> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand (4)

2019-08-30

Johann Wolfgang Goethe: Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand (4)





Vierter Aufzug

Wirtshaus zu Hailbronn

GOTTFRIED. Ich komme mir vor wie der Böse Geist, den der Capuziner in einen Sack beschwur und nun in wilden Wald trägt, ihn an der ödsten Gegend zwischen die Dorn Sträuche zu bannen. Schlepp, Pater, schlepp! Sind deine Zauberformeln stärcker als meine Zähne, so will ich mich schweer machen, will deine Schultern ärger niederdrücken, als die Untreue einer Frau das Herz eines
braven Manns. Ich habe euch schon genug schwitzen und keichen gemacht eh ihr mich erwischtet, und höllische Verräterey borgte euch ihr unsichtbaares Netz.(Elisabeth kommt.)
ELISABETH  Was für Nachricht, Elis, von meinen lieben Getreuen?

ELISABETH. Nichts gewisses. Einige sind erstochen, einige liegen im Turn, es konnte oder wollte niemand mir sie näher bezeichnen.
GOTTFRIED. Ist das die Belohnung der Treue, der kindlichsten Ergebenheit—! Auf dass dir's wohlgehe, und du lang lebest auf Erden.
ELISABETH. Lieber Mann! schilt unsern himmlischen Vater nicht. Sie haben ihren Lohn, er ward mit ihnen gebohren, ein groses edles Herz. Lass sie gefangen seyn! Sie sind frey. Gieb auf die Kayserlichen Räthe achtl Die grosen goldnen Ketten stehn ihnen zu Gesicht—
GOTTFRIED. Wie dem Schweine das Halsband, Ich möchte Görgen und Franzen geschlossen sehn!
ELISABETH. Es wäre ein Anblick um Engel weinen zu machen.
GOTTFRIED. Ich wollt nicht weinen. Ich wollt die Zähne zusammen beissen, und an meine Grimm kauen.
ELISABETH. Du würdest dein Herz fressen.
GOTTFRIED. Desto besser so würd ich meinen Muth nicht überleben. In Ketten meine Augapfel. Ihr lieben Jungen. Hättet ihr mich nicht geliebt—Ich würde mich nicht satt an ihnen sehn können—Im Nahmen des Kaysers ihr Wort nicht zuhalten—! Welcher Untertahn würde nicht hundertfach straffällig seyn, der ein Bildnüss seines erhabnen Monarchen an einen ecklen verächtlichen Ort
aufhängen wollte.—Und er selbst übertüncht alle Tage mit dem Abglanz der Majestät angefaulte Hundsfütter, hängt sein geheiligtes Ebenbild an Schandpfäle und giebt es der öffentlichen Verachtung Preis.
ELISABETH. Entschlagt euch dieser Gedancken. Bedenckt dass ihr vor ihnen erscheinen sollt. Die Weise die euch im Kopf summt, könnt Empfindungen in ihrer Seele wecken, —
GOTTFRIED. Lass es seyn, sie haben keine. Nur brave Hunde ists gefährlich im Schlaff zu stören. Sie bellen nur meistenteils, und wenn sie beissen, ist es in einem Anfall von dummer Wuth, den Kopfgesenckt, den Schwanz zwischen den Beinen, damit ihre Raserey selbst noch Furcht ausdrücke, trippeln sie stillschweigend herbey und knappen von hinten nach Knaben, und sorglosen Wandrern.
ELISABETH. Der Gerichtsbote.
GOTTRIED. Esel der Gerechtigkeit.—Schleppt ihre Säcke zur Mühle, und ihren Kehrigt in's Feld. Was giebts?
GERICHTS DIENER. Die Herren Comissarii sind auf dem Rathhause versammelt, und schicken nach euch.
GOITFRIED. Ich komme.
GERICHTS DIENER. Ich werde euch begleiten.
GOTTFRIED. Wozu! ists so unsicher in Hailbronn? —Ah! Sie dencken ich brech meinen Eyd. Sie than mir die Ehre an, mich vor ihres gleichen zu halten.
ELISABETH. Lieber Mann!
GOTTFRIED. Komm mit aufs Rathhaus, Elisabeth.
ELISABETH. Das versteht sich. (Ab)


Rathhauss

Kayserliche Räthe, Hauptmann, Rathsherrcn.

RATHSHERR. Wir haben auf euern Befehl die stärcksten und tapfersten Bürger versammelt, sie warten hier in der Nähe auf euern Winck, um sich Berlichingens zu bemeistern.
RATH. Wir werden Ew. Kayserlichen Majestät eure Bereitwilligkeit Ihrem Befehl zu gehorchen, nach unsrer Pflicht anzurühmen wissen.—Es sind Handwercker?
RATHSHERR. Schmiede, Weinschröter, Zimmerleute, Männer mit geübten Fäusten und hier wohl beschlagen. (Er legt die Hand auf die Brust.)
RATH. Wohl.
GERICHTS DIENER. Er wartet vor der Tühre.
RATH. Lass ihn herein.
GOTTFRIED. Gott grüs euch, ihr Herren! Was wollt ihr mit mir.''
RATH. Zu erst dass ihr bedenckt wo ihr seyd und vor wem.
GOTTFRIED. Bey meinem Eyd ich verkenn euch nicht, meine Herrn.
RATH. Ihr tuht eure Schuldigkeit.
GOTTFRIED. Von ganzem Herzen.
RATH. Setzt euch.
GOTTFRIED. Da unten hin? Ich kann stehn, meine Herrn, das Stühlgen riecht nach armen Sündern, wie überhaupt die ganze Stube.
RATH. So steht.
GOTTFRIED. Zur Sache wenn's euch gefällig ist.
RATH. Wir werden in der Ordnung verfahren.
GOTTFRIED. Binn's wohl zufrieden, wollt es war von ieher geschehn. '
RATH. Ihr wisst wie ihr auf Gnad und Ungnad in unsre Hände kamt.
GOTTFRIED. Was gebt ihr mir wenn ichs vergesse?
RATH. Wenn ich euch Bescheidenheit geben könnte, würd ich eure Sache gut machen.
GOTTFRIED. Freylich gehört zum gut machen mehr als zum Verderben.
SCHREIBER. Soll ich das all protokolliren?
RATH. Nichts als was zur Handlung gehört.
GOTTFRIED. Meintwegen dürft ihrs drucken lassen.
RATH. Ihr wart in der Gewalt des Kaysers, dessen Väterliche Gnade an den Plaz der Majestätischen Gerechtigkeit trat Euch anstatt eines Kerckers, Hailbron, eine seiner Geliebten Städte zum Aufenthalt anwies. Ihr verspracht mit einem Eyd, euch wie es einem Ritter geziemt zu stellen, und das weitere demütig zu erwarten.
GOTTFRIED. Wohl und ich binn hier und warte.
RATH. Und wir sind hier Ihr Kayserlichcn Majestät Gnade und Huld zu verkündigen. Sie verzeiht euch eure Übertrettungen, spricht euch von der Acht und aller wohlverdienter Strafe los, welches ihr mit untertähnigem Dancke erkennen, und dagegen die Urphede abschwören werdet, welche euch hiemit vorgelesen werden soll.
GOTTFRKD. Ich bin ihro Majestät treuer Knecht wieimmer. Noc h ein Wort, eh ihr weiter geht. Meine Leute wo sind die! Was soll mit ihnen werden?
RATH. Das geht euch nichts an.
GOTTFRIED. So wende der Kayser sein Antliz von euch wenn ihr in Noth steckt. Sie waren meine Gesellen, und sinds. Wo habt ihr sie hingebracht?
RATH. Wir sind euch davon keine Rechnung schuldig.
GOTTFRlED. Ah! Ich dachte nicht, dass ihr zu nichts verbunden seyd, was ihr versprecht,
RATH. Unsre Commission ist, euch die Urfehde vorzulegen, unterwerft euch dem Kayser, und ihr werdet einen Weeg finden, um eurer Knechte Leben und Freiheit zu flehen.
GOTTFRIED. Euern Zettel.
RATH. Schreiber, lest.
