> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang Goethe: Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand (3)

2019-08-30

Johann Wolfgang Goethe: Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand (3)






Dritter Aufzug

Der Reichstag zu Augsburg

Kayser Maximilian, Maynz, Bamberg, Anhalt, Nassau, Weislingen, andre Herren.

MAXIMILIAN. Ich will euch die Köpfe zurecht setzen! Wofür binn ich Kayser? Soll ich nur Strohmann seyn, und die Vögel von euern Gärten scheuchen, keinen eignen Willen haben, bildets euch nicht ein. Ich will eine Contribution von Geld und Mannschafft wider den Türeken, das will ich, sag ich euch, und keiner unterstehe sich darwider zu reden.
MAYNZ. Es müsste der kühnste Rebell seyn der einer geheiligten Majestät in's Angesicht widersprechen, und in die Flammen ihres Grimmes treten wollte. Auch weichen wir vor eurer Stimme wie Israel vor dem Donner auf Sinai. Seht wie die Fürsten umherstehen getroffen wie
von einem unvermutheten Strafgerichte. Sie stehen, und gehn in sich selbst zurück, und suchen wie sie es verdient haben. Und verdient müssen wir's haben, obgleich unwissend. Ew. Mayestät verlangen einen Türekenzug. Und so lang ich hier sitze, erinner ich mich keinen der nein gesagt hätte. Waren nicht alle willig, alle!—Es ist Jahr und Tag wie Ihro Maiestät es zum erstenmal vortrugen, sie stimmten all ein, die Fürsten, und in ihren Augen leuchtete ein Feuer, denen Feinden ein schröckliches Meteor. Ihr Geist flog mutig schon nach den Ungrischen Gränzen, als er auf einmal durch ein iämmerliches Wehklagen zurück gehalten wurde. Es waren die Stimmen

ihrer Weiber, ihrer unmündigen Söhne die gleich Schafen in der Wüste mörderischen Wölfen Preis gegeben waren. Würde nicht Elias selbst auf dem feurigen Wagen, da ihn feurige Rosse zur Herrlichkeit des Herren führten, in diesem Falle sich zurück nach der Erde gesehnt haben? Sie baten flehentlich um die Sicherheit ihrer Häuser, ihrer Familien, um mit freyem und ganzem Herzen dem Fluge des Reichsadlers folgen zu können. Es ist eure Majestät nicht unbekannt, inwiefern der Landfriede, die Achtserklärungen, das Cammergericht bisher diesem Übel abgeholfen hat. Wir sind noch wo wir waren, und vielleicht übler dran. Wohldenckende Ritter gehorchen Ew. Majestät
Befehlen, begeben sich zur Ruhe und dadurch wird unruhigen Seelen der Kampfplaz überlassen, die sich auf eine ausgelassne Weise herumtummeln und die hoffnungsvollsten Saaten zertreten. Doch ich weis. Ew. Majestät zu gehorchen, wird ieder gern sein liebstes hindansetzen. Auf, meine Freunde. Auf gegen die Feinde des Reichs und der Cristenheit. Ihr seht wie nötig unser groser Kayser
es findet einem grössern Verlust mit einem kleinern vorzubeugen. Auf, verlasst eure Besitztümer, eure Weiber, eure Kinder und zeigt in einem unerhörten Beyspiel die Stärcke der Deutschen Lehnspflicht, und eure Ergebenheit für euern erhabnen Monarchen. Kommt ihr zurück und findet eure Schlösser verheert, euer Geschlecht vertrieben, eure Besiztümer öde! O so denckt, der Krieg,
den ihr an den Gränzen führtet, habe in dem Herzen des Reichs gebrandt, und ihr habet der allgemeinen Ruh und Glückseeligkeit die eurige aufgeopfert, die Ruinen eurer Schlösser werden künftigen Zeiten herrliche Denckmale seyn, und laut ausrufen: so gehorchten sie ihrer Pflicht,
und so geschah ihres Kaysers Wille.
KAYSER. Ich gehe euch euern Entschliesungen zu überlassen. Und wenn ihr dann sagt: ich hab euch gezwungen, so lügt ihr.

Ein Garten

Zwey Nürnberger Kaufleute

ERSTER KAUFMANN. Hier wollen wir stehn, denn da muss er vorbey. Er kommt eben die lange Allee herauf.
ZWEYTER KAUFMANN. Wer ist bey ihm?
ERSTER KAUFMANN. Adelbert von Weislingen.
ZWEYTER KAUFMANN. Bambergs Freund, das ist gut.
ERSTER KAUFMANN. Wir wollen einen Fusfall tuhn, und ich will reden.
ZWEYTER KAUFMANN. Wohl, da kommen sie.

Kayser, Weislingen.

