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2019-08-15

Johann Wolfgang Goethe: Egmont- 5. Akt




Fünfter Aufzug

Straße. Dämmerung

Brackenburg. Liebchen, um Gottes willen, was nimmst du vor?

Klärchen. Komm mit, Brackenburg! Du mußt die Menschen nicht kennen; wir
befreien ihn gewiß. Denn was gleicht ihrer Liebe zu ihm? Jeder fühlt, ich
schwör es, in sich die brennende Begier, ihn zu retten, die Gefahr von
einem kostbaren Leben abzuwenden und dem Freiesten die Freiheit
wiederzugeben. Komm! Es fehlt nur an der Stimme, die sie zusammenruft.
In ihrer Seele lebt noch ganz frisch, was sie ihm schuldig sind! und daß
sein mächtiger Arm allein von ihnen das Verderben abhält, wissen sie. Um
seinet- und ihretwillen müssen sie alles wagen. Und was wagen wir? Zum
höchsten unser Leben, das zu erhalten nicht der Mühe wert ist, wenn er
umkommt.

Brackenburg. Unglückliche! du siehst nicht die Gewalt, die uns mit ehernen
Banden gefesselt hat.

Klärchen. Sie scheint mir nicht unüberwindlich. Laß uns nicht lang vergebliche
Worte wechseln. Hier kommen von den alten, redlichen, wackern Männern!
Hört, Freunde! Nachbarn, hört! – Sagt, wie ist es mit Egmont?

Zimmermeister. Was will das Kind? Laß sie schweigen,

Klärchen. Tretet näher, daß wir sachte reden, bis wir einig sind und stärker.
Wir dürfen nicht einen Augenblick versäumen! Die freche Tyrannei, die es
wagt, ihn zu fesseln, zuckt schon den Dolch, ihn zu ermorden. O Freunde!
mit jedem Schritt der Dämmerung werd ich ängstlicher. Ich fürchte diese
Nacht! Kommt! wir wollen uns teilen; mit schnellem Lauf von Quartier zu
Quartier rufen wir die Bürger heraus. Ein jeder greife zu seinen alten
Waffen. Auf dem Markte treffen wir uns wieder, und unser Strom reißt
einen jeden mit sich fort. Die Feinde sehen sich umringt und
überschwemmt, und sind erdrückt. Was kann uns eine Handvoll Knechte
widerstehen? Und er in unsrer Mitte kehrt zurück, sieht sich befreit und
kann uns einmal danken, uns, die wir ihm so tief verschuldet worden. Er
sieht vielleicht – gewiß er sieht das Morgenrot am freien Himmel wieder.

Zimmermeister. Wie ist dir, Mädchen?

Klärchen. Könnt ihr mich mißverstehn? Vom Grafen sprech ich! Ich spreche
von Egmont.

Jetter. Nennt den Namen nicht! Er ist tödlich.

Klärchen. Den Namen nicht! Wie? Nicht diesen Namen? Wer nennt ihn nicht
bei jeder Gelegenheit? Wo steht er nicht geschrieben? In diesen Sternen
hab ich oft mit allen seinen Lettern ihn gelesen. Nicht nennen? Was soll
das? Freunde! Gute, teure Nachbarn, ihr träumt; besinnt euch. Seht mich
nicht so starr und ängstlich an! Blickt nicht schüchtern hie und da beiseite.
Ich ruf euch ja nur zu, was jeder wünscht. Ist meine Stimme nicht eures
Herzens eigne Stimme? Wer würfe sich in dieser bangen Nacht, eh' er sein
unruhvolles Bette besteigt, nicht auf die Knie, ihn mit ernstlichem Gebet
vom Himmel zu erringen? Fragt euch einander! frage jeder sich selbst! und
wer spricht mir nicht nach: »Egmonts Freiheit oder den Tod!«

Jetter. Gott bewahr' uns! Da gibt's ein Unglück.

Klärchen. Bleibt! Bleibt, und drückt euch nicht vor seinem Namen weg, dem
ihr euch sonst so froh entgegendrängtet! – Wenn der Ruf ihn ankündigte,
wenn es hieß: »Egmont kommt! Er kommt von Gent!« da hielten die
Bewohner der Straßen sich glücklich, durch die er reiten mußte. Und wenn
ihr seine Pferde schallen hörtet, warf jeder seine Arbeit hin, und über die
bekümmerten Gesichter, die ihr durchs Fenster stecktet, fuhr wie ein
Sonnenstrahl von seinem Angesichte ein Blick der Freude und Hoffnung.
Da hobt ihr eure Kinder auf der Türschwelle in die Höhe und deutetet
ihnen: »Sieh, das ist Egmont, der Größte da! Er ist's! Er ist's, von dem ihr
bessere Zeiten, als eure armen Väter lebten, einst zu erwarten habt.« Laßt
eure Kinder nicht dereinst euch fragen: »Wo ist er hin? Wo sind die Zeiten
hin, die ihr verspracht?« – Und so wechseln wir Worte! sind müßig,
verraten ihn.

Soest. Schämt Euch, Brackenburg! Laßt sie nicht gewähren! Steuert dem
Unheil!

Brackenburg. Liebes Klärchen! wir wollen gehen! Was wird die Mutter sagen?
Vielleicht -

Klärchen. Meinst du, ich sei ein Kind oder wahnsinnig? Was kann vielleicht? –
Von dieser schrecklichen Gewißheit bringst du mich mit keiner Hoffnung
weg. – Ihr sollt mich hören und ihr werdet: denn ich seh's, ihr seid bestürzt
und könnt euch selbst in euerm Busen nicht wiederfinden. Laßt durch die
gegenwärtige Gefahr nur einen Blick in das Vergangene dringen, das kurz
Vergangene. Wendet eure Gedanken nach der Zukunft. Könnt ihr denn
leben? werdet ihr, wenn er zugrunde geht? Mit seinem Atem flieht der
letzte Hauch der Freiheit. Was war er euch? Für wen übergab er sich der
dringendsten Gefahr? Seine Wunden flossen und heilten nur für euch. Die
große Seele, die euch alle trug, beschränkt ein Kerker, und Schauer
tückischen Mordes schweben um sie her. Er denkt vielleicht an euch, er
hofft auf euch, er, der nur zu geben, nur zu erfüllen gewohnt war.