SCHREIBER. Ich Gottfried von Berlichingen bekenne öffentlich durch diesen Brief. Dass da ich mich neulich gegen Kayser und Reich rebellischer Weisse aufgelehnt—
GOTTFRIED. Das ist nicht wahr, ich bin kein Rebell, habe gegen ihr Kaiserliche Majestät nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an. Kayser und Reich, ich wollt, ihro Majestät liessen ihren Nahmen aus so einer schlechten Gesellschafft; was sind die Stände, dass sie mich Aufruhrs zeihen wollen? sie sind die Rebellen, die mit unerhörtem geizigem Stolz mit unbewehrten Kleinen
sich füttern, und täglich ihro Majestät nach dem Kopf wachsen. Die sind's, die alle schuldige Ehrfurcht ausser Augen sezen, und die man lauften lassen muss, weil der Galgen zu teuer werden würde, woran sie gehenckt werden sollten.
RATH. Mässigt euch und hört weiter.
GOTTFRIED. Ich will nichts weiter hören. Trett einer auf, und zeug! Hab ich wider den Kayser, wider das Haus Österreich, nur einen Schritt getahn? Hab ich nicht von jeher durch alle Handlungen gewiessen, dass ich besser als einer fühle, was Deutschland seinem Regenten schuldig ist, und besonders was die kleinen, die Ritter und freyen ihrem Kayser schuldig sind? Ich müsste ein
Schurcke seyn, wenn ich mich könnte bereden lassen das zu unterschreiben.
RATH. Und doch haben wir gemessene Ordre euch in der Güte zu bereden, oder im Entstehungs Fall in Turn zu werfen.
GOTTFRIED. In Turn! mich!
RATH. Und daselbst könnt ihr euer Schicksaal von der Gerechtigkeit erwarten, wenn ihr es nicht aus den Händen der Gnade empfangen wollt.
GOTTFRIED. In Turn! Ihr missbraucht die Kayserliche Gewalt. In Turn! Das ist sein Befehl nicht. Was! mir erst, die Verräther, eine Falle stellen, und ihren Eyd, ihr ritterlich Wort zum Speck drinn aufzuhängen. Mir dann ritterlich Gefängniss zusagen, und die Zusage wieder brechen.
RATH. Ein Räuber sind wir keine Treu schuldig.
GOTTFRIED. Trügst du nicht das Ebenbild des Kaysers, das ich auch in der gesudeltsten Mahlerey verehre, ich wollte dir zeigen, wer der seye der mich einen Räuber heissen müsse. Ich binn in einer ehrlichen Fehd begriffen. Du könntest Gott dancken, und dich für der Welt gros machen, wenn du eine so ehrliche, so edle Taht getahn hättest, wie die ist, um welcher willen ich gefangen sitze. Denen Spitzbuben von Nürenberg einen Menschen abzuiagen, dessen beste Jahre sie in ein elend Loch begruben, meinen Hansen von Lidwach zu befreyen, hab ich die Cujonen cujonirt. Er ist so gut ein Stand des Reichs als eure Cuhrfürsten, und Kayser und Reich hätten seine Noth nicht in ihrem Kopfküssen gefühlt. Ich habe meinen Arm gestreckt und habe wohl getahn.(Rath winckt dem Rathsherm. Der zieht die Schelle.) Ihr nennt mich einen Räuber, müsse eure Nachkommen schafft von bürgerlich ehrlichen Spizbuben, von freundlichen Dieben, und privilegirten Beutelschneidern biss auf das letzte Pflaumfedergen berupft werden.(Bürger treten herein, Stangen in der Hand, Wehren an der Seite.) Was Soll das?
RATH. Ihr wollt nicht hören. Fangt ihn.
