> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 1. Akt 3. Szene

2019-08-10

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 1. Akt 3. Szene

                      
           
Erster Akt        
               
Dritter Szene



                                    Iphigenie. Thoas.

IPHIGENIE.
   Mit königlichen Gütern segne dich
   Die Göttin! Sie gewähre Sieg und Ruhm
   Und Reichtum und das Wohl der Deinigen
   Und jedes frommen Wunsches Fülle dir!
   Daß, der du über viele sorgend herrschest,
   Du auch vor vielen seltnes Glück genießest.

THOAS.
   Zufrieden wär' ich, wenn mein Volk mich rühmte:
   Was ich erwarb, genießen andre mehr
   Als ich. Der ist am glücklichsten, er sei
   Ein König oder ein Geringer, dem
   In seinem Hause Wohl bereitet ist.
   Du nahmest teil an meinen tiefen Schmerzen,
   Als mir das Schwert der Feinde meinen Sohn,
   Den letzten, besten, von der Seite riß.
   Solang' die Rache meinen Geist besaß,
   Empfand ich nicht die Öde meiner Wohnung;
   Doch jetzt, da ich befriedigt wiederkehre,
   Ihr Reich zerstört, mein Sohn gerochen ist,
   Bleibt mir zu Hause nichts, das mich ergetze.
   Der fröhliche Gehorsam den ich sonst
   Aus einem jeden Auge blicken sah,
   Ist nun von Sorg' und Unmut still gedämpft.
   Ein jeder sinnt, was künftig werden wird,
   Und folgt dem Kinderlosen, weil er muß.
   Nun komm' ich heut' in diesen Tempel, den
   Ich oft betrat, um Sieg zu bitten und
   Für Sieg zu danken. Einen alten Wunsch
   Trag' ich im Busen, der auch dir nicht fremd
   Noch unerwartet ist: ich hoffe, dich,
   Zum Segen meines Volks und mir zum Segen,
   Als Braut in meine Wohnung einzuführen.

IPHIGENIE.
   Der Unbekannten bietest du zu viel,
   O König, an. Es steht die Flüchtige
   Beschämt vor dir, die nichts an diesem Ufer
   Als Schutz und Ruhe sucht, die du ihr gabst.

THOAS.
   Daß du in das Geheimnis deiner Abkunft
   Vor mir wie vor dem Letzten stets dich hüllest,
   Wär' unter keinem Volke recht und gut.
   Dies Ufer schreckt die Fremden: das Gesetz
   Gebietet's und die Not. Allein von dir,
   Die jedes frommen Rechts genießt, ein wohl
   Von uns empfangner Gast, nach eignem Sinn
   Und Willen ihres Tages sich erfreut,
   Von dir hofft' ich Vertrauen, das der Wirt
   Für seine Treue wohl erwarten darf.

IPHIGENIE.
   Verbarg ich meiner Eltern Namen und
   Mein Haus, o König, war's Verlegenheit,
   Nicht Mißtraun. Denn vielleicht, ach! wüßtest du,
   Wer vor dir steht, und welch verwünschtes Haupt
   Du nährst und schützest: ein Entsetzen faßte
   Dein großes Herz mit seltnem Schauer an,
   Und statt die Seite deines Thrones mir
   Zu bieten, triebest du mich vor der Zeit
   Aus deinem Reiche; stießest mich vielleicht,
   Eh' zu den Meinen frohe Rückkehr mir
   Und meiner Wandrung Ende zugedacht ist,
   Dem Elend zu, das jeden Schweifenden,
   Von seinem Haus Vertriebnen überall
   Mit kalter, fremder Schreckenshand erwartet.

THOAS.
   Was auch der Rat der Götter mit dir sei,
   Und was sie deinem Haus und dir gedenken,
   So fehlt es doch, seitdem du bei uns wohnst
   Und eines frommen Gastes Recht genießest,
   An Segen nicht, der mir von oben kommt.
   Ich möchte schwer zu überreden sein,
   Daß ich an dir ein schuldvoll Haupt beschütze.

IPHIGENIE.
   Dir bringt die Wohltat Segen, nicht der Gast.

THOAS.
   Was man Verruchten tut, wird nicht gesegnet.
   Drum endige dein Schweigen und dein Weigern!
   Es fordert dies kein ungerechter Mann.
   Die Göttin übergab dich meinen Händen;
   Wie du ihr heilig warst, so warst du's mir.
   Auch sei ihr Wink noch künftig mein Gesetz:
   Wenn du nach Hause Rückkehr hoffen kannst,
   So sprech' ich dich von aller Fordrung los.
   Doch ist der Weg auf ewig dir versperrt,
   Und ist dein Stamm vertrieben oder durch
   Ein ungeheures Unheil ausgelöscht,
   So bist du mein durch mehr als ein Gesetz.
   Sprich offen! und du weißt, ich halte Wort.

IPHIGENIE.
   Vom alten Bande löset ungern sich
   Die Zunge los, ein langverschwiegenes
   Geheimnis endlich zu entdecken. Denn
   Einmal vertraut, verläßt es ohne Rückkehr
   Des tiefen Herzens sichre Wohnung, schadet,
   Wie es die Götter wollen, oder nützt.
   Vernimm! Ich bin aus Tantalus' Geschlecht.

THOAS.
   Du sprichst ein großes Wort gelassen aus.
   Nennst du den deinen Ahnherrn, den die Welt
   Als einen ehmals Hochbegnadigten
   Der Götter kennt? Ist's jener Tantalus,
   Den Jupiter zu Rat und Tafel zog,
   An dessen alterfahrnen, vielen Sinn
   Verknüpfenden Gesprächen Götter selbst,
   Wie an Orakelsprüchen, sich ergetzten?

IPHIGENIE.
   Er ist es; aber Götter sollten nicht
   Mit Menschen wie mit ihresgleichen wandeln:
   Das sterbliche Geschlecht ist viel zu schwach,
   In ungewohnter Höhe nicht zu schwindeln.
   Unedel war er nicht und kein Verräter,
   Allein zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
   Des großen Donnrers nur ein Mensch. So war
   Auch sein Vergehen menschlich; ihr Gericht
   War streng, und Dichter singen: Übermut
   Und Untreu stürzten ihn von Jovis Tisch
   Zur Schmach des alten Tartarus hinab.
   Ach, und sein ganz Geschlecht trug ihren Haß!

THOAS.
   Trug es die Schuld des Ahnherrn oder eigne?

IPHIGENIE.
   Zwar die gewalt'ge Brust und der Titanen
   Kraftvolles Mark war seiner Söhn' und Enkel
   Gewisses Erbteil; doch es schmiedete
   Der Gott um ihre Stirn ein ehern Band.
   Rat, Mäßigung und Weisheit und Geduld
   Verbarg er ihrem scheuen, düstern Blick:
   Zur Wut ward ihnen jegliche Begier,
   Und grenzenlos drang ihre Wut umher.
   Schon Pelops, der Gewaltig-Wollende,
   Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
   Sich durch Verrat und Mord das schönste Weib,
   Önomaus' Erzeugte, Hippodamien.
   Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,
   Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
   Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
   Aus einem andern Bette wachsend an.
   Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
   Das Paar im Brudermord die erste Tat.
   Der Vater wähnet Hippodamien
   Die Mörderin, und grimmig fordert er
   Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
   Sich selbst

THOAS.
   Du schweigest? Fahre fort zu reden!
   Laß dein Vertraun dich nicht gereuen! Sprich!

IPHIGENIE.
   Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
   Der froh von ihren Taten, ihrer Größe
   Den Hörer unterhält und, still sich freuend,
   Ans Ende dieser schönen Reihe sich
   Geschlossen sieht! Denn es erzeugt nicht gleich
   Ein Haus den Halbgott, noch das Ungeheuer;
   Erst eine Reihe Böser oder Guter
   Bringt endlich das Entsetzen, bringt die Freude
   Der Welt hervor. Nach ihres Vaters Tode
   Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
   Gemeinsam herrschend. Lange konnte nicht
   Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
   Des Bruders Bette. Rächend treibet Atreus
   Ihn aus dem Reiche. Tückisch hatte schon
   Thyest, auf schwere Taten sinnend, lange
   Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
   Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
   Dem füllet er die Brust mit Wut und Rache
   Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
   Im Oheim seinen eignen Vater morde.
   Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt: der König
   Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
   Er töte seines Bruders Sohn. Zu spät
   Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
   Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
   Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
   Auf unerhörte Tat. Er scheint gelassen,
   Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
   Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
   Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie
   Und setzt die ekle, schaudervolle Speise
   Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
   Und da Thyest an seinem Fleische sich
   Gesättigt, eine Wehmut ihn ergreift,
   Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
   Der Knaben an des Saales Türe schon
   Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
   Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin.
   Du wendest schaudernd dein Gesicht, o König:
   So wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
   Und ihren Wagen aus dem ew'gen Gleise.
   Dies sind die Ahnherrn deiner Priesterin;
   Und viel unseliges Geschick der Männer,
   Viel Taten des verworrnen Sinnes deckt
   Die Nacht mit schweren Fittichen und läßt
   Uns nur in grauenvolle Dämmrung sehn.

THOAS.
   Verbirg sie schweigend auch. Es sei genug
   Der Greuel! Sage nun, durch welch ein Wunder
   Von diesem wilden Stamme du entsprangst.

IPHIGENIE.
   Des Atreus ältster Sohn war Agamemnon:
   Er ist mein Vater. Doch, ich darf es sagen,
   In ihm hab' ich seit meiner ersten Zeit
   Ein Muster des vollkommnen Manns gesehn.
   Ihm brachte Klytämnestra mich, den Erstling
   Der Liebe, dann Elektren. Ruhig herrschte
   Der König, und es war dem Hause Tantals
   Die lang' entbehrte Rast gewährt. Allein
   Es mangelte dem Glück der Eltern noch
   Ein Sohn, und kaum war dieser Wunsch erfüllt,
   Daß zwischen beiden Schwestern nun Orest,
   Der Liebling, wuchs, als neues Übel schon
   Dem sichern Hause zubereitet war.
   Der Ruf des Krieges ist zu euch gekommen,
   Der, um den Raub der schönsten Frau zu rächen,
   Die ganze Macht der Fürsten Griechenlands
   Um Trojens Mauern lagerte. Ob sie
   Die Stadt gewonnen, ihrer Rache Ziel
   Erreicht, vernahm ich nicht. Mein Vater führte
   Der Griechen Heer. In Aulis harrten sie
   Auf günst'gen Wind vergebens: denn Diane,
   Erzürnt auf ihren großen Führer, hielt
   Die Eilenden zurück und forderte
   Durch Kalchas' Mund des Königs ältste Tochter.
   Sie lockten mit der Mutter mich ins Lager;
   Sie rissen mich vor den Altar und weihten
   Der Göttin dieses Haupt. Sie war versöhnt!
   Sie wollte nicht mein Blut und hüllte rettend
   In eine Wolke mich; in diesem Tempel
   Erkannt' ich mich zuerst vom Tode wieder.
   Ich bin es selbst, bin Iphigenie,
   Des Atreus Enkel, Agamemnons Tochter,
   Der Göttin Eigentum, die mit dir spricht.

THOAS.
   Mehr Vorzug und Vertrauen geb' ich nicht
   Der Königstochter als der Unbekannten.
   Ich wiederhole meinen ersten Antrag:
   Komm, folge mir und teile, was ich habe.

IPHIGENIE.
   Wie darf ich solchen Schritt, o König, wagen?
   Hat nicht die Göttin, die mich rettete,
   Allein das Recht auf mein geweihtes Leben?
   Sie hat für mich den Schutzort ausgesucht,
   Und sie bewahrt mich einem Vater, den
   Sie durch den Schein genug gestraft, vielleicht
   Zur schönsten Freude seines Alters hier.
   Vielleicht ist mir die frohe Rückkehr nah?
   Und ich, auf ihren Weg nicht achtend, hätte
   Mich wider ihren Willen hier gefesselt?
   Ein Zeichen bat ich, wenn ich bleiben sollte.

THOAS.
   Das Zeichen ist, daß du noch hier verweilst.
   Such' Ausflucht solcher Art nicht ängstlich auf.
   Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
   Der andre hört von allem nur das Nein.

IPHIGENIE.
   Nicht Worte sind es, die nur blenden sollen:
   Ich habe dir mein tiefstes Herz entdeckt.
   Und sagst du dir nicht selbst, wie ich dem Vater,
   Der Mutter, den Geschwistern mich entgegen
   Mit ängstlichen Gefühlen sehnen muß?
   Daß in den alten Hallen, wo die Trauer
   Noch manchmal stille meinen Namen lispelt,
   Die Freude, wie um eine Neugeborne,
   Den schönsten Kranz von Säul' an Säulen schlinge.
   O sendetest du mich auf Schiffen hin!
   Du gäbest mir und allen neues Leben.

THOAS.
   So kehr' zurück! Tu, was dein Herz dich heißt,
   Und höre nicht die Stimme guten Rats
   Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib
   Dich hin dem Triebe, der dich zügellos
   Ergreift und dahin oder dorthin reißt.
   Wenn ihnen eine Lust im Busen brennt,
   Hält vom Verräter sie kein heilig Band,
   Der sie dem Vater oder dem Gemahl
   Aus langbewährten, treuen Armen lockt;
   Und schweigt in ihrer Brust die rasche Glut,
   So dringt auf sie vergebens treu und mächtig
   Der Überredung goldne Zunge los.

IPHIGENIE.
   Gedenk', o König, deines edeln Wortes!
   Willst du mein Zutraun so erwidern? Du
   Schienst vorbereitet, alles zu vernehmen.

THOAS.
   Aufs Ungehoffte war ich nicht bereitet;
   Doch sollt' ich's auch erwarten: wußt' ich nicht,
   Daß ich mit einem Weibe handeln ging?

IPHIGENIE.
   Schilt nicht, o König, unser arm Geschlecht.
   Nicht herrlich wie die euern, aber nicht
   Unedel sind die Waffen eines Weibes.
   Glaub' es, darin bin ich dir vorzuziehn
   Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne.
   Du wähnest, unbekannt mit dir und mir
   Ein näher Band werd' uns zum Glück vereinen.
   Voll guten Mutes, wie voll guten Willens,
   Dringst du in mich, daß ich mich fügen soll;
   Und hier dank' ich den Göttern, daß sie mir
   Die Festigkeit gegeben, dieses Bündnis
   Nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt.

THOAS.
   Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.

IPHIGENIE.
   Sie reden nur durch unser Herz zu uns.

THOAS.
   Und hab' Ich, sie zu hören, nicht das Recht?

IPHIGENIE.
   Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.

THOAS.
   Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?

IPHIGENIE.
   Vor allen andern merke sie der Fürst.

THOAS.
   Dein heilig Amt und dein geerbtes Recht
   An Jovis Tisch bringt dich den Göttern näher
   Als einen erdgebornen Wilden.

IPHIGENIE.
   So
   Büß' ich nun das Vertraun, das du erzwangst.

THOAS.
   Ich bin ein Mensch; und besser ist's, wir enden.
   So bleibe denn mein Wort: Sei Priesterin
   Der Göttin, wie sie dich erkoren hat;
   Doch mir verzeih' Diane, daß ich ihr
   Bisher, mit Unrecht und mit innerm Vorwurf,
   Die alten Opfer vorenthalten habe.
   Kein Fremder nahet glücklich unserm Ufer:
   Von alters her ist ihm der Tod gewiß.
   Nur du hast mich mit einer Freundlichkeit,
   In der ich bald der zarten Tochter Liebe,
   Bald stille Neigung einer Braut zu sehn
   Mich tief erfreute, wie mit Zauberbanden
   Gefesselt, daß ich meiner Pflicht vergaß.
   Du hattest mir die Sinnen eingewiegt,
   Das Murren meines Volks vernahm ich nicht;
   Nun rufen sie die Schuld von meines Sohnes
   Frühzeit'gem Tode lauter über mich.
   Um deinetwillen halt' ich länger nicht
   Die Menge, die das Opfer dringend fordert.

IPHIGENIE.
   Um meinetwillen hab' ich's nie begehrt.
   Der mißversteht die Himmlischen, der sie
   Blutgierig wähnt: er dichtet ihnen nur
   Die eignen grausamen Begierden an.
   Entzog die Göttin mich nicht selbst dem Priestet?
   Ihr war mein Dienst willkommner als mein Tod.

THOAS.
   Es ziemt sich nicht für uns, den heiligen
   Gebrauch mit leicht beweglicher Vernunft
   Nach unserm Sinn zu deuten und zu lenken.
   Tu deine Pflicht, ich werde meine tun.
   Zwei Fremde, die wir in des Ufers Höhlen
   Versteckt gefunden, und die meinem Lande
   Nichts Gutes bringen, sind in meiner Hand.
   Mit diesen nehme deine Göttin wieder
   Ihr erstes, rechtes, lang' entbehrtes Opfer!
   Ich sende sie hierher; du weißt den Dienst.







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