ERSTER KAUFMANN. Er sieht verdrüsslich aus.
KAYSER. Ich binn unmutig, Weislingen. Und wenn ich auf mein vergangnes Leben zurücksehe, mögt ich verzagt werden, so viel halbe, so viel verunglückte Unternehmungen, und das alles, weil kein Fürst im Reich so klein ist, dem nicht mehr an seinen Grillen gelegen wäre als an meinen Gedancken. Mein bester Schwimmer erstickte in einem Sumpf, Teutschland, Teutschland, du siehst
einem Moraste ähnlicher als einem schiffbaaren See.
(Die Kaufleute werfen sich ihm zu Füssen.)
ERSTER KAUFMANN. Allerdurchlauchtigster, Grosmächtigster.
KAYSER. Wer seyd ihr! was giebts!
ERSTER KAUFMANN. Arme Kaufleute von Nürenberg, euro Majestät Knechte und flehen um Hülfe. Gottfried von Berlichingen, und Hans von Selbiz haben unsrer 30 die von der Franckfurter Messe kamen im Bambergischen Geleite niedergeworfen, und beraubt, wir bitten Ew. Kayserliche Majestät um Hülfe und Beystand, sonst sind wir alle verdorbne Leute, genötigt unser Brod zu
betteln.
KAYSER. Heiliger Gottl Heiliger Gott! Was ist das? Der eine hat eine Hand, der andre nur ein Bein, wenn sie denn erst zwo Hand hätten und zwo Bein, was wolltet ihr denn tuhn?
ERSTER KAUFMANN. Wir bitten Ew. Majestät untertähnigst auf unsre bedrängte Umstände ein mitleidiges Auge zu werfen.
KAYSER. Wie gehts zu! Wenn ein Kaufmann einen Pfeffersack verliert, soll man das ganze Reich aufmahnen, und wenn Händel vorhanden sind, daran Kaiserlicher Majestät und dem Reich viel gelegen ist, dass es Königreich, Fürstentuhm, Herzogtuhm und anders antrifft, so kann euch kein Mensch zusammen bringen.
WEISLINGEN. Ihr kommt zur ungelegnen Zeit. Geht, und verweilt einige Tage hier.
KAUFLEUTE. Wir empfehlen uns zu Gnaden. (Ab)
KAYSER. Wieder neue Händel. Sie wachsen nach wie die Köpfe der Hydra.
WEISLINGEN. Und sind nicht auszurotten, als mit Feuer und Schwerdt und einer Herkulischen Unternehmung.
KAYSER. Glaubt ihr?
WEISLINGEN. Ich hoftt es auszuführen. Das beschweerlichste ist getahn. Hat Ew. Majestät Wort nicht den Sturm gelegt, und die Tiefe des Meers beruhigt? nur kleine ohnmächtige Winde erschüttern muthwillig die Oberfläche der Wellen. Noch ein Machtwort, so sind auch die in ihre Höhlen gescheucht. Es ist mit nichten das ganze Reich das über Beunruhigung Klagen führen kann. Francken
und Schwaben glimmt noch von den Resten des ausgebrannten Feuers die ein unruhiger Geist manchmal aus der Asche weckt, und in der Nachbaarschafft herumtreibt. Hätten wir den Sickingen, den Selbiz—den Berlichingen, diese flammenden Brände aus dem Weege geschafft, wir würden bald das übrige in todte Asche zerfallen sehn.
KAYSER. Ich möchte die Leute gerne schonen, sie sind tapfer und edel, wenn ich einen Krieg führte, müsst ich sie unter meiner Armee haben, und da wären sie doch ruhig.
WEISLINGEN. Es wäre zu wünschen dass sie von ieher gelernt hätten ihrer Pflicht zu gehorchen. Und dann war es äusserst gefährlich, ihre aufrührische Unternehmungen durch kriegrische Ehrenstellen zu belohnen. Es ist nicht genug ihre Person auf die Seite zu schaffen, sondern der
Geist ist zu vertilgen, den das Glück ihrer rebellischen Unruhe umhergeblasen hat. Der Befehdungs Trieb steigt biss zu den geringsten Menschen hinunter, denen nichts erwünschters erscheint als ein Beyspiel, das unbändiger Selbstgelassenheit die Fahne vorträgt.
KAYSER. Was glaubt ihr dass zu tuhn?
WEISLINGEN. Die Achtserklärung, die ietzo gleich einem vermummten Weibe nur Kinder in Ängsten setzt, mit dem kayserlichen Rachschwert zu bewaffnen, und von tapfern und edlen Fürsten begleitet, über die unruhigen Häupter zu senden. Wenn es Ew. Majestät Ernst ist, die Fürsten
bieten gern ihre Hände, und so garantir ich in weniger als Jahres Frist das Reich in der blühendsten Ruhe und Glückseeligkeit.
KAYSER. Jetzt wäre eine schöne Gelegenheit wider den Berlichingen und Seibiz, nur wollt ich nicht dass ihnen was zu leide geschähe. Gefangen mögt ich sie haben. Und dann müssten sie eine Urphede schwören, auf ihren Schlössern ruhig zu bleiben, und nicht aus ihrem Bann zu gehen. Bey der nächsten Session will ich's vortragen.

WEISLINGEN. Ein freudiger beystimmender Zuruf wird Ew. Majestät das Ende der Rede ersparen. (Ab)

Jaxthausen

Sickingen Berlichingen.

SICKINGEN. Ja ich komme, eure edle Schwester um ihr Herz und ihre Hand zu bitten, und wenn ihre holde Seele mir sie zum Eigentuhm übergiebt, dann Gottfried pp.
GOTTFRIED. So wollt ich, ihr wärt eher kommen. Ich muss euch sagen, Weislingen hat während seiner Gefangenschafft sich in ihren Augen gefangen, um sie angehalten, und ich sagt sie ihm zu. Ich hab ihn losgelassen den Vogel und er verachtet die gütige Hand die ihm in seiner Gefangenschafft Futter reichte. Er schwirrt herum, weis Gott auf welcher Hecke seine Nahrung zu suchen.
SICKINGEN. Ist das so?
GOTTFRIED. Wie ich sage.
SICKINGEN. Er hat ein doppeltes Band zerrissen, ein Band an dem selbst die scharfe Sense des Todts hätte stumpf werden sollen.
GOTTFRIED. Sie sitzt, das arme Mädgen, und verjammert und verbetet ihr Leben.
SICKINGEN. Wir wollen sie zu singen machen.
GOTTFRIED. Wie! entschliesst ihr euch eine Verlassne zu heurathen?
SICKINGEN. Es macht euch beyden Ehre von ihm betrogen worden zu seyn. Soll darum das arme Mädgen in ein Kloster gehn, weil der erste Mann den sie kannte ein nichts würdiger war? Nein doch, ich bleibe drauf, sie soll Königinn von meinen Schlössern werden.
GOTTFRIED. Ich sag euch sie war nicht gleichgültig gegen ihn.
SICKINGEN. Traust du mir so wenig zu dass ich den Schatten eines elenden nicht sollte veriagen können? Lass uns zu Ihr.

Lager der Reichsexekution

Hauptmann. Offiziere.

HAUPTMANN. Wir müssen behutsam gehn, und unsre Leute so viel möglich schonen. Auch ist unsre gemessne Ordre, ihn in die Enge zu treiben und lebendig gefangen zu nehmen. Es wird schweer halten, denn wer mag sich an ihn machen.
OFFIZIER. Freylich! Und er wird sich wehren wie ein wildes Schwein, überhaupt hat er uns sein Lebenlang nichts zu leide getahn, und ieder wird's von sich schieben Kayser und Reich zu gefallen Arm und Bein dran zu setzen.
ZWEYTER OFFIZIER. Es war eine Schande wenn wir ihn nicht kriegten. Wenn ich ihn nur einmal beym Lippen habe, er soll nicht loskommen.
ERSTER OFFIZIER. Fasst ihn nur nicht mit den Zähnen, ihr! er möchte euch die Kinladen ausziehen, guter Junger Herr, dergleichen Leute packen sich nicht wie ein flüchtiger Dieb.
ZWEYTER OFFIZIER. Wollen sehn.
HAUPTMANN. Unsern Brief muß er nun haben. Wir wollen nicht säumen, und einen Trupp ausschicken der ihn beobachten soll.
ZWEYTER OFFIZIER. Lasst mich ihn führen.
HAUPTMANN. Ihr seyd der Gegend unkundig.
ZWEYTER OFFIZIER. Ich hab einen Knecht der hier gebohren und erzogen ist.
HAUPTMANN. Ich binns zufrieden


Jaxthausen 

SICKINGEN (allein). Es geht alles nach Wunsch, sie war etwas bestürzt über meinen Antrag, und sah mich von Kopf biss auf die Füsse an; ich wette sie verglich mich mit ihrem Weisfisch, Gott sey Danck, dass ich mich stellen darf. Sie antwortete wenig, und durch einander, desto besser! Es mag eine Zeit kochen. Bey Mädgen die durch Liebesunglück gebeitzt sind, wird ein Heurathsvorschlag
bald gar. (Gottfried kommt) Was bringt ihr, Schwager?
GOTTFRIED. In die Acht erklärt.
SICKINGEN. Was?
GOTTFRIED. Da lest den erbaulichen Brief. Der Kayser hat Exekution gegen mich verordnet, die mein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel, und den Tieren auf dem Felde zu fressen vorschneiden soll.
SICKINGEN. Erst sollen sie dran. Just zur gelegnen Zeit binn ich hier.
GOTTFRIED. Nein, Sickingen, ihr sollt fort. Das hiese eure grosen Anschläge im Keim zertretten, wenn ihr zu so ungelegner Zeit des Reichs Feind werden wolltet. Auch mir könnt ihr weit mehr nützen, wenn ihr neutral zu seyn scheint, der Kayser liebt euch, und das schlimmste was mir begegnen kann ist, gefangen zu werden; dann braucht euer Vorwort, und reisst mich aus einem Elend
in das unzeitige Hülffe uns beyde stürzen könnte. Denn was wärs, ietzo geht der Zug gegen mich, erfahren sie du bist bey mir, so schicken sie mehr, und wir sind um nichts gebessert. Der Kayser sitzt an der Quelle, und ich wäre schon letzt unwiederbringlich verlohren, wenn manTapferkeit
so geschwind einblasen könnte, als man einen Haufen zusammen blasen kann.
SICKINGEN. Doch kann ich heimlich ein zwanzig Reuter zu euch stosen lassen.
GOTTFRIED. Gut. Ich habe schon Georgen nach dem Seibiz geschickt. Und meine übrigen Knechte in der Nachbaarschafft herum. Lieber Schwager, wenn meine Leute beysammen sind, es wird ein Häufgen seyn, dergleichen wenig Fürsten beysammen gesehen haben.
SICKINGEN. Ihr werdet gegen der Menge wenig seyn.
GOTTFRIED. Ein Wolf ist einer ganzen Heerde Schafe zu viel.
SICKINGEN. Wenn sie aber einen guten Hirten haben.
GOTTFRIED. Sorg du. Und es sind lauter Miethlinge. Und dann kann der beste Ritter nichts machen, wenn er nicht Herr von seinen Handlungen ist. Zu Hause sitzt der Fürst und macht einen Operations Plan; das ist die rechte Höhe. So ging mirs auch einmal, wie ich dem Pfalzgraf zugesagt hatte gegen Conrad Schotten zu dienen, da legt er mir einen Zettel aus der Canzeley vor, wie ich
reiten und mich halten sollt, da wurf ich den Räthen das Papier wieder dar, und sagt: ich wüsst nicht darnach zu handeln; ich weiss ia nicht was mir begegnen mag, das steht nicht im Zettel, ich muss die Augen selbst auftuhn, und sehen, was ich zu schaffen hab.
SICKINGEN. Glück zu, Bruder. Ich will gleich fort, und dir schicken was ich in der Eile zusammen treiben kann.
GOTTFRIED. Komm noch mit zu meinen Weibsleuten, ich lies sie beysammen. Ich wollte dass du ihr Wort hättest eh' du gingst. Dann schick mir die Reuter und komm heimlich wieder, sie abzuholen, denn mein Schloss, furcht ich, wird bald kein Aufenthalt für Weiber mehr seyn.
SICKINGEN. Wollen das beste hoffen. (Ab.)

Bamberg

ADELHAID (mit einem Briefe). Das ist mein Werck. Wohl dem Menschen der stolze Freunde hat.
(Sie liest.) Zwey Exekutionen sind verordnet, eine von vier hundert gegen Berlichingen, eine von zweyhundert wider die gewaltsamen Besitzer deiner Güter. Der Kayser lies mir die Wahl, welche von beyden ich führen wollte, du kannst dencken dass ich die letzte mit Freuden annahm. Ja das kann ich dencken, kann auch die Ursach rathen. Du willst Berlichingen nicht ins Angesicht sehen. Inzwischen
warst du brav. Fort, Adelbert, gewinne meine Güter, mein Trauerjahr ist bald zu Ende, und du sollst
Herr von ihnen seyn.

Jaxthausen

Gottfried. Georg.

GEORG. Er will selbst mit euch sprechen. Ich kenn ihn nicht, es ist ein kleiner Mann mit schwarzen feurigen Augen, und einem wohlgeübten Körper.
GOTTFRIED. Bring ihn herein.
(Lersee kommt)
GOTTFRIED. Gott grüs euch. Was bringt ihr?
LERSEE. Mich selbst, das ist nicht viel, doch alles was es ist, biet ich euch an.
GOTTFRIED. Ihr seyd mir willkommen, doppelt willkommen. Ein braver Mann, und zu dieser Zeit, da ich nicht hoffte neue Freunde zu gewinnen, vielmehr den Verlust der alten stündlich fürchtete. Gebt mir euern Nahmen.
LERSEE. Franz Lersee.
GOTTFRIED. Ich dancke euch, Franz, dass ihr mich mit einem braven Manne bekanndt gemacht habt.
LERSEE. Ich machte euch schon einmal mit mir bekanndt, aber damals dancktet ihr mir nicht dafür.
GOTTFRIED. Ich erinnre mich eurer nicht.
LERSEE. Es wäre mir leid. Wisst ihr noch wie ihr um des Pfalzgrafen willen Conrad Schotten Feind wart, und nach Haßfurth auff die Fassnacht reiten wollt?
GOTTFRIED. Wohl weiss ich's.
LERSEE. Wisst ihr, wie ihr unterwegs bey einem Dorf fünf und zwanzig Reutern entgegen kamt?
GOTTFRIED. Richtig. Ich hielt sie anfangs nur für zwölfe, und theilt meinen Haufen, waren unsrer sechzehn, und hielt am Dorf hinter der Scheuer, in willens, sie sollten bey mir vorbeyziehen. Dann wollt ich ihnen nachrucken, wie ichs mit dem andern Hauffen abgeredt hatte.
LERSEE. Aber wir sahen euch und zogen auf eine Höhe am Dorf. Ihr zogt herbey und hieltet unten. Wie wir sahen ihr wolltet nicht herauf kommen, ritten wir herab.
GOTTFRIED. Da sah ich erst dass ich mit der Hand in die Kohlen geschlagen hatte. Fünf und zwanzig gegen acht. Da galts kein feyern. Erhard Truchsess durchstach mir einen Knecht. Dafür rant ich ihn vom Pferde. Hätten sie sich alle gehalten wie er und ein Mänlin, es wäre mein und meines kleinen Häufgens übel gewart gewesen.
LERSEE. Das Mänlin wovon ihr sagtet—
GOTTFRIED. Es war der bravste Knecht den ich gesehen habe. Es setzte mir heis zu. Wenn ich dachte ich hätts von mir gebracht, wollte mit andern zu schaffen haben, wars wieder an mir, und schlug feindlich zu, es hieb mir auch durch den Panzer Ermel hindurch, dass es ein wenig gefleischt hatte.
LERSEE. Habt ihr's ihm verziehen?
GOTTFRIED. Er gefiel mir mehr als zu wohl.
LERSEE. Nun so hoff ich dass ihr mit mir zufriedennseyn werdet, ich habe mein Probstück an euch selbst abgelegt.
GOTTFRIED. Bist du's? O Willkommen, willkommen. Kannst du sagen, Maximilian, du hast unter deinen Dienern einen so geworben!
LERSEE. Mich wunderts dass ihr nicht bey Anfang der Erzählung auf mich gefallen seyd.
GOTTFRIED. Wie sollte mir einkommen, dass der mir seine Dienste anbieten würde, der auf das feindseeligste mich zu überwältigen trachtete.
LERSEE. Eben das, Herr! Von Jugend auf dien' ich als Reutersknecht, und habs mit manchem Ritter aufgenommen. Da wir auf euch stiesen, freut ich mich. Ich kannt euern Nahmen, und da lernt ich euch kennen, ihr wisst ich hielt nicht stand, ihr saht es war nicht Furcht, denn ich kam wider. Kurz ich lernt euch kennen, ihr überwandet nicht nur meinen Arm, ihr überwandet mich, und von Stund an beschloss ich euch zu dienen.
GOTTFRIED. Wie lang wollt ihr bey mir aushalten?
LERSEE. Auf ein Jahr. Ohne Entgeld.
GOTTFRIED. Nein ihr sollt gehalten werden wie ein andrer, und drüber wie der, der mir bey Remlin zu schaffen machte.
GEORG. Hans von Seibiz lässt euch grüsen, morgen ist er hier mit fünfzig Mann.
GOTTFRIED. Wohl.
GEORG. Es zieht am Kocher ein Trupp Reichsvölcker herunter, ohne Zweifel euch zu beobachten und zu necken.
GOTTFRIED. Wie viel?
GEORG. Ihrer fünfzig.
GOTTFRIED. Nicht mehr? Komm, Lersee, wir wollen sie zusammen schmeissen, wenn Seibiz kommt, dass er schon ein Stück Arbeit getahn findt.
LERSEE. Das soll eine reichliche Vorlese werden.
GOTTFRIED. Zu Pferde.