GOTTFRIED. Ist das die Meynung? Wer kein Ungrischer Ochs ist, komme mir nicht zu nah. Er soll von dieser meiner rechten eisernen Hand eine solche Ohrfeige kriegen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles Weh der Erde aus dem Grund kuriren soll. (Sie machen sich an ihn, er schlägt den einen zu Boden, und reisst einem andern die Wehr von der Seite. Sie weichen.)
Kommt! Kommt! Es wäre mir angenehm den tapfersten unter euch kennen zu lernen.
RATH. Gebt euch!
GOTTFRIED. Mit dem Schwerdt in der Hand! Wisst ihr dass es ietzt nur an mir läge mich durch alle diese Haaseniäger durchzuschlagen, und das weite Feld zu gewinnen? Aber ich will euch lehren wie man sein Wort hält.  Versprecht mir ritterlich Gefängniss zu halten, und ich gebe mein Schwerdt weg und binn wie vorher euer Gefangener.
RATH. Mit dem Schwerdt in der Hand wollt ihr mit dem Kayser rechten?
GOTTFRIED. Behüte Gott. Nur mit euch und eurer edlen Compagnie. Seht wie sie sich die Gesichter gewaschen haben. Was gebt ihr ihnen für die vergebliche Müh? Geht, Freunde, es ist Werckeltag, und hier ist nichts zu gewinnen als Verlust.
RATH. Greifft ihn. Giebt euch eure Liebe zu euerm Kayser nicht mehr Muth?
GOTTFRIED. Nicht mehr als Pflaster die Wunden zu heilen, die sich ihr Muth holen könnte.
GERICHTS DIENER. Eben rufft der Türner, es zieht ein Trupp von mehr als zweyhunderten nach der Stadt zu, unversehens sind sie hinter der Wein Höhe hervorgequollen, und drohen unsern Mauern.
RATHSHERR. Weh uns. Was ist das?
ERSTE WACHE. Franz von Sickingen hält vor dem Schlag, und lässt euch sagen, er habe gehört wie unwürdig man an seinem Schwager bundbrüchig worden wäre, wie die Herren von Hailbron allen Vorschub tähten, er verlangte Rechenschaft, sonst wollte er binnen einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzünden, und sie der Plünderung Preis geben.
GOTTFRIED. Braver Schwager.
RATH. Tretet ab, Gottfried.— Was ist zu tuhn?
RATHSHERR. Habt Mitleiden mit uns und unsrer Bürgerschaftt. Sickingen ist unbändig in seinem Zorn, er ist ein Mann es zu halten.
RATH. Sollen wir uns und dem Kayser die Gerechtsame vergeben?
ZWEYTER RATH. Was hülfs, umzukommen, halten können wir sie nicht. Wir gewinnen im Nachgeben.
RATHSHERR. Wir wollen Gottfrieden ansprechen für uns ein Wort einzulegen. Mir ist als wenn ich die Stadt schon in Flammen sähe,
RATH. Lasst Gottfrieden herein.
GOTTFRIED. Was solls?
RATH. Du würdest wohl tuhn deinen Schwager von seinem rebellischen Vorhaben abzumahnen, anstatt dich vom Verderben zu retten stürzt er dich nur tiefer hinein indem er sich zu deinem Falle gesellt.
GOTTFRIED (sieht Elisabeth an der Tühre, heimlich zu ihr).
Geh hin! Sag ihm, er soll ohnverzüglich herein brechen, soll hierher kommen, nur der Stadt kein Leids tuhn. Wenn sich die Schurcken hier widersetzen, soll er Gewalt brauchen, es liegt mir nichts dran umzukommen, wenn sie nur alle mit erstochen werden.

