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2019-08-30

Johann Wolfgang Goethe: Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand (1)







Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand

Das Unglück ist geschehn, das Herz
des Volcks ist in den Koth getreten,
und keiner edeln Begierde mehr fähig.

Erster Aufzug

Eine Herberge

Zwei  Reitersknechte  an einem Tisch, Ein Bauer und ein
Fuhrmann am andern beym Bier

ERSTER REUTER. Trinck aus, dass wir fortkommen, unser Herr wird auf uns warten. Die Nacht bricht herein; und es ist besser eine schlimme Nachricht als keine, so weiss er doch woran er ist.
ZWEYTER REUTER, Ich kann nicht begreiffen wo der von Weisling hingekommen ist. Es ist als wenn er in die Erd geschlupft wäre. Zu Nersheim hat er gestern übernachtet, da sollt er heute auf Crailsheim gangen seyn, das ist seine Stras, und da war er morgen früh durch den Winsdorfer Wald gekommen, wo wir ihm wollten aufgepasst und für's weitere Nacht Quartier gesorgt haben;
unser Herr wird wild seyn, und ich binn's selbst dass er uns entgangen ist, iust da wir glaubten wir hätten ihn schon.
ERSTER REUTER. Vielleicht hat er den Braten gerochen, denn selten dass er mit Schnuppen behafft ist. Und ist einen andern Weeg gezogen.
ZWEYTER REUTER. Es ärgert mich!
ERSTER REUTER. Du schickst dich fürtrefflich zu deinem Herrn. Ich kenn euch wohl. Ihr fahrt den Leuten gern durch den Sinn und könnt nicht wohl leiden dass euch was durch fährt.
BAUER (am andern Tisch). Ich sag dir's, wenn sie einen brauchen, und haben einem nichts zu befehlen, da sind die vornehmsten Leut inst die artigsten.
FUHRMANN. Nein geh! Es war hübsch von ihm und hat mich von Herzen gefreut, wie er geritten kam und sagte: liebe Freund, seyd sogut, spannt eure Pferd aus und helfft mir meinen Wagen von der Stell bringen. Liebe Freund, sagt er, wahrhafftig es ist das erstemal dass mich so ein vornehmer Herr lieber Freund geheissen hat.
BAUER. Dancks ihm ein spitz Holz; wir mit unsern Pferden waren ihm willkommner als wenn ihm der Kayser begegnet war. Stack sein Wagen nicht im Hohlweeg zwischen Tühr und Angel eingeklemmt? Das Vorderrad biss über die Axe im Loch, und 's hintere zwischen ein Paar
Steinen gefangen; er wusst wohl was er taht wie er sagte: liebe Freund. Wir haben auch was gearbeit biss wir 'n herausbrachten.
FUHRMANN. Dafür war auch 's Trinckgeld gut. Gab er nit jedem drey Albus? He!
BAUER. Das lassen wir uns freylich ietzt schmecken. Aber ein grosser Herr könnt mir geben die Meng und die Füll, ich könnt ihn doch nicht leiden, ich binn ihnen allen von Herzen gram, und wo ich sie scheren kann so thu ich's. Wenn du mir heut nit so zugeredt hätt'st, von meintwegen
säss er noch.
FUHRMANN. Narr! Er hatte drey Knechte bey sich, und wenn wir nicht gewollt hätten, würd er uns haben wollen machen. Wer er nur seyn mag, und warum er den seltsamen Weeg zieht? kann nirgends hinkommen als nach Rotbach und von da nach Mardorf, und dahin war doch der nächst und best Weeg über Crailsheim durch den Winsdorfer Wald gangen.
ERSTER REUTER. Horch!
ZWYTER REUTER. Das wär!
BAUER. Ich weis wohl. Ob er schon den Hut so in's Gesicht geschoben hatte kannt ich ihn doch an der Nasen. Es war Adelbert von Weislingen.
FUHRMANN. Der Weislingen, das ist ein schöner ansehnlicher Herr.
BAUER. Mir gefällt er nich, er ist nit breitschultrig und robust genug für einen Ritter, ist auch nur fürn Hof. Ich mögt selbst wissen was er vorhat dass er den schlimmen Weeg geht. Seine Ursachen hat er, denn er ist für einen pfiffigen Kerl bekannt.
FUHRMANN. Heut Nacht rauss er in Rotbach bleiben. denn im dunckeln über die Furt ist gefährlich.
BAUER. Da kömmt er morgen zum Mittag Essen nach Mardorf.
FUHRMANN. Wenn der Weeg durch'en Wald nit so schlimm ist.
ZWEYTER REUTER. Fort geschwind zu Pferde. Gute Nacht, ihr Herren,
ERSTER REUTER. Gute Nacht.
DIE ANDERN BEYDE. Gleichfalls.
BAUER. Ihr erinnert uns an das was wir nötig haben. Glück aufen Weeg.
(Die Knechte ab.)
FUHRMANN. Wer sind die?
BAUER. Ich kenn sie nicht. Reutersmänner vom Ansehn; dergleichen Volck schnorrt das ganze Jahr im land herum, und schiert die Leut was tüchtigs. Und doch will ich lieber von ihnen gebrandtschatzt und ausgebrennt werden, es kommt auf ein bissei Zeit und Schweis an, so erhohlt man sich wieder. Aber wie's ietzt unsre gnädige Herren anfangen, uns biss auf den letzten Blutstropfen auszukeltern, und dass wir doch nicht sagen sollen: ihr machts zu arg! nach und nach zu schrauben. Seht das ist eine Wirthschaftt, dass man sich's Leben nicht wünschen sollte, wenn nicht Wein und Bier gab sich manchmal die Grillen wegzuschwemmen, und in tiefen Schlaf zu versencken.
FUHRMANN. Ihr habt recht. Wir wollen uns legen.
BAUER. Ich muss doch morgen bey Zeiten wieder auf.
FUHRMANN. Ihr fahrt also nach Ballenberg.
BAUER. Ja nach Haus.
FUHRMANN. Es ist mir leid dass wir nit weiter miteinander gehn.
BAUER. Weis Gott wo wir einmal wieder zusammen kommen.
FUHRMANN. Euern Nahme, guter Freund.
BAUER. Georg Metzler. Den eurigen.
FUHRMANN. Hans Sivers von Wangen.
BAUER. Eure Hand! und noch einen Trunck auf glückliche Reise.
FUHRMANN. Horch! Der Nachtwächter ruft schon ab. Kommt! kommt!

Vor einer Herberge, im Winsdorfer Wald

Unter einer Linde, ein Tisch und Bäncke, Gottfried auf der Banck in voller Rüstung, seine Lanze an Baum gelehnt, den Helm auf dem Tisch.