Wald an einem Morast

Zwey Reichs Knechte begegnen einander.

ERSTER KNECHT. Was machst du hier?
ZWEYTER KNECHT. Ich hab Urlaub gebeten meine Nothdurft zu verrichten. Seit dem blinden Lärmen gestern Abends ist mirs in die Gedärme geschlagen, dass ich alle Augenblicke vom Pferd muss.
ERSTER KNECHT. Hält der Trup hier in der Nähe?
ZWEYTER KNECHT. Wohl eine Stunde den Wald hinauf.
ERSTER KNECHT. Wie verläuffst du dich denn hierher?
ZWEYTER KNECHT. Ich bitt dich verrath mich nit. Ich will aufs nächst Dorf, und sehn ob ich nit mit warmen Überschlägen meinem Übel abhelfen kann. Wo kommst Du her?
ERSTER KNECHT. Vom nächsten Dort. Ich habe unserm Offizier Wein und Brodt geholt.
ZWEYTER KNECHT. So, er tuht sich was zu guts vor unserm Angesicht, und wir sollen fasten! schön Exempel
ERSTER KNECHT. Komm mit zurück, Schurcke.
ZWEYTER KNECHT. War ich ein Narr. Es sind noch viele unterm Haufen, die gern fasteten, wenn sie so weit davon wären als ich.
ERSTER KNECHT. Hörst du? Pferde.
ZWEYTER KNECHT. O Weh.
ERSTER KNECHT. Ich klettre auf den Baum.
ZWEYTER KNECHT. Ich steck mich in den Sumpf.

Gottfried, Lersee, Georg, andere Knechte zu Pferd.

GOTTFRIED. Hier am Teiche weg und lincker hand in den Wald, so kommen wir ihnen in Rücken. (Ziehen vorbey.)
ERSTER KNECHT (steigt vom Baum). Da ist nicht gut seyn. Michel! Er antwortet nicht. Michel! Sie sind fort. (Er geht nach dem Sumpf.) Michel! O weh er ist versuncken. Michel! er hört mich nicht, er ist erstickt. So lauert der Todt auf den Feigen, und reisst ihn in ein unrühmlich Grab. Fort du, selbst Schurcke! Fort zu deinem Hauffen. (Ab.)
GOITFRIED (zu Pferde). Halte bey den Gefangnen, Georg. Ich will sehn ihre flüchtigen Führer zu erreichen. (Ab)
GEORG. Unterstzuoberst stürtzt' ihn mein Herr vom Pferde, dass der Federbusch im Koth Stack. Seine Reuter hüben ihn aufs Pferd, und fort wie besessen. (Ab)

Lager

Hauptmann. Erster Ritter.

ERSTER RITTER. Sie fliehen von weitem dem Lager zu.
HAUPTMANN. Er wird ihnen an den Fersen seyn. Lasst ein fünfzig ausrücken biss an die Mühle. Wenn er sich zu weit wagt, erwischt ihr ihn vielleicht.(Ritter ab.)
Zweyter Ritter geführt.
HAUPTMANN. Wie gehts, junger Herr! Habt ihr ein Paar Zincken abgerennt?
RITTER. Dass dich die Pest! Wenn ich Hörner gehabt hätte wie ein Dannhirsch, sie wären gesplittert wie Glas. Du Teufel, er rannt auf mich loß, es war mir als wenn mich der Donner in die Erd nein schlug.
HAUPTMANN. Danckt Gott, dass ihr noch so davon gekommen seyd.
RITTER. Es ist nichts zu dancken, ein Paar Rippen sind entzwey. Wo ist der Feldscheer? (Ab)

Jaxthausen

GOTTRIED. Was sagtest du zu der Achtserklärung, Selbiz?
SELBIZ. Es ist ein Streich von Weislingen.
GOTTFRIED. Meynst du!
SELBIZ. Ich meyne nicht, ich weis.
GOTTFRIED. Woher.?
SELBIZ. Er war auf dem Reichstag sag ich dir, er war um den Kayser.
GOTTFRIED. Wohl, so machen wir ihm wieder einen Anschlag zu nichte.
SELBIZ. Hoffs.
GOTTFRIED. Wir wollen fort, und soll die Haasen Jagd angehn. (Ab.)

Lager

Hauptmann. Ritter.

HAUPTMANN. Dabey kommt nichts heraus, ihr Herrn. Er schlägt uns ein Detaschement nach dem andern, und was nicht umkommt und gefangen wird, das läufft in Gottes Nahmen lieber nach der Türkey, als ins Lager zurück, so werden wir alle Tage schwächer. Wir müssen einmal für allemal ihm zu Leibe gehn, und das mit Ernst, ich will selbst dabey seyn, und er soll sehn, mit wem er zu tuhn hat.
RITTER. Wir sind's alle zufrieden, nur ist er der Lands Art so kundig, weis alle Gänge und Schliche im Gebürg, dass er so wenig zu fangen ist, wie eine Maus auf dem Kornboden.
HAUPTMANN. Wollen ihn schon kriegen. Erst auf Jaxthausen zu. Mag er wollen oder nicht, er muß herbey, sein Schloss zu verteidigen
RITTER. Soll unser ganzer Häuf marschieren?
HAUPTMANN. Freylich! Wisst ihr dass wir schon um hundert geschmolzen sind?
RITTER. Verflucht.
HAUPTMANN. Drum geschwind eh der ganze Eisklumpen auftauht, es macht warm in der Nähe, und wir stehn da, wie Butter an der Sonne. (Ab.)

Gebürg und Wald 

Gottfried. Selbiz. Trupp.

GOTTFRIED. Sie kommen mit hellem Hauf. Es war hohe Zeit dass Sickingens Reuter zu uns stiesen.
SELBIZ. Wir wollen uns teilen. Ich will lincker Hand um die Höhe ziehen.
GOTTFRIED. Gut, und du, Franz, führe mir die fünfzig rechts durch den Wald hinauf, sie kommen über die Haide, ich will gegen ihnen halten. Georg, du bleibst um mich. Und wenn ihr seht, dass sie mich angreifen, so fallt ungesäumt in die Seiten. Wir wollen sie patschen! Sie dencken nicht dass wir ihnen Spitze bieten können.



Haide, Auf der einen Seite eine Höhe. Auf der anderen der Wald

Hauptmann. Exekutions Zug.

HAUPTMANN. Er hält auf der Haide, das ist impertinent. Er solls büssen. Was, den Strom nicht zu fürchten, der auf ihn losbraust?
RITTER. Ich wollte nicht dass ihr an der Spitze rittet, er hat das Ansehn, als ob er den ersten der ihn anstosen mögte, umgekehrt in die Erd pflanzen wollte. Ich hoffe nicht dass ihr Lust habt zum Rosmarin Strauch zu werden. Reitet hinten drein.
HAUPTMANN. Nicht gern.
RITTER. Ich bitt euch. Ihr seyd noch der Knoten von diesem Bündel Haselruthen, löst ihn auf, so knickt er sie euch einzeln wie Rietgras.
HAUPTMANN. Trompeter, blasl Und ihr blast ihn weg. (Ab)
SELBIZ (hinter der Höhe hervor im Kalopp). Mir nach. Sie sollen zu ihren Händen rufen: multiplizirt euch. (Ab.)
FRANZ (aus dem Wald). Gottfrieden zu Hülfe, er ist fast umringt. Braver Selbiz, du hast schon Lufft gemacht. Wir wollen die Haide mit ihren Distelköpfen besäen. (Vorbey.)
Getümmel.

Eine Höhe mit einem Wartturm

Selbiz (verwundet) Knechte.

SELBIZ. Legt mich hierher und kehrt zu Gottfrieden.
KNECHTE. Lasst uns bleiben, Herr, ihr braucht unsrer.
SELBIZ. Steig einer auf die Warte, und seh wies geht.
ERSTER KNECHT. Wie will ich hinaufkommen?
ZWEYTER KNECHT. Steig auf meine Schultern, und dann kannst du die Lücke reichen, und dir biss zur Öffnung hinauf helfen.
ERSTER KNECHT (steigt hinauf). Ach, Herr.
SELBIZ. Was siehst du?
ERSTER KNECHT. Eure Reuter fliehen. Der Höhe zu.
SELBIZ. Höllische Schurcken! Ich wollt sie stünden, und ich hätt eine Kugel vorn Kopf. Reit einer hin, und fluch und wetter sie zurück.
(Knecht ab.)
SELBIZ. Siehst du Gottfrieden?
KNECHT. Die drey schwarze Federn seh ich mitten im Getümmel.
SELBIZ. Schwimm, braver Schwimmer. Ich liege hier.
KNECHT. Ein weisser Federbusch, wer ist das?
SELBIZ. Der Hauptmann.
KNECHT. Gottfried drängt sich an ihn.—Bau! er stürtzt.
SELBIZ. Der Hauptmann?
KNECHT. Ja, Herr.
SELBIZ. Wohl! wohl!
KNECHT. Weh! Weh! Gottfrieden seh ich nicht mehr;
SELBIZ. So stirb, Selbiz.
KNECHT. Ein fürchterlich Gedräng wo er stund. Georgs blauer Busch verschwindt auch.

SELBIZ. Komm herunter. Siehst du Lerseen nicht?

KNECHT. Nicht, es geht alles drunter und drüber.
SELBIZ. Nichts mehr. Komm! Wie halten sich Sickingens Reuter?
KNECHT. Gut. Da flieht einer nach dem Wald. Noch einer! Ein ganzer Trupp. Gottfried ist hin.
SELBIZ. Komm herab.
KNECHT. Ich kann nicht. Wohl wohl. Ich sehe Gottfrieden!
Ich seh Georgen.
SELBIZ Zu Pferd?
KNECHT. Hoch zu Pferd! Sieg! Sieg! sie fliehn.
SELBIZ. Die Reichstruppen?
KNECHT. Die Fahne mitten drinn. Gottfried hinten drein. Sie zerstreuen sich. Gottfried erreicht den Fähndrich.—Er hat die Fahne!—Er hält. Eine Hand voll Menschen um ihn herum. Mein Camerad erreicht ihn—Sie ziehn herauf.

Gottfried, George, Franz. Ein Trupp.

SELBIZ. Glück zu! Gottfried. Sieg! Sieg!
GOTTFRIED (steigt vom Pferde). Teuer! Teuer! Du bist verwundt, Seibiz.
SELBIZ. Du lebst und siegst! Ich habe wenig gethan. Und meine Hunde von Reutern! Wie bist du davon gekommen?
GOTITRIED. Diesmal galts, und hier Georgen danck ich das Leben, und hier Franzen danck ichs. Ich warf den Hauptmann vom Gaul. Sie stachen mein Pferd nieder, und drangen auf mich ein, Georg hieb sich zu mir und sprang ab, ich wie der Blitz auf seinen Gaul. Wie der Donner sass er auch wieder. Wie kamst du zum Pferd?
GEORG. Einem der nach euch hieb, stiess ich meinen Dolch in die Gedärme wie sich sein Harnisch in die Höh zog, er stürtzt, und ich half zugleich, euch von einem Feind, mir zu einem Pferde.
GOTTFRIED. Nun Stacken wir. Biss Franz sich zu uns herein schlug. Und da mähten wir von innen heraus.
FRANZ. Die Hunde die ich führte sollten von aussen hineinmähen, biss sich unsre Sensen begegnet hätten, aber sie flohen wie Reichstruppen.
GOTTFRIED. Es floh Freund und Feind. Nur du kleiner Hauff warst meinem Rücken eine Mauer, inzwischen dass ich vor mir her ihren Muth in Stücken schlug, der Fall ihres Hauptmanns half mir sie schütteln, und sie flohen. Ich hab ihre Fahne und wenig Gefangne.
SELBIZ. Der Hauptmann.''
GOTTFRIED. Sie hatten ihn inzwischen gerettet. Kommt, ihr Kinder, kommt! Selbiz! Macht eine Baare von Ästen! du kannst nicht aufs Pferd. Kommt in mein Schloss. Sie sind zerstreut. Aber unsrer sind wenig, und ich weis nicht ob sie Truppen nachzuschicken haben. Ich will euch bewirten, meine Freunde. Ein Glas Wein schmeckt auf so einen Straus.

Lager

HAUPTMANN. Ich möcht euch alle mit eigner Hand umbringen, ihr tausend Sakerment. Was fortzulaufen! er hatte keine Hand voll Leute mehr! Fortzulaufen wie die Scheiskerle! Vor einem Mann. Es wirds niemand glauben als wer über uns zu lachen Lust hat. Und der wird eine reiche Kützlung für seine Lunge sein ganz Leben- lang haben, und wenn das Alter ihn hinter den Ofen
knickt, wird ihm das Husten und Schwachheit vertreiben, wenn ihm einfällt unsre Prostitution in seiner Enckel Gehirn zu pflanzen. Reit herum ihr, und ihr, und ihr. Wo ihr von unsern zerstreuten Truppen findt, bringt sie zurück, oder stecht sie nieder. Wir müssen diese Scharten auswetzen, und wenn die Klingen drüber zu Grund gehen sollten.

Jaxthausen

Gottfried. Lersee. Georg.

GOTTFRIED. Wir dürfen keinen Augenblick säumen, arme Jungens, ich darf euch keine Rast gönnen. Jagt geschwind herum und sucht noch Reuter aufzutreiben. Bestellt sie alle nach Weilern, da sind sie am sichersten. Wenn wir zögern, so ziehen sie mir vors Schloss.
(Die zwey ab.)
Ich muss einen auf Kundtschaftt ausiagen. Es fängt an heis zu werden. Und wenn es nur noch brave Kerls wären, aber so ist's die Menge. (Ab)

Sickingen, Marie.

MARIE. Ich bitt euch, lieber Sickingen, geht nicht von meinem Bruder, seine Reuter, Selbizens, eure sind zerstreut, er ist allein, Selbiz ist verwundet auf sein Schloss gebracht, und ich fürchte alles.
SICKINGEN. Seyd ruhig, ich gehe nicht weg.
GOTTFRIED (kommt). Kommt in die Kirche, der Pater wartet. Ihr sollt mir in einer Viertelstunde ein Paar seyn.
SICKINGEN. Lasst mich hier.
GOTTFRIED. In die Kirche sollt ihr letzt.
SICKINGEN. Gern. Und darnach?
GOTTFRIED. Darnach sollt ihr Eurer Weege gehn.
SICKINGEN. Gottfried.
GOTTFRIED. Wollt ihr nicht in die Kirche?
SICKINGEN. Kommt, kommt.

Lager

HAUPTMANN. Wie viel sinds in allem?
RITTER. Hundert und fünfzig.
HAUPTMANN. Von vierhunderten! Das ist arg. Jetzt gleich auf und grad gegen Jaxthausen zu. Eh er sich erhohlt und sich uns wieder in Weeg stellt.

Jaxthausen

Gottfried. Elisabeth. Sickingen. Marie.

GOTTFRIED. Gott seegn euch. Geb euch glückliche Tage, und behalte die die er euch abzieht für eure Kinder.
ELISABETH. Und die lass er seyn wie ihr seyd. Rechtschaffen! Und dann lasst sie werden was sie wollen.
SICKINGEN. Ich danck euch. Und danck euch, Marie. Ich führte euch an den Altar, und ihr sollt mich zur Glückseeligkeit führen.
MARIA. Wir wollen zusammen eine Pilgrimschaftt nach diesem fremden Gelobten Lande antreten.
GOTTFRIED. Glück auf die Reise.
MARIE. So ist's nicht gemeynt, wir verlassen euch nicht.
GOTTFRIED. Ihr sollt, Schwester.
MARIE. Du bist sehr unbarmherzig, Bruder.
GOTTFRIED. Und ihr zärtlicher als vorsehend.
GEORG (kommt). Ich kann niemand auftreiben, ein einziger war geneigt. Darnach verändert' er sich
und wollte nicht.
GOTTFRIED. Gut, Georg. Das Glück fängt an launisch mit mir zu werden. Ich ahnd es. Sickingen. Ich bitt euch geht noch diesen Abend. Beredet Marien. Sie ist eure Frau. Lasst sie's fühlen. Wenn Weiber queer in unsre Unternehmungen treten, ist unser Feind im freyen Feld sichrer als sonst in der Burg. .
KNECHT (kommt). Herr. Die Reichstruppen sind auf dem Marsch, grade hierher, sehr schnell.
GOTTFRIED. Ich hab sie mit Ruthenstreichen geweckt. Wie viel sind ihrer?
KNECHT. Ohngefähr zweyhundert. Sie können nicht zwey Stunden mehr von hier seyn.
GOTTFRIED. Noch überm Fluss?
KNECHT. Ja, Herr.
GOTTFRIED. Wenn ich nur fünfzig Mann hätte, sie sollten mir nicht herüber. Hast du Franzen nicht gesehen:
KNECHT. Nein, Herr.
GOTTFRIED. Biet allen sie sollen bereit seyn.
(Knecht ab.)
GOTTFRIED. Es muss geschieden seyn, meine lieben. Weine, meine gute Marie, es werden Augenblicke kommen wo du dich freuen wirst. Es ist besser du weinst deinen Hochzeittag, als dass übergrosse Freude der Vorbote eines künftigen Elends wäre. Lebe wohl, Marie. Lebt wohl, Bruder.
MARIE. Ich kann nicht von euch, Schwester. Lieber Bruder, lass uns, achtest du meinen Mann so wenig, dass du in dieser Extremität seine Hülfe verschmähst?
GOTTFRIED. Ja es ist weit mit mir gekommen. Vielleicht binn ich meinem Sturze nah. Ihr beginnt heute zu leben, und ihr sollt euch von meinem Schicksaal trennen. Ich hab eure Pferde zu satteln befohlen, Ihr müsst gleich fort.
MARIE. Bruder, Bruder.
ELISABETH (zu Sickingen). Gebt ihm nach! geht,
SICKINGEN. Liebe Marie, lasst uns gehn.
MARIE. Du auch! Mein Herz wird brechen.
GOTTFRIED. So bleib denn. In wenigen Stunden wird meine Burg umringt seyn.
MARIE. Wehe! wehel
GOTTFRIED. Wir werden uns verteidigen so gut wir können.
MARIE. Mutter Gottes, hab Erbarmen mit uns.
GOTTFRIED. Und am Ende werden wir sterben oder uns ergeben.—Du wirst deinen edlen Mann mit mir in ein Schicksaal geweint haben.
MARIE. Du marterst mich.
GOTTFRIED. Bleib! Bleib! Wir werden zusammen gefangen werden, Sickingen. Du wirst mit mir in die Grube fallen. Ich hoffte du solltest mir heraushelfen.
MARIE. Wir wollen fort. Schwester, Schwester.
GOTTFRIED. Bringt sie in Sicherheit, und dann erinnert euch meiner.
SICKINGEN. Ich will ihr Bett nicht besteigen biss ich euch ausser Gefahr weiss.
GOTTFRIED. Schwester, liebe Schwester. (Er küsst sie.)
SICKINGEN. Fort fort.
GOTTFRIED. Noch einen Augenblick. Ich seh euch wieder. Tröstet euch. Wir sehn uns wieder.
(Sickingen, Marie ab.) Ich trieb sie, und da sie geht, mögt ich sie halten. Elisabeth, du bleibst bey mir.
ELISABETH. Biss in den Todt, wie ich will dass du bey mir bleiben sollst. Wo binn ich sichrer als bey dir.
GOTTFRIED. Wen Gott lieb hat dem geb er so eine Frau, und dann lasst den Teufel in eine Heerd Unglück fahren, ihm alles nehmen, er bleibt mit dem Trost vermählt. (Ab.)
ELISABETH. Welche Gott lieb hat der geb er so einen Mann, und wenn er und seine Kinder nicht ihr einziges Glück machen, so mag sie sterben, sie kann unter die Heiligen des Himmels passen, aber sie ist  ihn nicht werth. (Ab.)