Ein großer Saal auf dem Rathhause

Sickingen, Gottfried.

(Das ganze Rathhaus ist von Sickingens Reutern besetzt)

SICKINGEN. Du bist zu ehrlich. Dich nicht einmal des Vorteils zu bedienen, den der rechtschaffne über den meyneidigen hat! Sie sitzen im Unrecht und wir wollen ihnen kein Küssen unterlegen. Sie haben die Befehle des Kaysers zu Knechten ihrer Leidenschafften gemacht. Und wie ich Ihro Majestät kenne, darfst du sicher auf mehr als Fortsetzung der ritterlichen Geföngniss dringen ist zu wenig.
GOTTFRIED. Ich binn von ieher mit wenigem zufrieden gewesen.
SICKINGEN. Und bist von ieher zu kurz kommen. Der Grosmütige gleicht einem Mann, der mit seinem Abcndbrod Fische futterte, aus Unachtsamkeit in den Teich fiel, und ersoff. Da frassen sie den Wohltähter mit eben dem Apetit wie die Wohltäher, und wurden fett und starck davon. Meine
Meynung ist, sie sollen deine Knechte aus dem Gefängniss, und dich zusammt ihnen auf deinen Eyd.
nach deiner Burg ziehen lassen. Du magst versprechen nicht aus deiner Terminey zu gehen, und wirst immer besser seyn als hier.
GOTTFRIED. Sie werden sagen, meine Güter seyen dem Kayser heimgefallen,
SICKINGEN. So sagen wir, du wolltest nur Miethe drinnen wohnen, biss sie dir der Kayser zu Lehn gab. Lass sie sich wenden wie Aele in einer Reusse, sie sollen uns nicht entschlüpfen. Sie werden von Kayserlicher Majestät reden, von ihrem Auftrag. Das kann uns einerley seyn. Ich kenn den Kayser auch, und gelte was bey ihm. Er hat von ieher gewünscht dich unter seiner Armee zu haben. Du wirst nicht lange auf deinem Schloss sitzen, so wirst du aufgerufen werden.
GOTTFRIED. Wollte Gott bald, eh ich 's fechten verlerne,
SICKINGEN, Der Muth verlernt sich nicht, wie er sich nicht lernt, Sorge für nichts, wenn deine Sachen in der Ordnung sind, geh ich an Hof. Denn mein Unternehmen fängt an reif zu werden. Günstige Aspeckten deuten mir: brich auf. Es ist mir nichts übrig als die Gesinnungen des Kaysers zu sondiren. Trier und Pfalz vermuthen eher des Himmels Einfall, als dass ich ihnen übern Kopf kommen werde. Und ich will kommen wie ein Hagelwetter, und wenn wir unser Schicksaal machen können so sollst du bald der Schwager eines Cuhrfürsten seyn. Ich hofft auf deine Faust bey dieser Unternehmung,
GOTTFRIED (besieht seine Hand). Oh, das deutete der Traum den ich hatte, als ich Tags drauf Marien an Weisungen versprach. Er sagte mir Treu zu, und hielt meine rechte Hand so fest, dass sie aus den Armschienen ging wie abgebrochen. Ach! Ich binn in diesem Augenblick wehrloser, als ich war da sie mir vor Nürenberg abgeschossen wurde. Weislungen, Weislungen,
SICKINGEN. Vergiss einen Verrähter. Wir wollen seine Anschläge vernichten, sein Ansehn untergraben, und zu den geheimen Martern des Gewissens noch die Quaal einer öffentlichen Schande hinzufügen. Ich seh, ich seh im Geiste meine Feinde, deine Feinde niedergestürtzt, und uns über ihre Trümmern, nach unsern Wünschen hinaufsteigen.
GOTTFRIED. Deine Seele fliegt hoch. Ich weis nicht, seit einiger Zeit wollen sich in der meinigen keine frölichen Aussichten eröffnen. Ich war schon mehr im Unglück, schon einmal gefangen, und so wie mir's ietzt ist war mirs niemals. Es ist mir so eng! So eng!
SICKINGEN. Das ist ein kleiner Unmuth, der Gefährte des Unglücks, sie trennen sich selten. Seyd gutes Muths, lieber Schwager, wir wollen sie balde zusammen verjagen. Komm zu denen Perrücken, sie haben lange genug den Vortrag gehabt, lass uns einmal die Müh übernehmen. (Ab)

Adelhaidens Schloss

Adelhaid. Weisungen.

