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2019-08-26

Johann Wolfgang Goethe-Fragmente-Die ungleichen Hausgenossen (6)




Die ungleichen Hausgenossen

Singspiel. 

Erster Akt

Park

ROSETTE. Ich hab ihn gesehen!
Wie ist mir geschehen?
O himmlischer Blick!
Er kommt mir entgegen,
Ich weiche verlegen,
Ich schwanke zurück.
Ich irre, ich träume!
Ihr Felsen, ihr Bäume!
Verbergt meine Freude,
Verberget mein Glück.

Er kommt! Er kommt!
Ich sah ihn von dem Pferde steigen.
Wie frisch! wie flink!
Er bringt gewiß die gute Nachricht,
Daß die Gräfin,
Seine Gebieterin,
Noch heute unser Haus
Mit ihrer Gegenwart
Beglücken wird.
Welche Freude ihrer Schwester,
Der Baronesse, meiner gnädgen Frau,
Welch Vergnügen ihrem Schwager,
Dem Baron!
Und welche Wonne mir!
Und mir! Warum?
Gestehe, zartes Herzchen,
Der Bote freut dich mehr.
Mehr als die Botschaft, die er bringt.
Er kommt mir nach!

Er ist nicht weit!
Ich muß, um mich zu fassen,
Noch einen Augenblick
In diese Büsche gehn.
Ja, Flavio, du hast in meinem Herzen
Zu viel gewonnen,
Ich darf es mir, dir darf ichs nicht gestehn,

(Sie geht ab.)

FLAVIO. Hier muß ich sie finden,
Ich sah sie verschwinden,
Ihr folgte mein Blick.
Sie kam mir entgegen,
Dann trat sie verlegen
Und schamrot zurück.
Ists Hoffnung? sinds Träume?
Ihr Felsen, ihr Bäume!
Entdeckt mir die Liebste,
Entdeckt mir mein Glück.

Wo bist du? Fliehe nicht vor mir!
Wo bist du, schönes süßes Kind?
So hab ich nie geritten.
Nie so toll gejagt.
Als seit ich dieses Schloß
Von fern erblickte.
Ja, es ist wahr.
Mehr als ich selber glaubte:
Ich liebe sie.
Und die Entfernung,
Das Geräusch der Welt,
Die Lust des Lebens
Hat jenen sanften, starken ersten Eindruck
Nicht geschwächt.
In deiner Nähe
Bin ich der leichte Mensch nicht mehr.
Ja ja, ich liebe dich.
O komm, o komm
Und laß ein zärtliches Geständnis
Dir nicht zuwider sein.
Ich höre Rauschen! Gehen!
Ja, sie ists.

Rosette tritt auf.