Zimmermeister. Gevatter, kommt.

Klärchen. Und ich habe nicht Arme, nicht Mark wie ihr; doch hab ich, was
euch allen eben fehlt, Mut und Verachtung der Gefahr. Könnt' euch mein
Atem doch entzünden! könnt' ich an meinen Busen drückend euch
erwärmen und beleben! Kommt! In eurer Mitte will ich gehen! – Wie eine
Fahne wehrlos ein edles Heer von Kriegern wehend anführt, so soll mein
Geist um eure Häupter flammen, und Liebe und Mut das schwankende
zerstreute Volk zu einem fürchterlichen Heer vereinigen.

Jetter. Schaff sie beiseite, sie dauert mich. (Bürger ab.)

Brackenburg. Klärchen! siehst du nicht, wo wir sind?

Klärchen. Wo? Unter dem Himmel, der so oft sich herrlicher zu wölben schien,
wenn der Edle unter ihm herging. Aus diesen Fenstern haben sie
herausgesehn, vier, fünf Köpfe übereinander; an diesen Türen haben sie
gescharrt und genickt, wenn er auf die Memmen herabsah. O ich hatte sie
so lieb, wie sie ihn ehrten! Wäre er Tyrann gewesen, möchten sie immer
vor seinem Falle seitwärts gehn. Aber sie liebten ihn! – O ihr Hände, die ihr
an die Mützen grifft, zum Schwert könnt ihr nicht greifen – Brackenburg,
und wir? – Schelten wir sie? – Diese Arme, die ihn so oft fest hielten, was
tun sie für ihn? – List hat in der Welt so viel erreicht – Du kennst Wege und
Stege, kennst das alte Schloß. Es ist nichts unmöglich, gib mir einen
Anschlag.

Brackenburg. Wenn wir nach Hause gingen!

Klärchen. Gut.

Brackenburg. Dort an der Ecke seh ich Albas Wache; laß doch die Stimme der
Vernunft dir zu Herzen dringen. Hältst du mich für feig? Glaubst du nicht,
daß ich um deinetwillen sterben könnte? Hier sind wir beide toll, ich so gut
wie du. Siehst du nicht das Unmögliche? Wenn du dich faßtest! Du bist
außer dir.

Klärchen. Außer mir! Abscheulich! Brackenburg, ihr seid außer euch. Da ihr
laut den Helden verehrtet, ihn Freund und Schutz und Hoffnung nanntet,
ihm Vivat rieft, wenn er kam: da stand ich in meinem Winkel, schob das
Fenster halb auf, verbarg mich lauschend, und das Herz schlug mir höher
als euch allen. Jetzt schlägt mir's wieder höher als euch allen! Ihr verbergt
euch, da es not ist, verleugnet ihn und fühlt nicht, daß ihr untergeht, wenn
er verdirbt.

Brackenburg. Komm nach Hause.

Klärchen. Nach Hause?

Brackenburg. Besinne dich nur! Sieh dich um! Dies sind die Straßen, die du
nur sonntäglich betratst, durch die du sittsam nach der Kirche gingst, wo
du übertrieben ehrbar zürntest, wenn ich mit einem freundlichen
grüßenden Wort mich zu dir gesellte. Du stehst und redest, handelst vor
den Augen der offnen Welt; besinne dich, Liebe! wozu hilft es uns?

Klärchen. Nach Hause! Ja, ich besinne mich. Komm, Brackenburg, nach
Hause! Weißt du, wo meine Heimat ist? (Ab.)

