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2019-08-23

Johann Wolfgang von Goethe: Die Fischerin- Ein Singspiel




Die Fischerin ein Singspiel

Auf dem natürlichen Schauplatz zu Tiefurt vorgestellt


PERSONEN

Dortchen.
Ihr Vater.
Niklas, ihr Bräutigam.
Nachbarn.

Unter hohen Erlen am Flusse stehen zerstreute Fischerhütten.
Es ist Nacht und stille. An einem kleinen Feuer
sind Töpfe gesetzt, Netze und Fischergeräte ringsumher
aufgestellt.

DORTCHEN (beschäftigt, singt).
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?—
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?—
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.—

"Du liebes Kind, komm, geh mit mirl
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand."—

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlcnkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, Kind;
In dürren Blattern säuselt der Wind.—

"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter fuhren den nächtlichen Reihn
und wiegen und tanzen und singen dich ein. —

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort?—
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,
Es scheinen die alten Weiden so grau.—

"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!"
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich anl
Erlkönig hat mir ein Leids getan.—

Dem Vater grausets, er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Müh und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Nun hätt ich für Ungeduld alle meine Lieder zweimal
durchgesungen, und es täte not, ich fange sie zum drittenmal
an. Sie kommen noch nicht! kommen nichtl und bleiben
wieder wie gewöhnlich unerträglich außen, so heilig
sie versprochen haben, heute recht beizeiten wieder da
zu sein. Die Erdäpfel sind zu Mulm verkocht, die Suppe
ist angebrannt, mich hungert, und ich schiebe von jedem
Augenblick zum andern auf, meinen Teil allein zu essen,
weil ich immer denke, sie kommen, sie müssen kommen.
Bei den Mannsleuten ist alle Mühe verloren, sie sind doch
nicht zu bessern. Ich habe gedroht, gemurrt, Gesichter
geschnitten, das Essen verdorben und, wenn das alles
nicht helfen wollte, recht schön gebeten; und sie machens
einen Tag wie den andern nach ihrer Weise. Über Niklas
ärgere ich mich am meisten, denn der will wunder tun,
als wenn er mich lieb hätte, als wenn er mir alles aus den
Augen absehn wollte, und dann treibt ers doch, als wenn
ich schon seine Frau wäre. Verlohnte sichs nur der Mühe,
so möchte noch alles gut sein. Kämen sie immer von
ihrem Fange recht beladen zurück, daß das Schiff sinken
möchte, und man was zu Markte tragen könnte, da möchts
noch gut sein; man könnte nachher auch wieder etwas
auf sich wenden und brauchte nicht immer so schlecht
zu essen, zu trinken und einherzugehn. Gerade das Gegenteil
je weniger gefangen, je später kommen sie nach
Haus. Neulich abend habe ich ihnen vom Hügel sehn,
wie sies machen, und wäre fast vor Ungeduld vergangen.
Anstatt hübsch frisch zu rudern, lassen sie den
Kahn treiben und rauchen ihr Pfeifchen in Ruh. Da kommt
einer den Fußpfad am Ufer her, da reitet einer seine Pferde
in die Schwemme, da.gibts ein "Guten Tags" und "Guten
Abends", daß kein Ende ist. Bald fahren sie da an, bald dorten,
und das größte Unglück ist, daß die Schenke am Wasser
liegt. Sie sind gewiß wieder ausgestiegen und lassen sichs
wohl sein, und wann sie nach Hause kommen, sind sie
wieder durstig. Es ist mir recht zuwider! recht ernstlich
zuwider!

Für Männer uns zu plagen,
Sind leider wir bestimmt.
Wir lassen sie gewähren.
Wir folgen ihrem Willen;
Und wären sie nur dankbar,
So war noch alles gut.

Und rührt sich im Herzen
Der Unmut zuweilen:
Stille! heißt es,
Stille! liebes Herz!

Aber ich will auch nicht länger
Allen ihren Grillen folgen,
Alles mir gefallen lassen;
Will nach meinem Kopfe tun!

Wenn ich nur was anstellen könnte, was sie recht verdrösse!
Wenn ich böse tue, sind sie freundlich, und wenn
ich ihnen die Schüssel hinstoße, so essen sie ganz gelassen.
Wenn ich mich in eine Ecke setze, so sprechen
sie unter sich. Man sagt immer, die Weiber schwätzten
viel, und wenn die Männer anfangen, so hats gar kein
Ende. Ich will mich ins Bette legen und das Feuer ausgehn
lassen; da mögen sie sehn, wer ihnen aufwartet. Ja,
was hilft mich das? Da lassen sie mich wohl auch liegen!
Ich wollte lieber, sie zankten und lärmten; es ist nichts
abscheulicher als gleichgültige Mannsleute! Ich bin so
wild! so toll! daß ich gar nicht weiß, was ich anfangen
soll. Ich möchte mir selbst was zuleide tun! Sie werden
mich am Ende noch rasend machen! Und wenns gar zu
bunt wird, so spring ich ins Wasser! Da mögen sie zusehn,
wo sie ein Dortchen wiederkriegen, das ihnen ihre
Sachen so ordentlich hält und alles von ihnen erträgt,
nicht von Hause kommt und für alles sorgt. Wann ich
tot bin, da werden sie sehn, was sie an mir gehabt haben,
werden sich ihre Undankbarkeit vorwerfen; es wird aber
zu spät sein, und es wird mir und ihnen nichts helfen.
[Sie fängt an zu weinen.) Da werden sie sich die Haare
ausraufen und werden schreien und jammern, daß sie nicht
eher nach Hause gekommen sind. Aber ich bin doch ein
rechter Narr, daß ich mich so um sie betrübe! Und wann
sie nach Hause kommen, tun sie, als wenns gar nichts
wäre. Ich könnte sie schon strafen, daß sie mich so oft
in Sorgen lassen für nichts und wieder nichts; und wenn
ich denke, es ist einem ein Unglück geschehen, so lassen
sie sichs beim Branntewein wohlschmecken. Ja, das
will ich tun! Es soll aussehen, als wenn ich ins Wasser
gefallen wäre. Den einen Eimer will ich verstecken und
den andern aufs Brett hinaufstellen und mein Hütchen
ins Gebüsch hängen. Sie sollen glauben, ich sei ins Wasser
gefallen, und am Ende will ich sie recht auslachen.
(Man hört von weiten singen.) Ich höre sie schon von
weiten. (Sie macht alles zurechte, stellt den Eimer, hängt
das Hütchen ins Gebüsche) So siehts recht natürlich aus!
Nun mögt ihrs haben! (Sie versteckt sich.)
DER VATER und NIKLAS (in der Ferne im Kahne).

Wenn der Fischer 's Netz auswirft,
Die Fischlein aufzufangen,
Spannt er still und hoffnungsvoll,
Viel Beute zu erlangen.
Rasch wirft er die Garn' hinaus.
Kehrt betrübt und leer nach Haus.

Fähret denn den andern Tag
Mit seinem Schifflein wieder.
Und von schönem, reichen Fang
Sinkt das Schiff fast nieder;
So wir fuhren heut hinaus,
Kehren vergnügt und reich nach Haus.
DORTCHEN (läßt sich wieder sehen). Fast wird mirs
bange! Ich möcht es wieder wegtun! Soll ich? Soll ich
nicht? Sie sind gar zu nahe, ich muß es lassen.
NIKLAS (herausspringend). Haltet anl Ich will den Kahn
festbinden.
VATER. Das hieß ein Fang!
NIKLAS. Der beste im ganzen Jahr.
VATER. Und so unvermutet! Ich dachte an nichts weniger.
Nur geschwind! daß sie nur alle, wie sie sind, in die Fischkasten
kommen bis morgen frühe.
NIKLAS. Sie gehn nicht alle hinein.
VATER. Wir lassen einen Teil in den Gefäßen stehen.
Sie müssen nur in der Nacht noch einmal frisch Wasser
haben.
NIKLAS. Dafür laßt mich sorgen.
VATER. Gib her, ich will das hinübertragen.
NIKLAS. Geht nur hinauf und ruht aus, und sagts Dortchen
und seht, wie es mit dem Essen steht. Sie wird
uns gewiß freundliche Gesichter machen, da wir so glücklich
nach Hause kommen.
VATER. Du wirst nicht fertig.
NIKLAS. Gleich! Gleich! Gebt nur acht, wie geschwind
ich bin.
VATER (heraufkommend). Es ist doch ein großer Unterschied,
ob man viel gefangen hat oder nichts. Gehts?
Kommst du zurecht?
NIKLAS. Recht gut!
VATER. Dortchen!—Wo stickst du? Dortchenl (Er sucht
sie überall um.) Nun, wohin die sich verlaufen hat! (In
den Topf sehend.) Das kocht alles, als wenn kein Wasser
in der Nähe wäre, es verbrennt schier. Niklas, mache,
daß du fertig wirst. Dortchen ist nicht da, und unsere
Mahlzeit geht im Rauch auf.
NIKLAS. Sie wird bei Susen sein; ruft ihr doch.
VATER. Sie wird schon kommenl Wir wollen es schon
allein verzehren, und sie hat ihren Teil doch immer vorneweg.
Sie kann nicht warten. Für eine Braut hat sie einen
erschrecklichen Appetit, Nun lustig! Vorauf einen Schluck
Branntewein, den haben wir wohl verdient.

Auf dem Fluß und auf der Erde
Ist der Fischer wohlgemut,
Auf dem Fluß und auf der Erde
Gehts dem armen Fischer,
Gehts dem Fischer schlecht und gut.

Um zu hungern und zu dürsten,
Fähret er des Morgens aus,
Und mit vieler Müh und Sorgen
Findet er sein Stückchen Brot.
Macht uns auch das Wasser naß,
Macht die Luft uns wieder trocken,
Und wir leben nach wie vor.

NIKLAS (der im Heraufkommen die letzten Verse mitsingt).
Das ist recht hübsch und gut, wenn man es nicht besser
haben kann.
VATER. Besser! Da versuch einmal die Erdäpfel.
NIKLAS. Ich kann Euch versichern, in der Stadt haben
sies bequemer. (Er sieht herum.) Stickt sie denn nirgends?
Dortchen! Lieb Dortchen! Nicht zu Hause? Sollte sie
sich versteckt haben? Sie wartet sonst so voll Ungeduld,
sie ist nicht leicht von ihrem Herde wegzubringen.
VATER. Setze dich her!
NIKLAS. Die Gerichte lassen sich auch stehend verzehren.
VATER. Du warst heute so nachdenklich.
NIKLAS. Ich gestehs Euch, daß es mir im Kopf herumgeht,
was so ein Bauerjunge ein vornehmer Herr wird,
wenn er in die Stadt kommt.
VATER. Ja, das steckt an.
NIKLAS. Wenn ich Dortchen habe, meintet Ihr nicht,
daß ich mich drinnen nach einem Dienste umsehen soll?
VATER. Was ist denn da drinnen zu fischen?
NIKLAS. Genug! nur mit andern Netzen.
VATER. Was kannst du denn, um dich fortzubringen?
NIKLAS. Ich kann alles lernen.
VATER. Ein hübscher Anfang!
NIKLAS. Ich habe nichts zu verlieren.
VATER. Eine schöne Ausstattung! und eine beredte Empfehlung
dazu: denn du hast eine schöne Frau.
NIKLAS. Nein, Vater! darauf versteh ich
 keinen Spaß.
VATER. Ach, du kannst alles lernen!
NIKLAS. Da schmeiß ich gewiß zu,
VATER. Da schmeißt sichs nicht so.
NIKLAS. Wo nur Dortchen ist?
VATER. Laß sie sein und rede.
NIKLAS. Was denn?
VATER. Schwatze nur.
NIKLAS. Wovon?
VATER. Was du willst.
NIKLAS. Es fällt mir nichts ein.
VATER. So lüge was.
NIKLAS. Die schönen Livreen haben mir lange in die
Augen gestochen, Sie habens recht bequem, gut Essen
und Trinken und eine Aussicht auf ihre alten Tage.
VATER. Das stickt dir gewaltig im Kopfe. Und was soll
ich denn indessen anfangen?
NIKLAS. Ihr kommt immer fort.
VATER. Aber wie?
NIKLAS. Und könnt hernach zu uns ziehn,
VATER Sei kein Tor! Ich lass euch nicht weg, und damit
ists aus.
NIKLAS Ich hör sie kommen,
VATER. Iss nur und sei ruhig.
NIKLAS. Nein, es war nichts.
VATER. Sie wird nicht ausbleiben. Und nächstens noch
weniger.
NIKLAS. Laßt mich nach ihr gehn.
VATER. Ich mag nicht allein sein.
NIKLAS. Ich will ihr rufen.
VATER. So ruhe doch! Sing eins, das die Zeit vergeht,
und darnach werden wir ungewiegt einschlafen. Ich rauche
mein Pfeifchen dazu, und genug für heute.
NIKLAS. Wenn sie nur da wäre, sänge ich den Zweiten.
VATER. So singe du jetzt beide zusammen. Sei kein
Kind!
NIKLAS. Was wollt Ihr denn?
VATER. Mir ists eins.
NIKLAS. Die Geschichte vom Wassermann?
VATER. Wie der Wassermann das Mädchen aus der
Kirche holt?
NIKLAS. Ebendas.
VATER. Sollte denn da dran was Wahres sein?
NIKLAS. Behüte Gott! Es ist ein Märchen.
VATER. Du meinst, es wäre ganz und gar erlogen?
NIKLAS. Freilich!
VATER. Ich habe doch manchmal auch wundersame
Geschichten gehört, und oft geschieht einem auch so was,
wo es nicht just ist. Bist du niemals getickt worden?
NIKLAS. Ach ja, aber bei Tage.
VATER. Ich rede nicht gern davon.
NIKLAS. Es sind Einbildungen. (Er fängt an zu singen)
VATER. Es platzte dahinten etwas.
NIKLAS. Nicht doch, es ist das Wasser.
VATER. So sing nur. Ich bin nun schon so alt geworden,
und manchmal überläuft michs doch.
NIKLAS. Nun hört denn auch, es ist eher lächerlich als
grauslich.

''O Mutter, guten Rat mir leiht,
Wie soll ich bekommen die schöne Maid?"

Sie baut ihm ein Pferd von Wasser klar,
Und Zaum und Sattel von Sande gar.

Sie kleidet ihn an zum Ritter fein;
So ritt er Marienkirchhof hinein.

Er band sein Pferd an die Kirchentür,
Er ging um die Kirch dreimal und vier.

Der Wassermann in die Kirch ging ein,
Sie kamen um ihn, groß und klein.

Der Priester eben stand vorm Altar:
''Was kommt für ein blanker Ritter dar?"

Das schöne Mädchen lacht in sich:
"O war der blanke Ritter für mich!"

Er trat über einen Stuhl und zwei:
"O Mädchen, gib mir Wort und Treu!"

Er trat über Stühle drei und vier:
''O schönes Mädchen, zieh mit mir!"

Das schöne Mädchen die Hand ihm reicht:
"Hier hast du meine Treu, ich folg dir leicht."

Sie gingen hinaus mit Hochzeitschar,
Sie tanzten freudig und ohne Gefahr.

Sie tanzten nieder bis an den Strand,
Sie waren allein jetzt Hand in Hand.

"Halt, schönes Mädchen, das Roß mir hier!
Das niedlichste Schiffchen bring ich dir."

Und als sie kamen auf den weißen Sand,
Da kehrten sich alle Schiffe zu Land;

Und als sie kamen auf den Sund,
Das schöne Mädchen sank zu Grund.

Noch lange hörten am Lande sie,
Wie das schöne Mädchen im Wasser schrie.

Ich rat euch Jungfern, was ich kann:
Geht nicht in Tanz mit dem Wassermann.

VATER. Ein lustiger Tanz! eine schöne Invitation!
NIKLAS. Habt Ihr nichts schreien gehört?
VATER. Einbildungen! Wenn ich mich nicht fürchte,
hör ich nichts; dir fällt noch was aus dem Lied ein.
NIKLAS. Es schrie wahrhaftig. Mir fiels unterm Singen
so aufs Herz, und ich wollte schwören, ich hörte was.
VATER. Fängst du nun an? du Großhans!
NIKLAS. Ich ruh Euch nicht eher, bis ich weiß, wo sie ist.
VATER. Sie ist kein klein Kind, sie wird nicht ins Wasser
fallen,
NIKLAS. Der Wassermann ist mir zuwider.
VATER. Siehst du nicht gar die Nixe!
NIKLAS. Nein, es ahndet mir was.
VATER. Es träumt dir.
NIKLAS. Es gibt ein Unglück! ein Unglück!
VATER. Geh nur! Lauf nur, du machst mir bange. Ich
will auch suchen.
NIKLAS. Dortchen! Dortchen!
VATER. Nur nicht so ängstlich. Dortchenl
NIKLAS. Mein Dortchenl
VATER. Fasse dich nur, sei nicht so albern.
NIKLAS. Ach, mein Dortchen! mein Dortchen!
VATER. Lauf nur zu Susen, ich will zum Gevatter hinauf.
NIKLAS. Sie wäre gewiß hier.
VATER. Es ist nicht möglich.
NIKLAS. Vater, ich fahre aus der Haut.
VATER. So geh nur vom Flecke. Sehe nur nach, am
Ende liegt sie gar im Bettel
NIKLAS. Nein doch, nein!
VATER. Sie hat erst Wasser holen wollen, da steht der
Stutz.
NIKLAS. Wo ist der andre? ich seh ihn nicht.
VATER. Wer weiß!
NIKLAS. Vater, ach, Vater!
VATER. Was ists?
NIKLAS. Ich bin des Todes!
VATER. Was gibts?
NIKLAS. Sie ist ertrunken! Hier hängt ihr Hütchen. Im
Wasserschöpfen fiel sie hinein! Vater!
VATER. Laß sehen! Laß sehen! Unglück über alle Unglücke!

Helft! helft sie retten!
Sie ist ertrunken!
Ist unvorsichtig
In Fluß gesunken!
Um Gottes willen.
Was stehst du da?

NIKLAS. Es lähmt der Schrecken
Mir alle Glieder.
Ich steh verworren,
Ich sinke nieder;
Ich kann nicht wissen,
Wie mir geschah.

VATER. Die Nachbarn schlafen,
Ich will sie wecken.
Auf! hört uns, höret!
Vernehmt das Schrecken!
CHOR (erst einzeln, dann zusammen).
Was gibts! Wer ruft uns?
Uns durch die Nacht?
VATER. Helft! helft sie retten!
Sie ist ertrunken!
Ist unvorsichtig
In Fluß gesunken!
Um Gottes willen.
Was steht ihr da!
ALLE (bald wechselnd, bald zusammen). Eilt nur geschwinde!
Lauft nach den Reusen!
Wohl blieb sie hangen.
Und zündet Schleißen,
Und brennet Fackeln
Und Feuer an!
Geschwind zu Schiffe!
Herbei die Stangen!
Sie aufzusuchen!
Sie aufzufangen!
Den Strom hinunter!
Habt acht! Habt acht!
DORTCHEN (aus dem Gebüsche hervortretend).
Es ist mir der Streich,
Er ist mir gelungen!
Doch sind sie in Schrecken
Und Angst um mich!
Ich habe die Lieben
Vergebens geängstet;
Mich jammern die Armen!
Ich eile, zu sagen,
Ich eile, zu rufen:
Hier bin ich!
Noch leb ich!
Noch leb ich für euch. (Ab)
VATER (der von dem Wasser heraufkommt).
Ihre Stimm hab ich vernommen,
Himmel! wäre sie entkommen!
Hör ich hie? und hör ich da?
Sie schien fern und schien mir nah.
DORTCHEN (zurückkehrend).
Ja, Ihr habet recht vernommen;
Ach, ich bin zu spät gekommen!
Lieber Vater, ich bin da!
O verzeiht mir, was geschah!
VATER. Wie? und du bist nicht ertrunken?
Find ich dich nicht einmal feucht?
DORTCHEN. Ich bin nicht in Fluß gesunken,
Vater, wie es euch gedeucht.
VATER. Heisa lustig!
Sie ist wieder hier!
Hört auf, zu suchen!
Hört auf, euch zu ängsten!
Kommt her,
Freut euch mit mir!
Doch wo, sag an, hast du gesteckt?
DORTCHEN. Verzeiht, wenn ich euch so erschreckt!
O laßt euch sagen;
Ich wollt euch plagen,
Ich wollt euch necken
Und euch erschrecken;
Ich macht euch bange,
Weil ihr so lange
Von Hause bleibt.
Ja, mein Vater, Ihr müßt mir verzeihen, es war wirklich
nicht so bös gemeint. Ihr wißt, wie ich Euch immer so
inständig bitte, mich nicht warten zu lassen, zur rechten
Zeit beim Essen zu sein. Glaubt Ihr, daß michs niemals
verdrießt, daß ich niemals Langeweile habe, wenn ich so
bis in die tiefe Nacht alleine sitzen muß, und Ihr außen
bleibt und meinen Bräutigam zurückhaltet, daß er nicht
so bald wieder bei mir sein kann, als er es gerne wünschte?
Ihr müßt mir diese Posse nicht übelnehmen und wieder
gut sein.
VATER. Du Bösewicht!
Du ungeraten Kind!
Uns so zu necken!
So zu erschrecken!
Niklas verzweifelt,
Dich zu erretten;
Nachbarn und Freunde
Sind aus den Betten,
Jammern und klagen,
Schrein und verzagen.
Sag, welch ein Mutwill.
Tolle! dich treibt?
DORTCHEN. Hört mich nur!
Schreit nicht so!
Haltet mit Schelten!
VATER. Möcht ich doch.
Sollt ich doch
Dir es vergelten!
DORTCHEN. Glaubt nur, es reut mich,
Was ich getan.
VATER. Kaum und mit Mühe
Halt ich mich an.
NIKLAS (kommt mit den andern). Ach Himmel, sie lebt!
sie ist da! Dortchen, wo bist du geblieben?
DORTCHEN. Lieber Niklas!
VATER. Es ist dein Glück, daß sie kommen!
NIKLAS. Sag mir nur!—Ich muß dich küssen!
VATER. Weg mit ihr! Sie verdient die Freude nicht.
NIKLAS. Ich kann mich noch nicht erholen.
DORTCHEN. Rede dem Vater zu.
NIKLAS. Vater, beruhigt Euch, sie ist ja nicht verloren.
VATER. Ei was! davon ist die Rede nicht! Sie verdiente,
daß ich ihr den Mutwillen austriebe.
NIKLAS. Was soll das heißen?
VATER. Verstehst du denn nichts?
NIKLAS. Ich habe noch nichts gehört.
DORTCHEN. Vergib mir im vorausl
NIKLAS. Ich begreife kein Wort.
VATER. Sie hat uns zum besten gehabt.
DORTCHEN. Ihr habt mich oft genug geängstigt; da
wißt ihr, wie's tut.
NIKLAS. Wie kam denn dein Hütchen hier ins Gebüsche?
DORTCHEN. Ich hings hinein.
NIKLAS. Du Vogel! Es war kein feiner Spaß, denn du
weißt, wie wir dich lieben.
DORTCHEN. Mit Überlegung geschahs nicht. Der Unmut
überraschte mich. Wie oft soll ich noch sagen: verzeiht!
NIKLAS. Unter Einer Bedingung.
DORTCHEN. Und die?
NIKLAS. Daß du Ernst machst. Und daß wir von den
Fischen, die wir heute gefangen haben, die schönsten
morgen zur Hochzeit auftischen.
DORTCHEN. Laß mich!
VATER. Ganz gut! Wenns mir nachgeht, sollst du keine
Gräte davon zu sehn kriegen, und sollst dein Ja noch
lange für dich behalten.
DORTCHEN. Das wäre keine große Strafe.
VATER. Denk doch! Ich nehm dich beim Wort; du darfst
mir den Kopf nicht toller machen.
NIKLLAS. Stille, Vater, und laßt uns gewähren. Ich habe
Eure Einwilligung, und wegen der Schäkerei wollen wir—
VATER. Und über eurem Geschwätze wollen wir nicht
vergessen, daß die Nachbarn mit Recht einen großen Dank
und einen guten Schlaftrunk fordern können, da wir sie
doch umsonst geweckt haben. Sieh, wie sie beisammenstehen
und sich verwundern, daß uns nichts einfällt.
NIKLAS. Ihr habt recht. Dortchen, gib uns die Flasche.
Sie haben sichs um deinetwillen recht angelegen sein
lassen. Es war ihnen rechter Ernst, dich zu finden und
dich zu retten. Ich hab es erst gesehen, wie lieb du
allen bist.
(Dortchen bringt Flasche und Glas, schenkt ein und reichts
dem Alten.)
VATER. Gute Freunde, tausend Dank! Und zu guter
Nacht eure Gesundheit! Prosit allerseits! Und nun ringsherum
auf das Wohl des Brautpaars!
ALLE (trinken). Prosit hoch!
VATER. Das Mädchen, wovon du gestern das Lied sangst,
kriegte einen Mann durch Witz; du kriegst ihn durch
Schalkheit. Ihr probiert doch alle Wege, bis einer gelingt.
DORTCHEN. Pfui doch! das wäre auch der Mühe wert.
VATER. Es war ein Ritter, er reist durchs Land,
Er sucht ein Weib nach seiner Hand.
Er kam wohl an einer Witwe Tür,
Drei schöne Töchter saßen vor ihr;
Der Ritter, er sah und sah sie lang,
Zu wählen war ihm das Herz so bang.
NIKLAS. Wer antwort't mir der Fragen drei,
Zu wissen, welche die Meine sei?
DORTCHEN. Leg vor, leg vor uns der Fragen drei.
Zu wissen, welche die Deine sei.
NIKLAS. Sag, was ist länger als der Weg daher.-
Und was ist tiefer als das tiefe Meer?
Oder was ist lauter als das laute Horn?
Und was ist schärfer als der scharfe Dorn?
Oder was ist grüner als grünes Gras?
Und was ist ärger, als ein Weibsbild was?
VATER. Die erste, die zweite, sie sannen nach;
Die dritte, die jüngste, die schönste sprach:
DORTCHEN. O Lieb ist länger als der Weg daher,
Und Höll ist tiefer als das tiefe Meer,
Und der Donner ist lauter als das laute Horn,
Und der Hunger ist schärfer als der scharfe Dorn,
Und Gift ist grüner als grünes Gras,
Und der Teufel ist ärger, als ein Weibsbild was.
VATER. Kaum hat sie die Fragen beantwort't so,
Der Ritter, er eilt und wählet sie froh.
Die erste, die zweite, sie sannen nach,
Indes ihnen jetzt ein Freier gebrach.
ALLE. Drum, liebe Mädchen, seid auf der Hutl
Fragt euch ein Freier, antwortet gut.
VATER (zu den Nachbarn). Ihr wollt nun wohl auch
wieder zu Bette? Kommt nur noch einen Augenblick
herunter, zu sehn, was wir für einen Fang getan haben.
Ich muß ihnen noch frisch Wasser geben; mein einer
Fischkasten ist zu Trümmern, und in den andern gehn
sie nicht alle. (Ab mit den Nachbarn)
NIKLAS. Was bist du so still?
DORTCHEN. Laß mich in Rubel
NIKLAS. Bist du nicht vergnügt, die Meine zu sein?
DORTCHEN. Es hat sich!
NIKLAS. Bin ich dir zuwider?
DORTCHEN. Wer sagt das?
NIKLAS. Du schienst mich ja sonst nicht zu verachten?
DORTCHEN. Wer tut das?
NIKLAS. Du magst mich nicht?
DORTCHEN. Hab ich dir einen Korb gegeben?
NIKLAS. Ich versteh dich nicht.
DORTCHEN. Du bist mir beschwerlich.
NIKLAS. Soll ich gehn?
DORTCHEN. Wenn dirs gefällt.
NIKLAS. Das heißt mit einem Bräutigam wunderlich
umgehen.
DORTCHEN. Morgen! schon morgen!
NIKLAS. Nun warum nicht, wenn du mich lieb hast?
DORTCHEN. Ach!
NIKLAS. Was fehlt dir? Ich kann dich nicht so traurig
sehen, ich bins gar nicht gewohnt; rede, erkläre dich!
DORTCHEN. Was soll dir das? Gehe nur hinunter! helfe
dem Alten, daß er fertig wird, daß er nicht ewig kramt!
NIKLAS. Liebst du mich?
DORTCHEN. Ja doch! geh nur!
NIKLAS. Und bist so niedergeschlagen!
DORTCHEN. Plage mich nicht! Ich bin deine Braut,
morgen deine Frau, da hast du einen Kuß drauf und laß
mich allein. (Sie küßt ihn, er geht ab.)
DORTCHEN. So muß und soll es denn sein, was ich so
lange wünschte und fürchtete.

Ich habs gesagt schon meiner Mutter,
Schon aufgesagt vor Sommers Mitte:

Such, liebe Mutter, dir nur ein Mädchen,
Ein Spinnermädchen, ein Webermädchen.

Ich hab gesponnen genug weißes Flächschen,
Hab genug gewirket das feine Linnchen,

Hab genug gescheuert die weißen Tischchen,
Hab genug gefeget die grünen Höfchen,

Hab genug gehorchet der lieben Mutter,
Muß nun auch gehorchen der lieben Schwieger,

Hab genug geharket das Gras der Auen,
Hab genug getragen den weißen Harken.

O du mein Kränzchen von grüner Raute,
Wirst nicht lang grünen auf meinem Haupte!

Ihr meine Flechtchen von grüner Seide,
Sollt nicht mehr funkeln im Sonnenscheine!

O du mein Härlein, mein gelbes Härlein,
Wirst nicht mehr flattern im wehnden Winde!

Besuchen werd ich die liebe Mutter
Nicht mehr im Kranze, sondern im Häubchen!

O du mein Häubchen, mein feines Häubchen,
Du wirst noch schallen im wehnden Winde!

Und du mein Nähzeug, mein buntes Nähzeug,
Du wirst noch schimmern im Mondenscheine!

Ihr meine Flechtchen von grüner Seide,
Ihr werdet hangen, mir Tränen machen!

Ihr meine Ringchen, ihr goldnen Ringchen,
Ihr werdet liegen, im Kasten rosten!

VATER (indem er heraus kommt). Nicht wahr, das sind fette
Bursche?

NIKLAS. Nun gute Nacht!
VATER. Gute Nacht allerseits! Sagt doch auch der Braut
gute Nachtl Gute Nacht an Jungfer Dortchen! Morgen um
diese Zeit—
DORTCHEN. Verschont mich mit dem Spaß! Ich habe
das Gerede recht satt, und wenn ihr es morgen nicht
besser treibt, so mag die Eule Braut sein.
SCHLUSSGESANG.
Wer soll Braut sein?
Eule soll Braut sein!
Die Eule sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich bin ein sehr gräßlich Ding,
Kann nicht die Braut sein,
Ich kann nicht die Braut sein!

Wer soll Bräutigam sein?
Zaunkönig soll Bräutigam sein!
Zaunkönig sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich bin ein sehr kleiner Kerl,
Kann nicht Bräutigam sein,
Ich kann nicht der Bräutigam sein!

Wer soll Brautführer sein?
Krähe soll Brautführer sein!
Die Krähe sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich bin ein sehr schwarzer Kerl,
Kann nicht Brautführer sein.
Ich kann nicht der Brautführer sein!

Wer soll Koch sein?
Wolf soll Koch sein!
Der Wolf, der sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich bin ein sehr tückscher Kerl,
Kann nicht Koch sein,
Ich kann nicht der Koch sein!

Wer soll Mundschenk sein?
Hase soll Mundschenk sein!
Der Hase sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich bin ein sehr schneller Kerl,
Kann nicht Mundschenk sein,
Ich kann nicht der Mundschenk sein!

Wer soll Spielmann sein?
Storch soll Spielmann sein!
Der Storch, der sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Ich hab einen großen Schnabel,
Kann nicht wohl Spielmann sein,
Ich kann nicht wohl Spielmann sein!

Wer soll der Tisch sein?
Fuchs soll der Tisch sein!
Der Fuchs, der sprach zu ihnen
Hinwieder, den beiden:
Sucht euch einen andern Tisch!
Ich will mit zu Tisch sein,
Ich will mit zu Tisch sein!

Was soll die Aussteuer sein?
Der Beifall soll die Aussteuer sein!
Kommt, wendet euch zu ihnen,
Die unserm Spiele lächeln!
Was wir auch nur halb verdient,
Geb uns eure Güte ganz,
Geb uns eure Güte ganz!

Gespräche Eckermann

 Ende

Goethe auf meiner Seite

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