, uns für
Tausende hinzugeben, so ziemt es sich auch, uns für Tausende zu
schonen.

Egmont. Wer sich schont, muß sich selbst verdächtig werden.

Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und rückwärts gehen.

Egmont. Das Übel, das du fürchtest, wird gewiß durch deine Tat.

Oranien. Es ist klug und kühn, dem unvermeidlichen Übel entgegenzugehn.

Egmont. Bei so großer Gefahr kommt die leichteste Hoffnung in Anschlag.

Oranien. Wir haben nicht für den leisesten Fußtritt Platz mehr; der Abgrund
liegt hart vor uns.

Egmont. Ist des Königs Gunst ein so schmaler Grund?

Oranien. So schmal nicht, aber schlüpfrig.

Egmont. Bei Gott! man tut ihm Unrecht. Ich mag nicht leiden, daß man
unwürdig von ihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fähig.

Oranien. Die Könige tun nichts Niedriges.

Egmont. Man sollte ihn kennenlernen.

Oranien. Eben diese Kenntnis rät uns, eine gefährliche Probe nicht
abzuwarten.

Egmont. Keine Probe ist gefährlich, zu der man Mut hat.

Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont.

Egmont. Ich muß mit meinen Augen sehen.

Oranien. O sähst du diesmal nur mit den meinigen! Freund, weil du sie offen
hast, glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft ab, und Gott
sei bei dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht daß der Drache
nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beide auf einmal verschlingt.
Vielleicht zögert er, um seinen Anschlag sicherer auszuführen; und
vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer wahren Gestalt. Aber dann
schnell! schnell! Rette! rette dich! – Leb wohl! – Laß deiner
Aufmerksamkeit nichts entgehen: wieviel Mannschaft er mitbringt, wie er
die Stadt besetzt, was für Macht die Regentin behält, wie deine Freunde
gefaßt sind. Gib mir Nachricht – - - Egmont -

Egmont. Was willst du?

Oranien Laß dich überreden! Geh mit!

Egmont. Wie? Tränen, Oranien?

Oranien. Einen Verlornen zu beweinen, ist auch männlich.

Egmont. Du wähnst mich verloren?

Oranien. Du bist's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Frist. Leb wohl!

Egmont Daß andrer Menschen Gedanken solchen Einfluß auf uns haben! Mir
wär' es nie eingekommen; und dieser Mann trägt seine Sorglichkeit in mich
herüber. – Weg! – Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blute. Gute
Natur, wirf ihn wieder heraus! Und von meiner Stirne die sinnenden
Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich Mittel.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

Personen und Inhalt

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