> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (7.bis 10. Szene)

2019-08-17

Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (7.bis 10. Szene)



Was wir bringen

Siebenter Auftritt

Die Vorigen. Vater Märten. Phone. Erster Knabe.

VATER. Belieben Sie, hereinzutreten und sich selbst zu überzeugen, daß es noch allenfalls leidlich bei uns ist. freilich, wenn Sie in einiger Zeit wiederkommen, sollen Sie es schon besser finden.
PHONE. Lassen Sie das nur gut sein, lieber Herr Wirt. Auf etwas mehr oder weniger kommts uns nicht an. Wir haben einen so guten Humor, daß wir uns alle Zustände leidlich, ja vergnüglich zu machen wissen.
VATER. Da sind Sie und das Fräulein dort ja wohl Zwillingsgeschwister? Sie erzeigte uns auch die Ehre, diese Herberge ganz allerliebst zu finden.
PHONE. Das könnte ich nun eben nicht sagen. Mir ist der Ort ganz gleichgültig. Das einzige, was ich nicht vertragen kann, ist die Langeweile.
VATER. Die ist freilich mitunter hier zu Hause.
PHONE. Mir ist aber dafür gar nicht bange; denn ich weiß sie mir und andern zu vertreiben.
VATER. Nun möchte ich doch sehen, wie Sie das hier anfangen wollen.
PHONE. Das sollt ihr gleich erfahren. (Sie singt ein beliebtes Lied?)
VATER (der bisher mit Verwundrung zugehört). Schön, allerliebst! Ja, so lass ich mirs gefallen.
MUTTER (die gleichfalls von Zeit zu Zeit auf den Gesang gemerkt). Wie meinst du, Alter! Ich dächte, das ließe sich hören.
NYMPHE. Liebe Schwester, habe Dank für den holden Gesang, durch den du mein kleines Geschäft erheitert hast. (Indem Nymphe und Mutter den Tisch zum Frühstück zurechtmachen. Sie stellen eine Art kleiner Terrine und silberne Becker auf.) Genießt jetzt aber auch der einfachen Kost, am ländlichen Herde zubereitet. (Zum Knaben,) Gehe hinaus, bringe mir einige Feldblumen, daß ich die
Tafel damit schmücke.
PHONE. Das machst du sehr schön, liebe Schwester.
NYMPHE. Aber wo bleibt unsere Dritte?
ERSTER KNABE. Sie sitzt noch im Wagen, sie will nicht herein, ich habe sie zum schönsten gebeten. Sie schwur eine solche Höhle nicht zu betreten.
PHONE. Wir müssen selbst gehen, sie zu holen. Kommt.

Achter Auftritt

Vater und Mutter.

VATER. Hörst du? eine Höhle! das soll man mir nicht zum zweiten Male sagen, morgen muß das Dach herunter ich will die Höhle schon luftig machen.
MUTTER. So höre doch, was die artige Kleine da sagt, es sei ein Paradies, versichert sie, unser Haus.
VATER. Wer weiß, was sie unter Paradies versteht! Was aber eine Höhle heißen soll, weiß ich recht gut.

Neunter Auftritt

Die Vorigen. Pathos. Nymphe. Phone. Die beiden Knabe, welche sich bald entfernen.

PHONE. So komm doch herein, gute Schwester. Wo wir sind, kannst du wohl auch sein.
NYMPHE. Genieße, was wir dir bereitet haben, und verschmähe nicht diesen einfachen unschuldigen Aufenthalt.
PATHOS. Verschone mich mit deiner Kost. Was ich genießen kann, habe ich genossen. Laßt euch wohl werden auf eure Weise und bleibt unbesorgt um mich. Nun aber vor allen Dingen verschließt Tor und Türe, daß niemand weiter sich in unsern Kreis eindränge.
VATER (geht auf kurze Zeit ab).
PHONE und NYMPHE (setzen sich an den Tisch und schlürfen aus silbernen Bechern das Aufgetragene).
PATHOS. Wo ich hintrete, verwandelt sich alles! Und wenn mein Geist das Wirkliche umschauen könnte, so müßte dieser Raum zum Tempel werden.
MUTTER (zum Vater). Es muß doch so schlimm in unserm lause nicht aussehen! die eine findet ein Paradies darin, die andere will es gar zum Tempel machen.
VATER. Hätte ich das voraussehen können, so wären freilich die Baukosten zu ersparen gewesen. Indessen scheint es, diese guten Kinder verwandeln nur für sich und nicht für andere Leute.
PATHOS (zwischen beide hineintretend). Ihr scheint mir in Paar ehrwürdige Leute.
MUTTER. Ob wir ehrwürdig sind, das wissen wir nicht; aber daß wir ehrlich sind, können wir beteuern.
PATHOS. Ihr lebt lange zusammen?
MUTTER. Seit unserer Jugend.
PATHOS. In diesem baufälligen Hause?
VATER. Ganz recht! Das Haus war baufällig, da wir noch rüstig waren.
PATHOS (beide mit einigem Erstaunen anblickend). Sollte ich wohl irren?
MUTTER. Was seht Ihr uns so an, mein Fräulein?
PATHOS. Sollten die fabelhaften Zeiten wiederkehren?
VATER. Wie meint Ihr das?
PATHOS. Sollte wohl hinter euch was anders verborgen sein?
MUTTER. Ich begreife Euch nicht. Ihr macht mir bange.
PATHOS. Habt ihr nichts von Philemon und Baucis gehört?
VATER. Kein Sterbenswort.
MUTTER. Wer war denn das?
PATHOS. Ihr seid es selbst, ohne es zu wissen. Ich sehe
Philemon und Baucis vor mir.
VATER (vor sich). Nein, das wird zu arg! Erst verwandeln sie mir mein Haus in ein Paradies, eine Höhle, einen Tempel, und nun solls gar an uns selbst kommen! Wenn wir sie doch nur schon wieder los wären!
PATHOS. Ich sehe sie vor mir, die würdigen Gatten, verbunden in ihrer ersten Jugend, in treuer Gesellschaft ihr Leben hinbringen. Ein Chor von muntern Geschöpf um sie her! Nach und nach lösen sie sich los, die Töchter werden ausgestattet, die Söhne versorgt, und ein froh tätiges Alter beglückt die beiden.
VATER. Bis jetzt redt sie wahr.
MUTTER. Das trifft vollkommen.
PATHOS. Gastfreundlich und geschäftig haben sie immer Fremde bei sich aufgenommen. Je beschränkter ihre Wohnung war, desto lebhafter zeigte sich ihre Bemühung. Durch Neigung und Aufmerksamkeit ersetzten sie, was ersetzen war.
MUTTER. Hörst du, das klingt anders, als du erwartet
VATER. Auf eine solche Lobrede hatte ich mich freilich nicht vorgesehen.
PATHOS. In dem Gefühl ihrer Bescheidenheit hielt sie ihren Zustand nicht zu gering, das alte Haus nicht enge, nicht zu schlecht.
VATER (beiseite). Das paßt nun nicht, denn das alte Haus habe ich schon lange sehr schlecht gefunden.
PATHOS. Und eben diese Bescheidenheit verhinderte sie zu erkennen, daß sie Götter aufgenommen hatten.
VATER (beiseite). Nun fängt mirs an unheimlich zu werde Denn entweder das sind die Götter selbst, oder es ist nicht richtig im Oberstübchen.
PATHOS (zu den übrigen, die indessen aufgestanden sind) O! meine Schwestern, diese guten würdigen Leute verdienen, daß ihnen ein neues Haus erbauet, daß sie verjüngt, daß sie zu Priestern eingeweiht werden des Tempels der schönsten Gastfreundschaft.
PHONE. Wir sind es zufrieden, meine Schwester. vermagst viel über die Gemüter; aber was wirst du über diese Balken und Steine vermögen:
VATER. Was das betrifft, deshalb sein Sie unbesorgt. Eben bin ich im Begriff, zu bauen. Steine, Holz und alles Nötige ist angeschafft. Nur mit meiner Frau bin ich noch nicht ganz einig.
MUTTER. Nun, nun! die Frauenzimmer haben auch vom Verjüngen gesprochen. Wenn sich das so tun ließe! Zum neuen Gasthof eine neue Wirtin, ein neuer Wirt! das ließe sich hören.
VATER. Laß das gut sein! Daran, fürcht ich, möcht es hapern.
PATHOS. Sprecht nicht mehr vom Gasthof, es ist von ganz andern Dingen die Rede.

Zehnter Auftritt

Die Vorigen. Reisender.

REISENDER (draußen). He! Wirtshaus! Wirtshaus! Kaum ist das Tor zu? Warum ist die Türe verschlossen: Laßt mich ein! ich muß hinein.
PATHOS. Wer ist der Unverschämte, der unsere heiligen Zirkel zu stören droht:
VATER (gegen das Fenster). Es ist ein Fußreisender.
PHONE (gegen das Fenster). Ein hübscher, junger Mensch.
NYMPHE (gegen das Fenster). Ach, gewiß einer von den liebenswürdigen, die sichs so sauer werden lassen, überall die holden Naturszenen aufzusuchen. Der Himmel hat sich auf einmal überzogen, ich fürchte ein Gewitter. Laßt mir den Guten nicht weitergehen, laßt ihn herein.
PATHOS. Habt ihr ein ander Zimmer, gute Leute, daß ich allein sein kann:
VATER. Was Ihr seht, ist das ganze Haus.
PATHOS. So muß er draußen bleiben, ich kann ihm nicht helfen.
(Das Fenster geht auf, Reisender springt herein, im Kostüm der bessern deutschen Fußreisenden.)
REISENDER. Was sehe ich:
Einen leeren, verlaßnen Raum glaubte ich zu betreten und finde
die vortrefflichste Gesellschaft. Sein Sie mir gegrüßt, meine Damen, gegrüßt, Herr und Frau
Wirtin! Manchen Wald habe ich durch wandelt, manch Gebirg durchstiegen, manche Aussicht
bewundert, manche Ruine durchkrochen, in mancher Mühle durchnachtet: aber solch ein glückliches Abenteuer ist mir nirgends aufgestoßen.
PHONE (leise zu den andern). Er gefällt mir gar nicht übel.
NYMPHE. Er hat was sehr Interessantes.
PATHOS. Gute Sitten und Lebensart läßt er hoffen.
REISENDER. Wo soll ich anfangen? wo soll ich aufhören! Soll ich geistreicher Anmut, soll ich edler Natürlichkeit soll ich der Majestät, dem Biedersinn, der Treuherzigkeit opfern?
PHONE. Das scheint ein Physiognomist zu sein; er macht uns Komplimente, die wir gern annehmen. Wenn er nur nicht, um sichrer zu gehen, nach der neuen Methode den Kopf befühlen will.
VATER. Womit kann man dienen?
MUTTER. Was steht zu Befehl?
NYMPHE. Vielleicht verschmähen Sie unser Frühstück nicht? Kann ich aufwarten? (Sie reicht ihm einen Becher.)
REISENDER. Aus so schönen Händen einen Labetrunk wer könnte den verschmähen! aber beschämen Sie mich nicht! An mir ist zu fragen: womit ich aufwarten, womit ich dienen kann?
PHONE. Was haben Sie uns denn anzubieten?
REISENDER. Ohne Prahlerei, die kunstreichste Unterhaltung.
PHONE. Uns! eine kunstreiche Unterhaltung! Schwester wir wollen doch sehen, wie er das anfängt.
NYMPHE. Nun ist meine ganze Freude hin! Ich hielt ihn für einen zarten, feinfühlenden Sohn der Natur wollte mich eben mit ihm über Berg und Hügel, über Aussichten, Täler und verfallene
Schlösser unterhalten und am Ende ist der gute Mensch ein Taschenspieler!
PATHOS. Und wenn es wäre, so hätte es nichts zu sagt Ich kann dergleichen wohl mit ansehen, wenn ich weiter nichts damit zu schaffen haben soll.
PHONE (zum Reisenden). Nun! und so wären Sie alle denn doch, was man einen Taschenspieler heißt?
REISENDER. Keinesweges, meine Damen! Für eine jede Kunst, für ein jedes Handwerk hat die Welt einen Spitznamen, ja für das Edelste und Beste einen Ekelnamen gefunden. Doch wenn ich mich selbst ankündigen soll so bin ich ein Physikus, der wunderliche Dinge hervor zubringen und darzustellen weiß. Ein Physikus ist verwandt mit dem höchsten Ernst, da mag er ein Philosoph
heißen, und mit dem gemeinsten Spaß, da kann er für einen Taschenspieler gelten.
NYMPHE. Mit allem solchem Zeuge mag ich eben gar nichts zu tun haben.
PHONE. Und warum nicht? Ich werde immer heiter, wenn man mich auf eine unschuldige Weise zum besten hat.
PATHOS. So laßt ihn denn doch nur gewähren und seht meinen Scherzen mit Vergnügen zu. Immer ist es besser, Daß er eure Augen, eure Sinne betrügt, als wenn er euer Herz oder euren Geschmack verführen wollte.
REISENDER. Sie scheinen, meine Damen, diese geringen Verdienste, die ich Ihnen anzubieten habe, wenn ich aufrichtig sein soll, auch etwas gar zu gering zu schätzen. Es möchten wohl Späße sein, was ich im Sinn habe; aber so ganz pur spaßhaft sind sie nicht; denn ich spaße zum Beispiel nicht allein. Wollen Sie nicht teil daran nehmen, und zwar persönlichen Teil, so läßt sich gar nichts ausrichten. Fangen wir zum Beispiel gleich davon an: daß Sie sich hier nicht zum besten befinden.
NYMPHE. Und warum nicht?
PHONE. So ganz übel könnt ich doch auch nicht sagen.
PATHOS. Wir wollen gestehen, daß es wohl besser sein könnte.
REISENDER. Viel zu umständlich wäre es, hier am Orte, eine Veränderung abzuwarten.
VATER. Nun freilich! und ich müßte noch dazu Sie ersuchen, das Haus zu räumen, ehe ich das neue aufstellen könnte.
REISENDER. Deshalb hielte ich es für das Sicherste, wir veränderten selbst den Ort! welches mit keinen gar zu großen Schwierigkeiten verbunden sein möchte.
PHONE. Freilich, wenn wir uns in den Wagen setzen und in schlechtem oder gutem Wetter, noch so viele Meilen weiterfahren wollten.
NYMPHE. Jawohl! und mir gefällt es hier für diesmal; laß uns eben bleiben.
PATHOS. So hört doch wenigstens, was er zu sagen hat. Die Art, wie er es vorbringt, läßt mich hoffen, daß er dabei was Eigenes denken mag.
REISENDER. Gewiß und ohngezweifelt, meine Damen denn wie würde ich mich nur irgend mit Recht eine Physikus nennen können, wenn ich nicht die wunderbaren Mittel, durch die man das Unmögliche möglich mach so bequem wie ein anderes Hokuspokus, in Händen hätte Beliebt nun, zum Beispiel, Ihnen sämtlich, wie wir hier beisammen sind, den Ort zu verändern, in die Luft zu
steigen, an einem andern Orte, an einem würdigern Platz sich niederzulassen?
PATHOS. Das sollte mir ganz angenehm sein.
PHONE. Ich gehe gleich auch mit.
NYMPHE. Ich entschließe mich, obgleich ungern. Hier von diesem Bezirk der Unschuld reiße ich mich nur mit Schmerzen los.
REISENDER. Nun, Alter, wie siehts mit Euch aus? Seid Ihr auch dabei?
VATER. Es ist ein wunderlicher Vorschlagl Fast hab ich Lust! Doch sagt mir nur erst, wie es werden soll?
REISENDER. Und Sie, gute Frau?
MUTTER. Nein, ich will nichts damit zu schaffen haben Das ist bare Hexerei! und bin ich doch schon oft, bloß darum, weil ich eine tüchtige gute Hausmutter bin, in den Verdacht gekommen, als flöge der Drache bei mit ein und aus. Fort, junger Herr, bleibt mir vom Leibe!
REISENDER. Niemand ist gezwungen. Die meisten Stimmen, hoffe ich, sind für die Fahrt, wenn wir ein künstliches Fuhrwerk herbeischaffen. Wer mitgehen will hebe die Hand auf.
(Alle heben die Hand auf außer der Mutter.)
Vorher aber muß ich Sie auch durchaus beruhigen. Von Luftballonen haben Sie neuerer Zeit viel gehört. Herren und Frauen sind damit aufgestiegen. Ferner aus alten Zeiten ist die wahrhafte Geschichte von Fausts Mantel jedem bekannt. Aus diesen beiden Versuchen werden einen dritten bilden, der vortrefflich gelingen muß. Hier oben sehe ich einen Teppich hängen; was ist das für ein
Teppich?
VATER. Sonst hielten wir ihn sehr in Ehren. Es ist ein alter, geerbter Teppich; doch jetzt haben wir ihn dahin auf gebunden, weil der letzte Schnee uns eben auf die unverschämteste Weise im Bette besuchen wollte.
REISENDER. Könnten wir den Teppich nicht geschwind Drunternehmen?
VATER. Geschwind nicht wohl! Ich müßte die große Leiter holen. Wir haben ein paar Stunden gebraucht, um ihn hinauf zu knüpfen.
REISENDER. Das täte soviel nicht. Wenn Sie mitwirken wollen, meine Schönen, so getraue ich mir, ihn in kurzer Zeit herab zu bringen. Nehmen Sie hier diese Blättchen und singen Sie die wenigen Noten. Sie haben sonst von Liedern gehört, mit denen man den Mond herunterzieht;
 gibt es nur einen Teppich; aber es gilt für alles Hohe, was wir zu uns herunterziehen, um uns desto lebhafter von ihm hinaufheben zu lassen.

(Die Damen singen. Reisender entfernt sich indessen und benutzt die Zeit, die zu seiner Umkleidung nötig ist. Der Teppich steigt langsam nieder und breitet sich auf dem Boden aus.)

Warum doch erschallen
Himmelwärts die Lieder?—
Zögen gerne nieder
iterne, die droben
blinken und wallen;
Zögen sich Lunas
Lieblich Umarmen,
Zögen die warmen,
Wonnigen Tage
Seliger Götter
Gern uns herab!
REISENDER (der in einem weiten Talar zurückkommt). Sie verzeihen, wenn ich in einer fremden Tracht erscheine! Doch man bewirkt das Wunderbare nicht auf alltägliche Weise. Sie sehen, der Teppich hat sich herabgelassen und ist ebenso bereit, um mit uns allen wieder aufzusteigen. Das Leichte hebt er leicht und mit Grazie; aber auch selbst das Schwerste schleppt er wenigstens in
die Höhe. Wer hat Mut, ihn zu betreten?
PATHOS (auf den Teppich tretend). Ich werde ihn in die Höhe heben, er nicht mich.

PHONE. Ich merke schon, wohin das geht; ich bin dabei. (Sie tritt auf den Teppich)
NYMPHE. Ich fühle eine gewisse Furcht. Ganz wohl ists mirs nicht zumute; indes, ihr Schwestern zieht mich, und ich bleibe nicht zurück. (Tritt gleichfalls auf den Teppich)
REISENDER. Nun, Alter! wie siehts denn mit Euch aus? Getraut Ihr Euch nicht auch heran?
VATER. Ich möchte wohl! ja, ich kann mich kaum enthalten. So etwas Neues und Sonderbares hätte ich gern längst versucht.
MUTTER. Bist du denn ganz von allem guten Rat verlassen? Wo willst du hin: Gelingt es, so bist du auf ewig verloren; mißlingt es, so brichst du wenigstens ein Bein.
VATER. Abhalten lass ich mich nicht. Wo findet sich so eine Gelegenheit zum zweitenmale? Soll ich nicht soviel Mut haben wie diese schönen Kinder?
PHONE. So recht, Vater! kommt, haltet Euch an mich wenns Euch schwindelt.
VATER. Scharmant! Das will ich mir nicht zum zweiten male sagen lassen. (Tritt auf den Teppich)
REISENDER (der sie ordnet und revidiert). Bald ists gut. Noch aber fehlt das Gleichgewicht, denn, sehen Sie,  ich werde mich als Ballast quer in die Mitte legen. Die, gute Frau, muß notwendig noch heran. Ich bitte gar sehr komm Sie doch zu uns!
MUTTER. Nein! da behüte mich Gott vor! Ich will mein Gewissen nicht beflecken! ich bleibe hier stehen und halten, und ich will mich gewiß nicht verführen lassen. Lieber Mann, gehe mir von dem verwünschten Teppich herunter! ich bitte dich inständig, aufs inständigste!
VATER. Ich habe einmal Posto gefaßt, und ich denke mir, daß daraus was werden soll. Sage dem Gevatter Maurer, sage dem Vetter Zimmermann: sie sollen nur alles besorgen und tun, wie wir es abgeredet haben. Ich fahre indessen hin; ich komme, wills Gott, wieder. Ein neues Haus, ein neuer Mensch. So dächte ich, du kämst auch mit, da wäre doch alles gemeinschaftlich.
(Die vordere Seite des Teppichs fängt an, sich in die Höhe zu heben und die darauf Stehenden zu bedecken)
MUTTER. O weh! o weh! ich habe es für Spaß gehalten, ich habe es für unmöglich gehalten, und nun macht der Hexenmeister Ernst. Der Teppich geht in die Höhe, sie fliegen auf und davon. Ich fürchte, auch die Frauen und durchaus Hexen und Zaubervolk.
REISENDER (der hinter dem Teppich hervorkommt). Liebe Frau, ich bitte Sie, mitzukommen. Es ist keine Gefahr dabei, es geht so sanft wie ein Schiffchen auf dem Teich, und Sie ist in der besten Gesellschaft.
MUTTER. Nein, nein, ich will von euch allen nichts wissen. Das mag mir eine saubere Gesellschaft sein, die sich, mir nichts, dir nichts, entschließt, zum Teufel zu fahren. Ja, ja, Herr! Mache Er nur große Augen, schneide er nur Gesichter, mich erschreckt Er nicht. Denkt Er denn, daß ich den Schwarzen nicht auch im bunten Kittel erkennen werde? Ein Schwarzkünstler ist Er, oder der
Gottseibeiuns selbst.
REISENDER. Will Sie, oder will Sie nicht?
MUTTER. Laß Er doch erst einmal seine Hände sehen! Warum hat Er denn so lange Ärmel, wenn Er nicht die Hauen verbergen will? Warum ist denn der Talar so lang? als daß man den Pferdefuß nicht sehen soll. Nun schlag Er ihn doch zurück, wenn Er ein gut Gewissen hat.
REISENDER. Sie hat mich ja vorhin ganz schmuck gesehen.
MUTTER. Was? was? Handschuhe hatte Er an und Elefantenstrümpfe! darunter läßt sich gar viel verbergen.
REISENDER. Nun, so bleibe Sie und erwarte Sie, wie es Ihr geht. Wie wir hinaufgeflogen sind, stürzt das Haus zusammen. Mache Sie wenigstens, daß Sie hinauskommt.
MUTTER. Nein! nein! Hier bin ich geboren, hier will ich leben und sterben. Laß doch sehen, ob die bösen Geister das Haus einwerfen können, das die guten so lange erhalten haben.
REISENDER. Nun adieu denn! Wenn Sie durchaus so halsstarrig ist, so folge Sie wenigstens meinem letzten Rat: halte Sie die Augen fest zu, bis alles vorbei ist, und so Gott befohlen! (Geht hinter den Teppich.)
MUTTER. Gott befohlen! Nun, das klingt doch nicht ganz teuflisch. In dies Eckchen will ich mich stecken, die Augen will ich zutun, mein Gebetlein verrichten und also , erwarten, was über mich ergehen soll.
VATER (hinter dem Teppich). Lebewohl, Frau! Nun geht es fort.
MUTTER (an der rechten Seite kniend und mit beiden Händen den die Augen zuhaltend, ganz außer sich). Ja, nun geh fort, und ich höre schon sausen, rauschen, quieken, schreien, ächzen. Der böse Geist hat sie in seinen Klaue. O weh! o weh! mein armer Mann! Ich unglückselges Weib. Ich höre knittern und krachen, das Gebälke bricht, der Schornstein fällt, die Mauern bersten. Ach! ach! Wär ich doch hinaus! Nun ists vorbei, und das ist mein Letztes.

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