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2019-08-15

Johann Wolfgang Goethe: Egmont- 4. Akt




Vierter Aufzug

Straße

Jetter. He! Pst! He, Nachbar, ein Wort!

Zimmermeister. Geh deines Pfads und sei ruhig.

Jetter. Nur ein Wort. Nichts Neues?

Zimmermeister. Nichts, als daß uns von Neuem zu reden verboten ist.

Jetter. Wie?

Zimmermeister. Tretet hier ans Haus an. Hütet Euch! Der Herzog von Alba
hat gleich bei seiner Ankunft einen Befehl ausgehen lassen, dadurch zwei
oder drei, die auf der Straße zusammen sprechen, des Hochverrats ohne
Untersuchung schuldig erklärt sind.

Jetter. O weh!

Zimmermeister. Bei ewiger Gefangenschaft ist verboten, von Staatssachen zu
reden.

Jetter. O unsre Freiheit!

Zimmermeister. Und bei Todesstrafe soll niemand die Handlungen der
Regierung mißbilligen.

Jetter. O unsre Köpfe!

Zimmermeister. Und mit großem Versprechen werden Väter, Mütter, Kinder,
Verwandte, Freunde, Dienstboten eingeladen, was in dem Innersten des
Hauses vorgeht, bei dem besonders niedergesetzten Gerichte zu
offenbaren.

Jetter. Gehn wir nach Hause.

Zimmermeister. Und den Folgsamen ist versprochen, daß sie weder an Leibe,
noch Ehre, noch Vermögen einige Kränkung erdulden sollen.

Jetter. Wie gnädig! War mir's doch gleich weh, wie der Herzog in die Stadt
kam. Seit der Zeit ist mir's, als wäre der Himmel mit einem schwarzen Flor
überzogen und hinge so tief herunter, daß man sich bücken müsse, um
nicht dran zu stoßen.

Zimmermeister. Und wie haben dir seine Soldaten gefallen? Gelt! das ist eine
andre Art von Krebsen, als wir sie sonst gewohnt waren.

Jetter. Pfui! Es schnürt einem das Herz ein, wenn man so einen Haufen die
Gassen hinab marschieren sieht. Kerzengerad mit unverwandtem
Blick, ein Tritt, soviel ihrer sind. Und wenn sie auf der Schildwache stehen
und du gehst an einem vorbei, ist's, als wenn er dich durch und durch
sehen wollte, und sieht so steif und mürrisch aus, daß du auf allen Ecken
einen Zuchtmeister zu sehen glaubst. Sie tun mir gar nicht wohl. Unsre
Miliz war doch noch ein lustig Volk; sie nahmen sich was heraus, standen
mit ausgegrätschten Beinen da, hatten den Hut überm Ohr, lebten und
ließen leben; diese Kerle aber sind wie Maschinen, in denen ein Teufel
sitzt.

Zimmermeister. Wenn so einer ruft. »Halt!« und anschlägt, meinst du, man
hielte?

Jetter. Ich wäre gleich des Todes.

Zimmermeister. Gehn wir nach Hause.

Jetter. Es wird nicht gut. Adieu.

Soest. Freunde! Genossen!

Zimmermeister. Still! Laßt uns gehen.

Soest. Wißt ihr?

Jetter. Nur zu viel!

Soest. Die Regentin ist weg.

Jetter. Nun gnad' uns Gott!

Zimmermeister. Die hielt uns noch.

Soest. Auf einmal und in der Stille. Sie konnte sich mit dem Herzog nicht
vertragen; sie ließ dem Adel melden, sie komme wieder. Niemand glaubt's.

Zimmermeister. Gott verzeih's dem Adel, daß er uns diese neue Geißel über
den Hals gelassen hat. Sie hätten es abwenden können. Unsre Privilegien
sind hin.

Jetter. Um Gottes willen nichts von Privilegien! Ich wittre den Geruch von
einem Exekutionsmorgen; die Sonne will nicht hervor, die Nebel stinken.

Soest. Oranien ist auch weg.

Zimmermeister. So sind wir denn ganz verlassen!

Soest. Graf Egmont ist noch da.

Jetter. Gott sei Dank! Stärken ihn alle Heiligen, daß er sein Bestes tut; der ist
allein was vermögend.

Vansen. Find ich endlich ein paar, die noch nicht untergekrochen sind?

Jetter. Tut uns den Gefallen und geht fürbaß.

Vansen. Ihr seid nicht höflich.

Zimmermeister. Es ist gar keine Zeit zu Komplimenten. Juckt Euch der Buckel
wieder? Seid Ihr schon durchgeheilt?

Vansen. Fragt einen Soldaten nach seinen Wunden! Wenn ich auf Schläge was
gegeben hätte, wäre sein Tage nichts aus mir geworden.

Jetter. Es kann ernstlicher werden.

Vansen. Ihr spürt von dem Gewitter, das aufsteigt, eine erbärmliche Mattigkeit
in den Gliedern, scheint's.

Zimmermeister. Deine Glieder werden sich bald woanders eine Motion
machen, wenn du nicht ruhst.

Vansen. Armselige Mäuse, die gleich verzweifeln, wenn der Hausherr eine
neue Katze anschafft! Nur ein bißchen anders; aber wir treiben unser
Wesen vor wie nach, seid nur ruhig.

Zimmermeister. Du bist ein verwegener Taugenichts.

