> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Die Wette-Lustspiel in einem Akt

2019-08-24

Johann Wolfgang von Goethe: Die Wette-Lustspiel in einem Akt






Die Wette

Lustspiel in einem Akt



Personen

Dorn-Leonore
Förster-Johann
Eduard-Friederike

Erster Auftritt

Dorn, nachher Förster

DORN
Habe ich es doch so oft gesagt , und wem ist es nicht bekannt, das man etwas, dass man etwas leicht unternimmt und nachher mit großer Unbequemlichkeit ausführt. Was hilft es wenn man noch so verständig denkt und spricht! Nun lass ich mich wieder in einen Handel ein, der mich ganz auf dem Geschicke bringt. Zur schönsten Jahreszeit verlasse ich meinen Landsitz; ich eile in die Stadt, dort wird mir die Zeit lang, und die Ungeduld treibt mich wieder hierher. Nun sehe ich aus dem Fenster dieses schlechten Wirtshauses mein Schloss, meine Gärten und darf nicht hin. Wenn's nur hier nicht so unbequem wäre. Jeder Stuhl wackelt, auf den ich mich setzen will, ich finde für meinen Hut keinen Haken und wahrhaftig keine Ecke für meinen Stock. Doch alles mag hingehen! wenn ich nur meine Absicht erreiche, wenn das junge Paar glücklich wird.
FÖRSTER
(außen) Kann man hier unterkommen? Ist niemand vom Hause da?
DORN 
Hör ich recht? Förster! Da finde ich doch wenigstens einen Gefährten in meiner seltsamen Lage.
FÖRSTER
(eintretend) Dorn! Ist's möglich, bist dus? warum nicht auf dem Schlosse? warum hier im Wirtshause? Man sagte mir, du seist in der Stadt. In deinem Schlosse fand ich alles einsam und öde.
DORN Nicht so öde, als du glaubst. Die Liebenden sind drinnen.
FÖRSTER
Wer?
DORN. Leonore und Eduard, festgebannt.
FÖRSTER. Die zwei jungen Leute? zusammen?
DORN. Zusammen oder getrennt, wie du willst.
FÖRSTER. Erkläre mir das Rätsel.
DORN. So höre denn. Es gilt eine Wette, sie müssen eine Probe bestehn, die ihr künftiges Glück befestigen soll.
FÖRSTER. Du machst mich immer neugieriger.
DORN. Eduard und Leonore lieben sich, und ich nährte gern diese keimenden Gefühle, da eine engere Verbindung mir sehr willkommen wäre.
FÖRSTER. Ich gab hierzu von jeher meinen Beifall.
DORN. Eduard ist ein edler Junge, voll Geist und Fähigkeiten, sehr gebildet, vom besten Herzen, vom lebhaftesten Gefühl, doch etwas rasch und eigendünklig.
FÖRSTER. Gestehs nur, diese Zusammensetzung macht einen ganz liebenswürdigen jungen Mann.
DORN. Nun, wir hatten auch etwas davon. Leonore ist sanft und gefühlvoll, dabei tätig, häuslich, doch nicht ohne Eitelkeit; sie liebt ihn wahrhaft, doch überläßt sie sich manchmal einem Hang zur üblen Laune; sie zeigt in mürrisches Wesen, das mit der Hastigkeit Eduards nicht vereinbarlich ist, und so entstand in der angenehmen Liebes- und Brautzeit öfters Zwietracht, Widerwärtigkeit
und gegenseitige Unzufriedenheiten.
FÖRSTER. Das wird sich nach der Trauung schon geben.
DORN. Ich wollte, es gäbe sich vorher, und das ist gerade die Absicht dieser wunderlichen Anstalt. Oft machte mich die jungen Leute auf ihre Fehler aufmerksam und verlangte, daß jeder Teil den seinigen anerkennen, daß sie sich nachgeben, sich wechselseitig ausgleichen sollten.
Ich predigte in die Luft. Und doch konnte ichs nicht lassen, meine Ermahnungen zu wiederholen, und vor acht Tagen, da ich sie hartnäckiger fand als sonst, erklärte ich ihnen ernstlich die Unart und Unschicklichkeit ihres Betragens, da sie doch ein für allemal ohne einander nicht sein und leben könnten. Dies nahmen sie etwas hoch auf und versicherten es dürfte doch wohl möglich sein, auch ohne einander zu existieren und auch abgesondert für sich zu leben.