Gottfried. Georg.

GEORG. Sie sind in der Nähe, ich habe sie vom Turm gesehn. Der erste Stral der Sonne spiegelte sich in ihren Picken, wie ich sie sah, wollte mirs nicht bänger werden als einer Katze vor einer Armee Mäuse. Zwar wir spielen die Ratten.
[GOTTFRIED.] Seht nach den Tohrriegeln. Verrammelts inwendig mit Balcken und Steinen.
(Georg ab.) Wir wollen ihre Geduld für'n Narren halten. Und ihre Tapferkeit sollen sie mir an ihren eignen Nägeln verkauen. (Trompeter von aussen.) Aha! ein rothröckiger Schurcke. Der uns die Frage vorlegen wird ob wir Hundsfütter seyn wollen. (Er geht ans Fenster.) Was soll's? (Man hört in der Ferne reden.)
GOTTFRIED (in seinen Bart). Einen Strick um deinen Hals. (Trompeter redt fort.)
GOTTFRIED. Beleidiger der Majestät! Die Auffordrung hat ein Pfaff gemacht. Es liegt ihnen nichts so sehr am Herzen als Majestät, weil niemand diesen Wall so nötig hat als sie. (Trompeter endet.)
GOTTFRIED (antwortet). Mich ergeben! auf Gnad und Ungnad! Mit wem redt ihr! Binn ich ein Räuber! Sag deinem Hauptmann: vor ihro Kayserlichen Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respeckt. Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken. (Schmeisst das Fenster zu.)
Belagerung

Küche

Elisabeth. Gottfried zu ihr.

GOTTFRIED. Du hast viel Arbeit, arme Frau!
ELISABETH. Ich wollt, ich hätte sie lang. Wir werden schweerlich lang halten können.
GOTTFRIED. Den Keller haben die Schurcken freilich. Sie werden sich meinen Wein schmecken lassen.
ELISABETH. Die übrigen Vicktualien tuhn mir noch leider. Zwar lies ich die ganze Nacht heraufschleppen, es ist mir aber doch noch zu viel drunten geblieben.
GOTTFRIED. Wenn wir nur auf einen gewissen Punckt halten, dass sie Kapitulation vorschlagen. Wir tuhn ihnen brav Abbruch. Sie schiessen den ganzen Tag und verwunden unsre Mauern und knicken unsre Scheiben. Lersee ist ein braver Kerl. Er schleicht mit seiner Büchse herum, wo sich einer zu nah wagt, Blaf, liegt er.
KNECHT. Kohlen, gnädge Frau.
GOTTFRIED. Was giebts.?
KNECHT. Die Kugeln sind alle, wir wollen neue giessen.
GOTTFRIED. Wie stehts Pulver?
KNECHT. So ziemlich. Wir spaaren unsre Schüsse wohl aus.

Saal

Lersee (mit einer Kugelform). Erster Knecht (mit Kohlen). Zweyter Knecht.

FRANZ. Stellt sie daher, und seht wo ihr im Hause Bley kriegt. Inzwischen will ich hier zugreiffen.
(Hebt ein Fenster aus und schlägt die Scheiben ein. Alle Vorteile gelten.—So gehts in der Welt, weis keinMensch was aus den Dingen werden kann. Der Glaser der die Scheiben fasste, dachte gewiss nicht dass das Bley einem seiner Urenckel garstiges Kopfweh machen könnte, und da mich mein Vater machte, dacht er nicht, welcher Vogel unterm Himmel, welcher Wurm auf der Erde mich
fressen mögte. Dancken wir Gott davor dass er uns bey dem Anfang gegen das Ende gleichgültig gemacht hat. Wer mögte sonst den Weeg von einem Punckt zum andern machen. Wir können nicht und sollen nicht. Überlegung ist eine Kranckheit der Seele, und hat nur krancke Tahten getahn. Wer sich als ein halbfaules Gerippe dencken könnte wie eckel müsst ihm das Leben seyn.
GEORG (mit einer Rinne). Da hast du Bley. Wenn du nur mit der Hälfte triffst, so entgeht keiner der ihro Majestä ansagen kann: Herr, wir haben uns prostituirt.
FRANZ (haut davon). Ein brav Stück.
GEORG. Der Regen mag sich einen andern Weeg suchen, ich binn nicht bang davor, ein braver Reuter und ein rechter Regen mangeln niemals eines Pfads.
FRANZ. (Er giesst.) Halt den Löffel. (Ergeht ans Fenster) Da zieht so ein Reichs Musje mit der Büchsen herum, sie dencken wir haben uns verschossen. Und diesmal haben sie's getroffen. Sie dachten nur nicht dass wir wieder beschossen seyn könnten. Er soll die Kugel versuchen wie
sie aus der Pfanne kommt. (Er lädt.)
GEORG (lehnt den Löffel an). Lass mich sehn.
FRANZ (schiesst). Da liegt der Spaz.
GEORG. Der schoss vorhin nach mir (sie giessen) wie ich zum Dachfenster hinausstieg und die Rinne holen wollte. Er traff eine Taube, die nicht weit von mir sass, sie stürzt in die Rinne , ich danckt ihm für den Braten. Und stieg mit der doppelten Beute wieder herein.
FRANZ. Nun wollen wir wohl laden, und im ganzen Schloss herumgehn, unser Mittags Essen verdienen.
GOTTFRIED (kommt). Bleib, Franz. Ich hab mit dir zu reden. Dich, Georg, will ich nicht von der Jagd abhalten. (Georg ab.)
GOTTFRIED. Sie entbieten mir wieder einen Vertrag.
FRANZ. Ich will zu ihnen hinaus und hören was es soll.
GOTTFRIED. Es wird seyn: ich soll mich auf Bedingimgen in ritterlich Gefängniss stellen.
FRANZ. Das ist nichts. Wie wars, wenn sie uns freyen Abzug eingestünden? Da ihr doch von Sickingen keinen Ersatz erwartet. Wir vergrüben Geld und Silber wo sie's nicht mit einem Wald von Wünschelruthen finden sollten, überliessen ihnen das Schloss, und kämen mit Manier davon.
GOTTFRIED. Sie lassen uns nicht.
FRANZ. Es kommt auf eine Prob an. Wir wollen um sicher Geleit rufen, und ich will hinaus.

Saal

Gottfried, Elisabeth. Georg. Knechte.
Bey Tisch.