Vansen. Gevatter Tropf! Laß du den Herzog nur gewähren. Der alte Kater sieht
aus, als wenn er Teufel statt Mäuse gefressen hätte und könnte sie nun
nicht verdauen. Laßt ihn nur erst; er muß auch essen, trinken, schlafen wie
andere Menschen. Es ist mir nicht bange, wenn wir unsere Zeit recht
nehmen. Im Anfange geht's rasch; nachher wird er auch finden, daß in der
Speisekammer unter den Speckseiten besser leben ist und des Nachts zu
ruhen, als auf dem Fruchtboden einzelne Mäuschen zu erlisten. Geht nur,
ich kenne die Statthalter.

Zimmermeister. Was so einem Menschen alles durchgeht! Wenn ich in
meinem Leben so etwas gesagt hätte, hielt' ich mich keine Minute für
sicher.

Vansen. Seid nur ruhig! Gott im Himmel erfährt nichts von euch Würmern,
geschweige der Regent.

Jetter. Lästermaul!

Vansen. Ich weiß andere, denen es besser wäre, sie hätten statt ihres
Heldenmuts eine Schneiderader im Leibe.

Zimmermeister. Was wollt Ihr damit sagen?

Vansen. Hm! den Grafen mein ich.

Jetter. Egmont! Was soll der fürchten?

Vansen. Ich bin ein armer Teufel und könnte ein ganzes Jahr leben von dem,
was er in einem Abende verliert. Und doch könnt' er mir sein Einkommen
eines ganzen Jahres geben, wenn er meinen Kopf auf eine Viertelstunde
hätte.

Jetter. Du denkst dich was Rechts. Egmonts Haare sind gescheiter als dein
Hirn.

Vansen. Redt Ihr! Aber nicht feiner. Die Herren betriegen sich am ersten. Er
sollte nicht trauen.

Jetter. Was er schwätzt! So ein Herr!

Vansen. Eben weil er kein Schneider ist.

Jetter. Ungewaschen Maul!

Vansen. Dem wollt' ich Eure Courage nur eine Stunde in die Glieder wünschen,
daß sie ihm da Unruh machte und ihn so lange neckte und juckte, bis er
aus der Stadt müßte.

Jetter. Ihr redet recht unverständig; er ist so sicher wie der Stern am Himmel.

Vansen. Hast du nie einen sich schneuzen gesehn? Weg war er!

Zimmermeister. Wer will ihm denn was tun?

Vansen. Wer will? Willst du's etwa hindern? Willst du einen Aufruhr erregen,
wenn sie ihn gefangennehmen?

Jetter. Ah!

Vansen. Wollt ihr eure Rippen für ihn wagen?

Soest. Eh!

Vansen (sie nachäffend). Ih! Oh! Uh! Verwundert euch durchs ganze Alphabet.
So ist's und bleibt's! Gott bewahre ihn!

Jetter. Ich erschrecke über Eure Unverschämtheit. So ein edler,
rechtschaffener Mann sollte was zu befürchten haben?

Vansen. Der Schelm sitzt überall im Vorteil. Auf dem Armensünderstühlchen
hat er den Richter zum Narren; auf dem Richterstuhl macht er den
Inquisiten mit Lust zum Verbrecher. Ich habe so ein Protokoll
abzuschreiben gehabt, wo der Kommissarius schwer Lob und Geld vom
Hofe erhielt, weil er einen ehrlichen Teufel, an den man wollte, zum
Schelmen verhört hatte.

Zimmermeister. Das ist wieder frisch gelogen. Was wollen sie denn heraus
verhören, wenn einer unschuldig ist?

Vansen. O Spatzenkopf! Wo nichts herauszuverhören ist, da verhört man
hinein. Ehrlichkeit macht unbesonnen, auch wohl trotzig. Da fragt man erst
recht sachte weg, und der Gefangne ist stolz auf seine Unschuld, wie sie's
heißen, und sagt alles geradezu, was ein Verständiger verbärge. Dann
macht der Inquisitor aus den Antworten wieder Fragen und paßt ja auf, wo
irgendein Widersprüchelchen erscheinen will; da knüpft er seinen Strick an,
und läßt sich der dumme Teufel betreten, daß er hier etwas zu viel, dort
etwas zu wenig gesagt oder wohl gar aus Gott weiß was für einer Grille
einen Umstand verschwiegen hat, auch wohl irgend an einem Ende sich
hat schrecken lassen: dann sind wir auf dem rechten Weg! Und ich
versichre euch, mit mehr Sorgfalt suchen die Bettelweiber nicht die
Lumpen aus dem Kehricht, als so ein Schelmenfabrikant aus kleinen,
schiefen, verschobenen, verrückten, verdrückten, geschlossenen,
bekannten, geleugneten Anzeigen und Umständen sich endlich einen
strohlumpenen Vogelscheu zusammenkünstelt, um wenigstens seinen
Inquisiten in effigie hängen zu können. Und Gott mag der arme Teufel
danken, wenn er sich noch kann hängen sehen.

Jetter. Der hat eine geläufige Zunge.

Zimmermeister. Mit Fliegen mag das angehen. Die Wespen lachen Eures
Gespinstes.

Vansen. Nachdem die Spinnen sind. Seht, der lange Herzog hat euch so ein
rein Ansehn von einer Kreuzspinne, nicht einer dickbäuchigen, die sind
weniger schlimm, aber so einer langfüßigen, schmalleibigen, die vom Fraße
nicht feist wird und recht dünne Fäden zieht, aber desto zähere.