FLAVIO. Willkommen, schönes Kind!
ROSETTE. Mein Herr! Willkommen,
Es freut mich, Sie zu sehn.
FLAVIO. Und mich entzückt es
Wie wohl mir geschehen,
Sie wiederzusehen,
Bekennet mein Blick.
ROSETTE. Uns ist, Sie zu sehen,
Viel Freude geschehen,
Ich schätze das Glück.
FLAVIO. Es eilet mit Schlägen
Mein Herz dir entgegen,
O tritt nicht zurück.
ROSETFE. Ich werde verlegen,
Sie kommen verwegen
Aus Frankreich zurück.
FLAVIO (beiseite). O himmlische Träume,
Ihr Felsen, ihr Bäume!
Gewährt mir die Hoffnung,
Die Liebste, das Glück.
ROSETTE (beiseite). Ich irre, ich träume,
Ihr Felsen, ihr Bäume!
Verbergt meine Liebe,
Verberget mein Glück.
Wird Ihre gnädige Gräfin
Bald hier sein?
FLAVIO. Binnen wenig Stunden.
Zwar ich ließ sie weit zurück
Und eilte, wie sie befahl, voraus,
Die Nachricht ihrer Ankunft hierher zu bringen;
Doch brauchte sie die Eile mir
Nicht zu befehlen.
ROSETTE. Wo kommen Sie jetzt her?
FLAVIO. Gerade von Paris.
ROSETTE. Nach diesem deutschen Rittersitze!
Gewiß um des Kontrastes willen.
FLAVIO. O nein, die Gräfin liebet ihre Schwester
So sehr und sehnt sich so nach ihr,
Daß selbst die Hauptstadt ohne sie
Ihr einsam scheint.
ROSETTE. Doch Ihnen, die Sie keine Schwester haben?
FLAVIO. Ach, mir!— Sie wissen nicht, Sie glauben nicht—
ROSETTE. Nur eins gestehen Sie:
Hat nicht Baronesse
In Briefen oft geklagt?
FLAVIO. Worüber?
ROSETTE. Verstellen Sie sich nicht.
Ich weiß, die Gräfin hat
Vertraun auf Sie.
FLAVIO. Nun ja, ich weiß es wohl,
Die Baronesse ist nicht ganz
Mit dem Gemahl zufrieden,
Noch der Gemahl mit ihr.
Es ist recht lustig oder traurig,
Wie mans nimmt, zu lesen,
Wie sie beide sich verklagen.
Und doch, sie scheinen sich
Einander herzlich gut.
ROSETTE. Das sind sie auch und sind
Recht herzlich gute Leute.
FLAVIO. Allein warum verträgt
Sich ihre Güte nicht?
Das ist mir einmal unbegreiflich.
ROSETTE. Und doch sehr einfach.
FLAVIO. Nun?
ROSETTE. Wie soll ich sagen,
Was leicht zu sagen ist?
Sie sind nicht gleichgestimmt,
Sie finden nichts, was sie vereinigt,
Und da sie keine Kinder haben,
So hat—gesteh ichs geradezu
Und sage frei den rechten Namen—
So hat ein jedes seinen eignen Narren.
FLAVIO. Schon gut, sie werden wohl verschiedner Art,
An Schellenkapp und Jacke
Sich nicht ähnlich sein.
ROSETTE. Erinnern Sie sich nicht vom vorgen Male,
Da Ihre Gräfin wenig Tage nur
Bei uns blieb?
FLAVIO. Nicht einer einzigen Gestalt als Ihrer
Erinnr ich mich von jener Zeit.
Ich war noch viel zu flüchtig, Viel zu jung,
Und kümmerte in keinem Hause mich
Um etwas anders als um meine Freude.
Und wo ich Wein und schöne Augen fand
War übrigens die innere Verfassung
Und Herr und Frau und Knecht
Für meinen Blicken sicher.
ROSETTE. Der Baronesse Günstling:
Ist ein Poete, ---genannt.
Der sonst nicht übel ist.
Ich leugne nicht, daß er zuweilen
Recht gute Verse macht
Und artig singt.
Allein an ihm ist unerträglich,
Daß alles auf ihn wirkt, wie er es nennt,
Daß er zu jeder Zeit empfindet;
Er fühlet rechts und links
Die Schönheit der Natur.
Kein Baum darf unbewundert grünen oder blühn,
Kein Stern am Horizont herauf.
Die Sonne sich nicht zeigen.
Und der Mond beschäftigt ihn nun gar
Vom ersten Viertel bis zum letzten.
FLAVIO. Und dann das Schönste der Natur,
Die reizende Gestalt Rosettens.
ROSETTE. Sie beschämen mich.
Ja, wohl empfindet er, wenn er mich sieht,
Wie er versichert, gar Unnennbare Empfindungen.
Doch leider macht es mich nicht stolz:
Ein jedes Frauenbild
Wirkt auf sein zartes Herz
Wie jeder Stern. Still, still, er kommt.
Ich stecke mich hier hinter diese Büsche,
Daß er uns nicht zusammen trifft.
FLAVIO. Ich gehe mit.
ROSETTE. Nein, nein, erlauben Sie,
In jenem Busche gegenüber
Ist auch ein guter Anstand für den Jäger.
Bemerken Sie ihn wohl, er kommt, er singt.

(Sie verstecken sich auf zwei verschiedene Seiten)

POET. Hier klag ich verborgen
Dem tauenden Morgen
Mein einsam Geschick.
Verkannt von der Menge,
Ich ziehe, ich enge
Mich stille zurück.
O zärtliche Seele!
O schweige, verhehle
Die ewigen Leiden,
Verhehle dein Glück!