GOTTFRIED. Wo meine Knechte bleiben? Sie könnten schon sechs Stunden hier seyn! Es war uns alles so deutlich verkundschafftet, nur zur äussersten Sicherheit schickt ich sie fort; sie sollten nur sehen. Ich begreifs nicht. Vielleicht haben sie ihn verfehlt, und er kommt vor ihnen her. Nach seiner Art zu reisen ist er schon in Crailsheim, und ich binn allein. Und wärs! Der Wirth und sein Knecht
sind zu meinen Diensten. Ich muss dich haben, Weislingen, und deinen schönen Wagen Güter dazu.
(Er ruft)
Georg!—Wenns ihm aber iemand verrahten hätte. Oh (er beisst die Zähne zusammen) Hört der Junge nicht? (lauter) Georg? Er ist doch sonst bey der Hand, (lauter) Georg! Georg!
DER BUB (in dem Panzer eines Erwachsnen). Gnädger Herr!
GOTTRIED. Wo stickst du? Was fürn Hencker treibst du für Mummerey.
DER BUB. Gnädger Herr!
GOTTFRIED. Schäm dich nicht, Bube. Komm her! Du siehst gut aus. Wie kommst du dazu? Ja wenn du ihn ausfülltest. Darum kamst du nicht wie ich rief.
 DER Bub. Ihro Gnaden seyn nicht böse. Ich hatte nichts zu tuhn, da nahm ich Hansens Küras und schnallt ihn an, und setzt sein Helm auf, schlupft in seine Armschienen und Handschuh, und zog sein Schwerdt und schlug mich mit den Bäumen herum; wie ihr rieft könnt ich nicht alles geschwind weg werfen.
GOTTFRIED. Braver Junge! Sag deinem Vater und Hansen, sie sollen sich rüsten, und ihre Pferde satteln. Halt mir meinen Gaul parat. Du sollst auch einmal mitziehen.
BUBE. Warum nicht ietzt? lasst mich mit, Herr. Kann ich nicht fechten, so hab ich doch schon Kräfte genug euch die Armbrust aufzuziehen. Hättet ihr mich neulich bey euch gehabt wie ihr sie dem Reuter an Kopf wurft, ich hält sie euch wiedergehohlt und sie war nicht verlohren gangen.
GOTTFRlED. Wie weisst du das?
BUBE. Eure Knechte erzählten mirs. Wenn wir die Pferde striegeln, muss ich ihnen pfeifen, allerley Weisen, und davor erzählen sie mir des Abends was ihr gegen den Feind getahn habt. Lasst mich mit, gnädger Herr.
GOTTFRIED. Ein andermal, Georg. Wenn wir Kaufleute fangen, und Fuhren wegnehmen. Heut werden die Pfeil an Harnischen splittern, und klappern die Schwerdter über den Helmen. Unbewaffnet wie du bist sollst du nicht in Gefahr. Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer. Ich sag dir's. Junge, es wird theure Zeit werden. Es werden F'ürsten ihre Schätze bieten um einen Mann, den sie ietzt von sich stosen. Geh Georg, sag's deinem Vater und Hansen.
(Der Bub geht)
Meine Knechte! Wenn sie gefangen wären und er hätte ihnen gethan, was wir ihm thun wollten.—Was schwarzes im Wald? Es ist ein Mann.
(Bruder Martin kommt.)
GOTTFRIED. Ehrwürdiger Vater, guten Abend! Woher so spät? Mann der heiligen Ruhe, ihr beschämt viel Ritter.
MARTIN. Danck euch, edler Herr. Und binn vor der Hand nur armseeliger Bruder, wenns ia Titel seyn soll; Augustin mit meinen Klosternahmen.—Mit euerer Erlaubnis (er setzt sich). Doch hör ich am liebsten Martin meinen Taufnahmen.
GOTTFRIED. ihr seyd müd, Bruder Martin, und ohnezweifel durstig. Georg!
(Der Bub kommt.)
GOTTFRIED. Wein.
MARTIN. Für mich einen Trunck Wasser. Ich darf keinen Wein trincken.
GOTTFRIED. Ist das euer Gelübde?
MARTIN. Nein gnädger Herr, es ist nicht wider mein Gelübde Wein zu trincken, weil aber der Wein wider mein Gelübde ist so trinck ich keinen Wein.
GOTTFRIED. Wie versteht ihr das?
MARTIN. Wohl euch dass ihr's nicht versteht. Essen und trincken meyn ich ist des Menschen Leben.
GOTTFRIED. Wohl.
MARTIN. Wenn ihr gessen und truncken habt seyd ihr wie neu gebohren. Seyd stärcker, mutiger, geschickter zu eurem Geschafft. Der Wein erfreut des Menschen Herz und die Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden. Wenn ihr Wein getruncken habt seyd ihr alles doppelt was ihr
seyn sollt, noch einmal so leicht denckend, noch einmal so unternehmend, noch einmal so schnell ausführend.
GOTTFRIED. Wie ich ihn trincke, ist es wahr.
MARTIN. Davon red ich auch. Aber wir —
(Der Bub mit Wasser und Wein.)
GOTTFRIED (zum Buben heimlich), Geh auf den Weg nach Crailsheim, und leg dich mit dem Ohr auf die Erde ob du nicht Pferde kommen hörst, und sey gleich wieder hier.
MARTIN. Aber wir wenn wir gessen und truncken haben sind wir grade das Gegenteil von dem was wir seyn sollen. Unsre schläffrige Verdauung stimmt den Kopf nach dem Magen, und in der Schwäche einer überfüllten Ruhe erzeugen sich Begierden die ihrer Mutter leicht über den Kopf wachsen.
GOTTFRIED. Ein Glas, Brudcr Marlin, wird euch nicht im Schlaf stören. Ihr seyd heute viel gangen. Alle Streiter!
MARTIN. In Gottes Nahmen (sie stosen an). Ich kann die müsigcn Leut nicht ausstehn, und doch kann ich nicht sagen dass alle Mönche müsig sind; sie tuhn was sie können.da komm ich von St. Veit, wo ich die letzte Nacht schlief, der Prior führt mich in Garten , das ist nun ihr Bienen Korb. Fürtrefflichen Salat! Kohl nach Herzenslust. Und besonders Blumenkohl und Artischocken wie keine in Europa.
GOTTFRIED. Das ist also eure Sach nicht (er steht auf, sieht nach dem Jungen und kommt wieder).
MARTIN. Wollte Gott hätte mich zum Gärtner oder Laboranten gemacht, ich könnt glücklich seyn. Mein Abt liebt mich, mein Kloster ist Weissenfels in Sachsen, er weis ich kann nicht ruhen, da schickt er mich herum wo was zu betreiben ist; ich geh zum Bischoff von Constanz.
GOTTFRIED. Noch eins! Gute Verrichtung.
MARTIN. Gleichfalls!
GOTTFRIED. Was seht ihr mich so an, Bruder?
MARTIN. Dass ich in euern Harnisch verliebt binn.
GOTTFRIED. Hättet ihr Lust zu einem! Es ist schweer und beschweerlich ihn zu tragen.
MARTIN. Was ist nicht beschweerlich auf dieser Welt; und mir kommt nichts beschweerlicher vor, als nicht Mensch seyn zu dürfen. Armuth, Keuschheit, und Gehorsam! Drey Gelübde deren iedes einzeln betrachtet der Natur das unausstehlichste scheint; so unerträglich sind sie alle; und sein ganzes Leben unter dieser Last, oder unter der weit niederdrückendem Bürde des Gewissens muthlos
zu keichen! O Herr, was sind die Mühseeligkeiten eures Lebens, gegen die Jämmerlichkeiten eines Standes der die besten Triebe, durch die wir werden, wachsen und gedeyen, aus missverstandner Begierde Gott näher zurücken verdammt.
GOTTFRIED. Wäre euer Gelübde nicht so heilig ich wollt euch bereden, einen Harnisch anzulegen, wollt euch ein Pferd geben, und wir zögen mit einander.
MARTIN. Wollte Gott meine Schultern fühlten sich Krafft den Harnisch zu ertragen, und mein Arm die Stärcke einen Feind vom Pferd zu stechen. Arme, schwache Hand von ieher gewöhnt Kreutze und Friedensfahnen zu tragen, und Rauchfässer zu schwingen, wie wolltest du Lanzen und Schwerth regieren! Meine Stimme nur zu Ave und Halleluja gestimmt, würde dem Feind ein Herold meiner Schwäche seyn wenn ihn die eurige vor euch her wancken machte. Kein Gelübde sollte mich abhalten wieder in den Orden zu treten den mein Schöpfer selbst gestifftet hat.
GOTTFRIED (sieht nach dem Jungen, kommt wieder und schenckt ein). Glückliche Retour.
MARTIN. Das trinck ich nur für euch. Wiederkehr in meinen Käfig ist immer unglücklich. Wenn ihr wiederkehrt, Herr, in eure Mauern, mit dem Bewusstseyn eurer Tapferkeit und Stärcke der keine Müdigkeit etwas anhaben kann, euch zum erstenmal nach langer Zeit sicher für feindlichem Überfall entwaffnet auf euer Bette streckt, und euch nach dem Schlafe dehnt, der euch besser schmeckt als mir der Trunck nach langem Durst. Da könnt ihr von Glück sagen.
GOTTFRIED. Davor kommt's auch selten.
MARTIN (feuriger). Und ist wenns kommt ein Vorschmack des Himmels. Wenn ihr zurückkehrt mit der Beute unedler Feinde beladen, und euch erinnert, den stach ich vom Pferde eh er schiesen konnte, und den rannt ich sammt dem Pferde nieder, und dann reitet ihr zu eurem Schloss hinauf, und -
GOTTFRIED. Warum haltet ihr ein?
MARTIN. Und eure Weiber! (er schenckt ein) Auf Gesundheit eurer Frau! (er wischt sich die Augen) Ihr habt doch eine?
GOTTFRIED. Ein edles fürtreffliches Weib.
MARTIN. Wohl dem der ein tugendsam Weib hat, des lebet er noch eins so lange. Ich kenne keine Weiber und doch war die Frau die Krone der Schöpfung.
GOTTFRIED (vor sich). Er dauert mich! das Gefühl seines Zustandes frisst ihm das Herz.
DER JUNGE (gcsprungen). Herr! Ich höre Pferde im Galopp! Zwey oder drey.
GO'ITFRIED. Ich will zu Pferde. Dein Vater und Hans sollen aufsitzen, es können Feinde seyn so gut Freunde. Lauf ihnen eine Ecke entgegen, wenns Feinde sind, so pfeif und spring ins Gebüsch. Lebt wohl, teurer Bruder Gott geleit euch. Seyd mutig und gedultig, Gott wird euch Raum geben.
MARTIN. Ich bitt um euern Nahmen.
GOTTFRIED. Verzeiht mir. Lebt wohl. (Er reicht ihm die lincke Hand.)
MARTIN. Warum reicht ihr mir die Lincke? binn ich die ritterliche Rechte nicht werth?
GO'ITFRIED. Und wenn ihr der Kayser wärt ihr müsstet mit dieser vorlieb nehmen. Meine Rechte obgleich im Kriege nicht unbrauchbaar, ist gegen den Druck der Liebe unempfindlich. Sie ist eins mit ihrem Handschuh, ihr seht er ist Eisen.
MARTIN. So seyd ihr Gottfried von Berlichingen! Ich dancke dir, Gott, dass du mich ihn hast sehn lassen, diesen Mann den die Fürsten hassen, und zu dem die Bedrängten sich wenden, (er nimmt ihm dir rechte Hand) Lasst mir diese Hand. Lasst mich sie küssen.
GOTTFRIED. Ihr sollt nicht.
MARTIN. Lasst mich. Du mehr wehrt als Reliquien Hand durch die das heiligste Blut geflossen ist; todtes Werckzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott—
GOTTFRIED (setzt den Helm auf und nimmt die Lanze).
MARTIN. Es war ein Mönch bey uns vor Jahr und Tag, der euch besuchte wie sie euch abgeschossen ward vor Nürnberg. Wie er uns erzählte was ihr littet, und wie sehr es euch schmerzte zu eurem Beruf verstümmelt zu seyn; und wie euch einfiel von einem gehört zu haben der auch nur eine Hand hatte, und als tapfrer Reutersmann doch noch lange diente. Ich werde das nie vergessen.
(Die zwey Knechte kommen. Gottfried geht zu ihnen, sie reden heimlich.)
MARTIN (fährt inzwischen fort). Ich werde das nie vergessen. Wie er im edelsten einfältigsten Vertrauen zu Gott sprach: Und wenn ich zwölf Hand hätte und deine Gnad wollt mir nicht, was würden sie mir fruchten, so kann ich mit einer—
GOTTFRIED, In den Mardorfer Wald also. Lebt wohl, werther Bruder Martin. (Er küsst ihn.)
MARTIN. Vergesst mich nicht, wie ich eurer nicht vergesse. (Gottfried ab.")
MARTIN. Wie mir's so eng um's Herz ward da ich ihn sah. Er redete nicht's, und mein Geist konnte doch den seinigen unterscheiden: es ist eine Wollust einen grosen Mann zu sehn.
GEORG. Ehrwürdiger Herr, Sie schlafen doch bey uns?
MARTIN. Kann ich ein Bett haben?
GEORG. Nein Herr, ich kenn Better nur vom Hörensagen, in unsrer Herberg ist nichts als Stroh.
MARTIN. Auch gut. Wie heisst du?
GEORG. Georg! ehrwürdiger Herr.
MARTIN. Georg! Du hast einen tapfern Patron.
GEORG. Sie sagen mir er wäre ein Reuter gewesen, das will ich auch seyn.
MARTIN. Warte, (er zieht ein Gebet Buch heraus und giebt dem Buben einen Heiligen) Da hast du ihn. Folg seinem Beyspiel, sey tapfer und fromm.
(Martin geht.)
GEORG. Ach ein schöner Schimmel, wenn ich einmal so einen hätte und die golden Rüstung. Das ist ein garstiger Drach! Jetzt schies ich nach Sperlingen. Heiliger Görg, mach mich gros und starck, gieb mir so eine Lanze, Rüstung und Pferd. Dann lass mir die Drachen kommen.