Gefängnis, durch eine Lampe erhellt, ein Ruhebett im Grunde

Egmont (allein). Alter Freund! immer getreuer Schlaf, fliehst du mich auch wie
die übrigen Freunde? Wie willig senktest du dich auf mein freies Haupt
herunter und kühltest wie ein schöner Myrtenkranz der Liebe meine
Schläfe! Mitten unter Waffen, auf der Woge des Lebens, ruht' ich leicht
atmend, wie ein aufquellender Knabe, in deinen Armen. Wenn Stürme
durch Zweige und Blätter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend bewegten,
blieb innerst doch der Kern des Herzens ungeregt. Was schüttelt dich nun?
was erschüttert den festen treuen Sinn? Ich fühl's, es ist der Klang der
Mordaxt, die an meiner Wurzel nascht. Noch steh ich aufrecht, und ein
innrer Schauer durchfährt mich. Ja, sie überwindet, die verräterische
Gewalt; sie untergräbt den festen hohen Stamm, und eh' die Rinde dorrt,
stürzt krachend und zerschmetternd deine Krone.
Warum denn jetzt, der du so oft gewalt'ge Sorgen gleich Seifenblasen dir
vom Haupte weggewiesen, warum vermagst du nicht die Ahnung zu
verscheuchen, die tausendfach in dir sich auf- und niedertreibt? Seit wann
begegnet der Tod dir fürchterlich, mit dessen wechselnden Bildern, wie mit
den übrigen Gestalten der gewohnten Erde, du gelassen lebtest? – Auch
ist er's nicht, der rasche Feind, dem die gesunde Brust wetteifernd sich
entgegensehnt; der Kerker ist's, des Grabes Vorbild, dem Helden wie dem
Feigen widerlich. Unleidlich ward mir's schon auf meinem gepolsterten
Stuhle, wenn in stattlicher Versammlung die Fürsten, was leicht zu
entscheiden war, mit wiederkehrenden Gesprächen überlegten, und
zwischen düstern Wänden eines Saals die Balken der Decke mich
erdrückten. Da eilt' ich fort, sobald es möglich war, und rasch aufs Pferd
mit tiefem Atemzuge. Und frisch hinaus, da wo wir hingehören! ins Feld,
wo aus der Erde dampfend jede nächste Wohltat der Natur und durch die
Himmel wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern; wo wir, dem
erdgebornen Riesen gleich, von der Berührung unsrer Mutter kräftiger uns
in die Höhe reißen; wo wir die Menschheit ganz und menschliche Begier in
allen Adern fühlen; wo das Verlangen, vorzudringen, zu besiegen, zu
erhaschen, seine Faust zu brauchen, zu besitzen, zu erobern, durch die
Seele des jungen Jägers glüht; wo der Soldat sein angebornes Recht auf
alle Welt mit raschem Schritt sich anmaßt und in fürchterlicher Freiheit wie
ein Hagelwetter durch Wiese, Feld und Wald verderbend streicht und keine
Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen.
Du bist nur Bild, Erinnerungstraum des Glücks, das ich so lang besessen;
wo hat dich das Geschick verräterisch hingeführt? Versagt es dir, den nie
gescheuten Tod im Angesicht der Sonne rasch zu gönnen, um dir des
Grabes Vorgeschmack im ekeln Moder zu bereiten? Wie haucht er mich aus
diesen Steinen widrig an! Schon starrt das Leben, vor dem Ruhebette wie
vor dem Grabe scheut der Fuß. -
O Sorge! Sorge! die du vor der Zeit den Mord beginnst, laß ab! – Seit wann
ist Egmont denn allein, so ganz allein in dieser Welt? Dich macht der
Zweifel hülflos, nicht das Glück. Ist die Gerechtigkeit des Königs, der du
lebenslang vertrautest, ist der Regentin Freundschaft, die fast (du darfst es
dir gestehn), fast Liebe war, sind sie auf einmal, wie ein glänzend Feuerbild
der Nacht, verschwunden? und lassen dich allein auf dunkelm Pfad zurück?
Wird an der Spitze deiner Freunde Oranien nicht wagend sinnen? Wird
nicht ein Volk sich sammeln und mit anschwellender Gewalt den alten
Freund erretten?
O haltet, Mauern, die ihr mich einschließt, so vieler Geister wohlgemeintes
Drängen nicht von mir ab; und welcher Mut aus meinen Augen sonst sich
über sie ergoß, der kehre nun aus ihren Herzen in meines wieder. O ja, sie
rühren sich zu Tausenden! sie kommen! stehen mir zur Seite! Ihr frommer
Wunsch eilt dringend zu dem Himmel, er bittet um ein Wunder. Und steigt
zu meiner Rettung nicht ein Engel nieder, so seh ich sie nach Lanz und
Schwertern greifen. Die Tore spalten sich, die Gitter springen, die Mauer
stürzt von ihren Händen ein, und der Freiheit des einbrechenden Tages
steigt Egmont fröhlich entgegen. Wie manch bekannt Gesicht empfängt
mich jauchzend! Ach Klärchen, wärst du Mann; so säh' ich dich gewiß auch
hier zuerst und dankte dir, was einem Könige zu danken hart ist, Freiheit.

Klärchens Haus

Klärchen (kommt mit einer Lampe und einem Glas Wasser aus der Kammer;
sie setzt das Glas auf den Tisch und tritt ans Fenster).Brackenburg? Seid
Ihr's? Was hört' ich denn? noch niemand? Es war niemand! Ich will die
Lampe ins Fenster setzen, daß er sieht, ich wache noch, ich warte noch auf
ihn. Er hat mir Nachricht versprochen. Nachricht? Entsetzliche Gewißheit! –
Egmont verurteilt! – Welch Gericht darf ihn fordern? und sie verdammen
ihn! Der König verdammt ihn? oder der Herzog? Und die Regentin entzieht
sich! Oranien zaudert, und alle seine Freunde! – - Ist dies die Welt, von
deren Wankelmut, Unzuverlässigkeit ich viel gehört und nichts empfunden
habe? Ist dies die Welt? – Wer wäre bös genug, den Teuern anzufeinden?
Wäre Bosheit mächtig genug, den allgemein Erkannten schnell zu stürzen?
Doch ist es so – es ist – O Egmont, sicher hielt ich dich vor Gott und
Menschen, wie in meinen Armen! Was war ich dir? Du hast
mich dein genannt, mein ganzes Leben widmete ich deinem Leben. – Was
bin ich nun? Vergebens streck ich nach der Schlinge, die dich faßt, die
Hand aus. Du hülflos und ich frei! – Hier ist der Schlüssel zu meiner Tür. An
meiner Willkür hängt mein Gehen und mein Kommen, und dir bin ich zu
nichts! – - O bindet mich, damit ich nicht verzweifle; und werft mich in den
tiefsten Kerker, daß ich das Haupt an feuchte Mauern schlage, nach
Freiheit winsle, träume, wie ich ihm helfen wollte, wenn Fesseln mich nicht
lähmten, wie ich ihm helfen würde. – Nun bin ich frei, und in der Freiheit
liegt die Angst der Ohnmacht. – Mir selbst bewußt, nicht fähig, ein Glied
nach seiner Hülfe zu rühren. Ach leider, auch der kleine Teil von deinem
Wesen, dein Klärchen, ist wie du gefangen und regt getrennt im
Todeskrampfe nur die letzten Kräfte. – Ich höre schleichen, husten –
Brackenburg – er ist's! – Elender guter Mann, dein Schicksal bleibt sich
immer gleich; dein Liebchen öffnet dir die nächtliche Tür, und ach zu welch
unseliger Zusammenkunft!

(Brackenburg tritt auf.)

Klärchen. Du kommst so bleich und schüchtern, Brackenburg! was ist's?

Brackenburg. Durch Umwege und Gefahren such ich dich auf. Die großen
Straßen sind besetzt; durch Gäßchen und durch Winkel hab ich mich zu dir
gestohlen.

Klärchen. Erzähl, wie ist's?

Brackenburg (indem er sich setzt). Ach Kläre, laß mich weinen. Ich liebt' ihn
nicht. Er war der reiche Mann und lockte des Armen einziges Schaf zur
bessern Weide herüber. Ich hab ihn nie verflucht; Gott hat mich treu
geschaffen und weich. In Schmerzen floß mein Leben vor mir nieder, und
zu verschmachten hofft' ich jeden Tag.