Jetter. Egmont ist Ritter des Goldnen Vlieses; wer darf Hand an ihn legen? Nur
von seinesgleichen kann er gerichtet werden, nur vom gesamten Orden.
Dein loses Maul, dein böses Gewissen verführen dich zu solchem
Geschwätz.

Vansen. Will ich ihm darum übel? Mir kann's recht sein. Es ist ein trefflicher
Herr. Ein paar meiner guten Freunde, die anderwärts schon wären
gehangen worden, hat er mit einem Buckel voll Schläge verabschiedet. Nun
geht! Geht! Ich rat es euch selbst. Dort seh ich wieder eine Runde
antreten; die sehen nicht aus, als wenn sie so bald Brüderschaft mit uns
trinken würden. Wir wollen's abwarten und nur sachte zusehen. Ich hab
ein paar Nichten und einen Gevatter Schenkwirt; wenn sie von denen
gekostet haben und werden dann nicht zahm, so sind sie ausgepichte
Wölfe.

Der Culenburgische Palast

Wohnung des Herzogs von Alba

Silva. Hast du die Befehle des Herzogs ausgerichtet?

Gomez. Pünktlich. Alle tägliche Runden sind beordert, zur bestimmten Zeit an
verschiedenen Plätzen einzutreffen, die ich ihnen bezeichnet habe; sie
gehen indes, wie gewöhnlich, durch die Stadt, um Ordnung zu erhalten.
Keiner weiß von dem andern; jeder glaubt, der Befehl gehe ihn allein an,
und in einem Augenblick kann alsdann der Kordon gezogen und alle
Zugänge zum Palast können besetzt sein. Weißt du die Ursache dieses
Befehls?

Silva. Ich bin gewohnt, blindlings zu gehorchen. Und wem gehorcht sich's
leichter als dem Herzoge, da bald der Ausgang beweist, daß er recht
befohlen hat?

Gomez. Gut! Gut! Auch scheint es mir kein Wunder, daß du so verschlossen
und einsilbig wirst wie er, da du immer um ihn sein mußt. Mir kommt es
fremd vor, da ich den leichteren italienischen Dienst gewohnt bin. An Treue
und Gehorsam bin ich der alte; aber ich habe mir das Schwätzen und
Räsonieren angewöhnt. Ihr schweigt alle und laßt es euch nie wohl sein.
Der Herzog gleicht mir einem ehrnen Turm ohne Pforte, wozu die
Besatzung Flügel hätte. Neulich hört' ich ihn bei Tafel von einem frohen
freundlichen Menschen sagen: er sei wie eine schlechte Schenke mit einem
ausgesteckten Branntweinzeichen, um Müßiggänger, Bettler und Diebe
hereinzulocken.

Silva. Und hat er uns nicht schweigend hierhergeführt?

Gomez. Dagegen ist nichts zu sagen. Gewiß! Wer Zeuge seiner Klugheit war,
wie er die Armee aus Italien hierher brachte, der hat etwas gesehen. Wie
er sich durch Freund und Feind, durch die Franzosen, Königlichen und
Ketzer, durch die Schweizer und Verbundnen gleichsam durchschmiegte,
die strengste Mannszucht hielt und einen Zug, den man so gefährlich
achtete, leicht und ohne Anstoß zu leiten wußte! – Wir haben was
gesehen, was lernen können.

Silva. Auch hier! Ist nicht alles still und ruhig, als wenn kein Aufstand gewesen
wäre?

Gomez. Nun, es war auch schon meist still, als wir her kamen.

Silva. In den Provinzen ist es viel ruhiger geworden; und wenn sich noch einer
bewegt, so ist es, um zu entfliehen. Aber auch diesen wird er die Wege
bald versperren, denk ich.

Gomez. Nun wird er erst die Gunst des Königs gewinnen.

Silva. Und uns bleibt nichts angelegener, als uns die seinige zu erhalten. Wenn
der König hieherkommt, bleibt gewiß der Herzog und jeder, den er
empfiehlt, nicht unbelohnt.

Gomez. Glaubst du, daß der König kommt?

Silva. Es werden so viele Anstalten gemacht, daß es höchst wahrscheinlich ist.

Gomez. Mich überreden sie nicht.

Silva. So rede wenigstens nicht davon. Denn wenn des Königs Absicht ja nicht
sein sollte zu kommen, so ist sie's doch wenigstens gewiß, daß man es
glauben soll.

Ferdinand. Ist mein Vater noch nicht heraus?

Silva. Wir warten auf ihn.

Ferdinand. Die Fürsten werden bald hier sein.

Gomez. Kommen sie heute?

Ferdinand. Oranien und Egmont.

Gomez Ich begreife etwas.

Silva. So behalt es für dich.

Alba. Gomez.

Gomez (tritt vor). Herr!

Alba. Du hast die Wachen verteilt und beordert?

Gomez. Aufs genaueste. Die täglichen Runden -

Alba. Genug. Du wartest in der Galerie. Silva wird dir den Augenblick sagen,
wenn du sie zusammenziehen, die Zugänge nach dem Palast besetzen
sollst. Das übrige weißt du.

Gomez. Ja, Herr! (Ab.)

Alba. Silva!

Silva. Hier bin ich.

Alba. Alles, was ich von jeher an dir geschätzt habe, Mut, Entschlossenheit,
unaufhaltsames Ausführen, das zeige heut.

Silva. Ich danke Euch, daß Ihr mir Gelegenheit gebt zu zeigen, daß ich der alte
bin.

Alba. Sobald die Fürsten bei mir eingetreten sind, dann eile gleich, Egmonts
Geheimschreiber gefangenzunehmen. Du hast alle Anstalten gemacht, die
übrigen, welche bezeichnet sind, zu fahen?