Was seh ich hier! o weh!
Ein armes Tier so grausam hintergangen!
Wie? ist dies Elysium,
Der schönsten Seele reiner Himmelssitz,
Für euren mörderischen Schlingen
Nicht sicher?
O zarte Gebieterin, so achtet man dein! (Ab.)
ROSETTE. Nun sehen Sie den Herren Immersüß,
Da haben Sie ein Beispiel:
Die Drossel, die hier an der Schlinge hängt,
Macht ihm Entsetzen.
Es ist wahr, dies ist der Platz,
An dem die Baronesse sich
Gar oft gefällt.
Den sie sich angepflanzt, den sie geheiligt.
Sie liebt die Jagd nicht
Liebt nicht, daß vor ihren Augen
Man töte, Drosseln würge.
Und doch wird hier geschossen,
Schlingen stellt man aus,
Man sucht mit Hunden durch.
Das alles tut der Baron
Gar nicht, um sie zu kränken;
Er denkt sich nichts dabei.
Allein nun geht er hin
Und schreit von Greuel,
Von Barbarei der Baronesse vor
Und malet einen Vogel, der erstickt,
So ganz erbärmlich aus
Dann gibt es Lärm und Tränen.
FLAVIO. Das kann nichts Gutes werden.
ROSETTE. Wenn nun gerade der Baron
Den Widerpart von diesem Dichter
In seinem Dienste hegt!
FLAVIO. Nun ja, da mag es gute Szenen geben.
Wer ist denn der?
ROSETTE. Ein sonderbarer Kerl, ein alter treuer Diener.
Schon bei dem selgen Herrn stand er in Gunst,
Mit dem Baron hat er in drei Kampagnen
Tapfer sich gehalten.
 Das Maul ist ihm der Quere gehauen,
daß er nicht ganz vernehmlich spricht.
Er ist ein ganzer Jäger, Zuverlässig wie Gold
Und plump, wie jener zart ist.
Kurzgebunden, langdenkend.
Er kann nie sich über seinen Freund erzürnen,
Seinen Feinden nie verzeihn.
Gefällig und wieder stockig ohnegleichen.
Er unterscheidet sich in einem einzgen Punkte
Von einem Menschen, der bei Sinnen ist.
FLAVIO. Ich bin begierig, diesen Punkt zu wissen.
ROSETTE. Er sagt es grade, wie ers denkt.
So spricht er nun auch grade von sich selbst.
Von seiner Treue, seiner Tapferkeit,
Von seinen Taten, seiner Klugheit.
Und was sein größtes Unglück ist.
Er glaubt von einem großen Hause herzustammen,
Das ich denn auch nicht ganz unmöglich halte.
Das alles gibt Gelegenheit,
ihn hundertmal zum besten zu haben.
Ihn zu mystifizieren, ihn zu mißhandeln.
Denn so innerlich ist seine Natur in Redlichkeit beschränkt.
Daß er nach tausend tollen, groben Streichen
Noch immer traut und immer alles glaubt.
Wer hustet? Ja, er kommt, er ist es selbst.
Geschwind an unsre Plätzel
Sonst überrascht er uns.
FLAVIO (geht ihr nach).
Entfernen Sie mich nicht von Ihrer Seite.
ROSETTE.
Nein, nein, mein Herr! dort, dorten ist Ihr Platz.
PUMPER (mit einer Flinte, Hasen und Feldhühnern).
Es lohnet mir heute
Mit doppelter Beute
Ein gutes Geschick:
Der redliche Diener
Bringt Hasen und Hühner
Zur Küche zurück.
Hier find ich gefangen
Auch Vögel noch hangen.
Es lebe der Jäger,
Es lebe sein Glück!

Hier befindet sich eine Lücke im Manuskript

( Pumper charakterisiert in einem Monolog sich selbst,
wie vorher der Poet, und geht ab.)

ROSETTE. Nun, wie gefällt der Freund?
FLAVIO. Das heiß ich mehr Original sein, als erlaubt ist.
ROSETTE.
Den kennen Sie nun auch, derb, eigen, steif und krumm.
Ein bißchen toll, nichts weniger als dumm.
Wie oft versündigt sich der gnädge Herr an ihm!
Man läßt ihn lang als Kavalier behandlen,
Gibt aus des selgen alten Herrn Garderobe
Ihm reiche Kleider,
Frisiert ihm die tollsten Perücken auf den Kopf,
Und treibt es so, daß er sich selbst gefällt.
Sie haben ihm sogar, als kam es von dem durchlauchtgen
Vetter, den er zu haben wähnt.
Mit vielen Zeremonien ein Ordensband und einen Stern geschickt.
So muß er sich denn der Gesellschaft präsentieren,
Sich mit zu Tische setzen.
Und wie's ihm wohl in seinem Sinne wird,
Dann geht es Glas auf Glas,
Man füttert ihn mit leckern Speisen fast zu Tode,
Der arme Kerl erträgts nicht und fällt um.
Man zieht ihn aus, legt einen schlechten Kittel ihm an.
Bemalt ihm das Gesicht mit Ruß,
Schießt ihm Pistolen vor den Ohren los.
Zündet Schwamm ihm in der Tasche an.
Mich wundert, daß er noch nicht völlig rasend oder tot ist.
FLAVIO. Ich kann mir denken, wie die Baronesse leidet.
ROSETTE. Unglücklicher kann niemand werden,
Als sies bei diesen Scherzen ist,
Oft halbe Tage lang hat sie geweint. Sie dauert mich, und ich weiß nicht zu helfen.
FLAVIO. Ich höre sie von ferne wiederkommen.
ROSETTE. Sie sind im Streit; geschwind, uns zu verbergenl
Ich komme dann von dieser Seite,
Sie von jener, begrüßen sie und uns,
Als fänden wir sie erst. Als hätten wir uns nicht gesehn.
(Sie verstecken sich wie oben.)

Pumper läuft den Poeten nach und hält ihm die Drosseln vors Gesicht.

PUMPER. Teilen Sie doch mein Vergnügenl
O der zarte Herr von Butter,
Alle Vögel kann er fliegen,
Keinen Vogel hangen sehn.
POET. Welch ein grausames Vergnügen! Mit dem schönen eignen Futter
Diese Tierchen zu betrügen; Gräßlicher kann nichts geschehn.
PUMPER. Euch erwartet mehr Vergnügen:
Wenn sie mit der braunen Butter
Zierlich in der Schüssel liegen,
Werdet Ihr sie lieber sehn.
ROSETTE. Pfui, ihr Herren, welch Vergnügen!
Immerfort die allen Tücken,
Stets sich in den Haaren liegen,
Wie zwei Hähne dazustehn!
POET. Und ich soll hier mit Entzücken
Seine toten Vögel sehn?
PUMPER. Er kann nur mit feuchten Blicken
Einen toten Vogel sehn.
ROSETTE. Unser Koch wird mit Entzücken
Seine fetten Vögel sehn.
FLAVIO (von ferne kommend)
Wenn nicht Ohr und Augen trügen,
Soll mich dieser Wald beglücken.
(Herbeitretend.)
Welch ein köstliches Vergnügen,
Allerseits Sie hier zu sehn!
ROSETTE. Unerwartetes Vergnügen,
Daß Sie wieder uns beglücken.
Werden wir uns nicht betrügen?
Ist es unserthalb geschehn?
POET. Diese Freude, dies Vergnügen
Kann ich meinem Herrn erwidern.
(Beiseite, doch so, daß es allenfalls Pumper hören kann.)
Leider! Leider muß ich lügen,
Mich verdrießts, ihn hier zu sehn.
PUMPER. Nein, ein Deutscher soll nicht lügen;
Nein, mir frißts in allen Gliedern,
Nicht das mindeste Vergnügen
Macht es mir, Sie hier zu sehn.
FLAVIO. Läßt sich treu und grob nicht scheiden?
Soll ein Fremder das nicht rügen?
Ihn muß wundern, soll er leiden,
So empfangen sich zu sehn.
ROSETTE (beiseite). Wie verberg ich mein Vergnügen,
Diese Regung, diese Freude?
Ach, ich fürcht, an meinen Zügen,
An den Augen wird ers sehn.
FLAVIO (beiseite). Ihre, Freude, ihr Vergnügen
Zeigt sich sittsam und bescheiden;
Wenn nicht ihre Blicke lügen,
Freut sies herzlich, mich zu sehn.
ROSETTE (beiseite) Wie gebiet ich meinen Zügen?
Ach, ich fürcht, er wird es sehn.
FLAVIO (beiseite). Wenn nicht ihre Blicke lügen,
Freut sies herzlich, mich zu sehn.
POET (beiseite). Sicher wird er sie betrügen;
Mich verdrießt, ihn hier zu sehn.
PUMPER.(allein laut). Nein, ein Deutscher soll nicht lügen;
Mich verdrießts, ihn hier zu sehn.
ROSETTE (laut). Gern bekenn ich das Vergnügen,
Sie, mein Herr, bei uns zu sehn.
FLAVIO (laut). Welch ein himmlisches Vergnügen,
Meine Schöne hier zu sehn!
POET. Wem verdankt man das Vergnügen,
Sie aus Frankreich hier zu sehn?
PUMPER (laut und vor sich herumgehend).
Nein, ein Deutscher soll nicht lügen;
Mich verdrießt, ihn hier zu sehn.
FLAVIO. Soll ein Fremder das nicht rügen.
So empfangen sich zu sehn?
ROSETTE. Wer wird eine Tollheit rügen?
Lassen Sie den Narren gehn.
FLAVIO (gegeneinander und zusammen).
Welch ein himmlisches Vergnügen,
Meine Schöne hier zu sehn!
ROSETTE. Ja, viel Freude, viel Vergnügen,
Wieder Sie bei uns zu sehn.
POET. Ihm mißgönn ich das Vergnügen,
So empfangen sich zu sehn.
PUMPER. Ja, ein höchlich Mißvergnügen
Macht es mir, ihn hier zu sehn.
FLAVIO. Der Freude kann nichts gleichen
In Freundschaft und Vertrauen
Die Gegend anzuschauen,
Den Garten anzusehn.
ROSETTE. Ich muß zur gnädgen Frauen;
Doch wird die Sonne weichen,
Der Abend stille grauen,
Ist erst der Garten schön.
POET. Sie wird ihn mir vergleichen,
Dies ist noch mein Vertrauen.
Wie wird der Flüchtling weichen!
Sie hat Augen, das zu sehn.
PUMPER. Der Bosheit kann nichts gleichen.
Das soll ich ruhig schauen?
Dem Schmetterling ich weichen,
Dem Pärchen nachzugehn?