GOTTFRIED. So bringt uns die Gefahr zusammen. Lasst's euch schmecken, meine Freunde! Vergesst das trincken nicht Die Flasche ist leer. Noch eine, liebe Frau.
ELISABETH (zückt die Achseln).
GOTTFRIED. Ist keine mehr da?
ELISABETH (leise). Noch eine, ich hab sie für dich bey Seite gesetzt.
GOTTFRIED. Nicht doch, liebe! Gieb sie heraus. Sie brauchen Stärckung, nicht ich; es ist ia meine Sache.
ELISABETH. Hohlt sie draussen im Schranck.
GOTTFRIED. Es ist die letzte. Und mir ist als ob wir nicht zu spaaren Ursache hätten. Ich binn lang nicht so vergnügt gewesen. (Er schenckt ein.) Es lebe der Kayser.
ALLE. Er lebe.
GOTTFRIED. Das soll unser vorletztes Wort seyn wenn wir sterben. Ich lieb ihn, denn wir haben einerley Schicksaal. Und ich binn noch glücklicher als er. Er muss den Reichsständen die Mäuse fangen, inzwischen die Ratten seine Besitztümer annagen. Ich weiss, er wünscht sich manchmal lieber Todt, als länger die Seele eines so krüplichen Körpers zu seyn. Ruft er zum Fuse: Marsch, der
ist eingeschlafen, zum Arm: heb dich, der ist verrenckt. Und wenn ein Gott im Gehirn säs, er könnt nicht mehr tuhn als ein unmündig Kind, die Speculationen und Wünsche ausgenommen, um die er nur noch schlimmer dran ist. (Schenckt ein.) Es geht iust noch einmal herum. Und wenn unser Blut
anfängt auf die Neige zu gehn, wie der Wein in dieser Flasche erst schwach, dann tropfenweisse rinnt
(er tröpfelt das letzte in sein Glas.) Was soll unser letztes Wort seyn?
GEORG. Es lebe die Freyheit!
GOTTFRIED. Es lebe die Freyheit
ALLE. Es lebe die Freyheit.
GOTTFRIED. Und wann die uns überlebt, können wir ruhig sterben. Denn wir sehen im Geiste unsre Enckel glücklich, und die Kayser unsrer Enckel glücklich. Wenn die Diener der Fürsten so edel und frey dienen wie ihr mir, wenn die Fürsten dem Kayser dienen, wie ich ihm dienen mögte.
GEORG. Da muss viel anders werden.
GOTTFRIED. Es wird! es wird! Vielleicht dass Gott denen Grosen die Augen über ihre Glückseeligkeit auftuht. Ich hoffs, denn ihre Verblendung ist so unnatürlich, dass zu ihrer Erleuchtung kein Wunder nötig scheint. Wenn sie das Übermas von Wonne fühlen werden in ihren
Untertahnen glücklich zu seyn. Wenn sie menschliche Herzen genug haben werden um zu schmecken, welche Seeligkeit es ist ein groser Mensch zu seyn. Wenn ihr wohl gebautes geseegnetes Land ihnen ein Paradies gegen ihre steife gezwungne einsiedlerische Gärten scheint. Wenn die volle Wange, der fröliche Blick iedes Bauren, seine zahlreiche Familie, die Fettigkeit ihres ruhenden Landes besiegelt, und gegen diesen Anblick alle Schauspiele, alle Bilder Säle ihnen kalt werden. Dann wird der Nachbaar dem Nachbar Ruhe gönnen, weil er selbst glücklich ist. Dann wird keiner seine Gränzen zu erweitern suchen. Er wird lieber die Sonne in seinem Kreise bleiben, als ein Comet durch viele andre seinen schröcklichen, unsteten Zug führen.
GEORG. Würden wir darnach auch reiten?
GOTTFRIED. Der unruhigste Kopf wird zu tuhn genug finden. Auf die Gefahr wollte Gott Teutschland wäre diesen Augenblick so. Wir wollten die Gebürge von Wölfen säubern, wollten unserm ruhig ackernden Nachbaar einen Braten aus dem Wald holen, und dafür die Suppe mit ihm essen. War uns das nicht genug, wir wollten uns mit unsern Brüdern gleich Cherubs mit flammenden Schwerdten, vor die Gränzen des Reichs gegen die Wölfe die Türeken, gegen die Füchse die Franzosen lagern, und zugleich unsers teuern Kaysers sehr ausgesetzte Länder,
und die Ruhe des ganzen beschützen. Das wäre ein Leben.
Georg wenn man seine Haut vor die algemeine Glückseeligkeit setzte.
GEORG (springt auf).
GOTTRIED. Wo willst du hin?
GEORG. Ach ich vergas dass wir eingesperrt sind. Der Kayser sperrt uns ein.—Und unsre Haut davon zu bringen, setzen wir unsre Haut dran.
GOTTTRIED. Sey gutes Muths.
FRANZ (kommt). Freyheit! Freyheit! Das sind schlechte Menschen—! Unschlüssige, bedächtige Esel.—Ihr sollt abziehen, mit Gewehr, Pferden, und Rüstung. Proviant sollt ihr dahinten lassen.
GOTTFRIED. Sie werden kein Zahnweh vom Kauen
kriegen.
FRANZ (heimlich). Habt ihr das Silber versteckt?
GOTTFRIED. Nein. Frau, geh mit Franzen, er hat dir was zu sagen.

Schlosshof

GEORG singt (im Stall].
Es fing ein Knab ein Meiselein
H'm, H'm.
Da lacht er in den Käfig nein
Hm! Hm!
So! So!
H'm! H'm!
Der freut sich traun so läppisch,
H'm! H'm
Und griff hinein so täppisch.
Hm! Hm! pp.
Da flog das Meislein auf ein Haus
H'm! H'm!
Und lacht den dummen Buben aus
Hm! Hm! pp.
GOTTRIED (kommt). Wie steht's?
GEORG (führt sein Pferd heraus). Sie sind gesattelt.
GOTTRIED. Du bist fix.
GEORG. Wie der Vogel aus dem Käfig. Alle die Belagerten.
GOTTFRIED. Ihr habt eure Büchsen? Nicht doch! Geht hinauf und nehmt die besten aus dem Rüstschranck, es geht in einem hin. Wir wollen vorausreiten.
GEORG. Hm! Hm! So! So!
H'm! H'm! (Ab.)


Saal

Zwey Knechte (am Rüstschranck).

ERSTER KNECHT. Ich nehm' die.
ZWEYTER KNECHT. Ich die. Da ist noch eine schönere.
ERSTER KNECHT, Nein doch. Mach dass du fortkommst!
ZWEYTER KNECHT. Horch!
ERSTER KNECHT (springt ans Fenster). Hilf, heiliger Gott. Sie ermorden unsern Herrn. Er liegt vom Pferd. Görg stürtzt
ZWEYTER KNECHT. Wo retten wir uns? an der Mauer den Nussbaum hinunter, in Feld. (Ab.)
ERSTER KNECHT. Franz hält sich noch, ich will zu ihnen. Wenn sie sterben, wer mag leben? (Ab.)




D.Falk: Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

Keine Kommentare: