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2019-08-10

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 1. Akt 1. Szene

               Iphigenie auf Tauris






Angelika Kaufmann:  Szene aus Goethes Iphigenie 



Erster Akt
                               
Erste Szene

                           
IPHIGENIE.  
   Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
   Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
   Wie in der Göttin stilles Heiligtum
   Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
   Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
   Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
   So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
   Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
   Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
   Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
   Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
   Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
   Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
   Nur dumpfe Töne brausend mir herüber.
   Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
   Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
   Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
   Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
   Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
   Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo
   Sich Mitgeborne spielend fest und fester
   Mit sanften Banden aneinander knüpften.
   Ich rechte mit den Göttern nicht, allein
   Der Frauen Zustand ist beklagenswert.
   Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann,
   Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
   Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
   Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
   Wie enggebunden ist des Weibes Glück!
   Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
   Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
   Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!
   So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
   In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
   O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
   Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
   Dir, meiner Retterin! Mein Leben sollte
   Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
   Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
   Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich, 
   Des größten Königes verstoßne Tochter,
   In deinen heil'gen, sanften Arm genommen.
   Ja, Tochter Zeus', wenn du den hohen Mann,
   Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
   Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
   Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
   Von Trojas umgewandten Mauern rühmlich
   Nach seinem Vaterland zurückbegleitet,
   Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
   Die schönen Schätze, wohl erhalten hast;
   So gib auch mich den Meinen endlich wieder
   Und rette mich, die du vom Tod errettet,
   Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!

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