Gottfrieds Schloss 

Elisabeth seine Frau, Maria seine Schwester, sein Söhngen.

CARL. Ich bitte dich liebe Tante, erzähl mir das noch einmal vom frommen Kind, 's is gar zu schön.
MARIA. Erzäl du mirs, kleiner Schelm, da will ich hören ob du acht giebst
CARL. Warte bis, ich will mich bedencken—es war einmal—ia—es war einmal ein Kind, und sein Mutter war kranck, da ging das Kind hin—
MARIA. Nicht doch. Da sagte die Mutter: liebes Kind
CARL. Ich binn kranck —
MARIA. Und kann nicht ausgehn,
CARL. Und gab ihm Geld, und sagte, geh hin und hol dir ein Frühstück. Da kam ein armer Mann,
MARIA, Das Kind ging, da begegnet ihm ein alter Mann. der war—-nun Carl,
CARL. Der war alt.
MARIA. Freylich! Der kaum mehr gehen konnte, und sagte: liebes Kind—
CARL. Schenck mir was, ich hab kein Brod gessen gestern und heut, Da gab ihm 's Kind das Geld—
MARIA. Das für sein Frühstück seyn sollte—
CARL. Da sagte der alte Mann.
MARIA. Da nahm der alte Mann das Kind —
CARL. Bey der Hand, und sagte, und ward ein schöner glänziger Heiliger, und sagte: liebes Kind -
MARIA. Für deine Wohltätigkeit, belohnt dich die Mutter
Gottes durch mich, welchen Krancken du anrührst
CARL. Mit der Hand, es war die rechte glaub ich—
MARIA. Ja.
CARL. Der wird gleich gesund.
MARIA. Da lief's Kind nach Haus, und könnt für Freuden nichts reden,
CARL. Und fiel seiner Mutter um den Hals und weinte für Freuden.
MARIA. Da rief die Mutter, wie ist mir, und war, nun
Carl
CARL. Und war—und war.
MARIA. Du giebst schon nicht acht, und war gesund. Und das Kind kurirte König und Kayser und wurde so reich dass es ein groses Kloster baute.
ELISABETH. Was folgt nun daraus?
MARIA. Ich dächte die nützlichste Lehre für Kinder, die ohnedem zu nichts geneigter sind als zu Habsucht und Neid.
ELISABETH. Es sey. Carl hohl deine Geographie.(Carl geht.)
MARIE. Die Geographie? Ihr könnt ia sonst nicht leiden, wenn ich ihn draus was lehre.
ELISABETH. Weil mein Mann nicht leiden kann, es ist auch nur dass ich ihn fortbringe. Ich mocht's vorm Kind nicht sagen. Ihr verderbts mit euern Mährgen, es ist so stillerer Natur als seinem Vater lieb ist, und ihr macht's vor der Zeit zum Pfaflfen. Die Wohltähtigkeit ist ein edle Tugend, aber sie ist nur das Vorrecht starcker Seelen. Menschen die aus Weichheit wohltuhn, immer wohltuhn, sind nicht besser als Leute die ihren Urin nicht halten können.
MARIA. Ihr redet etwas hart.
ELISABETH. Dafür binn ich mit Cartoffeln und Rüben erzogen, das kann keine zarte Gesellen machen.
MARIA. Ihr seyd für meinen Bruder gebohren.
ELISABETH. Eine Ehre für mich.—Euer Wohltätig Kind freut mich noch. Es verschenckt was es geschenckt kriegt hat. Und das ganze gute Werck besteht drinn dass es nichts zu Morgend isst. Gieb acht, wenn der Carl ehstens nicht hungrig ist, thut er ein gut Werck und rechnet dirs an.
MARIA. Schwester, Schwester, ihr erzieht keine Kinder dem Himmel.
ELISABETH. Wären sie nur für die Welt erzogen, daß sie sich hier rührten, drüben würds ihnen nicht fehlen.
MARIA. Wie aber wenn dies rühren hier dem ewigen Glück entgegen stünde?
ELISABETH. So gieb der Natur Opium ein, bete die Sonnenstrahlen weg, dass ein ewiger unwürcksamer Winter bleibe. Schwester, Schwester, ein garstiger Missverstand. Sieh nur dein Kind an, wies Werck so die Belohnung. Es braucht nun Zeit lebens nicht's zu tuhn als in heiligem Müsiggang herumzuziehen, Hände auf zu legen und krönt sein edles Leben mit einem Klosterbau.
MARIA. Was hättst du ihm dann erzählt?
ELISABETH. Ich kann kein Mährgen machen, weis auch keine, Gott sey danck, ich hätt ihm von seinem Vater erzält; wie der Schneider von Hailbronn der ein guter Schütz war, zu Cölln das Best gewann und sie's ihm nicht geben wollten, wie ers meinem Mann klagte und der die von Cölln so lang kujonirte, biss sies herausgaben. Da gehört Kopf und Arm dazu. Da muss einer Mann
seyn! Deine Heldentahten zu tuhn braucht ein Kind nur ein Kind zu bleiben.
MARIA. Meines Bruders Tahten sind edel und doch wünscht ich nicht dass seine Kinder ihm folgten. Ich läugne nicht dass er denen die von ungerechten Fürsten bedrängt werden, mehr als Heiliger ist, denn seine Hülfe ist sichtbaarer, wurf er aber nicht dem Schneider zu helfen drey
Cölnische Kaufleute nieder, und waren dann nicht auch die Bedrängte, waren die nicht auch  unschuldig? Wird dadurch das allgemeine Übel nicht vergrössert, da wir Noth durch Noth verdrängen wollen?
ELISABETH. Nicht doch, meine Schwester. Die Kaufleute von Köln waren unschuldig! Gut! allein was ihnen begegnete, müssen sie ihren Obern zuschreiben. Wer fremde Bürger misshandelt verletzt die Pflicht gegen seine eigne Untertahnen, denn er setzt sie dem Wiedervergeltungs
Recht aus. Sieh nur wie übermütig die Fürsten geworden sind, seit dem sie unsern Kayser beredet haben einen allgemeinen Frieden auszuschreiben. Gott sey Danck, und dem guten
Herzen des Kaysers dass er nicht gehalten wird. Es könnts kein Mensch ausstehn. Da hat der Bischoff von Bamberg meinem Mann einen Buben nieder geworfen, unter allen Reutersiungen den er am liebsten hat. Da könntst du am kayserlichen Gerichtshof klagen zehen Jahr und der Bub verschmachtete die beste Zeit im Gefängniss. So ist er hingezogen, da er hörte es kommt ein Wagen mit Gütern für den Bischoff, von Basel herunter, ich wollte wetten er hat ihn schon, da mag der Bischoff wollen oder nicht, der Bub muss heraus.
MARIA. Das Gehetz mit Bamberg währt schon lang.
ELISABETH. Und wird so bald nicht enden. Meinem Mann ist's einerley, nur darüber klagt er sehr dass Adelbert von Weislingen, sein ehmaliger Camerad, dem Bischoff in allem Vorschub tuht, und mit tausend Künsten und Praticken, weil er sichs im offnen Feld nicht untersteht, das Ansehn und die Macht meines Liebsten zu untergraben sucht.
MARIA. Ich hab schon offt gedacht, woher das dem Weisling kommen seyn mag.
ELISABETH. Ich kanns wohl rathen —
CARL (kommt). Der Papa! Der Papa! Der Türnert bläst das Liedel: Heysa! machs Tohr auf. Machs Tohr auf.
ELISABETH. Da kommt er mit Beute.
ERSTER REUTER (kommt). Wir haben gejagt! wir haben gefangen! Gott grüs euch, edle Frauen. Einen Wagen voll Sachen, und was mehr ist als zwölf Wägen Adelberten von Weisungen.
ELISABETH. Adelbert?
MARIE. Von Weislingen?
KNECHT. Und drey Reuter.
ELISABETH. Wie kam das?
KNECHT. Er geleitete den Wagen, das ward uns verkundtschafftet, er wich uns aus, wir ritten hin und her und kamen in Wald vor Mardorf an ihn.
MARIA. Das Herz zittert mir im Leib.