Silva. Vertraue auf uns. Ihr Schicksal wird sie, wie eine wohlberechnete
Sonnenfinsternis, pünktlich und schrecklich treffen.

Alba. Hast du sie genau beobachten lassen?

Silva. Alle; den Egmont vor andern. Er ist der einzige, der, seit du hier bist,
sein Betragen nicht geändert hat. Den ganzen Tag von einem Pferd aufs
andere, ladet Gäste, ist immer lustig und unterhaltend bei Tafel, würfelt,
schießt und schleicht nachts zum Liebchen. Die andern haben dagegen
eine merkliche Pause in ihrer Lebensart gemacht; sie bleiben bei sich; vor
ihrer Türe sieht's aus, als wenn ein Kranker im Hause wäre.

Alba. Drum rasch! eh sie uns wider Willen genesen.

Silva. Ich stelle sie. Auf deinen Befehl überhäufen wir sie mit dienstfertigen
Ehren. Ihnen graut's; politisch geben sie uns einen ängstlichen Dank,
fühlen, das Rätlichste sei, zu entfliehen, keiner wagt einen Schritt, sie
zaudern, können sich nicht vereinigen; und einzeln etwas Kühnes zu tun,
hält sie der Gemeingeist ab. Sie möchten gern sich jedem Verdacht
entziehen und machen sich immer verdächtiger. Schon seh ich mit Freuden
deinen ganzen Anschlag ausgeführt.

Alba. Ich freue mich nur über das Geschehene; und auch über das nicht leicht;
denn es bleibt stets noch übrig, was uns zu denken und zu sorgen gibt.
Das Glück ist eigensinnig, oft das Gemeine, das Nichtswürdige zu adeln
und wohlüberlegte Taten mit einem gemeinen Ausgang zu entehren.
Verweile, bis die Fürsten kommen; dann gib Gomez die Ordre, die Straßen
zu besetzen, und eile selbst, Egmonts Schreiber und die übrigen
gefangenzunehmen, die dir bezeichnet sind. Ist es getan, so komm hierher
und meld es meinem Sohne, daß er mir in den Rat die Nachricht bringe.

Silva. Ich hoffe, diesen Abend vor dir stehn zu dürfen.

(Alba geht nach seinem Sohne, der bisher in der Galerie gestanden.)

Silva. Ich traue mir es nicht zu sagen; aber meine Hoffnung schwankt. Ich
fürchte, es wird nicht werden, wie er denkt. Ich sehe Geister vor mir, die
still und sinnend auf schwarzen Schalen das Geschick der Fürsten und
vieler Tausende wägen. Langsam wankt das Zünglein auf und ab; tief
scheinen die Richter zu sinnen; zuletzt sinkt diese Schale, steigt jene,
angehaucht vom Eigensinn des Schicksals, und entschieden ist's.

Alba. Wie fandst du die Stadt?

Ferdinand. Es hat sich alles gegeben. Ich ritt, als wie zum Zeitvertreib,
straßauf, straßab. Eure wohlverteilten Wachen halten die Furcht so
angespannt, daß sie sich nicht zu lispeln untersteht. Die Stadt sieht einem
Felde ähnlich, wenn das Gewitter von weitem leuchtet; man erblickt keinen
Vogel, kein Tier, als das eilend nach einem Schutzorte schlüpft.

Alba. Ist dir nichts weiter begegnet?

Ferdinand. Egmont kam mit einigen auf den Markt geritten; wir grüßten uns;
er hatte ein rohes Pferd, das ich ihm loben mußte. »Laßt uns eilen, Pferde
zuzureiten, wir werden sie bald brauchen!« rief er mir entgegen. Er werde
mich noch heute wiedersehn, sagte er, und komme, auf Euer Verlangen,
mit Euch zu ratschlagen.

Alba. Er wird dich wiedersehn.

Ferdinand. Unter allen Rittern, die ich hier kenne, gefällt er mir am besten. Es
scheint, wir werden Freunde sein.

Alba. Du bist noch immer zu schnell und wenig behutsam; immer erkenn ich in
dir den Leichtsinn deiner Mutter, der mir sie unbedingt in die Arme lieferte.
Zu mancher gefährlichen Verbindung lud dich der Anschein voreilig ein.

Ferdinand. Euer Wille findet mich bildsam.

Alba. Ich vergebe deinem jungen Blute dies leichtsinnige Wohlwollen, diese
unachtsame Fröhlichkeit. Nur vergiß nicht, zu welchem Werke ich gesandt
bin, und welchen Teil ich dir dran geben möchte.

Ferdinand. Erinnert mich, und schont mich nicht, wo Ihr es nötig haltet.

Alba (nach einer Pause). Mein Sohn!

Ferdinand. Mein Vater!

Alba. Die Fürsten kommen bald, Oranien und Egmont kommen. Es ist nicht
Mißtrauen, daß ich dir erst jetzt entdecke, was geschehen soll. Sie werden
nicht wieder von hinnen gehn.

Ferdinand. Was sinnst du?