ADELHAID. Das ist verhasst.
WEISUNGEN. Ich habe die Zähne zusammengebissen, und mit den Füssen gestampft. Ein so schöner Anschlag, so glücklich vollführt, und am Ende ihn auf sein Schloss zu lassen! Es war mir wies dem seyn müste, den der Schlag rührte, im Augenblick, da er mit dem einen Fuss das Brautbette
schon bestiegen hat. Der verdammte Sickingen.
ADELHAID. Sie hättens nicht tuhn sollen.
WEISUNGEN. Sie sasen fest. Was konnten sie machen? Sickingen drohte mit Feuer und Schwerdt, der hochmütige jähzornige Mann. Ich hass ihn, sein Ansehn nimmt zu wie ein Strom der nur einmal ein Paar Bäche gefressen hat, die übrigen geben sich von selbst.
ADELHAID. Hatten sie keinen Kaiser?
WEISLINGEN. Liebe Frau, er ist nur der Schatten davon, er wird alt und mismutig. Wie er hörte was geschehen war und ich nebst denen übrigen Regiments Räthen eiferte, sagt er: lasst ihnen Ruh! Ich kann dem alten Gottfried wohl das Pläzgen gönnen, und wenn er da still ist, was habt ihr über ihn zu klagen? Wir redeten vom Wohl des Staats. Ach, sagt er, hätt ich von ieher Räthe gehabt die
meinen unruhigen Geist mehr auf das Glück einzelner Menschen gewiesen hätten.
ADELHAID. Er verliert den Geist eines Regenten.
WEISLINGEN. Wir zogen auf Sickingen los; er ist mein treuer Diener, sagt er, hat ers nicht auf meinen Befehl getahn, so taht er doch besser meinen Willen als meine Bevollmächtigte, und ich kanns gutheissen, vor oder nach.
ADELHAID. Man mögte sich zerreissen.
WEISLINGEN. Seine Schwachheiten lassen mich er soll bald aus der Welt gehn. Da werden wir Plaz finden uns zu regen.
ADELHAID. Gehst du an Hof?
WEISLINGEN. Ich muss.
ADELHAID. Lass mich bald Nachricht von dir haben.

Jaxthausen. Nacht.

(Gottfried an einem Tisch, Elisabeth bei ihm mit der Arbeit, es steht ein Licht auf dem Tisch und Schreibzeug).

GOTTFRIED. Der Müsiggang will mir gar nicht schmekken, und meine Beschränckung wird mir von Tag zu Tag enger, ich wollt ich könnt schlafen, oder mir nur einbilden die Ruhe sey was angenehms.
ELISABETH. So schreib doch deine Geschichte aus die du angefangen hast. Gieb deinen Freunden ein Zeugniss in die Hand deine Feinde zu beschämen, verschaff einer edeln Nachkommenschafft das Vergnügen dich nicht zu verkennen.
GOTTFRIED. Ah! Schreiben ist geschäfftiger Müssiggang. Es kommt mir sauer an; indem ich schreibe was ich getahn habe, ärgre ich mich über den Verlust der Zeit, in der ich etwas tuhn könnte.
ELISABETH (nimmt die Schrift). Sey nicht wunderlich. Du bist eben an deiner ersten Gefangenschafft in Hailbronn.
GOTTFRIED. Das war mir von ieher ein fataler Ort.
ELISABETH (liest). Da waren selbst einige von den Bündischen die zu mir sagten, ich habe törig getahn, mich meinen ärgsten Feinden zu stellen, da ich doch vermuthen konnte sie würden nicht glimpflich mit mir umgehen, da antwortet ich:—Nun was antwortetest du. schreibe weiter.
GOTTFRIED. Ich sagte, setz ich so offt meine Haut an andrer Gut und Geld, sollt ich sie nicht an mein Wort setzen?
ELISABETH. Diesen Ruf hast du.
GOTTFRIED. Sie haben mir alles genommen. Gut, Freyheit—das sollen sie mir nicht nehmen,
ELISABETH. Es fällt in die Zeiten, wie ich die von Miltenberg und Sicklingen in der Wirthsstube fand, die mich nicht kannten. Da hatt ich eine Freude als weinn ich einen Sohn gebohren hätte. Sie rühmten dich unter einander, und sagten: er ist das Muster eines Ritters, tapfer und edel in seiner Freyheit, und gelassen und treu im Unglück.
GOTTFRIED. Sie sollen mir einen stellen dem ich mein Wort brach. Und Gott weis dass ich mehr geschwitzt habe meinem Nächsten zu dienen als mir, dass ich um den Nahmen eines Tapfern und treuen Ritters gearbeitet habe, nicht um hohe Reichtümer und Rang zu gewinnen. Und Gott sey Danck, worum ich warb, ist mir worden.