KNECHT. Ich und mein Kamerad wies der Herr befohlen hatte, nistelten uns an ihn als wenn wir zusammen gewachsen wären und hielten ihn fest. Inzwischen der Herr die Knechte überwältigte und sie in Pflicht nahm.
ELISABETH. Ich binn neugierig ihn zu sehen.
KNECHT. Sie reiten eben das Tahl herauf. Sie müssen in einer Viertelstunde hier seyn.
MARIE. Er wird niedergeschlagen seyn.
KNECHT. Er sieht sehr finster aus.
MARIE. Es wird mir im Herzen weh tuhn, so einen Mann, so zu sehn.
ELISABETH. Ah!—Ich will gleich 's essen zurechte machen, ihr werdt doch alle hungrig seyn.
KNECHT. Von Herzen.
ELISABETH. Schwester, da sind die Schlüssel, geht in Keller, hohlt vom besten Wein, sie haben ihn verdient. (Sie geht)
CARL. Ich will mit, Tante.
MARIE. Komm. (Sie gehn.)
KNECHT. Der wird nicht sein Vater, sonst ging' er mit in Stall. (Ab.)
Gottfried in voller Rüstung nur ohne Lanze, Adelbert auch gerüstet nur ohne Lanze und Schwerdt. Zwey Knechte.
GOTTFRIED (legt den Helm und das Schwerdt auf den Tisch). Schnallt mir den Harnisch auf, und gebt mir meinen Rock. Die Ruhe wird mir wohl schmecken. Bruder Martin,
du sagtest wohl. Drey Nächt ohne Schlaf! Ihr habt uns im Athem gehalten, Weisungen.
ADELBERT (geht auf und ab und antwortet nichts).
GOTTFRIED. Wollt ihr euch nicht entwaffnen? habt ihr keine Kleider bey euch, ich will euch von meinen geben. Wo ist meine Frau?
ERSTER KNECHT. In der Küche.
GOTTFRIED. Habt ihr Kleider bey euch? Ich will euch eins borgen. Ich hab iust noch ein hübsches Kleid, ist nicht kostbaar nur von leinen aber sauber, ich hatts auf der Hochzeit meines gnädgen Herrn des Pf'alzgrafen an. Eben damals, wie ich mit euerm Freund, euerm Bischoff Händel kriegte. Wie war das Männlin so böse. Franz von Sickingen und ich wir gingen in die Herberg zum Hirsch in Hailbron. Die Trepp hinaufging Franz voran, eh man noch ganz hinauf kommt ist ein Absatz und ein eisern
Gelenderlin, da stund der Bischoft, und gab Franzen die Hand und gab sie mir auch wie ich hinten drein kam. Da lacht ich in meinem Herzen und ging zum Landgrafen von Hanau das mir ein gar lieber Herr war, und sagte, der Bischotf hat mir die Hand geben, ich wett er hat mich nicht gekannt; das hört der Bischoff, denn ich redts laut mit Fleis, und kam zu uns und sagt: wohl weil ich euch nicht kannt gab ich euch die Hand. Sagt er. Da sagt ich: Herr, ich merckts wohl dass ihr mich nicht kannt
habt, da habt ihr sie wieder. Da wurde er so roth wie ein Krebs am Hals vor Zorn, und lief in die Stube zu Pfalzgraf Ludwig und zum Fürsten von Nassau und klagt's ihnen. Macht, Weisung. Legt das Eiserne Zeug ab, es liegt euch schweer auf der Schulter,
ADELBERT. Ich fühl das nicht.
GOTTFRIED. Geht. Geht. Ich glaub wohl dass es euch nicht leicht um's Herz ist. Demohngeachtet, ihr sollt nicht schlimmer bedient seyn als ich. Habt ihr Kleider?
ADELBERT. Meine Knechte hatten sie.
GOTTFRIED. Geht fragt darnach. (Knechte ab.)
GOTTFRIED. Seyd frisches Muth's. Ich lag auch zwey Jahr in Hailbronn gefangen, und wurd schlecht gehalten. Ihr seyd in meiner Gewalt, ich werd sie nicht misbrauchen.
ADELBERT. Das hofft ich eh ihr's sagtet, und nun weis ich's gewisser als meinen eignen Willen. Ihr wart immer so edel als ihr tapfer wart.
GOTTFRIED. O wärt ihr immer so treu als klug gewesen, wir könnten denen Gesetze vorschreiben denen wir—warum muss ich hier meine Rede teilen? Denen Ihr dient, und mit denen ich Zeit lebens zu kämpfen haben werde.
ADELBERT. Keine Vorwürfe, Berlichingen, ich binn erniedrigt genug.
GOTTFRIED. So lasst uns vom Wetter reden. Oder von der Teurung die den armen Landmann an der Quelle des Überflusses verschmachten lässt. Und doch sey mir Gott gnädig, wie ich das sagte nicht euch zu kräncken, nur euch zu erinnern was wir waren. Leider dass die Erinnerung unsers ehmaligen Verhältnisses ein stiller Vorwurf für euch ist.
(Die Knechte mit den Kleidern)
ADELBERT  (legt sich aus und an).
CARL (kommt). Guten Morgen, Papa.
GOTTFRIED (küsst ihn). Guten Morgen, Junge. Wie habt ihr die Zeit gelebt?
CARL. Recht geschickt, Papa! Die Tante sagt ich sey recht geschickt.
GOTTFRIED (vor sich). Desto schlimmer.
CARL. Ich hab viel gelernt.
GOTTFRIED. Ey.
CARL. Soll ich Ihnen vom frommen Kind erzählen?
GOTTFRIED. Nach Tisch.
CARL. Ich weis auch noch was.
GOTTFRIED. Was wird das seyn?
CARL. Jaxthausen ist ein Dorf und Schloss an der Jaxt gehört seit zweyhundert Jahren denen Herren von Berlichingen, Erbeigentümlich zu.
GOTT'FRIED. Kennst du die Herren von Berlichingen?
CARL (sieht ihn starr an).
GOTTFRIED (vor sich). Es kennt wohl für lauter Gelehrsamkeit  seinen Vater nicht.—Wem gehört Jaxthausen?
CARL. Jaxthausen—ist ein Dorf und Schloss an der Jaxt.
GOTTFRlED. Das frag ich nicht So erziehen die Weiber ihre Kinder, und wollte Gott sie allein. Ich kannt alle Pfade, Weeg und Furthen eh ich wusst wie Fluss Dorf und Burg hies. Die Mutter ist in der Küche?
CARL. Ja Papa! Sie kocht weisse Rüben und einen Lammsbraten.
GOTTFRIED. Weist dus auch, Hans Küchenmeister?
CARL. Und vor mich zum Nachtisch hat die Tante einen Apfel gebraten.
GOTTFRIED. Kannst du sie nicht roh essen?
CARL. Schmeckt so besser.
GOTTFRIED. Du musst immer was aparts haben. Weislingen, ich binn gleich wieder bey euch, ich muss meine Frau doch sehn. Komm mit, Carl.
CARL. Wer ist der Mann?
GOTTFRIED. Grüs ihn. bitt ihn er soll lustig seyn.
CARL. Da Mann, hast du eine Hand, sey lustig, das Essen ist bald fertig.
ADELBERT (hebt ihn in die Höh und küsst ihn). Glücklich Kind, das kein Unglück kennt als wenn die Suppe lang ausbleibt. Gott lass euch viel Freud am Knaben erleben, Berlichingen.
GOTTFRIED. Wo viel Licht ist, ist starcker Schatten, doch wäre mir's willkommen. Wollen sehn was es giebt. (Sie gehn.)
ADELBERT (allein).(Er wischt sich die Augen.) Bist du noch Weislingen? Oder wer bist du. Wohin ist der Hass gegen diesen Mann? Wohin das Streben wider seine Grösse. Solang ich fern war, konnt ich Anschläge machen. Seine Gegenwart bändigt mich, fesselt mich. Ich binn nicht mehr ich selbst, und doch binn ich wieder ich selbst. Der kleine Adelbert der an Gottfrieden hing wie an seiner
Seele. Wie lebhafft erinnert mich dieser Saal, diese Geweyhe, und diese Aussicht über den Fluss an unsre Knabenspiele, sie verflogen die glücklichen Jahre und mit ihnen meine Ruhe. Hier hing der alte Berlichingen, unsre Jugend ritterlich zu üben einen Ring auf. O wie glühte mir das Herz wenn Gottfried fehlte, und traf ich dann und der alte rief: brav Adelbert, du hast meinen Gottfried überwunden. Da fühlt ich—was ich nie wieder gefühlt habe. Und wenn der Bischoff mich liebkost und sagt, er habe keinen lieber als mich, kenne keinen am Hoff, im Reich grossem als mich. Ach denck ich, warum sind dir deine Augen verbunden dass du Berlichingen nicht erkennst; und so ist alles Gefühl von Grösse mir zur Quaal. Ich mag mir vorlügen, ihn hassen, ihm wiederstreben.—O warum musst ich ihn kennen, oder warum kann ich nicht der zweyte seyn.
GOTTFRIED. (mit ein Paar Bouteillen Wein und einem Becher). Biss das essen fertig wird lasst uns eins trincken. Die Knechte sind im Stall, und die Weibsleute haben in der Küche zu tuhn. Euch glaub ich kommt's schon seltner dass ihr euch selbst oder eure Gäste bedient; uns armen Rittersleuten wächst's offt in Garten.
ADELBERT. Es ist wahr ich binn lange nicht so bedient worden.
GOTTFRIED. Und ich hab euch lang nicht zugetruncken. Ein fröhlig Herz!
ADELBERT. Bringt vor her ein gut Gewissen!
GOTTFRIED. Bringt mir's wieder zurück.
ADELBERT. Nein ihr solltet mir's bringen.
GOTTFRIED. Ha—(nach einer Pause) So will ich euch erzälen—Ja—Wie wir dem Margraf als Buben dienten, wie wir beysammen schliefen, und mit einander herumzogen, Wisst ihr noch, wie der Bischoff von Cöln mit as, es war den ersten Ostertag, das war ein gelehrter Herr der Bischoft. Ich weis nicht was sie redten, da sagte der Bischoff was von Castor und Pollux, da fragte die Marckgräfinn, was das sey, und der Bischoff erklärt's ihr: ein edles Paar! das will ich behalten sagte sie; die Müh könnt ihr spaaren sagte der Margraff, sprecht nur: wie Gottfried und Adelbert, Wisst ihrs noch?
ADELBERT. Wie was von heute. Er sagte: Gottfried und Adelbert.—Nichts mehr davon ich bitt euch,
GOTTFRIED. Warum nicht? Wenn ich nichts zu tuhn hab denck ich gern an's Vergangne, Ich wüsst sonst nichts zu machen. Wir haben Freud und Leid mit einander getragen, Adelbert, und damals hofft ich so würds durch unser ganzes Leben seyn. Ah! wie mir vor Nürnberg diese Hand weggeschossen
ward, wie ihr meiner pflegtet, und mehr als Bruder für mich sorgtet; da hofft ich Weislingen wird
künftig deine Rechte Hand seyn: und ietzt trachtet ihr mir noch nach der armen andern.
ADELBERT. Oh!
GOTTFRIED. Es schmerzen mich diese Vorwürfe vielleicht mehr als euch. Ihr könnt nicht glücklich
seyn euer Herz muss tausendmal fühlen dass ihr euch erniedrigt. Seyd ihr nicht so edel gebohren als ich, so unabhängig, niemand als dem Kayser untertahn? Und ihr schmiegt euch unter Vasallen. Das war noch—Aber unter schlechte Menschen, wie der von Bamberg, den eigensinnigen neidischen Pfaffen, der das bisgen Verstand das ihm Gott schenckte nur ein Quart des Tags in seiner Gewalt
hat, das übrige verzecht und verschläfft er. Seyd immerhin sein erster Rathgeber, ihr seyd doch nur der Geist eines unedlen Körpers. Wolltet ihr wohl in einen scheuslichen bucklichen Zwerg verwandelt seyn?—Nein, denck ich. Und ihr seyd's sag ich und habt euch schändlicher Weise selbst dazu gemacht.
ADELBERT. Lasst mich reden—
GOTTFRIED. Wenn ich ausgeredt habe, und ihr habt was zu antworten. Gut. Eure Fürsten spielen mit dem Kayser auf eine unanständige Art, es meynts keiner treu gegen das Reich noch ihn. Der Kayser bessert gern und bessert gern, da kommt alle Tage ein neuer Pfannenflicker, und meynt so und so. Und weil der Herr geschwind was begreifft und nur reden darf um tausend Hand in Bewegung zu setzen, so meynt er es war auch alles so geschwind und leicht ausgeführt. Da ergehn denn Verordnungen über Verordnungen, und der Kayser vergisst eine über die andre, da sind die Fürsten eifrig dahinter her, und schreyn von Ruh und Sicherheit des Staats, biss sie die geringen gefesselt haben, sie thun hernach was sie wollen.
ADELBERT. Ihr betrachtets von eurer Seite.
GOTTFRIED. Das tuht ieder, es ist die Frage auf welcher Licht und Recht ist, und eure Gänge und Schliche scheuen wenigstens das Licht.
ADELBERT. Ihr dürft reden, ich binn der Gefangene.
GOTTFRIED. Wenn euch euer Gewissen nichts sagt, so seyd ihr frey. Aber wie war's mit dem Landfrieden? Ich weis noch, ich war ein kleiner Junge und war mit dem Marckgrafen auf dem Reichstag, was die Fürsten vor weite Mäuler machten, und die Geistlichen am ärgsten, euer Bischofif lärmte dem Kayser die Ohren voll, und riss das Maul so weit auf als kein andrer, und letzt wirfft er selbst mir einen Buben nieder, ohne dass ich in Vehd wider ihn begriffen binn. Sind nicht all unsre Händel geschlichtet, was hat er mit dem Buben."
ADELBERT. Es geschah ohne sein Wissen.
GOTTFRIED. Warum lässt er ihn nicht wieder los?
ADELBERT. Er hatt sich nicht aufgeführt wie er sollte.
GOTTFRIED. Nicht wie er sollte! Bey meinem Eyd er hat getahn, was er sollte, so gewiss er mit Eurem und des Bischoffs wissen gefangen worden ist. Glaubt ihr ich komme erst heut auf die Welt, und mein Verstand sey so plump weil mein Arm starck ist? Nein Herr, zwar euren Witz und Kunst hab ich nicht, Gott sey Danck, aber ich habe leider so volle Erfahrung, wie Tücken einer feigen Missgunst unter unsre Ferse kriegen, einen Tritt nicht achten, wenn sie uns nur verwunden
können—
ADELBERT. Was soll das alles?
GOTTFRIED. Kannst du fragen, Adelbert, und soll ich antworten? Soll ich den Busen aufreisen, den zu beschützen ich sonst den meinigen hinbot? Soll ich diesen Vorhang deines Herzens wegziehen, dir einen Spiegel vorhalten—
ADELBERT. Was würd ich sehn?
GOTTFRIED. Kröten und Schlangen. Weisungen, Weisungen. Ich sehe lang dass die Fürsten mir nachstreben. Dass sie mich tödten oder aus der Würcksamkeit setzen wollen, sie ziehen um mich herum, und suchen Gelegenheit. Darum nahmt ihr meinen Buben gefangen, weil ihr wusstet ich hatte ihn zu Kundschaflften ausgeschickt, und darum taht er nicht was er sollte, weil er mich euch nicht
verrieth.—Und du tuhst ihnen Vorschub—Sage nein—und ich will dich an meine Brust drücken.
ADELBERT. Gottfried—
GOTTFRIED. Sage nein—Ich will dich um diese Lüge liebkosen, denn sie war ein Zeugniss der Reue.
ADELBERT (nimmt ihm die Hand).
GOTTFRIED. Ich habe dich verkennen lernen, aber tuh was du willst, du bist noch Adelbert. Da ich ausgieng dich zu fangen, zog ich wie einer der ängstlich sucht was er verlohren hat. Wenn ich dich gefunden hätte!
CARL (kommnt). Zum Essen, Papa.
GOTTFRIED. Kommt, Weislingen, ich hoff meine Weibsleute werden euch muntrer machen, ihr wart sonst ein Liebhaber, die Hoffräulen wussten von euch zu erzählen. Kommt! Kommt.