Alba. Es ist beschlossen, sie festzuhalten. – Du erstaunst! Was du zu tun hast,
höre; die Ursachen sollst du wissen, wenn es geschehn ist. Jetzt bleibt
keine Zeit, sie auszulegen. Mit dir allein wünscht' ich das Größte, das
Geheimste zu besprechen; ein starkes Band hält uns zusammengefesselt;
du bist mir wert und lieb; auf dich möcht' ich alles häufen. Nicht die
Gewohnheit zu gehorchen allein möcht' ich dir einprägen; auch den Sinn,
auszudenken, zu befehlen, auszuführen, wünscht' ich in dir fortzupflanzen;
dir ein großes Erbteil, dem Könige den brauchbarsten Diener zu
hinterlassen; dich mit dem Besten, was ich habe, auszustatten, daß du dich
nicht schämen dürfest, unter deine Brüder zu treten.

Ferdinand. Was werd ich dir nicht für diese Liebe schuldig, die du mir allein
zuwendest, indem ein ganzes Reich vor dir zittert!

Alba. Nun höre, was zu tun ist. Sobald die Fürsten eingetreten sind, wird jeder
Zugang zum Palaste besetzt. Dazu hat Gomez die Ordre. Silva wird eilen,
Egmonts Schreiber mit den Verdächtigsten gefangenzunehmen. Du hältst
die Wache am Tore und in den Höfen in Ordnung. Vor allen Dingen besetze
diese Zimmer hier neben mit den sichersten Leuten; dann warte auf der
Galerie, bis Silva wiederkommt, und bringe mir irgendein unbedeutend
Blatt herein, zum Zeichen, daß sein Auftrag ausgerichtet ist. Dann bleib im
Vorsaale, bis Oranien weggeht; folg ihm; ich halte Egmont hier, als ob ich
ihm noch was zu sagen hätte. Am Ende der Galerie fordre Oraniens Degen,
rufe die Wache an, verwahre schnell den gefährlichsten Mann; und ich
fasse Egmont hier.

Ferdinand. Ich gehorche, mein Vater. Zum erstenmal mit schwerem Herzen
und mit Sorge.

Alba. Ich verzeihe dir's; es ist der erste große Tag, den du erlebst.

Silva. Ein Bote von Antwerpen. Hier ist Oraniens Brief! Er kommt nicht.

Alba. Sagt' es der Bote?

Silva. Nein, mir sagt's das Herz.

Alba. Aus dir spricht mein böser Genius. (Nachdem er den Brief gelesen, winkt
er beiden, und sie ziehen sich in die Galerie zurück. Er bleibt allein auf dem
Vorderteile.) Er kommt nicht! Bis auf den letzten Augenblick verschiebt er,
sich zu erklären. Er wagt es, nicht zu kommen! So war denn diesmal wider
Vermuten der Kluge klug genug, nicht klug zu sein! – Es rückt die Uhr!
Noch einen kleinen Weg des Seigers, und ein großes Werk ist getan oder
versäumt, unwiederbringlich versäumt; denn es ist weder nachzuholen,
noch zu verheimlichen. Längst hatt' ich alles reiflich abgewogen, und mir
auch diesen Fall gedacht, mir festgesetzt, was auch in diesem Falle zu tun
sei; und jetzt, da es zu tun ist, wehr ich mir kaum, daß nicht
dasFür und Wider mir aufs neue durch die Seele schwankt. – Ist's rätlich,
die andern zu fangen, wenn er mir entgeht? Schieb ich es auf und laß
Egmont mit den Seinigen, mit so vielen entschlüpfen, die nun, vielleicht nur
heute noch, in meinen Händen sind? So zwingt dich das Geschick denn
auch, du Unbezwinglicher? Wie lang gedacht! Wie wohl bereitet! Wie groß,
wie schön der Plan! Wie nah die Hoffnung ihrem Ziele! und nun im
Augenblick des Entscheidens bist du zwischen zwei Übel gestellt; wie in
einen Lostopf greifst du in die dunkle Zukunft; was du fassest, ist noch
zugerollt, dir unbewußt, sei's Treffer oder Fehler! (Er wird aufmerksam, wie
einer, der etwas hört, und tritt ans Fenster.) Er ist es! Egmont! – Trug dich
dein Pferd so leicht herein und scheute vor dem Blutgeruche nicht und vor
dem Geiste mit dem blanken Schwert, der an der Pforte dich empfängt? –
Steig ab! – So bist du mit dem einen Fuß im Grab! und so mit beiden! – ja
streichl' es nur und klopfe für seinen mutigen Dienst zum letztenmale den
Nacken ihm – Und mir bleibt keine Wahl. In der Verblendung, wie hier
Egmont naht, kann er dir nicht zum zweitenmal sich liefern! – Hört!

Alba. Ihr tut, was ich befahl; ich ändre meinen Willen nicht. Ich halte, wie es
gehn will, Egmont auf, bis du mir von Silva die Nachricht gebracht hast.
Dann bleib in der Nähe. Auch dir raubt das Geschick das große Verdienst,
des Königs größten Feind mit eigener Hand gefangen zu haben. (Zu
Silva.) Eile! (Zu Ferdinand.) Geh ihm entgegen.

Egmont. Ich komme, die Befehle des Königs zu vernehmen, zu hören, welchen
Dienst er von unserer Treue verlangt, die ihm ewig ergeben bleibt.

Alba. Er wünscht vor allen Dingen Euern Rat zu hören.

Egmont. Über welchen Gegenstand? Kommt Oranien auch? Ich vermutete ihn
hier.

Alba. Mir tut es leid, daß er uns eben in dieser wichtigen Stunde fehlt. Euern
Rat, Eure Meinung wünscht der König, wie diese Staaten wieder zu
befriedigen. Ja, er hofft, Ihr werdet kräftig mitwirken, diese Unruhen zu
stillen und die Ordnung der Provinzen völlig und dauerhaft zu gründen.