FÖRSTER. Dergleichen Reden kommen wohl vor; trotzt man aber nicht lange.
DORN. So nahm ichs auch, scherzte darüber, drohte, ihre Neigung auf die Probe zu setzen, um zu sehen, wer das andere am ersten aufsuchen, sich dem andern am erster wieder nähern würde? Nun kam die Eitelkeit ins Spiel und jedes versicherte in einem solchen Fall die stärkste Beharrlichkeit.
FÖRSTER. Worte, nichts als Worte.
DORN. Um nun zu erfahren, ob es etwas mehr wäre, ich folgenden Vorschlag: ihr kennt, sagte ich, die beiden aneinander stoßenden Zimmer, die ich mit meiner selgen Frau bewohnte; eine Türe, die beide verbindet, hat ein Gitter, welches durch einen Vorhang bedeckt ist, der sowohl hüben als drüben aufgezogen werden kann; wenn wir Eheleute uns sprechen wollten, so zog bald das eine bald das andere diesen Vorhang. Nun sollt ihr Brautleute diese beiden Zimmer bewohnen, und es gilt eine Wette welcher von beiden Teilen die Entbehrung schmerzlicher fühlt, das andere mehr vermißt und den ersten Schritt zum Wiedersehn tut. Nun wurde mit gegenseitiger Einwilligung zur Probe geschritten, sie zogen ein, ich zog den Vorhang zu. So steht die Sache.
FÖRSTER. Und wie lange?
DORN. Seit acht Tagen.
FÖRSTER. Und noch nichts vorgefallen:
DORN. Ich glaube nicht. Denn Johann und Friederike welche ihre Herrschaften aufmerksam bewachen, hatten Befehl, mir es gleich in die Stadt melden zu lassen. Ich hörte nichts, und nun komm ich aus Ungeduld zurück, um in der Nähe das Weitere zu vernehmen.
FÖRSTER. Und ich komme grade recht zu diesem wunderlichen Abenteuer und lasse mir wegen der Sonderbarkeit gern gefallen, mit dir in einem schlechten Wirtshause anstatt in einem wohleingerichteten Schlosse zu verweilen.
DORN. Ich hoffe, die Unbequemlichkeit soll nicht lang dauern; richte dich ein, so gut du kannst. Indessen werde wohl auch unsere Aufpasser herankommen.
FÖRSTER. Ich bin selbst neugierig auf den Ausgang; denn im ganzen will mir der Spaß nicht recht gefallen. Als lassen sich ja wohl bedenkliche Folgen erwarten.
DORN. Keineswegs! ich bin überzeugt, daß alles zum Vorteil beider Liebenden enden muß. Welcher Teil sich auch als der schwächste zeigt, verliert nichts, denn er beweist zugleich die Stärke seiner Liebe. Bildet sich der stärkere etwas ein, so wird er sich bei einigem Nachlenken durch den schwächern beschämt halten. Sie werden fühlen, wie liebenswürdig es sei, nachzugeben und
sich ineinander zu finden; sie werden sich tief überzeugen, wie sehr man eines gegenseitigen Umgangs, einer wahren Seelenvertraulichkeit bedarf, und wie töricht es ist, zu glauben, daß Beschäftigungen, Unterhaltungen ein liebevolles Herz entschädigen könnten. Man wird ihnen eindringlicher vorstellen dürfen, wie sehr üble Laune das häusliche Glück stört, allzu große Raschheit trübe Stunden nach sich zieht. Sind diese Fehler beseitigt, so wird jedes den Wert des andern rein erkennen und schätzen und gewiß jede Gelegenheit zu ernsteren Trennungen vermeiden.
FÖRSTER. Wir wollen das Beste hoffen. Indessen bleibt das Mittel immer sonderbar, doch vielleicht lernen wir alten Welterfahrnen auch etwas dabei. Wir wollen sehen, welcher Teil den Druck der Langenweile und des unbefriedigten Gefühls am längsten aushält.
DORN. Da poltern sie mit deinen Sachen die Treppe herauf; komm, ich muß dich einrichten helfen. (Beide ab.)

Zweiter Auftritt

Johann, Friederike

JOHANN Auch hier ist der gnädge Herr nicht. Nicht im Garten, und wo denn? Ich habe ihm manches Drollige zu erzählen.
FRIEDERIKE Vom jungen Paar? Nun gut, wenn du gesprochen hast, kommt die Reihe an mich. Das Fräulein macht mir viel Kummer.
JOHANN Wieso?
FRIEDERIKE Ja, sieh einmal. Die ersten Tage ihres neuen Lebenswandels, da ging es still und ruhig zu; sie schien vergnügt, beschäftigte sich, frohlockte, des jungen Herrn nicht zu bedürfen, um fröhlich zu sein, glaubte sich gegen Liebesanfälle wohl gerüstet; auch hätt ich nie merken können,
welches Gefühl sie für ihn hegt, wenn sie nicht auf künstliche Weise das Gespräch auf dich gelenkt hätte.
JOHANN Nun, was braucht es da viel Kunst? ich find es vielmehr ganz natürlich, daß man an mich denkt und gelegentlich von mir spricht.
FRIEDERIKE Sei nur ruhig, diesmal gehst du leer aus, diesmal zielte sıe nur dahin, um unbemerkt zu erfahren, ob du viel um deinen Herrn seist, und wie es ihm gehe? Wenn ich nicht darauf zu achten schien, so wurde sie anfangs anhaltender im Fragen; schien ich Liebe zu vermuten, einen Wunsch nach Wiedersehn zu ahnden, so schwieg sie rasch, ward mürrisch und sprach kein Wort.
JOHANN Die schöne Unterhaltung!
FRIEDERIKE So vergingen die ersten Tage. Jetzt spricht sie gar nichts, ißt und schläft ebensowenig, verläßt eine Beschäftigung um die andere und sieht so krank aus, daß sie einen ängstet.
JOHANN Geh, was wird es nun wieder sein? Launen! nichts als Launen! Da scheinen die Weiber immer krank. Sie sind alle so.
FRIEDERIKE Meinst du mich auch, Johann? Ich will nicht hoffen!
JOHANN Sei nicht böse, ich spreche nur von den vornehmen Frauen, die haben alle solche Grillen, wenn man ihren Eitelkeiten nicht recht schmeichelt.
FRIEDERIKE Nein! mein Fräulein ist nicht unter dieser Zahl; es ist nur zu wahrscheinlich, daß die Liebe an ihr zehrt.
JOHANN Die Liebe! warum verbirgt sie selbe?
FRIEDERIKE Ja! es gilt aber eine Wette.
JOHANN Was Wette! wenn man sich einmal liebt.
FRIEDERIKE Aberdie Eitelkeit!
JOHANN Die taugt bei der Liebe nichts. Da sind wir gemeinen Leute weit glücklicher, wir kennen jenes Raffınement nicht. Ich sage: Friederike, liebst du mich? Du sagst: Ja! und nun bin ich dein —
Er umarmt sie.
FRIEDERIKE Wenn das Schicksal unsrer jungen Herrschaft entschieden ist, wenn das Heiratsgut ausgezahlt ist, das wir durch die Aufmerksamkeit auf unsere jungen Liebenden verdienen sollen.

Dritter Auftritt

Dorn. Förster. Die Vorigen

Dorn Willkommen, ihr Leute! Sprecht, was ist vorgefallen?
JOHANN  Nichts Besonderes, gnädger Herr! Nur ist mein Gefangener bald bewegt und aufbrausend, bald nachdenkend und in sich gekehrt. Jetzt bleibt er still, sinnt, scheint sich zu entschließen, eilt gegen die verschlossene Türe; jetzt kehrt er wieder zurück und verschmäht den Gedanken.
DORN Förster, hörst .du?
FÖRSTER Nur weiter!
DORN Erzählt uns, Johann, wies ging, seit ich abreiste!
JOHANN Ach Gott, wie sollt ich mir das alles merken, die hundertfältigen Sachen, die ich gesehen, gehört — ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht! Wenn das lieben heißt! wenn das bei vornehmen Leuten Gebrauch ist, so gelobe ich, der arme Johann immer und ewig zu bleiben und meiner Friederike ganz einfach zu beteuern, daß ich sie lieb habe.
DORN Nun, was gabs denn für Wunderdinge?
FÖRSTER Erkläre dich.
JOHANN Ich will erzählen, so gut ichs vermag. Als Sie abreisten, versperrte sich der junge Herr, las und schrieb und beschäftigte sich. Nur fand ich ihn sehr gespannt; er ging in der Gegend spazieren, kam spät nach Hause, war fröhlich, und so zog sichs einige Tage. Nun ging er auf die Jagd und wechselte mit Beschäftigungen. Da konnt ich leicht bemerken, daß er bei keiner verblieb. Er schritt im Zimmer auf und ab, warf ein Buch weg und holte das andere, und wenn er schmälte, so mochte es wohl manchmal mit Grund geschehen. Aber gewiß und wahrhaftig, oft ohne Grund; er wollte nur den heftigen Empfindungen Raum schaffen, die in ihm vorgingen.
DORN. Schon gut.
JOHANN So verstrichen die Tage. Vom Spaziergang sehnt er sich nach dem Schlosse, er kürzte die Jagd ab und kam nach Hause, aber auch da zauderte er auf dem Wege, ward immer unbestimmter und sprach mit sich allein; er machte Gesichter, die mich erschreckten; nun stand er starr, nun schien er im Zweifel, näherte sich dem gefährlichen Vorhang, schnell kehrt er wieder zurück, über sich selbst
erzürnt; Ungeduld und Ungewißheit foltern ihn, er wird kleinmütig, und ich besorge Wahnsinn.
DORN. Genug, genug!
JOHANN Was! soll ich nicht mehr erzählen?
DORN. Für diesmal bedarfs nicht mehr. Gehe und besorge den Jüngling und melde ferner, was vorgeht.
JOHANN Ich hätte noch gar viel zu sagen.
DORN Ein andermal, gehe!
JOHANN Wenns nicht anders ist. Ich kam soeben recht in Zug und glaube, daß, wenn ich solche Dinge oft sehe und oft erzähle, so könnte ich selbst so wunderlich werden. Was meinst du, Friederike?
FREDERIKE Wir wollens beim alten belassen.
JOHANN Topp! Er reicht ihr die Hand und zieht sie, indem er abgeht, in den Hintergrund, wo sie stehen bleibt.
DORN Nun, Förster, was sagen Sie zu diesem Anfang?
FÖRSTER Nicht viel. Es läßt sich nichts Bestimmtes sagen.
DORN Verzeihen Sie, mein Freund, wir sind dem Ziele näher, als Sie glauben. Eduard scheint seinen Stolz gemäßigt zu haben, das Gefühl bemeistert sich seiner, es wird bald die Oberhand behalten.
FÖRSTER Woraus schließen Sie das?
DORN Aus allem, was Johann erzählt, aus dem Einzelnen wie dem Ganzen.
FÖRSTER Er wird gewiß derjenige nicht sein, der den ersten Schritt tut; ich kenne ihn zu gut, er ist zu eitel dazu. Er hat einen zu hohen Begriff von seinem Wert und gibt nicht nach.
DORN Das wäre mir leid;er müßte meine Tochter wenig lieben, wenig Seele und lebhaftes Gefühl, keine Energie haben, um länger in diesem peinlichen Zustande zu verharren.
FÖRSTER Und Leonore, könnte sie nicht gleichfalls? —
DORN Nein, mein Bester! Die Frauen haben eine gewisse Zurückhaltung aus Bescheidenheit, die ihre größte Zierde ist; sie hindert sie, ihre Gefühle frei zu äußern, und diese werden sie am wenigsten zutage legen, wenn Eitelkeit im Spiel ist, wie bei dieser Wette. Sie können das Äußerste dulden, ehe sie diesen Stolz beseitigen; sie finden es unter ihrer Würde, einem Manne zu zeigen, wie sehr sie an ihm hängen, ihn zärtlich lieben; sie fühlen im verborgenen ebenso lebhaft wie wir, vielleicht anhaltender, aber sie sind ihrer Neigung mehr Meister.
FÖRSTER Du kannst recht haben; aber laß uns erst erfahren, was Leonore macht, dann können wir in unsern Vermutungen schon sicherer fortschreiten. Dorn Sprich also, Friederike.
FRIEDERIKE Gnädige Herren, ich fürchte sehr für die Gesundheit der Fräulein.
DORN (rasch) Ist sie krank?
FRIEDERIKE Das nicht gerade, aber sie kann weder essen noch schlafen, sie schleicht herum wie ein Halbgespenst, verschmäht ihre Lieblingsbeschäftigungen, rührt die Gitarre nicht an, auf der sie Eduard sonst akkompagnierte, singt auch nicht wie sonst ein freies Liedchen vor sich hin.
DORN Spricht sie was?
FRIEDERIKE Nur wenig Worte.
DORN Was sagt sie denn?
FRIEDERIKE Fast gar nichts. Manchmal fragt sie nach Johann, dabei denkt sie aber immer an Eduarden, merk ich wohl.
DORN War das die ganzen acht Tage so?
FRIEDERIKE O nein! Anfangs war sie fröhlich, mehr als sonst, beschäftigte sich mit häuslichen Arbeiten, mit Musik und dergleichen; sie entbehrte den Geliebten nicht, sie freute sich, ihm beweisen zu können, wie stark sie sei.
DORN. Siehst du, Förster, was ich sagte? Hier bestimmte sie der weibliche Stolz.
FÖRSTER Aber wie kommts, daß sie anfangs die Beschäftigung liebte und sie jetzt vernachlässigt?
DORN Auch dies ist mir erklärbar. Frauen sind zur Arbeitsamkeit gewöhnt. Mit dem Bewußtsein, geliebt zu werden, scheuen sie die Einsamkeit nicht, ein einziger froher Augenblick der Gegenwart gewährt ihnen reichlichen Trost; nur der gänzliche Abgang eines Mitgefühls wird ihnen schwer
und zehrt an ihnen; dann versinken sie in einen grämlichen leidenden Zustand, der, je mehr sie ihn zu verbergen trachten, desto mehr an ihrer Existenz nagt. Sie verblühen.
FRIEDERIKE Richtig, so wird es auch bei Fräulein Leonoren sein. Denn daß sie Eduarden liebt, davon habe ich viele Beweise. Oft tritt sie wie zufällig an die Türe und zaudert schamhaft, sich wieder zu entfernen. Ihre Augen sind voll Tränen, sie scheint ihn zu behorchen, seine Schritte, seine
Gedanken erraten zu wollen; sie kämpft zwischen Liebe und Festigkeit.
FÖRSTER Aber warum fragt sie dich nicht um ihn? Sagte nicht Johann, Eduard spreche sehr oft mit Heftigkeit von Leonoren? Er liebt sie folglich mehr als sie ihn.
DORN Da sieht man, daß du die Frauen wenig kennst. Wann nehmen sie Vertraute zu ihren Gefühlen? Sie wachen sorgfältig darüber und suchen dieselben vor allen Augen zu verbergen; über alles fürchten sie den eiteln Triumph der anmaßlichen männlichen Herrschkraft. Allem wollen
sie lieber entsagen, als sich verraten. Im stillen können sıe für sich allein lieben, und um so heftiger sind ihre Gefühle und um so dauerhafter. Die Männer hingegen sind rascher, keine Bescheidenheit verwehrt ihnen, laut zu denken; darum verbarg auch Eduard sich vor Johann nicht.
FRIEDERIKE Wollen Sie noch einen Beweis, daß sie ihn liebt? Sie kennen das hübsche Gartenplätzchen, das Eduard zu Eleonorens Namenstag ausschmückte. Dieses besucht sie täglich. Stillschweigend, die Augen an den Boden geheftet, bleibt sie stundenlang dort, und jede Kleinigkeit, die er ihr schenkte, liegt immer auf ihrem Tisch. Oft scheint sie in einiger Unruhe, die sich in Seufzern äußert. Ja! sie ist aus Liebe krank, ich verharre dabei, und wird sie nicht aus dieser Lage befreit —
DORN.  Laß es gut sein, Friederike! Es wird sich alles zur rechten Zeit auflösen.
FRIEDERIKE Wär ich an der Stelle, es wäre schon lange aufgelöst.
(Ab.)

Vierter Aufzug

Dorn, Förster

DORN. Ich bin zufrieden, alles geht nach Wunsch.
FÖRSTER Aber wenn die Tochter erkrankt?
DORN. Glaub es nicht, es wird nicht lange mehr währen.
FÖRSTER Das meinst du?
DORN. Sie werden nachgeben, sich sehen, sich lieben und geprüfter lieben.
FÖRSTER  Ich möchte doch wissen, was dich so heiter stimmt!
DORN Daß ich mein Werk vollendet sehe. Sie sind beide, wo ich sie wollte, wie ich sie wollte. Ihre wenigen Reden, alle ihre Handlungen sind ihrer Lage, ihren Gefühlen angemessen.
FÖRSTER Wie das?
DORN. Eduard, ein feuriger junger Mensch, zeigt sich noch unmutig, er kämpft zwischen Eitelkeit und Liebe, allein die Liebe wird siegen, Er fühlt die Pein des Alleinseins. Die Gestalt, die Reize Eleonorens stellen sich lebhaft ihm vor die Augen, er duldet es nicht länger. Keiner Zerstreuung
mehr fähig, wird er die Pforte öffnen, er wird als überwunden sich erklären.
FÖRSTER (vor sich) Dies scheint mir noch nicht ganz gewiß.
DORN Leonore, ein edles bescheidenes Mädchen, nur etwas launig, dachte anfangs, durch Beschäftigung seiner zu vergessen, standhaft die Probezeit auszuharren; allein es verstrich ein Tag um den andern: von seiten ihres Geliebten mußte sie Kälte besorgen, fragen wollte sie nicht, sie blieb
also in sich gekehrt; der bangen Ungewißheit überlassen. Die Leere, den Abgang zärtlichen Mitgefühls empfand sie lebhaft; bei ihr ist kein Mittel vorhanden, wie sie den ersten Schritt beginne, Zurückhaltung verwehrt es ihr, und sie wählt zu leiden; daher entstehen Seufzer, Tränen, Mangel an Schlaf und Eßlust; sie denkt, sich durch Betrachtung lebloser Sachen zu entschädigen, die den einzigen Gegenstand ihrer Sehnsucht ‘ zurückrufen. Leonore liebt Eduarden vielleicht noch zärtlicher als vorher, sie erwartet nur den Augenblick, um in ihre vorigen Rechte zurückzutreten.
FÖRSTER Das wird sich zeigen!
DORN. Nun, so laßt uns beide behorchen. An der Decke jener Zimmer ist eine geheime Offnung, laßt uns dahin gehen und uns selbst überzeugen. (Gehen ab)

Geteilte Zimmer, wohlmöbliert, mit allerlei Gegenständen zur

Unterhaltung versehen, als: Pulte, Bücher, Instrumente und
dergleichen. Tür, Gitter und Vorhang wie oben beschrieben.

(Elenore an der rechten Seite, Eduard an der linken. Dorn und
Förster in der Höhe. Zuletzt Johann und Friederike.)

(Eduard geht schnell auf und ab, spricht heftig mit sich selbst, sieht
bald verwirrt, bald unentschlossen aus. Leonore traurig, eine
Arbeit in der Hand, blickt halb seufzend nach der Tür, dann besieht
sie eine Brieftasche mit Eduards Chiffre und benetzt sie mit
heißen Tränen.)

EDUARD Nein, ich gehe nicht aus! Wo soll ich hin, was anfangen? Nichts freut mich, alles ist mir zuwider, sie mangelt mir! Leonore, du, das edelste, wärmste, liebevollste Geschöpf! Wo sind die frohen Augenblicke, die ich bei ihr zubrachte? wo sie mich durch ihre herrliche Gestalt, durch
ihr sanftes Wesen ankettete? Sie war mein erster und letzter Gedanke, ihre Teilnahme, ihre Zärtlichkeit erhöheten mir jedes Vergnügen, bei ihr fand ich Erholung nach der Arbeit; jetzt bin ich unmutig! Wie oft erheiterte sie trübe Stunden durch lieblichen Gesang, und jedes Wort, das nach Liebe lautete, vereinigte sich wohltätig mit meinem Herzen. Welcher Wonne war ich fähig! Selbst ihre augenblicklichen Launen sind nicht so arg, als ich ungeduldig mir einbildete. Warum war ich so rasch, wie konnte ich aus Eitelkeit in die Probe willigen! — Nun, wer wird nachgeben? Sie nicht! — Ich? — Ja! mit Heiterkeit und warum zögre ich? Die Türe geöffnet, zu ihr, der Göttlichen, an ihren Füßen ewige Liebe beschworen, gestehend, daß ich ohne sie nicht leben kann! — Doch was wird man sagen? Dich für feig und schwach halten? Deine Freunde werden sich über dich lustig machen — was tuts! — Aber Leonore, du selbst könntest frohlocken, mich für überwunden halten, herrschen wollen, und dann wehe mir, wenn ich will Mann sein! Ich kann es wohl, warum bleib ich müßig? hier ist noch Arbeit genug! (Er setzt sich an den Schreibtisch, nimmt die Feder, doch statt zu
schreiben, vertieft er sich in Gedanken.)
LEONORE Schon wieder ein Tag verflossen, und Eduard erscheint nicht. O welche Pein! Er hat mich vergessen, und er kann mich nicht so zärtlich lieben, als ich glaubte; fühlte er nur die Hälfte meiner Qualen, er würde eilen, die Wette zu verlieren, ich wäre ihm reiche Entschädigung für die
gekränkte Eitelkeit; und was ist dieses Gefühl im Vergleich mit warmer Liebe, mit Glückseligkeit, die man nur in der Gegenliebe findet? Da vergehen die Tage, die Stunden wie süße Träume; da fühlt ich mich glücklich, als nach geendigten häuslichen Geschäften ich durch sein Gespräch erheitert wurde. Grausamer Vater, wie konntest du mich durch eine Probe so unglücklich machen! Wollt ich nicht
lieber Eduards Anmaßungen dulden? Jetzt kann ich den ersten Schritt nicht tun. Mein Herz stimmt dafür, aber die Bescheidenheit, der Mädchen Zierde, lehrt es, und ich muß gehorchen, dulden — und wie lange noch! (Sie läßt die Arbeit fallen und seufzt.)
EDUARD (vom Pulte hastig aufstehend) Schreiben kann ich nicht! Wo Sinn und Mut holen! Wenn nur Johann käme, daß ich von Leonoren sprechen könnte. Freilich versteht er wenig von meinem Gefühl, aber er meint es doch gut, und Leonoren verehrt er wie eine Gottheit, wie jeder, der sie kennt. Mir scheint, ich höre ihn!
LEONORE (indem sie das Portefeuille mit Anmut ansieht und an ihr Herz drückt) Ja, hier ist das Pfand deiner Liebe, hier dein Name, und du konntest mich vergessen, Eduard? — —Was soll ich machen; wie ihn zurückführen? — Ach, herrlich! vielleicht wirkt es.

(Sie eilt, ihre Gitarre zu nehmen, setzt sich ganz nahe an die Wand, neben die Türe, so daß man sie aus dem Gitter nicht sehen kann. — Eduard, tiefsinnig sitzend, belebt sich bei diesen Tönen,
erkennt die Stimme, die ihn so oft bezaubert, läßt sich zum Denken keine Zeit, zieht den Vorhang, sucht sie zu erblicken, aber vergebens. Leonore geht zur Tür, um zu horchen; sie sieht den Vorhang weggezogen, erblickt den Geliebten; Schrecken, Entzücken spricht sich aus. Die Türe öffnet sich; sie ist in seinen Armen, ehe sie sichs versieht.)

BEIDE Ich habe dich wieder, ich bleibe dein!
DORN UND FÖRSTER hereintretend Bravo! bravo!
(Leonore und Eduard stehen verzagt.)
DORN. Kinder, was hab ich gesagt!
LEONORE Eduard wars, der zu mir kam.
EDUARD Nein, sie war es, die sehen wollte, ob ich horchte.
DORN. Ihr habt beide recht. Keines hat im Grund die Wette verloren. Gleiches Gefühl hat euch beseelt, eure Handlungen. Jungen waren einem Jüngling, einem Mädchen angemessen. Leonore suchte dich durch Feinheit dahin zu bewegen; daß du den Vorhang zogst; lebhafter hast du dem Gefühl angehört, Leonore wollte bloß im verborgenen dich prüfen. Ihr habt bewiesen, daß bei edlen gefühlvollen Herzen gleiche Bewegungen vorgehn, nur äußern sich dieselben verschieden und angemessen. Ihr seid euch wert! Liebt euch! und verzeiht euch kleine Schwachheiten und trachtet,
daß euch die gegenseitige Liebe alles ersetzt.
LEONORE Dieser Tag soll uns heilig sein!
EDUARD- Du hast uns wirklich lieben gelehrt.
FÖRSTER Und ich habe heute mehr erfahren als durch mein ganzes Leben. —
FRIEDERIKE Und ich auch.
JOHANN Du! und was hast du denn erfahren? Geh! das ist alles zu erhaben und zu studiert für uns. Laß uns einfach lieben und glücklich; und dazu ist nichts Einfacheres in der Welt, gnädiger Herr, als ein hübsches Heiratsgut.
DORN  Das sollt ihr haben!

Gespräche Eckermann

 Ende

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