Der  Bischöffliche Palast in Bamberg 
Der Speisesaal

Der Nachtisch und die grosen Pokale werden aufgetragen. Der Bischoß in der Mitten, der Abt von Fulda rechter, Olearius beider Rechten Docktor lincker Hand, Hofleutte.


BISCHOFF. Studieren ietzt viele Deutsche von Adel zu Bologna?
OLEARIUS. Vom Adel und Bürger Stand. Und ohne Ruhm zu melden tragen sie das grösste Lob davon. Man pflegt im Sprichwort auf der Akademie zu sagen, so fleisig wie ein Deutscher von Adel, denn indem die Bürgerlichen einen rühmlichen Fleis anwenden, durch Gelehrsamkeit den Mangel der Geburt zu ersetzen, so bestreben sich iene mit rühmlicher Wetteiferung dagegen, indem sie ihren angebohrnen Stand durch die glänzendsten Verdienste zu erhöhen trachten.
ABT. Ey!
LIEBETRAUT. Sag einer! Wie sich die Welt alle Tag verbessert. So fleisig wie ein Teutscher von Adel. Das hab ich mein Lebtag nicht gehört, Hätt mir das einer geweissagt wie ich auf Schulen war, ich hätt ihn einen Lügner geheissen. Man sieht man muss für nichts schwören.
OLEARIUS. Ja sie sind die Bewundrung der ganzen Akademie, es werden ehstens einige von den ältsten und geschicktsten als Doctores zurück kommen. Der Kayser wird glücklich seyn seine Gerichte damit besetzen zu können.
BAMBERG. Das kann nicht fehlen.
ABT. Kennen Sie nicht zum Exempel einen Juncker—er ist aus Hessen da.
OLEARIUS. Es sind viel Hessen da.
ABT. Er heisst—Er ist von—Weis es keiner von euch—Seine Mutter war eine von—Oh! Sein Vater hatte nur ein Aug—und war Marschall.
ERSTER HOFMANN. von Wildenholz.
ABT. Recht, von Wildenholz.
OLEARIUS. Den kenn ich wohl, ein iunger Herr von vielen Fähigkeiten, besonders rühmt man ihn wegen seiner Stärcke im disputiren.
ABT. Das hat er von seiner Mutter.
LIEBETRAUT. Nur wollte sie ihr Mann niemals drum rühmen. Da sieht man wie die Fehler deplacirte Tugenden sind.
BAMBERG. Wie sagtet ihr dass der Kayser hies der euer Corpus Juris geschrieben hat.
OLEARIUS. Justinianus.
BAMBERG. Ein treflicher Herr. Er soll lebenl
OLEARIUS. Sein Andencken. (Sie trincken)
ABT. Es mag ein schön Buch seyn.
OLEARIUS. Man mögts wohl ein Buch aller Bücher heisscn. Eine Sammlung aller Gesetze, bey iedem Fall der Urtheilsspruch bereit, oder was ia noch abgängig oder dunckel wäre ersetzen die Glossen, womit die gelehrtesten Männer das fürtreffliche Werck geschmückt haben.
ABT. Eine Sammlung aller Gesetze! Poz! Da müssen auch wohl die zehen Gebote drinne stehen.
OLEARIUS. Implicite wohl, nicht explicite.
ABT. Das meyn ich auch, an und vorsieh, ohne weitere explication.
BAMBERG. Und was das schönste ist, so könnte wie ihr sagt ein Reich in sicherster Ruh und Frieden leben, wo es völlig eingeführt und recht gehandhabt würde.
OLEARIUS. Ohne Frage.
BAMBERG. Alle Doctores iuris!
OLEARIUS. Ich werds zu rühmen wissen, (sie trinken) Wollte Gott man spräche so in meiner Vaterstadt.
ABT. Wo seyd ihr her? Hochgelahrter Herr.
OLEARIUS. Von Franckfurth am Mayn, Ihro Eminenz zu dienen.
BAMBERG. Steht ihr Herrn da nicht wohl angeschrieben? Wie kommt das?
OLEARIUS. Ganz natürlich! Ich war da meines Vaters Erbschaft abzuholen, der Pöbel hätte mich fast gesteinigt wie er hörte, ich sey ein Jurist.
ABT. Behüte Gott.
OLEARIUS. Daher kommt's: der Schöppenstul, der in grosem Ansehn weitumher steht, ist mit lauter Leuten besetzt, die der Römischen Rechte unkundig sind. Es gelangt niemand zur Würde eines Richters als der durch Alter und Erfahrung eine genaue Kenntniss des innern und äussern Zustandes der Stadt, und eine starcke Urteilskrafft sich erworben hat das vergangne auf das gegenwärtige (anzuwenden). So sind die Schöffen lebendige Archive, Chronicken, Gesetzbücher, alles in einem,
und richten nach altem Herkomm und wenigen Statuten ihre Bürger und die Nachbaarschafft.
ABT. Das ist wohl gut.
OLEARIUS. Aber lange nicht genug. Der Menschen Leben ist kurz und in einer Generation kommen nicht alle Casus vor. Eine Sammlung solcher Fälle vieler Jahrhunderte ist unser Gesetz Buch, und dann ist der Wille und die Meynung der Menschen schwanckend; dem däucht heute das recht was der andre morgen misbilligt, und so ist Verwirrung und Ungerechtigkeit unvermeidlich,
das alles bestimmen unsre Gesetze. Und die Gesetze sind unveränderlich.
ABT. Das ist freylich besser.
LIEBETRAUT. Ihr seyd von Franckfurt, ich binn wohl da bekannt, bey Kayser Maximilians Krönung, haben wir euern Bräutigams was vor geschmaust. Euer Nahm ist Olearius? Ich kenne so niemanden.
OLEARIUS. Mein Vater hies Öhlmann. Nur den Misstand auf dem Titel meiner lateinischen Schrifften zu vermeiden, nannt ich mich, nach dem Beyspiel und auf Anrathen würdiger Rechtslehrer Olearius.
LIEBETRAUT. Ihr tahtet wohl dass ihr euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, es hett euch in eurer Muttersprach auch so gehn können.
OLEARIUS, Es war nicht darum.
LIEBETRAUT. Alle Dinge haben ein Paar Ursachen.
ABT. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande.
LIEBETRAUT. Wisst ihr auch warum, hochwürdiger Herr?
ABT. Weil er da gebohren und erzogen ist.
LIEBETRAUT. Wohl. Das mag die eine Ursach seyn, die andre ist, weil bey einer nähern Bekandtschaflft mit denen Herrn der Nimbus Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet den uns eine neblige Ferne um sie herum lügt. Und dann sind['s] ganze kleine Stümpfgen Unschlitt.
OLEARIUS. Es scheint ihr seyd dazu bestellt, Wahrheiten zu sagen.
LIEBETRAUT. Weil ich's Herz dazu hab, so fehlt mirs nicht am Maul.
OLEARIUS. Aber doch an Geschicklichkeit, sie wohl anzubringen.
LIEBETRAUT. Vesikatorien sind wohl angebracht wo sie ziehen.
OLEARIUS. Bader erkennt man an der Schürze, und nimmt in ihrem Amt ihnen nichts übel. Zur Vorsorge tähtet ihr wohl wenn ihr eine Schellenkappe trügt.
LIEBETRAUT. Wo habt ihr promovirt? Es ist nur zur Nachfrage. Wenn mir einmal der Einfall käm, dass ich gleich für die rechte Schmiede ginge.
OLEARIUS. Ihr seyd sehr verwegen.
LIEBETRAUT. Und ihr sehr breit.
(Bamberg und Fuld lachen)

BAMBERG. Von Was anders. Nicht so hitzig, ihr Herren. Bey Tisch geht alles drein. Einen andern Diskurs, Liebetraut.
LIEBETRAUT. Gegen Franckfurt liegt ein Ding über, heisst Sachsenhausen.
OLEARIUS (zum Bischoff). Was spricht man vom Türckenzug, Ihr Bischöffliche Gnaden?
BAMBERG. Der Kayser hat nichts angelegners vor als vorerst das Reich zu beruhigen, die Vehden abzuschaffen und das Ansehn der Gerichte zu befestigen, dann sagt man wird er persönlich gegen die Feinde des Reichs und der Christenheit ziehen. Jetzt machen ihm seine Privat Händel noch zu tuhn, und das Reich ist trutz ein 40 Landfriedens noch immer eine Mördergrube. Francken Schwaben
der Obere Rhein und die angränzenden Ländern, werden von übermütigen und kühnen Rittern verheert. Franz Sickingen, Hans Selbitz mit dem einen Fus, Gottfried von Berlichingen mit der eisernen Hand spotten in diesen Gegenden dem Kaiserlichen Ansehn.
FULDA. Ja wenn ihro Majestät nicht bald dazu thun stecken einen die Kerl am End in Sack.
LIEBETRAUT. Das must ein elephantischer Ries seyn wenn er das Weinfass von Fuld in Sack verschieben wollt.
BAMBERG. Letzterer ist besonders seit viel Jahren mein unversöhnlicher Feind, und molestirt mich unsäglich; aber es soll nicht lang währen hoff ich. Der Kayser hält ietzo seinen Hoff zu Augspurg. Sobald Adelbert von Weislingen zurück kommt, will ich ihn bitten, die Sache zu betreiben. Herr Docktor, wenn Sie die Ankunft dieses Mannes erwarten, werden Sie sich freuen, den edelsten,
verstandigsten, und angenehmsten Ritter in einer Person
zu sehn.
OLEARIUS. Es muss ein fürtrefflicher Mann seyn, der solche LobesErhebungen aus solch einem Munde verdient.
LIEBETRAUT. Er ist auf keiner Akademie gewesen.
BAMBERG. Das wissen wir.
LIEBETRAUT. Ich sags auch nur für die Unwissenden. Es ist ein fürtrefflicher Mann, hat wenig seines gleich. Und wenn er nie an Hof gekommen wäre, könnte er unvergleichlich geworden seyn.
BISCHOFF. Ihr wisst nicht was ihr redt, der Hof ist sein Element.
LIEBETRAUT. Nicht wissen was mann redt und nicht verstanden werden kommt auf ein's naus.
BISCHOFF. Ihr seyd ein unnützer Gesell. (Die Bedienten laufen ans Fenster.)
BISCHOFF. Was giebts?
ERSTER BEDIENTER. Eben reit Färber, Weislingens Knecht zum Schlosstohr herein.
BISCHOFF. Seht was er bringt. Er wird ihn melden. (Liebetraut geht, sie stehen auf und trincken noch eins.)
(Liebetraut kommt zurück)
BAMBERG. Was für Nachrichten?
LIEBETRAUT. Ich wollt es müsst sie euch ein andrer sagen. Weislingen ist gefangen.
BAMBERG. O!
LIEBETRAUT. Berlichingen hat ihn, euern Wagen und drey Knechte bey Mardorf weggenommen. Einer ist entronnen euch's anzusagen.
FULD. Eine Hiobs Post!
OLEARIUS. Es tuht mir von Herzen leid.
BAMBERG. Ich will den Knecht sehen. Bringt ihn herauf. Ich will ihn selbst sprechen, bringt ihn in mein Cabinet. (Ab.)
FULD (setzt sich). Noch ein Glas! (Die Knechte schencken ein.)
OLEARIUS. Belieben Ihro Hochwürden eine kleine Promenade in den Garten zu machen? Post coenam stabis seu passus millc meabis.
LIEBETRAUT. Wahrhaftig das sitzen ist Ihnen nicht gesund. Sie kriegen noch ein Schlagfluss.
(Fuld hebt sich auf.)
LIEBETRAUT (vor sich). Wenn ich ihn nur draussen hab, will ich ihm für's Exercitium sorgen.

Jaxthausen

Marie, Adelbert.

MARIE. Ihr liebt mich, sagt ihr. Ich glaub es gern, und hoffe mit euch glücklich zu seyn, und euch glücklich zu machen.
ADELBERT. Ich fühle nichts, als nur dass ich ganz dein binn. (Er umarmt sie.)
MARIE. Ich bitt euch lasst mich. Einen Kuss hab ich euch zum Gottespfennig erlaubt, ihr scheint aber schon von dem Besitz nehmen zu wollen, was nur unter Bedingungen euer eigen ist.
ADELBERT. Ihr seyd zu streng, Marie. Unschuldige Liebe erfreut die Gottheit, statt sie zu beleidigen.
MARIE. Es sey, aber ich binn nicht dadurch erbaut. Man lehrte mich, Liebkosungen seyn wie Ketten starck durch ihre Verwandtschaftt, und Mädgen wenn sie liebten, seyn schwächer als Simson nach dem Verlust seiner Locken.
ADELBERT. Wer lehrte euch das?
MARIE. Die Äbtissin meines Klosters; biss in mein sechzehntes Jahr war ich bey ihr, und nur mit euch empfind ich das Glück das ich in ihrem Umgang empfand. Sie hatte geliebt. Und durfte reden. Sie hatte ein Herz voll Empfindung! Sie war eine fürttreffliche Frau.
ADELBERT. Da glich sie dir. (Er nimmt ihre Hand) Wie soll ich dir dancken, dass dir mein Unglück zu Herzen ging. Dass du mir das liebe Herz schencktest, allen Verlust mir zu ersetzen.
MARIE (zieht ihre Hand zurück). Lasst mich. Könnt ihr nicht reden ohne mich anzurühren. Wenn Gott Unglück über uns sendet gleicht er einem erfahrenen Landman der den Busen seines Ackers mit der schärfsten Pflugschaar zerreisst, um es Himmlischen Saamen und Einflüssen zu öffnen. Ach da wächst unter andern schönen Kräutlein das Stäudlein Mitleiden. Ihr habt es keimen gesehen, und
nun trägt es die schönsten Blüten der Liebe, sie stehn in vollem Flor.
ADELBERT. Meine süsse Blume.
MARIE. Meine Äbtissin verglich die Lieb auch offt den Blüten. Weh dem, rief sie offt, der sie bricht! Er hat den Saamen von Tausend Glückseeligkeiten zerstöret. Einen Augenblick Genuss, und sie welckt hinweg und wird hingeworfen in einem verachteten Winckel zu verdorren und zu verfaulen. Jene reifende Früchte, rief sie mit Entzückung, Jene Früchte, meine Kinder, sie führen sättigenden Genuss für uns und unsre Nachkommen in ihrem Busen, ich weis es noch es war im Garten an einem Sommerabend, ihre Augen waren voll Feuer. Auf einmal, ward sie düster, sie blinzte Trähnen aus den Augenwinckeln, und ging eilend nach ihrer Zelle.
ADELBERT. Wie wird mirs werden wenn ich dich verlassen soll?
MARIE. Ein bissgen eng hoff ich, denn ich weiss wie mirs seyn wird. Aber ihr sollt fort. Ich warte mit Schmerzen auf euren Knecht den ihr nach Bamberg geschickt habt. Ich will nicht länger unter einem Dach mit euch seyn.
ADELBERT. Traut ihr mir nicht mehr Verstand zu?
MARIE. Verstand! Was tuht der zur Sache. Wenn meine Äbtissin guten Humors war, pflegte sie zu sagen: Hütet euch, ihr Kinder, für den Mansleuten überhaupt nicht so sehr, als wenn sie Liebhaber oder gar Bräutigams geworden sind. Sie haben Stunden der Entrückung, um nichts härters zu sagen, flieht so bald ihr merckt dass der Paroxismus kommt, und da sagte sie uns die Symptomen, ich will sie euch nicht wiedersagen um euch nicht zu lächerlich und vielleicht gar bös zu machen; dann sagte sie: hütet euch nur alsdenn an ihren Verstand zu appelliren, er schläfft so tief in der Materie, das ihr ihn mit allem Geschrey der Priester Baals nicht erwecken würdet, und so weiter. Ich danck ihr erst ietzo da ich ihre Lehren verstehen lerne dass sie uns, ob sie uns gleich nicht starck machen konnte,
wenigstens vorsichtig gemacht hat.
ADELBERT. Eure hochwürdige Frau scheint die Classen ziemlich passiert zu haben.
MARIE. Das ist eine lieblose Anmerckung. Habt ihr nie bemerckt, dass eine einzige eigne Erfahrung uns eine Menge fremder benutzen lehrt?
GOTTFRIED (kommt). Euer Knecht ist wieder da. Er konnte für Müdigkeit und Hunger kaum etwas vorbringen. Meine Frau giebt ihm zu essen. So viel hab ich verstanden, der Bischoff will den Knaben nicht herausgeben, es sollen Kayserliche Commissarii ernannt, ein Tag ausgesetzt werden, wo die Sache denn verglichen werden mag. Dem sey wie ihm wolle, Adelbert, ihr seyd frey; ich verlange
nichts als eure Hand, dass ihr inskünftige meinen Feinden weder öffentlich noch heimlich Vorschub tuhn wollt.
ADELBERT. Hier fass ich eure Hand, lasst von diesem Augenblick an Freundschaft und Vertrauen gleich einem ewigen Gesez der Natur unveränderlich unter uns seyn. Erlaubt mir zugleich diese Hand zu fassen (er nimmt Mariens) und den Besitz des edelsten Fräuleins.
GOTTFRIED. Darf ich ia für euch sagen?
MARIE. Bestimmt meine Antwort, nach seinem Werthe, und nach dem Werthe seiner Verbindung mit euch.
GO'ITFRIED. Und nach der Stärcke der Neigung meiner Schwester. Du brauchst nicht roth zu werden. Deine Blicke sind Beweis genug. Ja denn! Weislingen. Gebt euch die Hände. Und so Sprech ich Amen. Mein Freund und Bruder! Ich dancke dir, Schwester, du kannst mehr als Hanf spinnen, du hast einen Faden gedreht diesen Paradiesvogel zu fesseln. Du siehst nicht ganz frey. Was
fehlt dir? Ich— binn ganz glücklich; was ich nur in Träumen hoffte, seh ich und binn wie träumend. Ah! nun ist mein Traum aus. Ich träumt heute Nacht ich gab dir meine rechte eiserne Hand, und Du hieltest mich so fest, dass sie aus den Armschienen ging wie abgebrochen. Ich erschrack und wachte drüber auf. Ich hätte nur fortträumen sollen, da würd ich gesehen haben, wie du mir eine neue
lebendige Hand ansetztest. Du sollst mir ietzo fort. Dein Schloss und deine Güter in vollkommnen Stand zu sezen. Der verdammte Hof hat dich beydes versäumen machen. Ich muss meine Frau rufen. Elisabeth.
MARIE. Mein Bruder ist in voller Freude.
WEISLINGEN. Und doch dürft ich ihm den Rang streitig machen.
GOTTFRIED. Du wirst anmutig wohnen.
MARIE. Francken ist ein geseegnetes Land.
WEISLINGEN. Und ich darf wohl sagen mein Schloss liegt in der geseegnetsten und anmutigsten Gegend.
GOTTFRIED. Das dürft ihr, und ich wills behaupten. Hier fliest der Mayn. Und almählig hebt der Berg an, der mit Äckern und Weinbergen bekleidet, von eurem Schlosse gekrönt wird, ienseit.
ELISABETH (kommt). Was schafft ihr?
GOTTFRIED. Du sollst deine Hand auch dazugeben, und sagen: Gott seegn euch. Sie sind ein Paar.
ELISABETH. So geschwind?
GOTTFRIED. Aber doch nicht unvermuthet.
ELISABETH. Mögtet ihr euch immer so nach ihr sehnen als bissher da ihr um sie warbt, und dann möget ihr so glücklich seyn als ihr sie lieb behaltet.
WEISLINGEN. Amen! Ich begehre kein Glück als unter diesem Titel.
GOTTFRIED. Der Bräutigam, meine liebe Frau, tuht eine Reise,denn die grose Veränderung zieht viel geringe nach sich. Er entfernt sich vorerst vom Bischöfflichen Hofe, um diese Freundschaft nach und nach erkalten zu lassen, dann reisst er seine Güter eigennützigen Pachtern aus den Händen. Und—Kommt, meine Schwester, kommt, Elisabeth, wir wollen ihn allein lassen, sein Knecht hat ohne Zweifel geheime Aufträge an ihn.