Egmont. Ihr könnt besser wissen als ich, daß schon alles genug beruhigt ist,
ja, noch mehr beruhigt war, eh die Erscheinung der neuen Soldaten wieder
mit Furcht und Sorge die Gemüter bewegte.

Alba. Ihr scheint andeuten zu wollen, das Rätlichste sei gewesen, wenn der
König mich gar nicht in den Fall gesetzt hätte, Euch zu fragen.

Egmont. Verzeiht! Ob der König das Heer hätte schicken sollen, ob nicht
vielmehr die Macht seiner majestätischen Gegenwart allein stärker gewirkt
hätte, ist meine Sache nicht zu beurteilen. Das Heer ist da, er nicht. Wir
aber müßten sehr undankbar, sehr vergessen sein, wenn wir uns nicht
erinnerten, was wir der Regentin schuldig sind. Bekennen wir! Sie brachte
durch ihr so kluges als tapferes Betragen die Aufrührer mit Gewalt und
Ansehn, mit Überredung und List zur Ruhe und führte zum Erstaunen der
Welt ein rebellisches Volk in wenigen Monaten zu seiner Pflicht zurück.

Alba. Ich leugne es nicht. Der Tumult ist gestillt, und jeder scheint in die
Grenzen des Gehorsams zurückgebannt. Aber hängt es nicht von eines
jeden Willkür ab, sie zu verlassen? Wer will das Volk hindern loszubrechen?
Wo ist die Macht, sie abzuhalten? Wer bürgt uns, daß sie sich ferner treu
und untertänig zeigen werden? Ihr guter Wille ist alles Pfand, das wir
haben.

Egmont. Und ist der gute Wille eines Volks nicht das sicherste, das edelste
Pfand? Bei Gott! Wann darf sich ein König sicherer halten, als wenn sie alle
für einen, einer für alle stehn? Sicherer gegen innere und äußere Feinde?

Alba. Wir werden uns doch nicht überreden sollen, daß es jetzt hier so steht?

Egmont. Der König schreibe einen Generalpardon aus, er beruhige die
Gemüter; und bald wird man sehen, wie Treue und Liebe mit dem
Zutrauen wieder zurückkehrt.

Alba. Und jeder, der die Majestät des Königs, der das Heiligtum der Religion
geschändet, ginge frei und ledig hin und wider! lebte den andern zum
bereiten Beispiel, daß ungeheure Verbrechen straflos sind?

Egmont. Und ist ein Verbrechen des Unsinns, der Trunkenheit nicht eher zu
entschuldigen, als grausam zu bestrafen? Besonders wo so sichre
Hoffnung, wo Gewißheit ist, daß die Übel nicht wiederkehren werden?
Waren Könige darum nicht sicherer? Werden sie nicht von Welt und
Nachwelt gepriesen, die eine Beleidigung ihrer Würde vergeben, bedauern,
verachten konnten? Werden sie nicht eben deswegen Gott gleich gehalten,
der viel zu groß ist, als daß an ihn jede Lästerung reichen sollte?

Alba. Und eben darum soll der König für die Würde Gottes und der Religion,
wir sollen für das Ansehn des Königs streiten. Was der obere abzulehnen
verschmäht, ist unsere Pflicht zu rächen. Ungestraft soll, wenn ich rate,
kein Schuldiger sich freuen.

Egmont. Glaubst du, daß du sie alle erreichen wirst? Hört man nicht täglich,
daß die Furcht sie hie- und dahin, sie aus dem Lande treibt? Die Reichsten
werden ihre Güter, sich, ihre Kinder und Freunde flüchten; der Arme wird
seine nützlichen Hände dem Nachbar zubringen.

Alba. Sie werden, wenn man sie nicht verhindern kann. Darum verlangt der
König Rat und Tat von jedem Fürsten, Ernst von jedem Statthalter; nicht
nur Erzählung, wie es ist, was werden könnte, wenn man alles gehen ließe,
wie's geht. Einem großen Übel zusehen, sich mit Hoffnung schmeicheln,
der Zeit vertrauen, etwa einmal dreinschlagen, wie im Fastnachtsspiel, daß
es klatscht und man doch etwas zu tun scheint, wenn man nichts tun
möchte, heißt das nicht, sich verdächtig machen, als sehe man dem
Aufruhr mit Vergnügen zu, den man nicht erregen, wohl aber hegen
möchte!

Egmont Nicht jede Absicht ist offenbar, und manches Mannes Absicht ist zu
mißdeuten. Muß man doch auch von allen Seiten hören: es sei des Königs
Absicht weniger, die Provinzen nach einförmigen und klaren Gesetzen zu
regieren, die Majestät der Religion zu sichern und einen allgemeinen
Frieden seinem Volke zu geben, als vielmehr sie unbedingt zu unterjochen,
sie ihrer alten Rechte zu berauben, sich Meister von ihren Besitztümern zu
machen, die schönen Rechte des Adels einzuschränken, um derentwillen
der Edle allein ihm dienen, ihm Leib und Leben widmen mag. Die Religion,
sagt man, sei nur ein prächtiger Teppich, hinter dem man jeden
gefährlichen Anschlag nur desto leichter ausdenkt. Das Volk liegt auf den
Knien, betet die heiligen gewirkten Zeichen an, und hinten lauscht der
Vogelsteller, der sie berücken will.

Alba. Das muß ich von dir hören?

Egmont. Nicht meine Gesinnungen! Nur was bald hier bald da, von Großen
und von Kleinen, Klugen und Toren gesprochen, laut verbreitet wird. Die
Niederländer fürchten ein doppeltes Joch, und wer bürgt ihnen für ihre
Freiheit?

Alba. Freiheit? Ein schönes Wort, wer's recht verstände. Was wollen sie für
Freiheit? Was ist des Freiesten Freiheit? – Recht zu tun! – und daran wird
sie der König nicht hindern. Nein! nein! sie glauben sich nicht frei, wenn sie
sich nicht selbst und andern schaden können. Wäre es nicht besser,
abzudanken, als ein solches Volk zu regieren? Wenn auswärtige Feinde
drängen, an die kein Bürger denkt, der mit dem Nächsten nur beschäftigt
ist, und der König verlangt Beistand: dann werden sie uneins unter sich,
und verschwören sich gleichsam mit ihren Feinden. Weit besser ist's, sie
einzuengen, daß man sie wie Kinder halten, wie Kinder zu ihrem Besten
leiten kann. Glaube nur, ein Volk wird nicht alt, nicht klug; ein Volk bleibt
immer kindisch.

Egmont. Wie selten kommt ein König zu Verstand! Und sollen sich viele nicht
lieber vielen vertrauen als einem? und nicht einmal dem einen, sondern
den wenigen des einen, dem Volke, das an den Blicken seines Herrn altert.
Das hat wohl allein das Recht, klug zu werden.

Alba. Vielleicht eben darum, weil es sich nicht selbst überlassen ist.

Egmont. Und darum niemand gern sich selbst überlassen möchte. Man tue,
was man will; ich habe auf deine Frage geantwortet und wiederhole: Es
geht nicht! Es kann nicht gehen! Ich kenne meine Landsleute. Es sind
Männer, wert, Gottes Boden zu betreten; ein jeder rund für sich, ein kleiner
König, fest, rührig, fähig, treu, an alten Sitten hangend. Schwer ist's, ihr
Zutrauen zu verdienen; leicht, zu erhalten. Starr und fest! Zu drücken sind
sie; nicht zu unterdrücken.

Alba (der sich indes einigemal umgesehen hat). Solltest du das alles in des
Königs Gegenwart wiederholen?

Egmont. Desto schlimmer, wenn mich seine Gegenwart abschreckte! Desto
besser für ihn, für sein Volk, wenn er mir Mut machte, wenn er mir
Zutrauen einflößte, noch weit mehr zu sagen.

Alba. Was nützlich ist, kann ich hören wie er.

Egmont. Ich würde ihm sagen: Leicht kann der Hirt eine ganze Herde Schafe
vor sich hintreiben, der Stier zieht seinen Pflug ohne Widerstand; aber dem
edeln Pferde, das du reiten willst, mußt du seine Gedanken ablernen, du
mußt nichts Unkluges, nichts unklug von ihm verlangen. Darum wünscht
der Bürger seine alte Verfassung zu behalten, von seinen Landsleuten
regiert zu sein, weil er weiß, wie er geführt wird, weil er von ihnen
Uneigennutz, Teilnehmung an seinem Schicksal hoffen kann.


Alba. Und sollte der Regent nicht Macht haben, dieses alte Herkommen zu
verändern? und sollte nicht eben dies sein schönstes Vorrecht sein? Was ist
bleibend auf dieser Welt? und sollte eine Staatseinrichtung bleiben können?
Muß nicht in einer Zeitfolge jedes Verhältnis sich verändern und eben
darum eine alte Verfassung die Ursache von tausend Übeln werden, weil
sie den gegenwärtigen Zustand des Volkes nicht umfaßt? Ich fürchte, diese
alten Rechte sind darum so angenehm, weil sie Schlupfwinkel bilden, in
welchen der Kluge, der Mächtige, zum Schaden des Volks, zum Schaden
des Ganzen, sich verbergen oder durchschleichen kann.

Egmont. Und diese willkürlichen Veränderungen, diese unbeschränkten
Eingriffe der höchsten Gewalt, sind sie nicht Vorboten, daß einer tun will,
was Tausende nicht tun sollen? Er will sich allein frei machen, um jeden
seiner Wünsche befriedigen, jeden seiner Gedanken ausführen zu können.
Und wenn wir uns ihm, einem guten weisen Könige, ganz vertrauten, sagt
er uns für seine Nachkommen gut? daß keiner ohne Rücksicht, ohne
Schonung regieren werde? Wer rettet uns alsdann von völliger Willkür,
wenn er uns seine Diener, seine Nächsten sendet, die ohne Kenntnis des
Landes und seiner Bedürfnisse nach Belieben schalten und walten, keinen
Widerstand finden und sich von jeder Verantwortung frei wissen.

Alba (der sich indes wieder umgesehen hat). Es ist nichts natürlicher, als daß
ein König durch sich zu herrschen gedenkt und denen seine Befehle am
liebsten aufträgt, die ihn am besten verstehen, verstehen wollen, die
seinen Willen unbedingt ausrichten.

Egmont. Und ebenso natürlich ist's, daß der Bürger von dem regiert sein will,
der mit ihm geboren und erzogen ist, der gleichen Begriff mit ihm von
Recht und Unrecht gefaßt hat, den er als seinen Bruder ansehen kann.

Alba. Und doch hat der Adel mit diesen seinen Brüdern sehr ungleich geteilt.

Egmont. Das ist vor Jahrhunderten geschehen und wird jetzt ohne Neid
geduldet. Würden aber neue Menschen ohne Not gesendet, die sich zum
zweitenmale auf Unkosten der Nation bereichern wollten, sähe man sich
einer strengen, kühnen, unbedingten Habsucht ausgesetzt; das würde eine
Gärung machen, die sich nicht leicht in sich selbst auflöste.

Alba. Du sagst mir, was ich nicht hören sollte: auch ich bin fremd.

Egmont. Daß ich dir's sage, zeigt dir, daß ich dich nicht meine.

Alba. Und auch so wünscht' ich es nicht von dir zu hören. Der König sandte
mich mit Hoffnung, daß ich hier den Beistand des Adels finden würde. Der
König will seinen Willen. Der König hat nach tiefer Überlegung gesehen,
was dem Volke frommt; es kann nicht bleiben und gehen wie bisher. Des
Königs Absicht ist, sie selbst zu ihrem eignen Besten einzuschränken, ihr
eigenes Heil, wenn's sein muß, ihnen aufzudringen, die schädlichen Bürger
aufzuopfern, damit die übrigen Ruhe finden, des Glücks einer weisen
Regierung genießen können. Dies ist sein Entschluß; diesen dem Adel
kundzumachen habe ich Befehl; und Rat verlang ich in seinem
Namen, wie es zu tun sei, nicht was: denn das hat erbeschlossen.

Egmont. Leider rechtfertigen deine Worte die Furcht des Volkes, die
allgemeine Furcht! So hat er denn beschlossen, was kein Fürst beschließen
sollte. Die Kraft seines Volks, ihr Gemüt, den Begriff, den sie von sich
selbst haben, will er schwächen, niederdrücken, zerstören, um sie bequem
regieren zu können. Er will den innern Kern ihrer Eigenheit verderben;
gewiß in der Absicht, sie glücklicher zu machen. Er will sie vernichten,
damit sie etwas werden, ein ander Etwas. O wenn seine Absicht gut ist, so
wird sie mißgeleitet! Nicht dem Könige widersetzt man sich; man stellt sich
nur dem Könige entgegen, der einen falschen Weg zu wandeln, die ersten
unglücklichen Schritte macht.

Alba. Wie du gesinnt bist, scheint es ein vergeblicher Versuch, uns vereinigen
zu wollen. Du denkst gering vom Könige und verächtlich von seinen Räten,
wenn du zweifelst, das alles sei nicht schon gedacht, geprüft, gewogen
worden. Ich habe keinen Auftrag, jedes Für und Wider noch einmal
durchzugehen. Gehorsam fordre ich von dem Volke: – und von Euch, ihr
Ersten, Edelsten, Rat und Tat, als Bürgen dieser unbedingten Pflicht.

Egmont. Fordre unsre Häupter, so ist es auf einmal getan. Ob sich der Nacken
diesem Joche biegen, ob er sich vor dem Beile ducken soll, kann einer
edeln Seele gleich sein. Umsonst hab ich so viel gesprochen: die Luft hab
ich erschüttert, weiter nichts gewonnen.

Ferdinand. Verzeiht, daß ich Euer Gespräch unterbreche. Hier ist ein Brief,
dessen Überbringer die Antwort dringend macht.

Alba. Erlaubt mir, daß ich sehe, was er enthält. (Tritt an die Seite.)

Ferdinand (zu Egmont). Es ist ein schönes Pferd, das Eure Leute gebracht
haben, Euch abzuholen.

Egmont. Es ist nicht das schlimmste. Ich hab es schon eine Weile; ich denk es
wegzugeben. Wenn es Euch gefällt, so werden wir vielleicht des Handels
einig.

Ferdinand. Gut, wir wollen sehn.

Egmont. Lebt wohl! Entlaßt mich: denn ich wüßte, bei Gott! nicht mehr zu
sagen.

Alba. Glücklich hat dich der Zufall verhindert, deinen Sinn noch weiter zu
verraten. Unvorsichtig entwickelst du die Falten deines Herzens und klagst
dich selbst weit strenger an, als ein Widersacher gehässig tun könnte.

Egmont. Dieser Vorwurf rührt mich nicht; ich kenne mich selbst genug und
weiß, wie ich dem König angehöre; weit mehr als viele, die in seinem
Dienst sich selber dienen. Ungern scheid ich aus diesem Streite, ohne ihn
beigelegt zu sehen, und wünsche nur, daß uns der Dienst des Herrn, das
Wohl des Landes bald vereinigen möge. Es wirkt vielleicht ein wiederholtes
Gespräch, die Gegenwart der übrigen Fürsten, die heute fehlen, in einem
glücklichern Augenblick, was heut unmöglich scheint. Mit dieser Hoffnung
entfern ich mich.

Alba (der zugleich seinem Sohn Ferdinand ein Zeichen gibt). Halt, Egmont! –
Deinen Degen! -

(Die Mitteltür öffnet sich: man sieht die Galerie mit Wache besetzt, die
unbeweglich bleibt.)

Egmont (der staunend eine Weile geschwiegen). Dies war die Absicht? Dazu
hast du mich berufen? (Nach dem Degen greifend, als wenn er sich
verteidigen wollte.) Bin ich denn wehrlos?

Alba. Der König befiehlt's, du bist mein Gefangener.

(Zugleich treten von beiden Seiten Gewaffnete herein.)

Egmont (nach einer Stille). Der König? – Oranien! Oranien! (Nach einer Pause,
seinen Degen hingebend.) So nimm ihn! Er hat weit öfter des Königs Sache
verteidigt, als diese Brust beschützt.



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

Personen und Inhalt

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