Georg, Franz Lersee (mit Wildpet).

GOTTFRIED. Glück zu, brave Jäger.
GEORG. Das sind wir aus braven Reutern geworden. Aus Stiefeln machen sich leicht Pantoffeln.
FRANZ LERSEE. Die Jagd ist doch immer was, und eine Art von Krieg.
GEORG. Ja. Heute hatten wir mit Reichs Truppen zutuhn. Wisst ihr, Gnädger Herr, wie ihr uns prophezeitet, wenn sich die Welt umkehrte, würden wir Jäger werden. Da sind wirs ohne das.
GOTTFRIED. Es kömmt auf eins hinaus, wir sind aus unserm Kreise gerückt.
GEORG. Es ist schade, dass wir ietzo nicht ausreitten dürfen.
GOTTFRIED. Wieso!
GEORG. Die Bauern vieler Dörfer haben einen schröcklichen Aufstand erregt, sich an ihren tyrannischen Herren zu rächen, ich weis das mancher von euern Freunden unschuldig ins Feuer kommt.
GOTTFRIED. Wo?
FRANZ. Im Herzen von Schwaben, wie man uns sagte. Das Volck ist unbändig wie ein Wirbelwind, mordet, brennt. Der Mann der's uns erzählte, konnte nicht von Jammer genug sagen.
GOTTFRIED. Mich dauert der Herr und der Untertahn. Wehe wehe denen Grosen die sich aufs Übergewicht ihres Ansehens verlassen. Die menschliche Seele wird stärcker durch den Druck. Aber sie hören nicht und fühlen nicht.
GEORG. Wollte Gott alle Fürsten würden von   geseegnet wie ihr.
GOTTFRIED. Hätt ich ihrer nur viel. Ich wollt nicht glücklicher seyn als einer, ausser darinn dass ich ihr Glück machte. So sind unsre Herren ein verzehrendes Feuer das sich mit Untertahnen Glück, Habe, Blut und Schweiss nährt ohne gesättigt zu werden.

Adelhaidens Schloss

Adelhaid. Franz.

FRANZ. Der Kayser ist gefährlich kranck, euer Gemahl hat wie ihr dencken könnt alle Hände voll zu tuhn, bedarf euers Raths und euers Beystandes, und bittet euch die rauhe Jahrszeit nicht zu achten. Er sendet mich und drey Reuter, die euch zu ihm bringen sollen.
ADELHAID. Willkommen, Franz. Du und die Nachricht. Was macht dein Herr?
FRANZ. Er befahl mir eure Hand zu küssen.
ADELHAID. Da.
FRANZ (behält sie etwas lang).
ADELHAID. Deine Lippen sind warm.
FRANZ (vor sich, auf die Brust deutend). Hier ists noch wärmer, (laut) Eure Diener sind die glücklichsten Menschen unter der Sonne.
ADELHAID. Wann gehen wir?
FRANZ. Wenn ihr wollt. Rufft uns zu Mitternacht und wir werden lebendiger seyn als die Vögel beym Aufgang der Sonne. Jagt uns in's Feuer, auf euem Winck wollen wir drinne leben wie Fische im Wasser.
ADELHAID. Ich kenne deine Treue, und werde nie unerkänntlich seyn. Wenn ihr gessen habt und die Pferde geruht haben, wollen wir fort. Es gilt. (Ab.)



Inhalt

2.Akt
3.Akt
4.Akt
5.Akt



D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

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