> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe-Fragmente-Kantate zum Reformations-Jubiläum (8)

2019-08-27

Johann Wolfgang Goethe-Fragmente-Kantate zum Reformations-Jubiläum (8)




Kantate zum Reformations-Jubiläum

[SULAMITH.] Wenn mich auch die Wächter schlügen,
Da dem Liebsten forsche nach,
Einzig ist mir das Vergnügen
Seiner Liebe Nacht und Tag.
CHOR. Salomo in Königsherrlichkeit
Dem Einzigen, dem
Sonne Sterne Sterne,
Alles glänzt, was ihn umgibt.
SULAMITH. Und ich stehe, stehe ferne,
Und ich weiß es, daß er liebt.
[CHOR.] Was soll all der Prunk bedeuten?
Regt er nicht der Seele Spott?
Wenn wir in das Freie schreiten,
Auf den Höhen, da ist der Gott.

Auf den Höhen, rein umsäuselt,
Wie es auch sich fügen mag.
Wenn das Locken-Haar sich kräuselt,
Knaben, Mädchen, hier ist Tag!

[CHOR.] Baal, der im Grimme
Euch zu vernichten,
Weiß der Geschichten
Ende zu deuten.

II. SCHEMA 1

Erster Teil

1. Die Gesetzgebung auf Sinai.
2. Das kriegerische Hirtenleben, wie es uns das Buch der
Richter, Ruth usw. darstellt.
3. Die Einweihung des Tempels Salomonis.
4. Das Zersplittern des Gottesdienstes, der sich auf Berge
und Höhlen wirft.
5. Die Zerstörung Jerusalems, und in Gefolg derselben
die Gefangenschaft zu Babel.
6. Propheten und Sibyllen, den Messias ankündigend.

Zweiter Teil

1 Johannes in der Wüsten, die Verkündigung aufnehmend.
2. Die Anerkennung durch die drei Könige.
3. Christus erscheint als Lehrer und zieht die Menge an
sich. Einzug in Jerusalem.
4. Bei drohender Gefahr verliert sich die Menge; die
Freunde schlafen ein; Leiden am Ölberg.
5. Auferstehung.

Hält man die beiden Teile gegeneinander, so erscheint
der erste absichtlich länger und hat eine entschiedene
Mitte, woran es jedoch dem zweiten auch nicht fehlt.
Im ersten Teile parallelisieren No. 1 und 5: Sinai und
die Zerstörung, die Zeit der Richter und der Baalsdienst;
No. 2 und 4: idyllisch enthusiastisch, die Einweihung des
Tempels als höchster Gipfel usw.
Im zweiten Teile würde sich das morgendliche, der Sonnenaufgang
in No. 1 und 5 steigernd ausdrücken. No. 2
und 4 sind im Gegensatz. No. 3. Einzug in Jerusalem,
möchte die freie, fromme Volksfreude, wie die Einweihung
des Tempels, die fürstlich priesterliche Begrenzung des
Gottesdienstes ausdrücken.

III. Schema 2

Erster Teil

Symphonie.
Zum Schluß Donner auf Sinai.
Zudringendes Halbchor. (Volk.)
Es will in der Nähe sehen, was da vorgeht.
Abhaltendes Halbchor. (Leviten.)
Das Volk wird von Sinai zurückgedrängt und betet an.
Sprecher (Aaron).
Leitet das Ereignis ein, erwähnt des Abfalls zum
goldnen Kalbe.
Das Volk demütigt sich und empfängt das Gesetz.
Sprecher (Josua).
Zug durch die Wüste.
Eroberung des Landes.
Kriegerische Hirtenchöre im Sinne derer meiner Pandora
Sprecher (Samuel).
Den schwankenden Zustand zwischen Priestertum
und Königtum aussprechend.
Beharren des Königs und des Volkes bei dem Begriff des
einzigen National-Gottes.
Salomons Regierungsantritt.
Frauenchöre.
Sulamith, die Geliebteste, in der Ferne.
Priesterchöre.
Einweihung des Tempels.
Chöre aller Art.
Sprecher (Elias).
Die Abweichung gegen Baal vorbereitend.
Dienst auf Höhen und im Freien.
Chöre des Volks, das zur Heiterkeit früheren freiem Himmelslebens
zurückkehrt.
Muntere Festlichkeit, minder religiös.
Chöre der Priester Baals, pfaffenartig mit Härte und Roheit
imponierend.
Sprecher (Jonas).
Drohungen.
Große Feindesmassen in der Ferne weissagend.
Herandringen des Feindes.
Beängstigung.
Untergang des Reichs, gewaltsam.
Gefangenschaft. Lieblich lamentabel.
Sprecher (Jesaias).
Rettung und künftiges Glück verkündend.
Chöre, es dankbar aufnehmend, aber im irdischen Sinne.
Propheten und Sibyllenchöre, auf das Geistige und Ewige
hindeutend.
Schließt glorios.




