> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 4. Akt 1. Szene

2019-08-10

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 4. Akt 1. Szene

             
           

                               
Vierter Akt
                                   
Erste Szene


IPHIGENIE.
   Denken die Himmlischen
   Einem der Erdgebornen
   Viele Verwirrungen zu,
   Und bereiten sie ihm
   Von der Freude zu Schmerzen
   Und von Schmerzen zur Freude
   Tief erschütternden Übergang:
   Dann erziehen sie ihm
   In der Nähe der Stadt,
   Oder am fernen Gestade,
   Daß in Stunden der Not
   Auch die Hilfe bereit sei,
   Einen ruhigen Freund.
   O segnet, Götter, unsern Pylades
   Und was er immer unternehmen mag!
   Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
   Des Greises leuchtend Aug' in der Versammlung:
   Denn seine Seel' ist stille; sie bewahrt
   Der Ruhe heil'ges unerschöpftes Gut,
   Und den Umhergetriebnen reichet er
   Aus ihren Tiefen Rat und Hilfe. Mich
   Riß er vom Bruder los; den staunt' ich an
   Und immer wieder an, und konnte mir
   Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
   Aus meinen Armen los, und fühlte nicht
   Die Nähe der Gefahr, die uns umgibt.
   Jetzt gehn sie, ihren Anschlag auszuführen,
   Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten,
   In einer Bucht versteckt, aufs Zeichen lauert,
   Und haben kluges Wort mir in den Mund
   Gegeben, mich gelehrt, was ich dem König
   Antworte, wenn er sendet und das Opfer
   Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
   Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind.
   Ich habe nicht gelernt, zu hinterhalten,
   Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
   O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
   Wie jedes andre, wahrgesprochne Wort,
   Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
   Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
   Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
   Gewendet und versagend, sich zurück
   Und trifft den Schützen. Sorg' auf Sorge schwankt
   Mir durch die Brust. Es greift die Furie
   Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
   Des ungeweihten Ufers grimmig an?
   Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
   Gewaffnete sich nahen! Hier! Der Bote
   Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt.
   Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
   Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
   Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.


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