Klärchen. Vergiß das, Brackenburg! Vergiß dich selbst. Sprich mir von ihm!
Ist's wahr? Ist er verurteilt?

Brackenburg. Er ist's! ich weiß es ganz genau.

Klärchen. Und lebt noch?

Brackenburg. Ja, er lebt noch.

Klärchen. Wie willst du das versichern? – Die Tyrannei ermordet in der Nacht
den Herrlichen! vor allen Augen verborgen fließt sein Blut. Ängstlich im
Schlafe liegt das betäubte Volk und träumt von Rettung, träumt ihres
ohnmächtigen Wunsches Erfüllung; indes unwillig über uns sein Geist die
Welt verläßt. Er ist dahin! – Täusche mich nicht! dich nicht!

Brackenburg. Nein gewiß, er lebt! – Und leider, es bereitet der Spanier dem
Volke, das er zertreten will, ein fürchterliches Schauspiel, gewaltsam jedes
Herz, das nach der Freiheit sich regt, auf ewig zu zerknirschen.

Klärchen. Fahre fort und sprich gelassen auch mein Todesurteil aus! Ich
wandle den seligen Gefilden schon näher und näher, mir weht der Trost
aus jenen Gegenden des Friedens schon herüber. Sag an.

Brackenburg. Ich konnt' es an den Wachen merken, aus Reden, die bald da
bald dorten fielen, daß auf dem Markte geheimnisvoll ein Schrecknis
zubereitet werde. Ich schlich durch Seitenwege, durch bekannte Gänge
nach meines Vettern Hause und sah aus einem Hinterfenster nach dem
Markte. – Es wehten Fackeln in einem weiten Kreise spanischer Soldaten
hin und wider. Ich schärfte mein ungewohntes Auge, und aus der Nacht
stieg mir ein schwarzes Gerüst entgegen, geräumig hoch; mir grauste vor
dem Anblick. Geschäftig waren viele rings umher bemüht, was noch von
Holzwerk weiß und sichtbar war, mit schwarzem Tuch einhüllend zu
verkleiden. Die Treppen deckten sie zuletzt auch schwarz, ich sah es wohl.
Sie schienen die Weihe eines gräßlichen Opfers vorbereitend zu begehn.
Ein weißes Kruzifix, das durch die Nacht wie Silber blinkte, ward an der
einen Seite hoch aufgesteckt. Ich sah, und sah die schreckliche Gewißheit
immer gewisser. Noch wankten Fackeln hie und da herum; allmählich
wichen sie und erloschen. Auf einmal war die scheußliche Geburt der Nacht
in ihrer Mutter Schoß zurückgekehrt.

Klärchen. Still, Brackenburg! Nun still! Laß diese Hülle auf meiner Seele ruhn.
Verschwunden sind die Gespenster, und du, holde Nacht, leih deinen
Mantel der Erde, die in sich gärt; sie trägt nicht länger die abscheuliche
Last, reißt ihre tiefen Spalten grausend auf und knirscht das Mordgerüst
hinunter. Und irgendeinen Engel sendet der Gott, den sie zum Zeugen ihrer
Wut geschändet; vor des Boten heiliger Berührung lösen sich Riegel und
Bande, und er umgießt den Freund mit mildem Schimmer; er führt ihn
durch die Nacht zur Freiheit sanft und still. Und auch mein Weg geht
heimlich in dieser Dunkelheit, ihm zu begegnen.

Brackenburg (sie aufhaltend). Mein Kind, wohin? was wagst du?

Klärchen. Leise, Lieber, daß niemand erwache! daß wir uns selbst nicht
wecken! Kennst du dies Fläschchen, Brackenburg? Ich nahm dir's
scherzend, als du mit übereiltem Tod oft ungeduldig drohtest. – Und nun,
mein Freund -

Brackenburg. In aller Heiligen Namen! -

Klärchen. Du hinderst nichts. Tod ist mein Teil! und gönne mir den sanften
schnellen Tod, den du dir selbst bereitetest. Gib mir deine Hand! – Im
Augenblick, da ich die dunkle Pforte eröffne, aus der kein Rückweg ist,
könnt' ich mit diesem Händedruck dir sagen, wie sehr ich dich geliebt, wie
sehr ich dich bejammert. Mein Bruder starb mir jung; dich wählt' ich, seine
Stelle zu ersetzen. Es widersprach dein Herz und quälte sich und mich,
verlangtest heiß und immer heißer, was dir nicht beschieden war. Vergib
mir und leb wohl! Laß mich dich Bruder nennen! Es ist ein Name, der viel
Namen in sich faßt. Nimm die letzte schöne Blume der Scheidenden mit
treuem Herzen ab – nimm diesen Kuß – Der Tod vereinigt alles,
Brackenburg, uns denn auch.

Brackenburg. So laß mich mit dir sterben! Teile! Teile! Es ist genug, zwei
Leben auszulöschen.

Klärchen. Bleib! du sollst leben, du kannst leben. – Steh meiner Mutter bei, die
ohne dich in Armut sich verzehren würde. Sei ihr, was ich ihr nicht mehr
sein kann; lebt zusammen und beweint mich. Beweint das Vaterland und
den, der es allein erhalten konnte. Das heutige Geschlecht wird diesen
Jammer nicht los; die Wut der Rache selbst vermag ihn nicht zu tilgen.
Lebt, ihr Armen, die Zeit noch hin, die keine Zeit mehr ist. Heut steht die
Welt auf einmal still; es stockt ihr Kreislauf, und mein Puls schlägt kaum
noch wenige Minuten. Leb wohl!

Brackenburg. O lebe du mit uns, wie wir für dich allein! Du tötest uns in dir,
o leb und leide. Wir wollen unzertrennlich dir zu beiden Seiten stehn, und
immer achtsam soll die Liebe den schönsten Trost in ihren lebendigen
Armen dir bereiten. Sei unser! Unser! Ich darf nicht sagen: mein.

Klärchen. Leise, Brackenburg! Du fühlst nicht, was du rührst. Wo Hoffnung dir
erscheint, ist mir Verzweiflung.

