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2019-08-11

Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen-4. Akt

Johann Wolfgang Goethe:



Vierter Akt

Wirtshaus zu Heilbronn

(Götz).

GÖTZ. Ich komme mir vor wie der böse Geist, den
der Kapuziner in einen Sack beschwor. Ich arbeite
mich ab und fruchte mir nichts. Die Meineidigen!

(Elisabeth kommt).

GÖTZ. Was für Nachrichten, Elisabeth, von meinen
lieben Getreuen?

ELISABETH. Nichts Gewisses. Einige sind erstochen,
einige liegen im Turn. Es konnte oder wollte
niemand mir sie näher bezeichnen.

GÖTZ. Ist das Belohnung der Treue? des kindlichen
Gehorsams? - Auf daß dir's wohl gehe und du
lange lebest auf Erden!

ELISABETH. Lieber Mann, schilt unsern himmlischen
Vater nicht! Sie haben ihren Lohn, er ward
mit ihnen geboren, ein freies, edles Herz. Laß sie
gefangen sein, sie sind frei! Gib auf die deputierten
Räte acht, die großen goldnen Ketten stehen ihnen
zu Gesicht -

GÖTZ. Wie dem Schwein das Halsband. Ich möchte
Georgen und Franzen geschlossen sehn!

ELISABETH. Es wäre ein Anblick, um Engel weinen
zu machen.

GÖTZ. Ich wollt nicht weinen. Ich wollte die Zähne
zusammenbeißen und an meinem Grimm kauen. In
Ketten meine Augäpfel! Ihr lieben Jungen, hättet
ihr mich nicht geliebt! Ich würde mich nicht satt an
ihnen sehen können. - Im Namen des Kaisers ihr
Wort nicht zu halten!

ELISABETH. Entschlagt Euch dieser Gedanken! Bedenkt,
daß Ihr vor den Räten erscheinen sollt. Ihr
seid nicht gestellt, ihnen wohl zu begegnen, und ich
fürchte alles.

GÖTZ. Was wollen sie mir anhaben?

ELISABETH. Der Gerichtsbote!

GÖTZ. Esel der Gerechtigkeit! Schleppt ihre Säcke
zur Mühle, und ihren Kehrig aufs Feld. Was gibt's?

(Gerichtsdiener kommt).

GERICHTSDIENER. Die Herren Commissarii sind
auf dem Rathause versammelt, und schicken nach
Euch.

GÖTZ. Ich komme.

GERICHTSDIENER. Ich werde Euch begleiten.

GÖTZ. Viel Ehre.

ELISABETH. Mäßigt Euch!

GÖTZ. Sei außer Sorgen. (Ab).

Rathaus

(Kaiserliche Räte. Hauptmann. Ratsherrn von
Heilbronn).

RATSHERR. Wir haben auf Euren Befehl die stärksten
und tapfersten Bürger versammelt; sie warten
hier in der Nähe auf Euren Wink, um sich Berlichingens
zu bemeistern.

ERSTER RAT. Dir werden Ihro Kaiserlichen Majestät
Eure Bereitwilligkeit, Ihrem höchsten Befehl
zu gehorchen, mit vielem Vergnügen zu rühmen
wissen. - Es sind Handwerker?

RATSHERR. Schmiede, Weinschröter, Zimmerleute,
Männer mit geübten Fäusten und hier wohlbeschlagen.

(Auf die Brust deutend).

RAT. Wohl.

(Gerichtsdiener kommt).

GERICHTSDIENER. Götz von Berlichingen wartet
vor der Tür.

RAT. Laßt ihn herein!

(Götz kommt).

GÖTZ. Gott grüß Euch, Ihr Herrn, was wallt Ihr von
mir?

RAT. Zuerst, daß ihr bedenkt: wo Ihr seid? und vor
wem?

GÖTZ. Bei meinem Eid, ich verkenn Euch nicht,
meine Herrn.

RAT. Ihr tut Eure Schuldigkeit.

GÖTZ. Von ganzem Herzen.

RAT. Setzt Euch.

GÖTZ. Da unten hin? Ich kann stehn. Das Stühlchen
riecht so nach armen Sündern, wie überhaupt die
ganze Stube.

RAT. So steht!

GÖTZ. Zur Sache, wenn's gefällig ist.

RAT. Wir werden in der Ordnung verfahren.

GÖTZ. Bin's wohl zufrieden, wollt, es wär von jeher
geschehen.

RAT. Ihr wißt, wie Ihr auf Gnad und Ungnad in unsere
Hände kamt.

GÖTZ. Was gebt Ihr mir, wenn ich's vergesse?

RAT. Wenn ich Euch Bescheidenheit geben könnte,
würd ich Eure Sache gut machen.

GÖTZ. Gut machen! Wenn Ihr das könntet! Dazu
gehört freilich mehr als zum Verderben.

SCHREIBER. Soll ich das alles protokollieren?

RAT. Was zur Handlung gehört.

GÖTZ. Meinetwegen dürft Ihrs' drucken lassen.

RAT. Ihr wart in der Gewalt des Kaisers, dessen väterliche
Gnade an den Platz der majestätischen Gerechtigkeit
trat, Euch anstatt eines Kerkers Heilbronn,
eine seiner geliebten Städte, zum Aufenthalt
anwies. Ihr verspracht mit einem Eid, Euch, wie es
einem Ritter geziemt, zu stellen und das Weitere
demütig zu erwarten.

GÖTZ. Wohl, und ich bin hier und warte.

RAT. Und wir sind hier, Euch Ihro Kaiserlichen Majestät
Gnade und Huld zu verkündigen. Sie verzeiht
Euch Eure Übertretungen, Euch von der Acht und
aller wohlverdienten Strafe los, welches Ihr mit untertänigem
Dank erkennen und dagegen die Urfehde
abschwören werdet, welche Euch hiermit vorgelesen
werden soll.

GÖTZ. Ich bin Ihro Majestät treuer Knecht wie
immer. Noch ein Wort, eh Ihr weiter geht: Meine
Leute, wo sind die? Was soll mit ihnen werden?

RAT. Das geht Euch nichts an.

GÖTZ. So wende der Kaiser sein Angesicht von
Euch, wenn ihr in Not steckt Sie waren meine Gesellen,
und sind's. Wo habt ihr sie hingebracht?

RAT. Wir sind Euch davon keine Rechnung schuldig.

GÖTZ. Ah! Ich dachte nicht, daß ihr nicht einmal zu
dem verbunden seid, was ihr versprecht, geschweige
-
RAT. Unsere Kommission ist, Euch die Urfehde vorzulegen.
Unterwerft Euch dem Kaiser, und Ihr werdet
einen Weg finden, um Eurer Gesellen Leben
und Freiheit zu flehen.

GÖTZ. Euren Zettel!

RAT. Schreiber, leset!

SCHREIBER. »Ich Götz von Berlichingen bekenne
öffentlich durch diesen Brief: daß, da ich mich neulich
gegen Kaiser und Reich rebellischer Weise
aufgelehnt« -

GÖTZ. Das ist nicht wahr. Ich bin kein Rebell, habe
gegen Ihro Kaiserliche Majestät nichts verbrochen,
und das Reich geht mich nichts an.

RAT. Mäßigt Euch und hört weiter!

GÖTZ. Ich will nichts weiter hören. Tret einer auf
und zeuge! Hab ich wider den Kaiser, wider das
Haus Österreich nur einen Schritt getan? Hab ich
nicht von jeher durch alle Handlungen gewiesen,
daß ich besser als einer Fühle, was Deutschland
seinem Regenten schuldig ist? und besonders, was
die Kleinen, die Ritter und Freien, ihrem Kaiser
schuldig sind? Ich müßte ein Schurke sein, wenn
ich mich könnte bereden lassen, das zu unterschreiben.

RAT. Und doch haben wir gemessene Order, Euch in
der Güte zu überreden, oder im Entstehungsfall
Euch in den Turn zu werfen.

GÖTZ. In Turn! Mich!

RAT. Und daselbst könnt Ihr Euer Schicksal von der
Gerechtigkeit erwarten, wenn Ihr es nicht aus den
Händen der Gnade empfangen wallt.

GÖTZ. In Turm! Ihr mißbraucht die Kaiserliche Gewalt.
In Turn! Das ist sein Befehl nicht. Was! mir
erst, die Verräter! eine Falle zu stellen, und ihren
Eid, ihr ritterlich wo Wort zum Speck drin aufzuhängen!
Mir dann ritterlich Gefängnis zusagen, und
die Zusage wieder brechen.

RAT. Einem Räuber sind wir keine Treue schuldig.

GÖTZ. Trügst du nicht das Ebenbild des Kaisers, das
ich in dem gesudeltsten Konterfei verehre, du solltest
mir den Räuber fressen oder dran erwürgen!
Ich bin in einer ehrlichen Fehd begriffen. Du könntest
Gott danken und dich vor der Welt groß machen,
wenn du in deinem Leben eine so edle Tat
getan hättest, wie die ist, um welcher willen ich gefangen
sitze.

(Rat winkt dem Ratsherrn, der zieht die Schelle).

GÖTZ. Nicht um des leidigen Gewinsts willen, nicht
um Land und Leute unbewehrten Kleinen
wegzukapern, bin ich ausgezogen. Meinen Jungen
zu befreien, und mich meiner Haut zu wehren! Seht
ihr was Unrechtes dran? Kaiser und Reich hätten
unsere Not nicht in ihrem Kopfkissen gefühlt. Ich
habe Gott sei Dank noch eine Hand, und habe
wohlgetan, sie zu brauchen.

(Bürger treten herein, Stangen in der Hand, Wehren
an der Seite).

GÖTZ. Was soll das?

RAT. Ihr wollt nicht hören. Fangt ihn!

GÖTZ. Ist das die Meinung? Wer kein ungrischer
Ochs ist, komm mir nicht zu nah! Er soll von dieser
meiner rechten eisernen Hand eine solche Ohrfeige
kriegen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles
Weh der Erden aus dem Grund kurieren soll.

(Sie machen sich an ihn, er schlägt den einen zu
Boden und reißt einem andern die Wehre von der
Seite, sie weichen). 

Kommt! Kommt! Es wäre mir
angenehm, den Tapfersten unter euch kennen zu
lernen.

RAT. Gebt Euch!

GÖTZ. Mit dem Schwert in der Hand! Wißt Ihr, daß
es jetzt nur an mir läge, mich durch alle diese Hasenjäger
durchzuschlagen und das weite Feld zu
gewinnen? Aber ich will Euch lehren, wie man
Wort hält. Versprecht mir ritterlich Gefängnis, und
ich gebe mein Schwert weg und bin wie vorher
Euer Gefangener.

RAT. Mit dem Schwert in der Hand wallt Ihr mit dem
Kaiser rechten?

GÖTZ. Behüte Gott! Nur mit Euch und Eurer edlen
Kompagnie. - Ihr könnt nach Hause gehn, gute
Leute. Für die Versäumnis kriegt ihr nichts, und zu
holen ist hier nichts als Beulen.

RAT. Greift ihn! Gibt euch eure Liebe zu eurem Kaiser
nicht mehr Mut?

GÖTZ. Nicht mehr, als ihnen der Kaiser Pflaster gibt,
die Wunden zu heilen, die sich ihr Mut holen könnte.

(Gerichtsdiener kommt).

GERICHTSDIENER. Eben ruft der Türner: es zieht
ein Trupp von mehr als zweihunderten nach der
Stadt zu. Unversehens sind sie hinter der Weinhöhe
hervorgedrungen und drohen unsern Mauern.

RATSHERR. Weh uns! was ist das?

(Wache kommt).

WACHE. Franz von Sickingen hält vor dem Schlag
und läßt Euch sagen: er habe gehört, wie unwürdig
man seinem Schwager bundbrüchig geworden sei,
wie die Herrn von Heilbronn allen Vorschub täten.
Er verlange Rechenschaft, sonst wolle er binnen
einer Stunde die Stadt an vier Ecken anzünden und
sie der Plünderung preisgeben.

GÖTZ. Braver Schwager!

RAT. Tretet ab, Götz! - Was ist zu tun?

RATSHERR. Habt Mitleiden mit uns und unserer
Bürgerschaft! Sickingen ist unbändig in seinem
Zorn, er ist Mann, es zu halten.

RAT. Sollen wir uns und dem Kaiser die Gerechtsame
vergeben?

HAUPTMANN. Wenn wir nur Leute hätten, sie zu
behaupten. So aber könnten wir umkommen, und
die Sache wär nur desto schlimmer. Wir gewinnen
im Nachgeben.

RATSHERR. Wir wollen Götzen ansprechen, für uns
ein gut Wort einzulegen. Mir ist's, als wenn ich die
Stadt schon in Flammen sähe.

RAT. Laßt Götzen herein!

GÖTZ. Was soll's?

RAT. Du würdest wohltun, deinen Schwager von seinem
rebellischen Vorhaben abzumahnen. Anstatt
dich vom Verderben zu retten, stürzt er dich tiefer
hinein, indem er sich zu deinem Falle gesellt.

GÖTZ (sieht Elisabeth an der Tür, heimlich zu ihr).
Geh hin Sag ihm: er soll unverzüglich
hereinbrechen, soll hieher kommen, nur der Stadt
kein Leide tun. Wenn sich die Schurken hier widersetzen,
soll er Gewalt brauchen. Es liegt mir nichts
dran umzukommen, wenn sie nur alle mit erstochen
werden.

Ein großer Saal auf dem Rathaus

(Sickingen. Götz.

Das ganze Rathaus ist mit Sickingens Reitern
besetzt).

GÖTZ. Das war Hülfe vom Himmel! Wie kommst du
so erwünscht und unvermutet, Schwager?

SICKINGEN. Ohne Zauberei. Ich hatte zwei, drei
Boten ausgeschickt, zu hören, wie dir's ginge. Auf
die Nachricht von ihrem Meineid macht ich mich
auf den Weg. Nun haben wir sie.

GÖTZ. Ich verlange nichts als ritterliche Haft.

SICKINGEN. Du bist zu ehrlich. Dich nicht einmal
des Vorteils zu bedienen, den der Rechtschaffene
über den Meineidigen hat! Sie sitzen im Unrecht,
wir wollen ihnen keine Kissen unterlegen. Sie
haben die Befehle des Kaisers schändlich mißbraucht.
Und wie ich Ihro Majestät kenne, darfst du
sicher auf mehr dringen. Es ist zu wenig.

GÖTZ. Ich bin von jeher mit wenigem zufrieden gewesen.

SICKINGEN. Und bist von jeher zu kurz gekommen.
Meine Meinung ist: Sie sollen deine Knechte aus
dem Gefängnis und dich samt ihnen auf deinen Eid
nach deiner Burg ziehen lassen. Du magst versprechen,
nicht aus deiner Terminei zu gehen, und wirst
immer besser sein als hier.

GÖTZ. Sie werden sagen: meine Güter seien dem
Kaiser heimgefallen.

SICKINGEN. So sagen wir: du wolltest zur Miete
drin wohnen, bis sie dir der Kaiser wieder zu Lehn
gäbe. Laß sie sich wenden wie Aale in der Reuse,
sie sollen uns nicht entschlüpfen. Sie werden von
Kaiserlicher Majestät reden, von ihrem Auftrag.
Das kann uns einerlei sein. Ich kenne den Kaiser
auch und gelte was bei ihm. Er hat immer gewünscht,
dich unter seinem Heer zu haben. Du
wirst nicht lang auf deinem Schlosse sitzen, so
wirst du aufgerufen werden.

GÖTZ. Wollte Gott bald, eh ich's Fechten verlerne.

SICKINGEN. Der Mut verlernt sich nicht, wie er sich
nicht lernt. Sorge für nichts! Wenn deine Sachen in
der Ordnung sind, geh ich nach Hof, denn meine
Unternehmung fängt an reif zu werden. Günstige
Aspekten deuten mir: Brich auf! Es ist mir nichts
übrig, als die Gesinnung des Kaisers zu sondieren.
Trier und Pfalz vermuten eher des Himmels Einfall,
als daß ich ihnen übern Kopf kommen werde. Und
ich will kommen wie ein Hagelwetter! Und wenn
wir unser Schicksal machen können, so sollst du
bald der Schwager eines Kurfürsten sein. Ich hoffte
auf deine Faust bei dieser Unternehmung.

GÖTZ (besieht seine Hand). O! das deutete der
Traum, den ich hatte, als ich tags drauf Marien an
Weislingen versprach. Er sagte mir Treu zu, und
hielt meine rechte Hand so fest, daß sie aus den
Armschienen ging, wie abgebrochen. Ach! Ich bin
in diesem Augenblick wehrloser, als ich war, da sie
wo mir abgeschossen wurde. Weislingen! Weislingen!

SICKINGEN. Vergiß einen Verräter! Wir wollen
seine Anschläge vernichten, sein Ansehn untergraben,
und Gewissen und Schande sollen ihn zu Tode
fressen. Ich seh, ich seh im Geist meine Feinde,
deine Feinde niedergestürzt. Götz, nur noch ein
halb Jahr!

GÖTZ. Deine Seele fliegt hoch. Ich weiß nicht, seit
einiger Zeit wollen sich in der meinigen keine fröhliche
Aussichten eröffnen. - Ich war schon mehr im
Unglück, schon einmal gefangen, und so wie mir's
jetzt ist, war mir's niemals.

SICKINGEN. Glück macht Mut. Kommt zu den Perücken!
Sie haben lang genug den Vortrag gehabt,
laß uns einmal die Müh übernehmen. (Ab).

Adelheidens Schloß

(Adelheid. Weislingen).

ADELHEID. Das ist verhaßt!

WEISLINGEN. Ich hab die Zähne zusammengebissen.
Ein so schöner Anschlag, so glücklich vollführt,
und am Ende ihn wo auf sein Schloß zu lassen!
Der verdammte Sickingen!

ADELHEID. Sie hätten's nicht tun sollen.
WEISLINGEN. Sie saßen fest. Was konnten sie machen?
Sickingen drohte mit Feuer und Schwert, der
hochmütige jähzornige Mann! Ich hab ihn. Sein
Ansehn nimmt zu wie ein Strom, der nur einmal ein
paar Bäche gefressen hat, die übrigen folgen von
selbst.

ADELHEID. Hatten sie keinen Kaiser?

WEISLINGEN. Liebe Frau! Er ist nur der Schatten
davon, er wird alt und mißmutig. Wie er hörte, was
geschehen war, und ich nebst den übrigen Regimentsräten
eiferte, sagte er: Laßt ihnen Ruh! Ich
kann dem alten Götz wohl das Plätzchen gönnen,
und wenn er da still ist, was habt ihr über ihn zu
klagen? Wir redeten vom Wohl des Staats. O! sagt
er, hält ich von jeher Räte gehabt, die meinen unruhigen
Geist mehr auf das Glück einzelner Menschen
gewiesen hätten!

ADELHEID. Er verliert den Geist eines Regenten.

WEISLINGEN. Wir zagen auf Sickingen los. - Er ist
mein treuer Diener, sagt er; hat er's nicht auf meinen
Befehl getan, so tat er doch besser meinen Willen
als meine Bevollmächtigten, und ich kann's gutheißen,
vor oder nach.

ADELHEID. Man möchte sich zerreißen.

WEISLINGEN. Ich habe deswegen noch nicht alle
Hoffnung aufgegeben. Er ist auf sein ritterlich
Wort auf sein Schloß gelassen, sich da still zu halten.
Das ist ihm unmöglich; wir; wollen bald eine
Ursach wider ihn haben.

ADELHEID. Und desto eher, da wir hoffen können,
der Kaiser werde bald aus der Welt gehn, und Karl,
sein treulicher Nachfolger, majestätischere Gesinnungen
verspricht.

WEISLINGEN. Karl? Er ist noch weder gewählt
noch gekrönt.

ADELHEID. Wer wünscht und hofft es nicht?
WEISLINGEN. Du hast einen großen Begriff von
seinen Eigenschäften; fast sollte man denken, du
sähst sie mit andern Augen.

ADELHEID. Du beleidigst mich, Weislingen. Kennst
du mich für das?

WEISLINGEN. Ich sagte nichts, dich zu beleidigen.
Aber es schweigen kann ich nicht dazu. Karls ungewöhnliche
Aufmerksamkeit für dich beunruhigt mich.

ADELHEID. Und mein Betragen?

WEISLINGEN. Du bist ein Weib. Ihr haßt keinen,
der euch hofiert.

ADELHEID. Aber ihr?

WEISLINGEN. Es frißt mich am Herzen, der fürchterliche
Gedanke! Adelheid!

ADELHEID. Kann ich deine Torheit kurieren?

WEISLINGEN. Wenn du wolltest! Du könntest dich
vom Hof entfernen.

ADELHEID. Sage Mittel und Art! Bist du nicht bei
Hofe? Soll ich dich lassen und meine Freunde, um
auf meinem Schloß mich mit den Uhus zu unterhalten?
Nein, Weislingen, daraus wird nichts. Beruhige
dich, du weißt, wie ich dich liebe.

WEISLINGEN. Der heilige Anker in diesem Sturm,
solang der Strick nicht reißt. (Ab).

ADELHEID. Fängst du's so an! Das fehlte noch. Die
Unternehmungen meines Busens sind zu groß, als
daß du ihnen im Wege stehen solltest. Karl! Großer
trefflicher Mann und Kaiser dereinst! und sollte er
der einzige sein unter den Männern, den der Besitz
meiner Gunst nicht schmeichelte? Weislingen,
denke nicht mich zu hindern, sonst mußt du in den
Boden, mein Weg geht über dich hin.

(Franz kommt mit einem Brief).

FRANZ. Hier, gnädige Frau.

ADELHEID. Gab dir Karl ihn selbst?

FRANZ. Ja.

ADELHEID. Was hast du? Du siehst so kummervoll.
FRANZ. Es ist Euer Wille, daß ich mich tot schmachten
soll; in den Jahren der Hoffnung macht Ihr mich
verzweifeln.

ADELHEID. Er dauert mich - und wie wenig kostet's
mich, ihn glücklich zu machen! Sei gutes Muts,
Junge! Ich fühle deine Lieb und Treu und werde nie
unerkenntlich sein.

FRANZ (beklemmt). Wenn Ihr das fähig wärt, ich
müßte vergehn. Mein Gott, ich habe keinen Blutstropfen
in mir, der nicht Euer wäre, keinen Sinn als
Euch zu lieben und zu tun, was Euch gefällt!

ADELHEID. Lieber Junge -

FRANZ. Ihr schmeichelt mir. (In Tränen ausbrechend).
Wenn diese Ergebenheit nichts mehr verdient,
als andere sich vorgezogen zu sehn, als Eure
Gedanken alle nach dem Karl gerichtet zu sehn -

ADELHEID. Du weißt nicht, was du willst, noch weniger,
was du redest.

FRANZ (vor Verdruß und Zorn mit dem Fuß
stampfend). Ich will auch nicht mehr! Will nicht
mehr den Unterhändler abgeben.

ADELHEID. Franz! Du vergißt dich.

FRANZ. Mich aufzuopfern! Meinen lieben Herrn!

ADELHEID. Geh mir aus dem Gesicht!

FRANZ. Gnädige Frau!

ADELHEID. Geh, entdecke deinem lieben Herrn
mein Geheimnis! Ich war die Närrin, dich für was
zu halten, das du nicht bist.

FRANZ. Liebe gnädige Frau, Ihr wißt, daß ich Euch
liebe.

ADELHEID. Und du warst mein Freund, meinem
Herzen so nahe. Geh, verrat mich!

FRANZ. Eher wollt ich mir das Herz aus dem Leibe
reißen! Verzeiht mir, gnädige Frau! Mein Herz ist
zu voll, meine Sinnen halten's nicht aus.

ADELHEID. Lieber warmer Junge!

(Sie faßt ihn bei den Händen, zieht ihn zu sich, und ihre Küsse begegnen
einander; er fällt ihr weinend um den Hals).

ADELHEID. Laß mich!

FRANZ (erstickend in Tränen an ihrem) Hals. Gott!
Gott!

ADELHEID. Laß mich, die Mauern sind Verräter.
Laß mich! (Sie macht sich los). Wanke nicht von
deiner Lieb und Treu, und der schönste Lohn soll
dir werden. (Ab).

FRANZ. Der schönste Lohn! Nur bis dahin laß mich
leben! Ich wollte meinen Vater ermorden, der mir
diesen Platz streitig machte.

Jaxthausen

(Götz an einem Tisch. Elisabeth bei ihm mit der
Arbeit; es steht Ein Licht auf dem Tisch und
Schreibzeug).

GÖTZ. Der Müßiggang will mir gar nicht schmecken,
und meine Beschränkung wird mir von Tag zu Tag
enger; ich wallt, ich könnt schlafen, oder mir nur
einbilden, die Ruhe sei was Angenehmes.

ELISABETH. So Schreib doch deine Geschichte aus,
die du angefangen hast. Gib deinen Freunden ein
Zeugnis in die Hand, deine Feinde zu beschämen;
verschaff einer edlen Nachkommenschaft die Freude,
dich nicht zu verkennen.

GÖTZ. Ach! Schreiben ist geschäftiger Müßiggang,
es kommt mir sauer an. Indem ich schreibe, was ich
getan, ärger ich mich über den Verlust der Zeit, in
der ich etwas tun könnte.

ELISABETH (nimmt die Schrift). Sei nicht wunderlich!
Du bist eben an deiner ersten Gefangenschaft
in Heilbronn.

GÖTZ. Das war mir von jeher ein fataler Ort.

ELISABETH liest. »Da waren selbst einige von den
Bündischen, die zu mir sagten: ich habe törig
getan, mich meinen ärgsten Feinden zu stellen, da
ich doch vermuten konnte, sie würden nicht glimpflich
mit mir umgehn; da antwortet ich:« Nun, was
antwortetest du? Schreibe weiter.

GÖTZ. Ich sagte: Setz ich so oft meine Haut an anderer
Gut und Geld, sollt ich sie nicht an mein Wort
setzen?

ELISABETH. Diesen Ruf hast du.

GÖTZ. Den sollen sie mir nicht nehmen! Sie haben
mir alles genommen, Gut, Freiheit -

ELISABETH. Es fällt in die Zeiten, wie ich die von
Miltenberg und Singlingen in der Wirtstube fand,
die mich nicht kannten Da hatt ich eine Freude, als
wenn ich einen Sohn geboren hätte. Sie rühmten
dich untereinander und sagten: Er ist das Muster
eines Ritters, tapfer und edel in seiner Freiheit, und
gelassen und treu im Unglück.

GÖTZ. Sie sollen mir einen stellen, dem ich mein
Wort gebrochen! Und Gott weiß, daß ich mehr geschwitzt
hab, meinem Nächsten zu dienen, als mir,
daß ich um den Namen eines tapfern und treuen
Ritters gearbeitet habe, nicht um hohe Reichtümer
und Rang zu gewinnen. Und Gott sei Dank, worum
ich warb, ist mir worden.

(Lerse. Georg mit Wildbret).

GÖTZ. Glück zu, brave Jäger!

GEORG. Das sind wir aus braven Reitern geworden.
Aus Stiefeln machen sich leicht Pantoffeln.

LERSE. Die Jagd ist doch immer was, und eine Art
von Krieg.

GEORG. Wenn man nur hierzulande nicht immer mit
Reichsknechten zu tun hätte! Wißt Ihr, gnädiger
Herr, wie Ihr uns prophezeitet: wenn sich die Welt
umkehrte, würden wir Jäger werden. Da sind wir's
ohne das.

GÖTZ. Es kommt auf eins hinaus, wir sind aus unserm
Kreise gerückt.

GEORG. Es sind bedenkliche Zeiten. Schon seit acht
Tagen läßt sich ein fürchterlicher Komet sehen, und
ganz Deutschland ist in Angst, es bedeute den Tod
des Kaisers, der sehr krank ist.

GÖTZ. Sehr krank! Unsere Bahn geht zu Ende.

LERSE. Und hier in der Nähe gibt's noch schrecklichere
Veränderungen. Die Bauern haben einen entsetzlichen
Aufstand erregt.

GÖTZ. Wo?

LERSE. Im Herzen von Schwaben. Sie sengen, brennen
und morden. Ich fürchte, sie verheeren das ganze Land.

GEORG. Einen fürchterlichen Krieg gibt's. Es sind
schon an die hundert Ortschaften aufgestanden, und
täglich mehr. Der Sturmwind neulich hat ganze
Wälder ausgerissen, und kurz darauf hat man in der
Gegend, wo der Aufstand begonnen, zwei feurige
Schwerter kreuzweis in der Luft gesehen.

GÖTZ. Da leiden von meinen guten Herrn und Freunden
gewiß unschuldig mit!

GEORG. Schade, daß wir nicht reiten dürfen!



Die letzte Krankheit Goethes von C.Vogel

Personen und Inhalt

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