Vierter Akt 

Poet mit Musicus, Pumper hernach mit dem Regimentstambour horchend.

POET. Auf dem grünen Rasenplatze
Unter diesen hohen Linden,
Werdet ihr ein Echo finden,
Das nicht seinesgleichen hat.
Übet da die Serenade,
Die der Gräfin
Heut am Abend
Sanft die Augen schließen soll.

Welch schöner Gedanke
Der zarten Baronesse!
Die göttliche Lina!
Sie ist wie ein Engel
Gefälligkeitsvoll.
(Geht mit den Musicus beiseite.)
PUMPER (hervortretend). Auf dem großen Platz mit Sande
In der Läng und in der Breite
Habt Ihr Raum für Eure Leute.
Und da schlagt und lärmt euch satt.
Übet mir das tolle Stückchen,
Das die Gräfin
Morgen frühe
Aus dem Schlafe wecken soll.

Hier befindet sich eine Lücke im Manuskript

(Er geht mit dem Regimentstambour ab. Serenade von
blasenden Instrumenten mit Echo, die dem folgenden Auftritt
zur Begleitung dient)

POET. Es säuselt der Abend,
Es sinket die Sonne.
Erquickend und labend,
In Tau und in Wonne,
In Nebel und Flor
Schwankt Luna hervor.

O herrliche Sonne,
Du gleichest der Gräfin,
Die blendend gefällt;
Und Luna, du mildrer Stern,
Du gleichst der holden Baronesse!

O Luna, ich vergesse
Der Sonne gar gerne,
O Luna, ich vergesse
In deinen sanften Strahlen,
In deinem süßen Lichte,
Vor deinem Angesichte
Der Sonne, der Welt.

Nur sachte, nur leise,
Ihr Flöten, ihr Hörner,
Damit man das Rauschen
Der Wellen des Baches,
Damit man das Lispeln
Des Lüftchens im Laube

Vernehme!

Ihr hellen Klarinetten,
Nur leise, nur sachte!
ihr Hoboen, Fagotte,
Bescheiden! bescheidenl
Sachte! leise!
So! So!

Damit man das Rauschen
Der Wellen des Baches,
Damit man das Lispeln
Des Lüftchens im Laube,
Die leisesten Schritte
Der wandlenden Göttin
Vernehme!

Ja, ich vernehme
Die Schritte der Göttin.
O näher und näher.
Du himmlische Schöne!
Hier ruht Endymion.—

Welch höllischer Lärmen
Zerreißt mir die Ohren?
O weh mir, ich sterbe,
Ich seh mich verloren.
Die göttliche Stimmung,
Zum Teufel ist sie.
Abscheuliche Töne!

So knirschen, so grinsen
Tyrannische Söhne
Tyrannischer Prinzen
Im ewigen Kerker
Zu Höllenmusiken,
Zum teuflischen Ton.
PUMPER. Nur lauter, nur stärker,
Damit man es höre,
Nur laut! Es erwachet
Kein Schläfer davon.

Fünfter Akt

Nacht

ROSETTE (allein). Ach, ihr schönen süßen Blumen,
Habt ihr drum so spat geblühet.
Um an meinem bangen Herzen
Zu verblühen, meiner Schmerzen
Stille Zeugen, ach, zu sein!
Ja, für mich hat er sie gepflückt,
Diesen Morgen wie frisch gebracht
Und an dieser Brust
Rasch mit einem Kuß zerdrückt!
Und nun welken sie zu Nacht.

Im Gemisch von Schmerz und Lust
Beglückt,
Ach, wohin soll ich mich wenden?
Begleitet mich.
Lieb mir frisch aus seinen Händen,
Und weit lieber nun zerknickt.
POET. Rosette! Rosette!
Sie hört nicht! Sie ist weiter,
Sie hat sich versteckt.
Ich sah wohl zum Garten
Verstohlen sie schleichen.
Ich wette, ich wette,
Sie hat ihn bestellt.
Rosette! Rosette!
Sanftes Herz!
Welche Regungen bewegen
Deinen Gleichmut, deine Ruhe?
Wie ein Sturm in fernen Wogen
Kündet sich in meinem Busen
Ein gewaltig Wetter an
Schon rollen des Zornes
Lautbrausende Wellen,
Und Blitze der Eifersucht

Erhellen
Schäumende Felsen,
Die tobende Flut.

Rosette! Rosette!
Ich fasse mich nicht!
Ich sterbe für Wut.
Wie? In diesen tiefen Schatten,
Wo nur Götter sich begegnen sollten.
Ladet sie ihn! Sie! die unbescholten
Den besten Gatten,
Die das treuste Herz verdient!

Sie ladet ihn, den Franzosen!
O Schande, o Schmach!
O Schmach dem Vaterlande,
O allen Deutschen Schande!
Für diesen Franzosen
Seid ihr, ihr schönen Rosen,
So lieblich aufgeblüht.

Rache!
Ja, Rache glühet selbst in Götter-Busen auf.
Weh ihm, wenn ich ihn finde!
Diese Hand—

Schon rollen des Zornes
Lautbrausende Wellen,
Und Blitze der Eifersucht
Erhellen
Schäumende Felsen,
Die tobende Flut.

Hier befindet sich wieder eine Lücke im Text

PUMPER. Einen von ihren Purschen
Hat sie hierher bestellt.
Ich sah sie leise schleichen,
Ich weiß schon, wer ihr gefällt;
Doch will mirs nicht gefallen,
Ich gebe mein Ja nicht dazu.
Du ärgerst mich vor allen,
O du Franzose du!
Ein guter deutscher Stock
Soll dir die Rippen waschen,
Ich lehre dich
In unserm Garten naschen.
ROSETTE. O glücklich der zweite!
Er kommt mir zurecht.
Betrüg ich sie beide!
Das alberne Geschlecht!
(Laut.) O mein Geliebter! Bester, bist du nah?
(Als Flavio.) Mein süßes Kind, hier bin ich, ich bin da.
POET. Hör ich doch in jenen Lauben
Ihre Stimmen ganz gewiß.
PUMPER. Allerliebste Turteltauben,
Girrt ihr in der Finsternis?
ROSETTE. O du mein Teurer,
Du meine Seele!
Des Lebens Freuden,
Des Lebens Schmerzen
Kenn ich durch dich,
Fühl ich um dich.
PUMPER. POET (beiseite). Wart, ich will es dir gesegnen,
Ihm kann sie so schön begegnen,
Aber mir kein gutes Wort.
ROSETTE (als Flavio). O meine Teure!
Wenn ich mich quäle.
Wenn sich die Freude
Mir drängt zum Herzen,
Ist es um dich,
Ist es durch dich.
POET. PUMPER. Wart, ich will es dir geseguen,
Wart, es sollen Schläge regnen,
Ist nur erst das Mädchen fort.

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