> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (1.bis 6. Szene)

2019-08-17

Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (1.bis 6. Szene)



Was wir bringen

Zur Eröffnung des Theaters in Bad Lauchstädt

Bauernstube. An der Rechten Seite niedriger Herd mit gelinden Feuer und einigen Töpfen. An der linken Seite hölzerne Tisch und Stuhl. In der Höhe, gleich unter der Decke, ein Teppich aufgehängt.

Erster Auftritt

Vater Märten. Mutter Marthe. (Beide in rechtlichen 
Bauerkleidern.) 

VATER (geht in Gedanken, einigermaßen bewegt, auf und ab )
MUTTER (hausmütterlich geschäftig, hin und wider. Sie breitet eine Serviette auf den Tisch, nimmt vom Herde einen Napf , trägt ihn auf, legt einen Löffel dazu und spricht indessen)
Setze dich doch, lieber Alter, setze dich ruhig hin, genieße dein Frühstück mit Gelassenheit!
Nun! was soll denn das schon wieder? Sage nur, was hast du? Alle dies Tage her bist du nachdenklich, gehst auf und ab, sprichst wenig, bist zerstreut. Hast du was auf dem Herzen?
Heraus damit! wie kannst du mirs verschweigen?
VATER. Es gibt in der Welt so mancherlei zu bedenken und zu tun.
MUTTER. Ja freilich, zu bedenken und zu betun. Frühstücke jetzt in Ruhe! Dann hinaus, aufs Feld, sieh zu, wie sich die Früchte erholt haben, und bringe mir gute Nachricht. Führ mich gibts zu Hause genug zu schaffen, im Stalle, in der Scheune, auf dem Boden, im Keller, in der Küche. Und das Gesinde mag sein, wie es will, wenn die Frau nicht hinten und vorne ist, so kommt nichts zustande. Laß dir die Suppe schmecken, setz dich! ( sie nötigt ihn, zu sitzen.)
Das sie nicht kalt wird. Hier ist der Löffel! hier! (Sie nötigt ihm zum essen)
VATER: Nun, nun, nur nicht so hastig. Ich will das Maul schon finden.
MUTTER (im Hinausgehen beiseite) Ich begreife nicht , was er haben mag. Er scheint mir schon seit einigen Tagen ganz verändert. Seine Pfeife schmeckt ihm nicht mehr, und er lebt mir nicht mehr zu Willen. Was kann das heißen? Das muß heraus, uns zwar je eher je lieber.

Zweiter Auftritt

VATER MÄRTEN  (allein. Er steht auf und sieht sich behutsam
um, ob die Frau weg ist). Sie ist fort, nun bin ich auf eine Weile sicher. Geschwind ans Werk! Noch einmal durchgemessen, ob wohl auch alles, wie wirs zugelegt haben,
auf die Stelle paßt. (Er holt einen etwa sechsfüßigen Maßstab und mißt, erst aus der Tiefe des Theaters hervor). Sechs, Sechs und hernach wieder vier, sodann acht und wieder sechs! ganz richtig. (Er ist indessen ins Proszenium gekommen?)  Wie wird sie sich wundern, wenn sie erfährt, daß ich das alte Haus wegreiße, daß ich ein neues baue, daß alles schon parat ist.

Dritter Auftritt

Vater Märten. Mutter Marthe. 

MUTTER (tritt geschäftig herein, wie jemand, der etwas verloren oder vergessen hat; sie stutzt, indem sie die Handlung  ihres Mannes gewahr wird, und kommt langsam hervor). 
VATER (mißt indes von der linken Seite des Proszeniums hegen die rechte). Vier, und dann sechs und wieder sechs! (Indem er den Maßstab umschlagen will, trifft er seine Frau, die eben dazwischentritt.)
MUTTER (den Schlag parierend und den Maßstab auffassend). Halte! nicht so eifrig!
VATER (einigermaßen verlegen). Ei sieh! bist du auch da?
MUTTER. Um noch in meinen alten Tagen Schläge zu kriegen.
VATER (verdrießlich humoristisch). Warum gehst du nicht aus dem Wege, wenn gemessen wird.
MUTTER. Was wird gemessen?
VATER (der sich gefaßt hat). Siehst du nicht? Diesen Fußboden, dieses Zimmer, dieses Haus.
MUTTER. Und wozu solche Umstände?
VATER (nach einer Pause). Da es nun einmal nicht länger zu verheimlichen ist, da du mich belauscht hast, so mag es denn auch heraus. Kurz und gut! ich baue.
MUTTER. Doch wohl Schlösser in die Luft, wie schon öfters.
VATER. Nein, nein, im Ernste. Dieses unser Haus bau ich ganz neu, von Grund auf, und ehe ein paar Tage vergehn, reiße ich das alte auf der Stelle nieder.
MUTTER. Das ist eine Grille, die dir schon oft gekommen und oft vergangen ist.
VATER. Diesmal soll sie ausgeführt werden.
MUTTER. In deinen alten Tagen.
VATER. Eben, wenn man alt ist, muß man zeigen, das man noch Lust zu leben hat. Mache dich gefaßt, räum auf, räume aus! Richte dich ein. Nächstens wirst du da droben die Schindeln krachen hören.
MUTTER. Ach! du lieber Gott! was soll das heißen? Du bist ja ganz verändert, Männchen. Sonst nahmst du doch vernünftige Vorstellungen an, jetzt willst du deiner gute Frau das Haus überm Kopfe zusammenreißen.
VATER. Überm Kopf nicht, du darfst nur hinausgehen
MUTTER. Meine schönen Geschirre werden mir zerschlagen und verbeult.
VATER. Die trägst du zur Nachbarin.
MUTTER. Und meine Kleider!
VATER. Die gibst du der Frau Pfarrin aufzuheben.
MUTTER. Meine Tische, Stühle und Betten.
VATER. Die stellen wir in die Scheune, bis alles wieder fertig ist.
MUTTER. Und mein Herd, an dem ich schon, dreißig
Jahre koche.
VATER. Der wird weggerissen; dafür baue ich dir eine eigene Küche, in der du wieder dreißig Jahre kochen kannst.
MUTTER Das werde ich nie gewohnt werden.
VATER. Zur Bequemlichkeit gewöhnt man sich doch auch. Aber daß mir durch das alte, morsche Dach Schneeund Regen auf der Nase tanzen soll, daran kann ich mich nicht gewöhnen.
MUTTER  Laß es ausflicken.
VATER. Es muß ganz herunter. Hängt doch da droben noch der Teppich, den wir neulich aufbinden mußten, als uns der Schnee im Bett zu besuchen kam.
MUTTER. Das geht vorüber.
VATER Der Staub auch und die Unlust, die du vom bauen haben wirst.
MUTTER. Soll es denn wirklich wahr werden: Läßt du dir denn gar nicht zureden?
VATER. Laß dir nur auch einmal zureden, dann ist alles gut. Unser Haus liegt an der Straße, wo so viele Leute vorbeifahren, wo so mancher einkehrt, und nun soll ich,bis an mein Ende, die Demütigung erdulden, daß die Reisenden auswendig spotten und die Gäste inwendig klagen.
MUTTER. Haben sie doch das Essen gelobt.
VATER. Aber die Wohnung gescholten.
MUTTER. Den Kaffee gepriesen.
VATER. Und auf die niedrigen Türen geflucht.
MUTTER. Die Betten gut gefunden.
VATER. Und einen bequemen Sitz entbehrt. Nur Geduld!Was wir Gutes hatten, werden wir behalten, und was uns fehlte, muß sich finden. Gestehe ich dirs also nur: mit dem Gevatter Maurer, mit dem Vetter Zimmermann ist schon Abrede genommen.
MUTTER. Eine Verschwörung unter den Männern! Ihr saubern Zeisige!
VATER. Die Steine, die da draußen angefahren sind und zugehauen werden—
MUTTER. Ich will nicht hoffen!
VATER. Die Zulage, an der sie eben arbeiten—
MUTTER. Ists möglich! Welche Treulosigkeit!
VATER. Gehören zu unserm Hause, sind unser Haus wie es nächstens dastehen wird.
MUTTER. Und ihr macht mir weis, das Amt lasse neu
Scheunen bauen.
VATER. Das mußt du verzeihen.
MUTTER. Und ihr habt mich zum besten!
VATER. Freilich! zu deinem Besten geschiehts.
MUTTER. Nein, das ist zu arg! Hinter meinem Rücken Ohne mein Wissen und Willen!
VATER. Beruhige dich!
MUTTER. Das schöne, alte Gebälke, noch von meinem Urgroßvater her.
VATER. Schön wars zu seiner Zeit, jetzt ist es überall wurmstichig.
MUTTER. Das soll ich alles vor meinen Augen niederreißen sehen.
VATER. Tue die Augen zu, bis es herunter ist. Sieh nicht hin, bis das neue droben steht! Dann sollst du schon deine Freude haben. Eine schlechte Wohnung macht brave Leute verächtlich. Gut gesessen ist halb gegessen, und wenn du künftig deinen Gästen in bessern Zimmern, auf bequemern Sitzen deine guten Speisen aufsetzest, so werden sie ihnen gewiß besser schmecken als bisher.
MUTTER. Ich glaube es kaum! Sie werden im bessern Haus auch bessere Tafel erwarten.
VATER. Nun, das ist auch kein Unglück. Da raffiniertman, man lernt was, man geht mit der Zeit.
MUTTER. Die Zeit läuft gar zu geschwind für meint alten Beine.
VATER. Wir spannen vor.
MUTTER. Nein, ich kenne dich ganz und gar nicht. Ein böser Geist hat dich verblendet. Mit rechten Dingen geht: nicht zu. (Sich setzend.) Mir ists in alle Glieder geschlagen ich kann nicht von der Stelle.
VATER (der indessen durchs Fenster gesehen). Da sieh nur einmal die schwer bepackte Kutsche, mit sechs Pferden Wahrscheinlich was Vornehmes. Ich schäme mich zu Tode wenn sie bei uns einkehren.
MUTTER (aufspringend). Laß sie nur kommen. Ist das Haus schlecht, so ist es doch reinlich, und über die Bedienung sollen sie sich nicht beklagen. Ich habe noch allerlei Vorrat! Geschwinde, geschwinde soll ein Essen parat stehen.
VATER. Sieh nur! ein paar artige kleine Knaben sitzen auf dem Bocke, der eine springt herunter, die Kutsche fährt langsam, er kommt aufs Haus zu. Das ist ein Springinsfeld Da ist er schon.

Vierter Auftritt

Die Vorigen. Erster Knabe.

ERSTER KNABE. Kann man hier unterkommen?
MUTTER. O  ja, mein Sohn.
ERSTER KNABE. Meine Herrschaften möchten sich hier in Stündchen aufhalten.
MUTTER. Sie sollen uns nur die Ehre erzeigen, hereinzureten. Es wird sich schon was zu ihrer Bewirtung finden.
ERSTER KNABE. 0! dafür seid unbesorgt, sie führen alles mit sich, was sie brauchen. (Ab.)
VATER. Nicht die beste Nachricht für den Wirt.
MUTTER. Gleich bringe ich alles in Ordnung. (Sie räumt auf.) Geh ihnen indessen entgegen.
VATER. Da ist schon eine.

Fünfter Auftritt

Die Vorigen. Nymphe, dann ein zweiter Knabe, welcher eine
Schatulle nachträgt.

NYMPHE. Seid mir gegrüßt, gute Leute!
MUTTER. Gegrüßt, schönes Frauenzimmer!
VATER. Von Herzen willkommen!
NYMPHE (sieht sich überall um).
VATER (leise zur Mutter). Gib nur acht! Wie die den Mund auftut, wirds wieder über das arme Haus hergehen. Wahrscheinlich ists das Kammermädchen, die sich nach der Gelegenheit umsehen soll.
MUTTER. Laß das nur gut sein, es geschieht heute nicht zum erstenmal.
VATER (vor sich). Aber gewiß zum letztenmal. Morgen soll mir das Dach herunter.
NYMPHE (die lebhaft zwischen beide tritt). O! wie wohl es mir bei euch wird, ihr lieben, guten Leute! diese geringscheinende Hütte wird mir ein Himmel.
MUTTER. Hörst du, Alter?
VATER (vor sich). Nun, das ist kurios. Das erstemal, das ich diese Redensarten höre!
NYMPHE. Hier fühle ich mich ganz zunächst an der Natur. Hier wird mein Auge durch keinen falschen Schimmer geblendet, hier genießt mein Herz die volle Freiheit sich dem einfachen, beglückenden Gefühl zu überlassen. Ach, könnten meine Schwestern, meine Freundinnen empfinden wie ich, wir würden zusammen unsere Tag bei euch zubringen.
MUTTER. Hast du es gehört, Alter?
VATER (vor sich). Ich begreife kein Wort davon. Sie spricht von Schwestern, von Freundinnen, also nicht von Herrschaft. Wer mag sie sein? das schöne Kind, das in so einem verwünschten Neste sein Leben zubringen möchte.
NYMPHE (die indessen hinter den Herd getreten ist). An diesem Herde wollt ich stehen, hier wollte ich unschuldige Speisen kochen, euch mit herzlicher Liebe dienen euer Alter erleichtern und mich so glücklich fühlen! (Sie nimmt einige Gefäße aus der Schatulle und fängt an ein Frühstück zu bereiten)

Sechster Auftritt

Die Vorigen. Erster Knabe.

ERSTER KNABE. Wie finden Sies denn? Ist es erträglich?
NYMPHE. So schön, allerliebst, einzig! Sie sollen herein geschwind herein! (Erster Knabe und Vater ab.) Ich weiß mir gar nichts Besseres, als unter diesem ehrwürdigen Dache, an diesem niedrigen Herde, in völliger Einstimmung mit meinen eignen Gefühlen, einen heitern Tag
nach dem andern zu durchleben.
MUTTER. Ach, Sie allerliebstes Kind, wären Sie nur um weniges früher gekommen. Mein Mann will das Haus einreißen; vielleicht hätten Sie es noch gerettet.
NYMPHE. Einreißen? dieses Denkmal früherer, goldener Zeiten, diese Wohnung des Friedens! O der Grausame! (Sie fährt in ihrer Beschäftigung fort?)

Eckermann: Gespräche mit Goethe

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