Brackenburg. Teile mit den Lebendigen die Hoffnung! Verweil am Rande des
Abgrundes, schau hinab und sieh auf uns zurück.

Klärchen. Ich hab überwunden, ruf mich nicht wieder zum Streit.

Brackenburg. Du bist betäubt; gehüllt in Nacht suchst du die Tiefe. Noch ist
nicht jedes Licht erloschen, noch mancher Tag! -

Klärchen. Weh! über dich Weh! Weh! Grausam zerreißest du den Vorhang vor
meinem Auge. Ja, er wird grauen, der Tag! vergebens alle Nebel um sich
ziehn und wider Willen grauen! Furchtsam schaut der Bürger aus seinem
Fenster, die Nacht läßt einen schwarzen Flecken zurück; er schaut, und
fürchterlich wächst im Lichte das Mordgerüst. Neu leidend wendet das
entweihte Gottesbild sein flehend Auge zum Vater auf. Die Sonne wagt sich
nicht hervor; sie will die Stunde nicht bezeichnen, in der er sterben soll.
Träge gehn die Zeiger ihren Weg, und eine Stunde nach der andern
schlägt. Halt! Halt! Nun ist es Zeit! mich scheucht des Morgens Ahnung in
das Grab. (Sie tritt ans Fenster, als sähe sie sich um, und trinkt heimlich.)

Brackenburg. Kläre! Kläre!

Klärchen (geht nach dem Tisch und trinkt das Wasser). Hier ist der Rest! Ich
locke dich nicht nach. Tu, was du darfst, leb wohl. Lösche diese Lampe still
und ohne Zaudern, ich geh zur Ruhe. Schleiche dich sachte weg, ziehe die
Tür nach dir zu. Still! Wecke meine Mutter nicht! Geh, rette dich! Rette
dich! wenn du nicht mein Mörder scheinen willst. (Ab.)

Brackenburg. Sie läßt mich zum letztenmale wie immer. O könnte eine
Menschenseele fühlen, wie sie ein liebend Herz zerreißen kann. Sie läßt
mich stehn, mir selber überlassen; und Tod und Leben ist mir gleich
verhaßt. – Allein zu sterben! – Weint, ihr Liebenden! Kein härter Schicksal
ist als meins! Sie teilt mit mir den Todestropfen und schickt mich weg! von
ihrer Seite weg! sie zieht mich nach und stößt ins Leben mich zurück.
O Egmont, welch preiswürdig Los fällt dir! Sie geht voran; der Kranz des
Siegs aus ihrer Hand ist dein, sie bringt den ganzen Himmel dir entgegen!
– Und soll ich folgen? wieder seitwärts stehn? den unauslöschlichen Neid in
jene Wohnungen hinübertragen? – Auf Erden ist kein Bleiben mehr für
mich, und Höll und Himmel bieten gleiche Qual. Wie wäre der Vernichtung
Schreckenshand dem Unglückseligen will kommen!

Gefängnis

Egmont. Wer seid ihr? die ihr mir unfreundlich den Schlaf von den Augen
schüttelt. Was künden eure trotzigen, unsichern Blicke mir an? Warum
diesen fürchterlichen Aufzug? Welchen Schreckenstraum kommt ihr der
halb erwachten Seele vorzulügen?

Silva. Uns schickt der Herzog, dir dein Urteil anzukündigen.

Egmont. Bringst du den Henker auch mit, es zu vollziehen?

Silva. Vernimm es, so wirst du wissen, was deiner wartet.

Egmont. So ziemt es euch und euerm schändlichen Beginnen! In Nacht
gebrütet und in Nacht vollführt. So mag diese freche Tat der
Ungerechtigkeit sich verbergen! – Tritt kühn hervor, der du das Schwert
verhüllt unter dem Mantel trägst; hier ist mein Haupt, das freieste, das je
die Tyrannei vom Rumpf gerissen.

Silva. Du irrst! Was gerechte Richter beschließen, werden sie vorm Angesicht
des Tages nicht verbergen.

Egmont. So übersteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken.

Silva (nimmt einem Dabeistehenden das Urteil ab, entfaltet's und liest's). »Im
Namen des Königs, und kraft besonderer von Seiner Majestät uns
übertragenen Gewalt, alle seine Untertanen, wes Standes sie seien,
zugleich die Ritter des Goldnen Vlieses zu richten, erkennen wir« -

Egmont. Kann die der König übertragen?

Silva. »Erkennen wir, nach vorgängiger genauer, gesetzlicher Untersuchung,
dich Heinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverrats schuldig
und sprechen das Urteil: daß du mit der Frühe des einbrechenden Morgens
aus dem Kerker auf den Markt geführt und dort, vorm Angesicht des Volks,
zur Warnung aller Verräter mit dem Schwerte vom Leben zum Tode
gebracht werden sollest. Gegeben Brüssel im« (Datum und Jahrzahl
werden undeutlich gelesen, so, daß sie der Zuhörer nicht versteht.)

»Ferdinand, Herzog von Alba,
Vorsitzer des Gerichts der Zwölfe.«

Du weißt nun dein Schicksal; es bleibt dir wenige Zeit, dich drein zu
ergeben, dein Haus zu bestellen und von den Deinigen Abschied zu
nehmen.

Egmont (hat eine Weile in sich versenkt stille gestanden und Silva, ohne sich
umzusehn, abgehen lassen. Er glaubt sich allein, und da er die Augen
aufhebt, erblickt er Albas Sohn). Du stehst und bleibst? Willst du mein
Erstaunen, mein Entsetzen noch durch deine Gegenwart vermehren? Willst
du noch etwa die willkommne Botschaft deinem Vater bringen, daß ich
unmännlich verzweifle? Geh! Sag ihm! Sag ihm, daß er weder mich noch
die Welt belügt. Ihm, dem Ruhmsüchtigen, wird man es erst hinter den
Schultern leise lispeln, dann laut und lauter sagen, und wenn er einst von
diesem Gipfel herabsteigt, werden tausend Stimmen es ihm entgegenrufen!
Nicht das Wohl des Staats, nicht die Würde des Königs, nicht die Ruhe der
Provinzen haben ihn hierher gebracht. Um sein selbst willen hat er Krieg
geraten, daß der Krieger im Kriege gelte. Er hat diese ungeheure
Verwirrung erregt, damit man seiner bedürfe. Und ich falle, ein Opfer
seines niedrigen Hasses, seines kleinlichen Neides. Ja, ich weiß es, und ich
darf es sagen; der Sterbende, der tödlich Verwundete kann es sagen: mich
hat der Eingebildete beneidet; mich wegzutilgen hat er lange gesonnen
und gedacht.
Schon damals, als wir noch jünger mit Würfeln spielten und die Haufen
Goldes, einer nach dem andern, von seiner Seite zu mir herübereilten, da
stand er grimmig, log Gelassenheit, und innerlich verzehrte ihn die
Ärgernis, mehr über mein Glück als über seinen Verlust. Noch erinnere ich
mich des funkelnden Blicks, der verräterischen Blässe, als wir an einem
öffentlichen Feste vor vielen tausend Menschen um die Wette schossen. Er
forderte mich auf, und beide Nationen standen; die Spanier, die
Niederländer wetteten und wünschten. Ich überwand ihn; seine Kugel irrte,
die meine traf; ein lauter Freudenschrei der Meinigen durchbrach die Luft.
Nun trifft mich sein Geschoß. Sag ihm, daß ich's weiß, daß ich ihn kenne,
daß die Welt jede Siegszeichen verachtet, die ein kleiner Geist
erschleichend sich aufrichtet. Und du! wenn einem Sohne möglich ist, von
der Sitte des Vaters zu weichen, übe beizeiten die Scham, indem du dich
für den schämst, den du gerne von ganzem Herzen verehren möchtest.
Ferdinand. Ich höre dich an, ohne dich zu unterbrechen! Deine Vorwürfe
lasten wie Keulschläge auf einem Helm; ich fühle die Erschütterung, aber
ich bin bewaffnet. Du triffst mich, du verwundest mich nicht; fühlbar ist mir
allein der Schmerz, der mir den Busen zerreißt. Wehe mir! Wehe! Zu einem
solchen Anblick bin ich aufgewachsen, zu einem solchen Schauspiele bin
ich gesendet!

Egmont. Du brichst in Klagen aus? Was rührt, was bekümmert dich? Ist es
eine späte Reue, daß du der schändlichen Verschwörung deinen Dienst
geliehen? Du bist so jung und hast ein glückliches Ansehn. Du warst so
zutraulich, so freundlich gegen mich. Solang ich dich sah, war ich mit
deinem Vater versöhnt. Und ebenso verstellt, verstellter als er, lockst du
mich in das Netz. Du bist der Abscheuliche! Wer ihm traut, mag er es auf
seine Gefahr tun; aber wer fürchtete Gefahr, dir zu vertrauen? Geh! Geh!
Raube mir nicht die wenigen Augenblicke! Geh, daß ich mich sammle, die
Welt und dich zuerst vergesse! -

Ferdinand. Was soll ich dir sagen? Ich stehe und sehe dich an, und sehe dich
nicht, und fühle mich nicht. Soll ich mich entschuldigen? Soll ich dir
versichern, daß ich erst spät, erst ganz zuletzt des Vaters Absichten erfuhr,
daß ich als ein gezwungenes, ein lebloses Werkzeug seines Willens
handelte? Was fruchtet's, welche Meinung du von mir haben magst? Du
bist verloren; und ich Unglücklicher stehe nur da, um dir's zu versichern,
um dich zu bejammern.

Egmont. Welche sonderbare Stimme, welch ein unerwarteter Trost begegnet
mir auf dem Wege zum Grabe? Du, Sohn meines ersten, meines fast
einzigen Feindes, du bedauerst mich, du bist nicht unter meinen Mördern?
Sage, rede! Für wen soll ich dich halten?

Ferdinand. Grausamer Vater! Ja ich erkenne dich in diesem Befehle. Du
kanntest mein Herz, meine Gesinnung, die du so oft als Erbteil einer
zärtlichen Mutter schaltest. Mich dir gleich zu bilden, sandtest du mich
hierher. Diesen Mann am Rande des gähnenden Grabes, in der Gewalt
eines willkürlichen Todes zu sehen, zwingst du mich, daß ich den tiefsten
Schmerz empfinde, daß ich taub gegen alles Schicksal, daß ich
unempfindlich werde, es geschehe mir, was wolle.

Egmont. Ich erstaune! Fasse dich! Stehe, rede wie ein Mann.

Ferdinand. O daß ich ein Weib wäre! daß man mir sagen könnte: was rührt
dich? was ficht dich an? Sage mir ein größeres, ein ungeheureres Übel,
mache mich zum Zeugen einer schrecklichern Tat; ich will dir danken, ich
will sagen: es war nichts.

Egmont. Du verlierst dich. Wo bist du?

Ferdinand. Laß diese Leidenschaft rasen, laß mich losgebunden klagen! Ich
will nicht standhaft scheinen, wenn alles in mir zusammenbricht. Dich soll
ich hier sehn? – Dich? – Es ist entsetzlich! Du verstehst mich nicht! Und
sollst du mich verstehen? Egmont! Egmont! (Ihm um den Hals fallend.)

Egmont. Löse mir das Geheimnis.

Ferdinand. Kein Geheimnis.

Egmont. Wie bewegt dich so tief das Schicksal eines fremden Mannes?

Ferdinand. Nicht fremd! Du bist mir nicht fremd. Dein Name war's, der mir in
meiner ersten Jugend gleich einem Stern des Himmels entgegenleuchtete.
Wie oft hab ich nach dir gehorcht, gefragt! Des Kindes Hoffnung ist der
Jüngling, des Jünglings der Mann. So bist du vor mir her geschritten;
immer vor, und ohne Neid sah ich dich vor, und schritt dir nach, und fort
und fort. Nun hofft' ich endlich dich zu sehen, und sah dich, und mein Herz
flog dir entgegen. Dich hatt' ich mir bestimmt, und wählte dich aufs neue,
da ich dich sah. Nun hofft' ich erst, mit dir zu sein, mit dir zu leben, dich zu
fassen, dich – Das ist nun alles weggeschnitten, und ich sehe dich hier!

Egmont. Mein Freund, wenn es dir wohltun kann, so nimm die Versicherung,
daß im ersten Augenblick mein Gemüt dir entgegenkam. Und höre mich.
Laß uns ein ruhiges Wort untereinander wechseln. Sage mir: ist es der
strenge, ernste Wille deines Vaters, mich zu töten?

Ferdinand. Er ist's.

Egmont. Dieses Urteil wäre nicht ein leeres Schreckbild mich zu ängstigen,
durch Furcht und Drohung zu strafen: mich zu erniedrigen und dann mit
königlicher Gnade mich wieder aufzuheben?

Ferdinand. Nein, ach leider nein! Anfangs schmeichelte ich mir selbst mit
dieser ausweichenden Hoffnung; und schon da empfand ich Angst und
Schmerz, dich in diesem Zustande zu sehen. Nun ist es wirklich, ist gewiß.
Nein, ich regiere mich nicht. Wer gibt mir eine Hülfe, wer einen Rat, dem
Unvermeidlichen zu entgehen?

Egmont. So höre mich. Wenn deine Seele so gewaltsam dringt, mich zu retten,
wenn du die Übermacht verabscheust, die mich gefesselt hält, so rette
mich! Die Augenblicke sind kostbar. Du bist des Allgewaltigen Sohn und
selbst gewaltig – Laß uns entfliehen! Ich kenne die Wege; die Mittel
können dir nicht unbekannt sein. Nur diese Mauern, nur wenige Meilen
entfernen mich von meinen Freunden. Löse diese Bande, bringe mich zu
ihnen und sei unser. Gewiß, der König dankt dir dereinst meine Rettung.
Jetzt ist er überrascht, und vielleicht ist ihm alles unbekannt. Dein Vater
wagt; und die Majestät muß das Geschehene billigen, wenn sie sich auch
davor entsetzet. Du denkst? O denke mir den Weg der Freiheit aus!
Sprich, und nähre die Hoffnung der lebendigen Seele.

Ferdinand. Schweig! o schweige! Du vermehrst mit jedem Worte meine
Verzweiflung. Hier ist kein Ausweg, kein Rat, keine Flucht. – Das quält
mich, das greift und faßt mir wie mit Klauen die Brust. Ich habe selbst das
Netz zusammengezogen; ich kenne die strengen festen Knoten; ich weiß,
wie jeder Kühnheit, jeder List die Wege verrennt sind; ich fühle mich mit
dir und mit allen andern gefesselt. Würde ich klagen, hätte ich nicht alles
versucht? Zu seinen Füßen habe ich gelegen, geredet und gebeten. Er
schickte mich hierher, um alles, was von Lebenslust und Freude mit mir
lebt, in diesem Augenblicke zu zerstören.

Egmont. Und keine Rettung?

Ferdinand. Keine!

Egmont (mit dem Fuße stampfend). Keine Rettung! – - Süßes Leben! schöne
freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden!
So gelassen scheiden! Nicht im Tumulte der Schlacht, unter dem Geräusch
der Waffen, in der Zerstreuung des Getümmels gibst du mir ein flüchtiges
Lebewohl; du nimmst keinen eiligen Abschied, verkürzest nicht den
Augenblick der Trennung. Ich soll deine Hand fassen, dir noch einmal in die
Augen sehn, deine Schöne, deinen Wert recht lebhaft fühlen und dann
mich entschlossen losreißen und sagen: Fahre hin!

Ferdinand Und ich soll daneben stehn, zusehn, dich nicht halten, nicht hindern
können! O welche Stimme reichte zur Klage! Welches Herz flösse nicht aus
seinen Banden vor diesem Jammer?

Egmont. Fasse dich!

Ferdinand. Du kannst dich fassen, du kannst entsagen, den schweren Schritt
an der Hand der Notwendigkeit heldenmäßig gehn. Was kann ich? Was soll
ich? Du überwindest dich selbst und uns; du überstehst; ich überlebe dich
und mich selbst. Bei der Freude des Mahls hab ich mein Licht, im
Getümmel der Schlacht meine Fahne verloren. Schal, verworren, trüb
scheint mir die Zukunft.

Egmont. Junger Freund, den ich durch ein sonderbares Schicksal zugleich
gewinne und verliere, der für mich die Todesschmerzen empfindet, für
mich leidet, sieh mich in diesen Augenblicken an; du verlierst mich nicht.
War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem du dich gerne betrachtetest:
so sei es auch mein Tod. Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie
beisammen sind; auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns. Ich lebe
dir, und habe mir genug gelebt. Eines jeden Tages hab ich mich gefreut;
an jedem Tage mit rascher Wirkung meine Pflicht getan, wie mein
Gewissen mir sie zeigte. Nun endigt sich das Leben, wie es sich früher,
früher, schon auf dem Sande von Gravelingen hätte endigen können. Ich
höre auf zu leben; aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern
und mit Lust, und scheue den Tod nicht.

Ferdinand. Du hättest dich für uns erhalten können, erhalten sollen. Du hast
dich selber getötet. Oft hört' ich, wenn kluge Männer über dich sprachen,
feindselige, wohlwollende, sie stritten lang über deinen Wert; doch endlich
vereinigten sie sich, keiner wagt' es zu leugnen, jeder gestand: ja, er
wandelt einen gefährlichen Weg. Wie oft wünscht' ich, dich warnen zu
können! Hattest du denn keine Freunde?

Egmont. Ich war gewarnt.

Ferdinand. Und wie ich punktweise alle diese Beschuldigungen wieder in der
Anklage fand, und deine Antworten! Gut genug, dich zu entschuldigen;
nicht triftig genug, dich von der Schuld zu befreien -

Egmont. Dies sei beiseite gelegt. Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten,
sich selbst zu führen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem
Schicksale gezogen. Laß uns darüber nicht sinnen; dieser Gedanken
entschlag ich mich leicht – schwerer der Sorge für dieses Land! doch auch
dafür wird gesorgt sein. Kann mein Blut für viele fließen, meinem Volke
Friede bringen, so fließt es willig. Leider wird's nicht so werden. Doch es
ziemt dem Menschen, nicht mehr zu grübeln, wo er nicht mehr wirken soll.
Kannst du die verderbende Gewalt deines Vaters aufhalten, lenken, so tu's.
Wer wird das können? – Leb wohl!

Ferdinand. Ich kann nicht gehn.

Egmont. Laß meine Leute dir aufs beste empfohlen sein! Ich habe gute
Menschen zu Dienern; daß sie nicht zerstreut, nicht unglücklich werden!
Wie steht es um Richard, meinen Schreiber?

Ferdinand. Er ist dir vorangegangen. Sie haben ihn als Mitschuldigen des
Hochverrats enthauptet.

Egmont. Arme Seele! – Noch eins, und dann leb wohl, ich kann nicht mehr.
Was auch den Geist gewaltsam beschäftigt, fordert die Natur zuletzt doch
unwiderstehlich ihre Rechte; und wie ein Kind, umwunden von der
Schlange, des erquickenden Schlafs genießt, so legt der Müde sich noch
einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen
weiten Weg zu wandern hätte. – Noch eins – Ich kenne ein Mädchen; du
wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Nun ich sie dir empfehle, sterb
ich ruhig. Du bist ein edler Mann; ein Weib, das den findet, ist geborgen.
Lebt mein alter Adolf? ist er frei?

Ferdinand. Der muntre Greis, der Euch zu Pferde immer begleitete?

Egmont. Derselbe.

Ferdinand. Er lebt, er ist frei.

Egmont. Er weiß ihre Wohnung; laß dich von ihm führen und lohn ihm bis an
sein Ende, daß er dir den Weg zu diesem Kleinode zeigt. – Leb wohl!

Ferdinand. Ich gehe nicht.

Egmont (ihn nach der Tür drängend). Leb wohl!

Ferdinand. O laß mich noch!

Egmont. Freund, keinen Abschied.

Egmont Feindseliger Mann! Du glaubtest nicht, mir diese Wohltat durch deinen
Sohn zu erzeigen. Durch ihn bin ich der Sorgen los und der Schmerzen, der
Furcht und jedes ängstlichen Gefühls. Sanft und dringend fordert die Natur
ihren letzten Zoll. Es ist vorbei, es ist beschlossen! und was die letzte Nacht
mich ungewiß auf meinem Lager wachend hielt, das schläfert nun mit
unbezwinglicher Gewißheit meine Sinnen ein.
Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am
willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle
Bilder der Freude und des Schmerzes; ungehindert fließt der Kreis innerer
Harmonien, und eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und hören
auf zu sein.
(Er entschläft; die Musik begleitet seinen Schlummer. Hinter
seinem Lager scheint sich die Mauer zu eröffnen, eine glänzende
Erscheinung zeigt sich. Die Freiheit in himmlischem Gewande, von
einer Klarheit umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Züge
von Klärchen und neigt sich gegen den schlafenden Helden. Sie
drückt eine bedauernde Empfindung aus, sie scheint ihn zu
beklagen. Bald faßt sie sich, und mit aufmunternder Gebärde zeigt
sie ihm das Bündel Pfeile, dann den Stab mit dem Hute. Sie heißt
ihn froh sein, und indem sie ihm andeutet, daß sein Tod den
Provinzen die Freiheit verschaffen werde, erkennt sie ihn als
Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz, Wie sie sich mit dem
Kranze dem Haupte nahet, macht Egmont eine Bewegung, wie
einer, der sich im Schlafe regt, dergestalt, daß er mit dem Gesicht
aufwärts gegen sie liegt. Sie hält den Kranz über seinem Haupte
schwebend: man hört ganz von weitem eine kriegerische Musik
von Trommeln und Pfeifen: bei dem leisesten Laut derselben
verschwindet die Erscheinung. Der Schall wird stärker. Egmont
erwacht; das Gefängnis wird vom Morgen mäßig erhellt. Seine
erste Bewegung ist, nach dem Haupte zu greifen: er steht auf und
sieht sich um, indem er die Hand auf dem Haupte behält.)

Verschwunden ist der Kranz! Du schönes Bild, das Licht des Tages hat dich
verscheuchet! Ja sie waren's, sie waren vereint, die beiden süßesten
Freuden meines Herzens. Die göttliche Freiheit, von meiner Geliebten
borgte sie die Gestalt; das reizende Mädchen kleidete sich in der Freundin
himmlisches Gewand. In einem ernsten Augenblick erscheinen sie
vereinigt, ernster als lieblich. Mit blutbefleckten Sohlen trat sie vor mir auf,
die wehenden Falten des Saumes mit Blut befleckt. Es war mein Blut und
vieler Edeln Blut. Nein, es ward nicht umsonst vergossen. Schreitet durch!
Braves Volk! Die Siegesgöttin führt dich an! Und wie das Meer durch eure
Dämme bricht, so brecht, so reißt den Wall der Tyrannei zusammen und
schwemmt ersäufend sie von ihrem Grunde, den sie sich anmaßt, weg!
Horch! Horch! Wie oft rief mich dieser Schall zum freien Schritt nach dem
Felde des Streits und des Siegs! Wie munter traten die Gefährten auf der
gefährlichen, rühmlichen Bahn! Auch ich schreite einem ehrenvollen Tode
aus diesem Kerker entgegen; ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte
und focht und der ich mich jetzt leidend opfre.
Ja, führt sie nur zusammen! Schließt eure Reihen, ihr schreckt mich nicht.
Ich bin gewohnt, vor Speeren gegen Speere zu stehn und, rings umgeben
von dem drohenden Tod, das mutige Leben nur doppelt rasch zu fühlen.
Dich schließt der Feind von allen Seiten ein! Es blinken Schwerter; Freunde,
höhern Mut! Im Rücken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder!


D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

Personen und Inhalt

Ende



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