ADELBERT. Nichts als was ihr wissen dürft.
GOTTFRIED. Ich binn nicht neugierig. Francken und Schwaben, ihr seyd nun verschwisterter als iemals. Wie  wollen wir denen Fürsten den Daumen auf dem Aug halten.
(Die Drey gehen)
ADELBERT. O warum binn ich nicht so frey wie du Gottfried, Gottfried! vor dir fühl ich meine Nichtigkeit ganz. Abzuhängen! Ein verdammtes Wort, und doch scheint es als wenn ich dazu bestimmt wäre. Ich enntfernte mich von Gottfrieden um frey zu seyn; und ietzt fühl ich erst wie sehr ich von denen kleinen Menschen abhänge die ich zu regieren schien. Ich will Bamberg nicht mehr sehn. Ich will mit allen brechen, und frey seyn. Gottfried, Gottfried, du allein bist frey dessen grose
Seele sich selbst genug ist und weder zu gehorchen noch zu herrschen braucht um etwas zu seyn.
KNECHT (tritt auf). Gott grüs euch, gestrenger Herr. Ich bring euch so viel Gruse dass ich nicht weis wo anzufangen. Bamberg und zehen Meilen in die Runde entbieten euch ein tausendfaches Gott grüs euch.
ADELBERT. Willkommen, Franz, Was bringst du mehr?
FRANZ. Ihr steht in einem Andencken, bey Hof und überall, dass nicht zu sagen ist.
ADELBERT. Das wird nicht lange dauren.
FRANZ. So lang ihr lebtl und nach euerm Todte wirds heller blincken als die messingnen Buchstaben auf einem Grabstein. Wie man sich euem Unfall zu Herzen nahm
ADELBERT. Was sagte der Bischoft?
FRANZ. Er war so begierig zu wissen, dass er mit der
geschäftigsten Geschwindigkeit von Fragen meine Antwort verhinderte. Er wusst es zwar schon, denn Färber der vor Mardorf entrann, bracht ihm die Botschaft. Aber er wollte alles wissen, er fragte so ängstlich ob ihr nicht versehrt wäret. Ich sagte: er ist ganz von der äussersten Haarspitze, biss zum Nagel des kleinen Zehs, Ich dachte nicht dran dass ich sie euch neulich abschneiden musste, ich trauts aber doch nicht zu sagen, um ihn durch keine Ausnahme zu erschröcken.
ADELBERT. Was sagte er zu den Vorschlagen?
FRANZ. Er wollte gleich alles herausgeben, den Knaben und noch Geld drauf nur euch zu befreyen. Da er aber hörte ihr solltet ohne das loskommen, und nur der Wagen das Equivalent gegen den Buben seyn, da wollt er absolut den Berlichingen vertagt haben. Er sagte mir hundert Sachen an euch, ich hab sie vergessen, es war eine lange Predigt über die Worte: Ich kann Weislingen nicht entbehren.
ADELBERT. Er wirds lernen müssen.
KNECHT, Wie meynt ihr? Er sagte: mach ihn eilen, es wartet alles auf ihn.
ADELBERT. Es kann warten, ich gehe nicht an Hof.
FRANZ. Nicht an Hof, Herr! Wie kommt euch das?
Wenn ihr wüsstet was ich weis, wenn ihr nur träumen könntet was ich gesehen habe.
ADELBERT. Wie wird dir's?
FRANZ. Nur von der blosen Erinnerung komm ich auserbmir. Bamberg ist nicht mehr Bamberg. Ein Engel in Weibergestalt macht es zum Vorhof des Himmels.
ADELBERT. Nichts weiter?
FRANZ. Ich will ein Pfaff werden, wenn ihr sie seht, und nicht sagt: zu viel zu viel.
ADELBERT. Wer ist's denn?
FRANZ. Adelheid von Walldorf.
ADELBERT. Die! ich habe viel von ihrer Schönheit gehört.
FRANZ. Gehört. Das ist eben als wenn ihr sagtet ich habe die Musick gesehen. Es ist der Zunge so wenig möglich eine Linie ihrer Vollkommenheiten auszudrücken, da das Auge so gar in ihrer Gegenwart sich nicht selbst genug ist.
ADELBERT. Du bist nicht gescheidt.
FRANZ. Das kann wohl seyn. Das letztemal dass ich sie sah, hatt ich nicht mehr Sinnen als ein Trunckener. Oder vielmehr kann ich sagen ich fühlte in dem Augenblick wie's den Heiligen bey himmlischen Erscheinungen seyn mag. Alle Sinne stärcker, höher, vollkommner, und doch
den Gebrauch von keinem.
ADELBERT. Das ist seltsam.
FRANZ. Wie ich vom Bischoff Abschied nahm sass sie bey ihm, sie spielten Schach. Er war sehr gnädig, reichte mir seine Hand zu küssen, und sagte mir viel vieles, davon ich nichts vernahm. Denn ich sah seine Nachbaarinn, sie hatte ihre Augen aufs Brett geheftet, als wenn sie einem grosen Streich nachsänne. Ein feiner laurender Zug, halb Phisiognomie halb Empfindung, um Mund und Wange schien mehren als nur dem Elfenbeinenen König zu drohen. Inzwischen dass Adel und Freundlichkeit
gleich einem Majestätischen Ehpaar über den schwarzen Augenbrauen herrschten, und die duncklen Haare gleich einem Prachtvorhang um die königliche Herrlichkeit herum wallten.
ADELBERT. Du bist gar drüber zum Dichter geworden.
FRANZ. So fühl ich denn in dem Augenblick was den Dichter macht. Ein volles ganz von Einer Empfindung volles Herz.Wie der Bischoff endigte, und ich mich neigte sah sie mich an und sagte: auch von mir einen Grus unbekannter Weis. Sag ihm er mag ia bald kommen. Es warten neue
Freunde auf ihn, er soll sie nicht verachten, wenn er schon an alten so reich ist. Ich wollte was antworten, aber der Pass vom Gehirn zur Zunge war verstopft, ich neigte mich; ich hätte mein Vermögen gegeben, die Spitze ihres kleinen Fingers küssen zu dürfen, wie ich so stund wurf der Bischoff einen Bauern herunter, ich fuhr darnach und berührte im aufheben den Saum ihres Kleids, das fuhr mir durch alle Glieder, und ich weis nicht wie ich zur Tühre hinausgekommen binn.
ADELBERT. Ist ihr Mann bey Hofe?
FRANZ. Sie ist schon vier Monat Witwe, um sich zu zerstreuen hält sie sich in Bamberg auf. Ihr werdet sie sehen. Wenn sie einen ansiebt, es ist als ob man in der Frühlingssonne stünde.
ADELBERT. Es würde eine schwächere Würckung auf mich machen.
FRANZ. Ich höre ihr seyd so gut als verheurathet.
ADELBERT. Wollte ich wärs. Meine sanfte Marie wird das Glück meines Lebens machen. Ihre süse Seele bildet sich in ihren blauen Augen. Und weis wie ein Engel des Himmels, gebildet aus Unschuld und Liebe, leitet sie mein Herz zur Ruh und Glückseeligkeit. Pack zusammen! Und dann auf mein Schloss, ich will Bamberg nicht sehen und wenn der heilige Gregorius in Person meiner begehrte. (Ab)
FRANZ. Glaubs noch nicht. Wenn wir nur einmal aus der Atmosphäre haus sind, wollen wir sehen wies geht. Marie ist schön, und einem Gefangnen imd Krancken kann ich nicht übel nehmen sich in sie zu verlieben, in ihren Augen ist Trost, gesellschaftliche Melankolie. Aber um dich, Adelheid, ist eine Atmosphäre von Leben, Muth, tähtiges Glück!—Ich würde—Ich binn ein Narr!—Dazu machte mich ein Blick von ihr. Mein Herr muss hin. Ich muss hin. Und da will ich sie solang ansehn, biss ich
wieder ganz gescheidt oder völlig rasend werde.


Inhalt

2.Akt
3.Akt
4.Akt
5.Akt



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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