> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (11.bis 22. Szene)

2019-08-17

Johann Wolfgang v. Goethe: Was wir bringen - (11.bis 22. Szene)



Was wir bringen

Elfter Auftritt

Der Schauplatz verwandelt sich in einen prächtigen Saal. Zu gleicher Zeit hebt sich der Teppich empor und bleibt in einer gewissen Höhe, als Baldachin, schweben. Darunterstehen Pathos in tragischer, Phone in opernhaft- phantastischer Kleidung, Nymphe weiß, mit Rosengirlanden. VATER MÄRTEN in französischem, nicht zu altfränkischem Staatskleide, mit Allongeperücke, Stock, den Hut unterm Arm. Der zweite Knabe, mit zwei großen Masken, einer tragischen und komischen, in Händen; der erste Knabe, halb schwarz und halb rosenfarb gekleidet, mit zwei Fackeln Reisender
Merkur.

MUTTER. Nun ists vorbei! Alles ist so still geworden. Nun darf ich wohl wieder aufblinzen. (Sie sieht erst durch die Finger, dann starrt sie die Gruppe sowie das Haus an.)
Wo bin ich hingekommen: Bin ich auch entführt? Hat sich um mich alles verändert: O wie seh ich aus? In diesen meinen Alletagskleidern, in der Kirche! unter so vornehmen Leuten. Wo verkrieche ich mich hin? (Sie tritt in die Kulisse, die ihr zunächst steht.)

Zwölfter Auftritt

Die Vorigen außer Marthe.

PATHOS. Dank den Göttern, wir sind in unsere Heimat gebracht. Der Wunderbau ist vollendet; wie gut läßt sichs hier weilen und wohnen. Kommt, Schwestern! durchforscht mit mir die Hallen unseres neuen Tempels. (sie geht mit gemessenen Schritten nach dem Hintergründe)

Dreizehnter Auftritt

Die Vorigen außer Pathos.

PHONE (zu Nymphe). Mir gefällt es hier außerordentlich.
NYMPHE. Ich wollte, wir wären, wo wir hergekommen . Dort war mirs doch behaglicher.
PHONE. Sieh nur! welche artigen Kinder zu unsern Seiten stehen. Der meine ist besonders liebenswürdig. Du wendest dich weg, artiger Knabe! du fliehst mich! O! bleibe doch. Komm in meine Arme!
ERSTER KNABE (Macht eine  Bewegung nach der linken Seite).
PHONE (folgt ihm).
ERSTER KNABE (wendet sich gegen die rechte und zeigt seine schwarze Hälfte).
PHONE. Was seh ich? Welch ein wandelbarer Chamälon bist du? Erst ziehst du mich mit allen Reizen an, nun  erscheinst du mir fürchterlich. An dieser Verwandlung erkenne ich dich wohl.
ERSTER KNABE (der sich wieder nach der linken Seite endet und seine helle Hälfte zeigt).
PHONE. Nun sehe ich dich wieder heiter und schön. So abwechselnd gefällst du mir eben. Ich muß dich haschen, dich ich festhalten, und vermag ich es nicht, so will ich dich ewig verfolgen.
(Beide ab, an der linken Seite des Grundes.)

Vierzehnter Auftritt

Die Vorigen außer Phone und dem ersten Knaben.

NYMPHE (zu dem Knaben). Laß mich in diesen glänzenden Prachtsälen, in denen ich nur ein unendlich Leeres empfinde, dich, liebes Kind, an mein Herz drücken und in deiner Kindernatur mich wiederherstellen.
ZWEITER KNABE (hebt die komische Maske empor und hält sie vors Gesicht).
NYMPHE. O pfui! welch ein Abscheu! welch ein Schreckensbild! welch Entsetzen! Entferne dich! (Sie macht einige Schritte gegen die linke Seite, der Knabe tritt ihr nach.) Laß mich! bleib zurück! Welch ein böser Genius verfolgt mich. Ahndete mein Herz doch hier nichts Gutes. "Wie entkomm
ich! wo fliehe ich hin! (Sie entflieht, vom Knaben verfolgt, nach der rechten Seite des Grundes.)

Fünfzehnter Auftritt

Die Vorigen außer Nymphe und zweiter Knabe.

VATER (welcher die ganze Zeit mit Verwunderung da gestanden, an der linken Seite ein wenig hervortretend). Wunderbar genug gehts hier zu. Ich erhole mich noch nicht von meinem Erstaunen. Möchte ich doch wohl wissen, wie das zugegangen ist? wo wir sind? welcher König diesen Palast bewohnt: Besonders artig aber find ich es von den Geistern, daß sie auch gleich für unsere Garderobe gesorgt haben. Potz Fischchen! ich dächte, so könnten wir uns bei Hofe wohl sehen lassen.
(Er geht mit Behaglichkeit nach dem Grunde?)

Sechzehnter Auftritt

MERKUR allein. 

(gegen die Zuschauer vortretend).

Wenn ihr, verehrte Viele, die sich diesen Tag Zu unsres Festes Weihe mächtig zugedrängt,
Des ersten Spiels leichtfertige Verworrenheit. Mit günstgen Augen angesehn, mit günstgem Ohr
Die rätselhaften Reden willig aufgefaßt, So sind auch wir der Pflichten dankbar eingedenk,
Und ohne Säumen tret ich abgesendet her, Den Schleier eilig wegzuheben, der vielleicht
Noch über unsern raschbewegten Scherzen schwebt.

Wenn das Gefühl sich herzlich oft in Dämmrung freut, so gnüget heitre Sonnenklarheit nur dem Geist. Und eurem Geiste zuzusprechen, haben wir besondrer Formen bunte Mannigfaltigkeit,
verwegen und vertraulich, euch vorbeigeführt.

Zuvörderst also wird euch nicht entgangen sein, daß jener Bauernstube niedrige Gelegenheit Das alte Schauspielhaus bedeutet, das euch sonst mit ungefälliger Umgebung oft bedrängt, So gut als uns, und das wir sämtlich stets verwünscht, Gesprengt ist jene Raupenhülle, neu belebt Erscheinen wir in dieses weiten Tempels Raum. Bedeutend ists zu gleicher Zeit und wirklich auch; Denn ihr habt alle bessern Platz, so gut als wir. Drum Lob den Architekten, deren Sinn und Kraft, Auch den Gewerken, deren Hand es ausgeführt!

Und wenn wir aus dem alten in den neuen Raum zu Fuße nicht gegangen, sondern unverhofft
Ein höhres Wirken scheinbar uns hinweggeführt, So zeigen diese Scherze, daß wir mehr und mehr, Zu höhren Regionen unsrer edlen Kunst Uns aufzuschwingen, alle vorbereitet sind.

Weil aber uns im Sinne schwebt der alte Spruch: Daß von den Göttern alles zu beginnen ist, So denket jener Oberhäupter, deren Gunst Des neuen Zustands heitre Freundlichkeit gewährt, Der beiden Fürsten, die, von Einem alten Stamm Entsprossen und gerüstet mit des Wirkens Kraft, In ihrer hohen Taten unbedingten Kreis Auch uns mit Vaterarmen gütig aufgefaßt. So danket jenem, dieses Landes höchstem Herrn, Der in dem holden Tale, das den grünen Schmuck Belebter Zierde seiner Vaterhand verdankt, Auch uns den Platz bezeichnen wollen, uns, zugleich Mit all den Seinen, friedliche Gesetzlichkeit Und reifer Fülle sichern Dauerstand gewährt. Sodann dem Nahverwandten danket, der uns her Gesendet, einen Musterteil des lauten Chors, Der ihn umgibt, verbreitend Kunst und Wissenschaft.

So haben beide väterliche Fürsten denn Der neuen Anstalt solche hohe Gunst erzeigt,
Auf daß an unsern Stellen beide, wir und ihr, Gedenken mögen, im Vergnügen, unsrer Pflicht:
Uns wechselsweis zu bilden. Denn der Künste Chor Tritt nie behaglich auf, wofern es nicht bequem Gebahnte Wege findet. Durch ein wild Gesträuch, Durch rohen Dorngeflechtes Unzugänglichkeit Kann es die leichten Tänze nicht gefällig ziehn. Was sie zu leisten immer auch sich vorgesetzt, Gelingt nur dann und wächst nur dann erst weiter fort Wenn, schon gebildet, ihnen heiter Herz und Sinn Mit lebenskräftger Fülle reich entgegenstrebt.

So denken jene, die uns diesen Platz vertraut; Und also denkt der große König ebenfalls, Der nachbarlich an diese reichen Fluren grenzt. Auch er erwartet, auf gesunden derben Stamm Gepfropfter, guter, edler Früchte sich zu freun, Und hoffet reiner Sitten innerlich Gesetz Im Busen seines Volks lebendig aufgestellt, Und, auf dem Weg durch die Gefilde schöner Kunst, Nach lebenstätgen Zwecken unverwandten Blick.

So füllet weihend nun das Haus, ihr Erdengötter, Mit würdig ernster Gegenwart, mit edlem Sinn; Daß, schauend oder wirkend, alle wir zugleich Der höhern Bildung unverrückt entgegengehn.

Und bietet aller Bildung nicht die Schauspielkunst Mit hundert Armen, ein phantastscher Riesengott, Unendlich mannigfaltge, reiche Mittel dar: Davon an unsern kleinen Kreis heranzuziehn, So viel als möglich, ist ein un verruckt Gesetz In unserm Haushalt, und wir haben heute gleich Das, was wir bringen, euch in Bildern dargestellt. Von denen geb ich schuldge Rechenschaft zum Schluß, Damit ihr deutlich schauet unsern ganzen Sinn.

Siebzehnter Auftritt

Merkur. Mutter Marthe.

MUTTER (eilig von der rechten Seite her eintretend). Ist denn niemand, gar niemand hier: ich laufe mich in den weitläufigen Kreuzgängen fast außer Atem. Es wird mir bange in dieser Einsamkeit.
MERKUR. So schneidet mir die gute Frau den Vortrag ab.
MUTTER (ihn erblickend). Gott sei Dank, wieder eine lebendige Seele! Wer Ihr auch seid, habt Barmherzigkeit mit mir, sagt mir, wo ich bin, wo mein Mann ist, und weil Ihr gewiß mit diesen Hexenmeistern zusammenhängt, so schafft mir doch meine Sonntagskleider. Zu Hause im
Kasten liegen sie ganz ordentlich aufeinander. Für einen von Euren Geistern ist es ein kleines Paket, und mir ist alles daran gelegen, mich als eine wohlanständige Person zu rekommandieren.
MERKUR (gegen das Publikum gewendet). D)och, daß ich ihre Gegenwart sogleich benutze,
so sprech ichs aus: Hier diese gute Frau, so wenig es ihr Ansehn geben mag, ist selbst ein allegorisch Wesen.
MUTTER. Wie? was? ich ein Wesen? ich allegorisch: Das sagt mir ein anderer nach. Ich bin nicht allegorisch, bin  nicht a la modisch. Doch wenn ich saubere Kleider haben will, um mich anständig in vornehmer Gesellschaft sehen zu lassen, so ist es eine Schuldigkeit. Man geht nicht mit
Alletagskleidern in die Kirche.
MERKUR (immer gegen das Publikum gekehrt). Man könnte sie auch wohl symbolisch nennen.
MUTTER. Das ist zu arg, mein Herr, ich bin nicht simpel.
Ein gutes einfaches Weib bin ich, das will ich bleiben und dafür gelten. (Sie weint.)
MERKUR (wie oben).
Sie weine nur, bis ich mich deutlicher erklärt.
Sie zeigt, symbolisch, jenes aufgeweckte Spiel,
Das euch, grotesk, die Menschen darzustellen wagt:
Beschränkten Eigenwillen, heftige Begier
Und Abscheu, Zornes Raserei und faulen Schlaf,
Leichtfertige Verwegenheit, gemeinen Stolz.
In solchem Spiele tritt sie auf als Meisterin.
Und außerdem in manchem Sinn erfreut sie euch.
Doch heute hat sie sich das Eine Bauerweib
So fest in Kopf gesetzt. (Auf sie losgehend.)
Madam!
MUTTER. Ei was Madam! Frau Marthe bin ich.
MERKUR. Wer diese Säle nur betritt, der ist Madam Drum fügen Sie sich nur.
MUTTER (ihm scharf ins Gesicht sehend). Irr ich mich nicht, so seid Ihr gar der Schelm, der mir den Mann entführt. Wo ist mein Mann?

Achtzehnter Auftritt

Die Vorigen. Vater Märten (im Staatskleide).

MERKUR. Dies zu erfahren, fragen Sie die Exzellenz. Die dort sich, gravitätisch langsam, herbewegt. Der Herr muß alles wissen, denn er ist schon längst Der Königin Faktotum, die uns all vereint.
MUTTER (geht  mitzunehmenden Reverenzen, auf den Hereintretenden los).
MERKUR. Ich rede wahr, denn mannigfaltig sind des Manns Bemühungen, ihr wißt es wohl, in manchem Fach; Doch heute stellt er euch das biedre Schauspiel dar, Das euch des bürgerlichen Lebens innern Gang Mit wahrer Form und Farbe vor die Augen bringt. Ihr wißt, wem dies die deutsche Bühne gern verdankt. Nicht ungerüstet kommen wir zu diesem Fach.
( Wie die beiden vortreten, zieht er sich ein wenig zurück)
VATER (der gravitätisch, ohne auf die Frau zu merken , gegen das Proszenium hervorgekommen). Was will Sie, gute Frau?
MUTTER. Ach! gnädger Herr! wo ist mein Mann? Sie haben mir meinen Mann entführt. Ich bitte, um aller Weltwillen, schaffen Sie mir ihn wieder.
VATER. Haben ihn die Werber weggenommen: So ein junge hübsche Frau mag wohl einen hübschen, rüstigen Mann haben. Ich bedaure Ihren Verlust! Es geht jetzt etwas heftig mit der Rekrutierung.
MUTTER. Ach mein Gott! was sprechen Euer Exzellenz! was sprechen Sie von rüstig! von Rekruten! Einen armen, alten, schwachen Ehekrüppel muß ich schon mehrere Jahre nur so hegen und pflegen.
VATER (halb für sich). Ei du vermaledeites Weib!
MUTTER. Was meinen Euer Exzellenz?
VATER (mit verhaltenem Zorn). Ich meine: daß eine Frau besser von ihrem Mann sprechen sollte.
MUTTER. Verzeihen Euer Exzellenz, ich habe viel zu viel Respekt, um Ihnen eine Unwahrheit zu sagen. Die Haushaltung liegt ganz allein auf mir, mit dem Feldbau geht es nur so so. Nun hat er sich aus lauter Müßiggang, ein Pfeifchen Tabak, einen neuen Hausbau ausgedacht, überhaupt weiß ich gar nicht, was ich denken soll. Ehemals tappte er, nun, man sollte es nicht sagen, aber wahr ists, auf allen vieren nur so durch die Welt hin und sah weder rechts, noch links und gehorchte mir blindlings; nun aber hat er sich auf einmal auf die Hinterbeine gesetzt.
VATER. Ordentlich wie ein Mensch? Da tut er wohl dran.
MUTTER. Keineswegs, denn gleich hauen die Männer über die Schnur, wenn man ihnen ein bißchen Luft läßt. Er hat sich mit Hexenmeistern eingelassen, die haben ihn auf und davon geführt und mich selbst behext, daß ich nicht weiß, wo ich zu Hause bin. Der törichte Graukopf ist an allem Schuld.
VATER. Sie sollte vom Alter nicht verächtlich reden! weiß Sie das! Ich bin auch alt und bin kein Krüppel, kein Tagedieb.
MUTTER. Ach, ich bitte tausendmal um Vergebung! mit Euer Exzellenz ist es ganz was anders. Euer Exzelenz stehen so derb auf den Füßen, anstatt daß mein Alter immer mit geknickten Knien herumschlurft. Wie schön gerad halten Sie sich nicht, indes mein Alter krumm und gebückt einhergeht. In Euer Exzellenz glattem Gesicht ist keine Runzel zu bemerken! und nun gar der Anstand, die majestätische Perücke. Wie glücklich ist Ihre Frau Gemahlin, einen solchen Herrn zu besitzen.
VATER. Wer weiß, wie sie hinter seinem Rücken spricht.
MUTTER. Was könnte sie anders als Gutes?
VATER. Das denkt jeder gute Ehemann und läßt sich an der Nase herumführen; aber das wird uns gar zu schlecht gelohnt. Marthe! Marthe! das hätte ich nicht von dir gedacht.
MUTTER. Was höre ich! was seh ich! die Exzellenz ist mein Mann ist es Einer: sind es Zwei?
MERKUR (der zwischen sie hinein tritt, ein Gewand auf dem Arm).
Er ist es freilich! Wundem müssen Sie sich nicht In diesem Wunderlande. Fassen Sie sich, gute Frau!
Vor allen Dingen aber ziehen Sie nur das Gewand Gefällig an; auch dieses wird ein Wunder tun:
Es frischet Ihnen das Gedächtnis lebhaft an, Vergangner Lagen werden Sie gedenken gleich.
MUTTER. Nun lassen Sie sehen! (Sie nimmt das Gewand über.)
MERKUR. Und haben Sie von Seelenwandrung nicht gehört:
MUTTER. Ach, ich weiß nicht, ob meine Seele oder mein Körper auf der Wanderschaft ist.
MERKUR. Wir eben alle sind dergleichen wandernde Beweglich muntre Seelen, die gelegentlich
Aus einem Körper in den andern übergehn. Zum Beispiel! haben Sie Frau Wunschel nicht gekannt?
MUTTER. Ja, Frau von Wunschel wollen Sie sagen. erinnere mich derselben noch gar wohl. Eine liebe, liebe Frau!
(Hier wird eine schickliche Stelle aus der Rolle der Madame Wunschel eingeschaltet)
MERKUR. Die Frau von Brumbach ist wohl Ihnen auch nicht fremd?
MUTTER. Ach ja, es ist eine Dame in ihren besten Jahren. Sie hatte so ein Gänschen von Nichte.
(Hier wird eine schickliche Stelle aus der Rolle der Frau von Brumbach eingeschaltet)
MERKUR. Das alles waren Sie und sind es immer noch Sobald Sie wollen, meine liebe, gnädge Frau!
MUTTER. Nun spricht der Herr ganz vernünftig. Das lass ich mir gefallen.
MERKUR. Nun, edler Herr! die Hand an diese Dame hier! Verrersöhnung! Was man Märten Übels zugefügt, das darf die Exzellenz nicht ahnden. (Mann und Frau geben einander die Hände.)
So ists recht. Und nun, als Baucis und Philemon unsers Tempelbaus, Genießet lange, lange noch des guten Glücks, Die Herrn und Frauen zu ergetzen. Tretet bald, Als Oberförster, Oberförsterin, im Glanz der Kunstnatur, willkommen und bewundert auf. Nun aber, dächt ich, Zeit ists, wir empfehlen uns.
MUTTER Ei freilich! das versteht sich von selbst. Wir werden nicht weggehen wie die Katze vom Taubenschlag. Und somit wollen wir uns bestens empfohlen haben. Es soll uns jederzeit angenehm sein, wenn Sie einkehren und mit uns vorlieb nehmen wollen.
VATER. Ich konformiere mich mit meiner gesprächigen Hälfte und wünsche allerseits wohl zu leben.
(Er gibt ihr den Arm, und sie gehen zusammen ab.)

Neunzehnter Auftritt

Nymphe. Zweiter Knabe, der sie verfolgt. Merkur.

NYMPHE (flieht vor dem Knaben, der sie mit der Maske scheucht', sie eilt auf Merkur los und wirft sich ihm um den Hals). Rette mich, geliebter, schöner, göttlicher Jüngling, von dem Ungeheuern Gespenst, das mich verfolgt. Du erschienst mir vor kurzem in menschlicher Bildung, und gleich neigte sich mein Herz dir zu. Ich erquickte dich mit irdischem Trank, nun laß mir auch deine himmlische Gewalt zugute kommen.
MERKUR. Du süße kleine Leidenschaft, erhole dich.
NYMPHE. Ihr habt mich weggerissen aus der stillen ländlichen Wohnung, wo ich die unschuldigsten Freuden genoß; ihr habt mich in diese Säle geführt, wo für mich nichts Reizendes zu finden ist, wo mich Larven verfolgen, vor denen ich keine Rettung finde als an deinem Busen.
MERKUR (indem Nymphe an ihm geleimt bleibt, zu den Zuschauern). Indem sich, meine Herrn, das schöne Kind An meinen Busen drängt, verwirr ich mich; Vergesse fast, daß ich als Gott mich dargestellt, Und daß ich überdies als Prologus, Als Kommentator dieses ersten Spiels Vor euch in Pflichten stehe; doch verzeiht! Ich selber finde meine Lage sehr bedenklich. Und wenn das schöne, liebevolle Kind Nicht eilig sich erholt, daß ich mich schnell Von ihr entfernen kann, so fürcht ich sehr, Die Flügelchen an Hut und Schuh und Stab Verpfand ich gegen einen einzgen Kuß. Indessen will ich mich um euretwillen So gut als möglich fassen, euch so viel Nur sagen: daß mein gutes, holdes Kind Das Liebliche, Natürliche bedeutet, Das sich so redlich ausspricht, wie es ist,
Das ohne Rückhalt sein gedrängt Gefühl Auf Bäume, Blüten, Wälder, Bäche, Felsen, Auf alte Mauern, wie auf Menschen überträgt. (Zur Nymphe.) Bist du beruhigt, liebe kleine Seele?
ZWEITER KNABE (zu Merkur). Ihr sprecht von allen gegen diese Herren, Nur mich vergeßt Ihr; sagt auch, wer ich bin.
MERKUR. Wohl billig kommt die Reihe nun an dich Doch produziere dich nur selbst! du siehst es ja, Ich habe hier genug zu tun. Frisch und beherzt Hervor und sprich: Der jüngste bin ich dieses Chors, Das maskenhafte Spiel, das ein gewandter Freund Aus Roms verfallnem Schutte, ja, was mehr, Aus altem Schulstaub neu belebt herangeführt. Laß deine Maske sehen! diese da! (Das Kind hebt die komische Maske auf.) Dies derbe wunderliche Kunstgebild Zeigt, mit gewaltger Form, das Fratzenhafte; (Das Kind hebt die tragische Maske auf.) Doch dieses läßt vom Höheren und Schönen Den allgemeinen, ernsten Abglanz ahnden. Persönlichkeit der wohlbekannten Künstler ist aufgehoben, schnell erscheinet eine Schar von fremden Männern, wie dem Dichter nur beliebt,
Zu mannigfaltigem Ergetzen eurem Blick. daran gewöhnt euch, bitten wir, nur erst im Scherz,
Denn bald wird selbst das hohe Heldenspiel, er alten Kunst und Würde völlig eingedenk, von uns Kothurn und Maske willig leihen. Sie kennen dich! nun, Liebchen, sei es dir genug. Ein andres bleibt uns übrig, dieses holde Kind, Das dich so schüchtern floh, dir zu versöhnen. Drum heb ich meinen Stab, den Seelenführer, Berühre dich und sie. Nun werdet ihr, Natürliches und Künstliches, nicht mehr Einander widerstreben, sondern stets vereint. Der Bühne Freuden mannigfaltig steigern.
NYMPHE. Wie ist mir! welchen Schleier nahmst du mir von meinen Augen weg, indes mein Herz
warm als sonst, ja freier glüht und schlägt. (Merkur tritt zurück?) Herbei, du Kleiner! keinen Gegner seh ich, nur einen Freund erblick ich neben mir. Erheitre mir die sonst beladne Brust, In meinen Ernst verflechte deinen Scherz Und laß mich lächeln, wo die bittre Träne floß. Im Sinne schwebt mir eines Dichters alter Spruch, Den man mich lehrte, ohne daß ich ihn begriff, Und den ich nun verstehe, weil er mich beglückt.

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst, in abgemeßnen Stunden,
Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.

So ists mit aller Bildung auch beschaffen.
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

Wer Großes will, muß sich zusammenraffen.
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.
(Nymphe mit dem Knaben ab.)

Zwanzigster Auftritt

Merkur. Erster Knabe.

(Erster Knabe eilig heranlaufend).

ERSTER KNABE Beschütze mich! dort hinten folgt mir jene! Sie will mich haschen, und ich leid es nicht.
MERKUR Gelegen wirfst du, allerliebstes Wunderkind mir in die Hände deine Wechselfarbigkeit.
(Zu den Zuschauern.) Den Augenblick benutz ich, euch zu sagen: Daß wir, die Phantasie euch darzustellen, Ein scheckig Knäblein mit Bedacht gewählt. Dies Zwerglein, wenn es ungebunden schwärmt, Macht Glück und Unglück, wie dem Augenblick beliebt. Bald wirds euch düster das Vergangne malen, Mit trübem Firnis gegenwärtge Freuden Und mit der Sorge grauem Spinnenflor Der Hoffnung reizendes Gebild umnebeln. Bald -in ihr, in die tiefste Not Versunken, schon verzweifelt, euch behend tasten Morgenrote Purpursaum Um das gebeugte Haupt erquickend winden. Doch ist er auch zu bändgen. Ja, er bändigt Sogar sich selbst, sobald ich ihm den Stab trauend überliefre, der die Seelen führt, Sogeich ist er geregelt, und ein roher Stoff Zu neuer Schöpfung bildet sich zusammen. Wie von Apollos Leier aufgefordert, bewegt zu Mauern das Gestein sich her, und wie zu Orpheus Zaubertönen eilt Ein Wald heran und bildet sich zum Tempel.
Uns  alle führt er an, wir folgen ihm, Und unsre Reihen schlingt er mannigfach.
Besonders aber strebt ihm jene Schöne dort Auf des Gesanges raschem Fittich nach.
Wär er zu halten, diese hielt' ihn fest; Doch wollt er bleiben, sie entließ ihn gleich.

Einundzwanzigster Auftritt

Die Vorigen. Phone

PHONE. Ich seh. du hast ihn! also liefre mir ihn aus.
MERKUR. Zuerst erlaube, daß ich dich erkläre!
PHONE. Ein Mädchen zu erklären, wäre Kunst.
MERKUR (zu den Zuschauern). Der Oper Zauberfreuden stellt sie vor.
PHONE. Was stell ich vor?
MERKUR. Die Oper, den Gesang!
PHONE. Vorstellen läßt sich der Gesang nicht, aber leisten.
MERKUR. Nur frisch, zur allgemeinen Freude, immer zu!
PHONE. Sie singt eine große Arie nach deren Schluß sie sich gegen den Grund wendet
MERKUR. Zum Schlusse, merk ich. neigt sich unser buntes Spiel. Zum ersten Knaben, der sich, indessen das Phone singt, im Hintergrunde geht, sogleich wieder zu Merkur hervoreilt.
Hier hast du meinen Stab, nun geh, mein Kind! Und führe mir die Seelen alle her.
(Das Kind geht ab.)

Zweiundzwanzigster Auftritt

Merkur. Pathos.

MERKUR. Sie kommt in stillem Ernste, die uns heut Das Tragische bedeutet; hört sie an.
Was sie zu sagen hat, verkünde sie allein. (Er entfernt sich.)
PATHOS. Sie sind getan, die ungeheuren Taten,
Kein heißer Wunsch ruft sie zurück.
Kein Wählen gilt, es frommt kein Raten.
Zerstoben ist auf ewig alles Glück.
Von Königen ergießt auf ihre Staaten
Sich weit und breit ein tödliches Geschick.
Welch eine Horde muß ich vor mir sehen?
Das Schreckliche geschieht und wird geschehen!

Der Nächste stößt den Nächsten tückisch nieder,
Und tückisch wird zuletzt auch er besiegt;
Denn, wie ein Schmied im Feuer Glied an Glieder
Zur ehrnen, ungeheuren Kette fügt,
So schlingt in Greuel sich ein Greuel wieder,
Durch Laster wird die Lastertat gerügt:
In Todesnebel, Höllenqualm und Grausen
Scheint die Verzweiflung nur allein zu hausen.

Doch senkt sich spät ein heiliges Verschonen
In der Beklemmung allzu dichte Nacht,
Am holden Blick in höhre Regionen
Fühlt nun sich jedes edle Herz erwacht,
Dort drängts euch hin, dort hoffet ihr zu wohnen,
Auf einmal wird ein Himmel euch gebracht;
Vom Reinen läßt das Schicksal sich versöhnen,
Und alles löst sich auf im Guten und im Schönen..

Alle.

Sie reihen sich in folgender Ordnung:
Marthe. Nymphe. Zweiter Knabe. Pathos. Erster Knabe, Phone. Märten.

MERKUR (der vorwärts an die linke Seite tritt).
Und wenn sie nun zusammen sich gesellen,
Nach der Verwandtschaft endlich angereiht,
So merkt sie wohl, damit in künftgen Fällen
Ihr sie erkennet, wenn von Zeit zu Zeit
Sie einzeln sich euch vor die Augen stellen,
Wenn jedes einzeln seine Gabe beut.
Zu unsrer Pflicht könnt ihr uns liebreich zwingen,
Wenn ihr genehmigt, was wir bringen.

Prolog

Bei der Wiederholung des Lauchstädter Vorspiels "Was wir bringen" 

[Den 25. September 1802.]

Ein Schifter, wenn er nach beglückter langer Fahrt
An manchem fremden Ufer mit Genuß verweilt
Und mancher schönen Früchte, landend, sich erfreut,
Empfindet erst der höchsten Wünsche Ziel erreicht,
Wenn ihm der heimsche Hafen Arm und Busen beut.
So geht es uns, wenn wir nach manchem heitren Tag,
Den wir an fremder Stätte tätig froh verlebt,
Zuletzt uns wieder an bekannter Stelle sehn,
Wo wir als in dem Vaterland verweilen; denn
Wo wir uns bilden, da ist unser Vaterland.
Doch wie wir denken, wie wir fühlen, ist euch schon
Genug bekannt, und wie mit Neigung und Vertraun
Und Ehrfurcht wir vor euch uns mühen, wißt ihr wohl.
Darum scheint es ein Überfluß, wenn man mich jetzt
Hervorgesendet, euch zu grüßen, unsern Kreis
Aufs neu euch zu empfehlen. Auch erschein ich nicht
Um dessentwillen eigentlich, wiewohl man oft
Das ganz Bekannte mit Vergnügen hören mag;
Denn heute hab ich was zu bitten, habe was
Gewissermaßen zu entschuldgen. Ja, fürwahr!
Das, was wir wollen, was wir bringen, dürfen wir
Euch nicht verkünden, da vor euren Augen sich,
Was wir begonnen, nach und nach entwickelt hat.
Als wir jedoch die nachbarliche Flur besucht
Und dort, vor einer neuen Bühne, großen Drang
Der Fremden zu gewarten hatten, die vielleicht
Der kühnen Neuerungen Wagestücke nicht
Mit günstgen Augen sähen, unserm Wunsch gemäß,
Da traten wir zusammen, und in seiner Art
Ein jeder suchte das zu leisten, was ihm wohl
Am leidlichsten gelänge; was denn auch zuletzt
Auf Mannigfaltigkeit des Spieles, deren wir
Uns rühmen dürfen, leicht und heiter deutete.
Das ist denn auch gelungen, und wir hatten uns
Auf manche Weise der geschenkten Gunst zu freun.

Vielleicht nun war es klug getan, wenn wirs dabei
Bewenden ließen, das, was glücklich dort gewirkt,
Weil es besonders zu dem Fall geeignet war,
Nicht wiederbrächten, hier, wo es doch eigentlich,
An mancher Stelle, nicht gehörig passen mag.

Weil aber das Besondre, wenn es nur zugleich
Bedeutend ist, auch als ein Allgemeines wirkt,
So wagen wir auf eure Freundlichkeit, getrost
Euch eben darzubringen, was wir dort gebracht.
Ihr habt uns oft begleitet in die fernste Welt,
Nach Samarkand und Peking und ins Feenreich;
So laßt euch heut gefallen, in das nächste Bad
Mit uns zu wandern; nehmt bequemen Platz daselbst
In einem neuen Hause, das in kurzer Zeit
Fast wie durch Zauberkünste sich heraufgebaut;
Gedenkt mit Lächeln einer alten Hütte dann,
In der ihr sonst mit Unlust oft die Lust gesucht;
Denn etwas Ähnlichs ist euch doch auch hier gesehen

Und wenn ihr das, was andern zubereitet war,
Mit gutem Willen zu genießen euch entschließt,
So werdet ihr wohl manches finden, das ihr euch
Und eurem Zustand anzueignen nicht verschmäht.
Das alles hegt in feinem Herzen, bitt ich euch!
Und mit Gefühl und Phantasie empfanget mich,
Wenn ihr als fremde Herrn und Frauen mir zuletzt,
Als Sachsen und als Preußen, anzureden seid.

Eckermann: Gespräche mit Goethe

 Ende

Personen und Inhalt

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