Requiem dem frohsten Mann des Jahrhunderts

CHOR. Alle ruhen, die gelitten,
Alle ruhen, die gestritten;
Aber auch, die sich ergetzten,
Heiterkeit im Leben schätzten,
Ruhn in Frieden;
So bist du von uns geschieden.
GENIUS (Tenor).
Wem hoher Ahnen Geist im alten Sange
Das Kinderhaupt umschwebt,
Wem früh vom Waffenklange
Die Erde bebt.
Er wird sich nie Gefahren beugen,
Und Heiterkeit, sie bleibt sein eigen.
Holder Knabe, froh gesinnet,
Alles sei dein Eigentum!
Zwar die brave Faust gewinnet,
Doch der Geist bewährt den Ruhm.
ERDGEIST
(Baß).
So soll dem Jüngling denn, vor allen,
Der Schlachten Ruf,
Der Prüfung Ruf erschallen!
Wenn die alten wie die neuen
Erdenbürger sich entzweien—
Nur voran! mit Glücks Gewalt!
Der Besitz, er wird nicht alt.

Das Entsetzen wie das Grauen,
Das Zerstören als ein Bauen,
Nur voran! mit Geists Gewalt!
Wirblet Pauke, Drommete schallt.
GENIUS.
Verklinge, wilder, unwillkommner Ton.
ZWEI SYLPHEN.
Und sollten wir ihn nicht umgarnen ;
Er läßt sich vor Gefahr nicht warnen.
Doch sind wir liebenswürdig Paar
So liebenswürdig—als Gefahr.
--------------------------------------------..-------

SYLPHE DES HOFS.
Locke du!
SYLPHE DER GESELLSCHAFT.
Locke du!
SYLPHE DES HOFS. 
Zu, nur zu!
SYLPHE DER GESELLSCHAFT. Zu, nur zu!
BEIDE. 
Sieh, da horcht der Kriegsgenosse
SYLPHE DES HOFS. 
Auf das Schmeichlen—
SYLPHE DER GESELLSCHAFT.
Auf die Posse.
SYLPHE DES HOFS. 
Locke du!
SYLPHE DER GESELLSCHAFT. 
Zu, nur zu!
GENIUS. 
Nein! nicht "Zu, nur zu!"
In seinem Wesen ist ein andres Wesen,
Ihn hab ich mir zum Beispiel auserlesen.
Unglück, das sinket; Glück, es steigt:
In beiden sei er froh und leicht.
Und was wollt ihr, frohe Seelen?
SYLPHEN.
Für die Freude nur den Raum.
GENIUS.
Kann euch das—? es kann nicht fehlen.
SYLPHEN.
Lustges Leben—lustger Traum.
GENIUS.
Der Sonne herrlich Licht, des Äthers freier Raum:
Dort wohnt das Ewige, das Wahre;
Wie ernst das Leben auch gebare.
Des Menschen Glück, es ist ein eitler Traum.
Rasch knatternd schlägt ein Wetter auf dich ein;
Was hilft euch eurer Taten Lohn?
Ein Ohngefähr, es schmettert herein—
Beraubt der Vater, tot der Sohn!
VATER (Baß).
Nein, es ist kein Trost dem Tage,
Der dem Vater nahm den Sohn!
MÜTTER
(Alt).
Hemme, stille deine Klage!
Er ist auch der Mutter Sohn.
SCHWESTER
(Sopran). 
Den Geschwistern ist verloren,
Der mit ihnen war geboren.
GESCHWISTER und VERWANDTE.
Und doch sind wir neugeboren,
Sind dem Vater wir der Sohn.
VATER.
Nein, es bleibt kein Trost dem Tage,
Der dem Vater nahm den Sohn;
Einet meiner bittern Klage
Liebevollen Trauerton.
CHOR.
Ja, wir einen Jammerklage
Mit dem Vater für den Sohn.
CHORFÜHRER.
So ward es Nacht, ein unermeßlich Trauern
Umgibt uns mit der Gräber Schauern.
Der Morgen kommt von jenen Höhn—
Wer kann dem Trost, der Freude widerstehn!
FREMDE LÄNDER.
Sollten wir dich nicht umgaukeln,
Denen du gehuldigt hast?
Laß dich holde Bilder schaukeln,
Von der Hütte zum Palast.
ITALIEN
(Sopran). 
Auch mich hast du besucht,
Du mußts bedenken!
Was ich vergeude,
Niemand kann es schenken.

Das Wehn der Himmelslüfte,
Dem Paradiese gleich,
Des Blumenfelds Gedüfte,
Das ist mein weites Reich.

Das Leben aus dem Grabe
Jahrhunderte beschließt;
Das ist der Schatz, die Habe,
Die man mit mir genießt.

CHOR.
Sollten wir dich nicht umgaukeln
----------------------------------------------
Laß dich holde Bilder schaukeln,
Blumen, Wälder und Palast.

Aus nächtger Finsternis, am Hügel, wo
Gesellig still der Ahnen würdige Reihe
Sich ernst und prunklos in die Gruft gelagert,
Ruft sanft ein Requiem den Trauernden.
Ein starres Bild vertritt an diesem Ort

Keine Kommentare: