> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 5. Akt 3. Szene

2019-08-10

Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris- 5. Akt 3. Szene

 Iphigenie auf Tauris             
           
Fünfter Akt
                                 
Dritter Szene

                                    Iphigenie. Thoas.

IPHIGENIE.
   Du forderst mich! Was bringt dich zu uns her?

THOAS.
   Du schiebst das Opfer auf; sag' an, warum?

IPHIGENIE.
   Ich hab' an Arkas alles klar erzählt.

THOAS.
   Von dir möcht' ich es weiter noch vernehmen.

IPHIGENIE.
   Die Göttin gibt dir Frist zur Überlegung.

THOAS.
   Sie scheint dir selbst gelegen, diese Frist.

IPHIGENIE.
   Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß
   Verhärtet ist, so solltest du nicht kommen!
   Ein König, der Unmenschliches verlangt,
   Findt Diener gnug, die gegen Gnad' und Lohn
   Den halben Fluch der Tat begierig fassen;
   Doch seine Gegenwart bleibt unbefleckt.
   Er sinnt den Tod in einer schweren Wolke
   Und seine Boten bringen flammendes
   Verderben auf des Armen Haupt hinab;
   Er aber schwebt durch seine Höhen ruhig,
   Ein unerreichter Gott, im Sturme fort.

THOAS.
   Die heil'ge Lippe tönt ein wildes Lied.

IPHIGENIE.
   Nicht Priesterin! nur Agamemnons Tochter.
   Der Unbekannten Wort verehrtest du,
   Der Fürstin willst du rasch gebieten? Nein!
   Von Jugend auf hab' ich gelernt gehorchen,
   Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,
   Und folgsam fühlt' ich immer meine Seele
   Am schönsten frei; allein dem harten Worte,
   Dem rauhen Ausspruch eines Mannes mich
   Zu fügen, lernt' ich weder dort noch hier.

THOAS.
   Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.

IPHIGENIE.
   Wir fassen ein Gesetz begierig an,
   Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.
   Ein andres spricht zu mir: ein älteres,
   Mich dir zu widersetzen, das Gebot,
   Dem jeder Fremde heilig ist.

THOAS.
   Es scheinen die Gefangnen dir sehr nah
   Am Herzen: denn vor Anteil und Bewegung
   Vergissest du der Klugheit erstes Wort,
   Daß man den Mächtigen nicht reizen soll.

IPHIGENIE.
   Red' oder schweig' ich, immer kannst du wissen,
   Was mir im Herzen ist und immer bleibt.
   Löst die Erinnerung des gleichen Schicksals
   Nicht ein verschloßnes Herz zum Mitleid auf?
   Wie mehr denn meins! In ihnen seh' ich mich.
   Ich habe vorm Altare selbst gezittert,
   Und feierlich umgab der frühe Tod
   Die Knieende: das Messer zuckte schon,
   Den lebenvollen Busen zu durchbohren;
   Mein Innerstes entsetzte wirbelnd sich,
   Mein Auge brach, und ich fand mich gerettet.
   Sind wir, was Götter gnädig uns gewährt,
   Unglücklichen nicht zu erstatten schuldig?
   Du weißt es, kennst mich, und du willst mich zwingen!

THOAS.
   Gehorche deinem Dienste, nicht dem Herrn.

IPHIGENIE.
   Laß ab! Beschönige nicht die Gewalt,
   Die sich der Schwachheit eines Weibes freut.
   Ich bin so frei geboren als ein Mann.
   Stünd' Agamemnons Sohn dir gegenüber,
   Und du verlangtest, was sich nicht gebührt,
   So hat auch er ein Schwert und einen Arm,
   Die Rechte seines Busens zu verteid'gen.
   Ich habe nichts als Worte, und es ziemt
   Dem edlen Mann, der Frauen Wort zu achten.

THOAS.
   Ich acht' es mehr als eines Bruders Schwert.

IPHIGENIE.
   Das Los der Waffen wechselt hin und her:
   Kein kluger Streiter hält den Feind gering.
   Auch ohne Hilfe gegen Trutz und Härte
   Hat die Natur den Schwachen nicht gelassen.
   Sie gab zur List ihm Freude, lehrt' ihn Künste:
   Bald weicht er aus, verspätet und umgeht.
   Ja, der Gewaltige verdient, daß man sie übt.

THOAS.
   Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.

IPHIGENIE.
   Und eine reine Seele braucht sie nicht.

THOAS.
   Sprich unbehutsam nicht dein eigen Urteil.

IPHIGENIE.
   O sähest du, wie meine Seele kämpft,
   Ein bös Geschick, das sie ergreifen will,
   Im ersten Anfall mutig abzutreiben!
   So steh' ich denn hier wehrlos gegen dich?
   Die schöne Bitte, den anmut'gen Zweig,
   In einer Frauen Hand gewaltiger
   Als Schwert und Waffe, stößest du zurück:
   Was bleibt mir nun, mein Innres zu verteid'gen?
   Ruf' ich die Göttin um ein Wunder an?
   Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen?

THOAS.
   Es scheint, der beiden Fremden Schicksal macht
   Unmäßig dich besorgt. Wer sind sie, sprich,
   Für die dein Geist gewaltig sich erhebt?

IPHIGENIE.
   Sie sind sie scheinen für Griechen halt' ich sie.

THOAS.
   Landsleute sind es? und sie haben wohl
   Der Rückkehr schönes Bild in dir erneut?

IPHIGENIE nach einigem Stillschweigen.
   Hat denn zur unerhörten Tat der Mann
   Allein das Recht? Drückt denn Unmögliches
   Nur er an die gewalt'ge Heldenbrust?
   Was nennt man groß? Was hebt die Seele schaudernd
   Dem immer wiederholenden Erzähler,
   Als was mit unwahrscheinlichem Erfolg
   Der Mutigste begann? Der in der Nacht
   Allein das Heer des Feindes überschleicht,
   Wie unversehen eine Flamme wütend
   Die Schlafenden, Erwachenden ergreift,
   Zuletzt, gedrängt von den Ermunterten,
   Auf Feindes Pferden, doch mit Beute kehrt,
   Wird der allein gepriesen? der allein,
   Der, einen sichern Weg verachtend, kühn
   Gebirg' und Wälder durchzustreifen geht,
   Daß er von Räubern eine Gegend säubre?
   Ist uns nichts übrig? Muß ein zartes Weib
   Sich ihres angebornen Rechts entäußern,
   Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen
   Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute
   Die Unterdrückung rächen? Auf und ab
   Steigt in der Brust ein kühnes Unternehmen:
   Ich werde großem Vorwurf nicht entgehn,
   Noch schwerem Übel, wenn es mir mißlingt;
   Allein euch leg' ich's auf die Kniee! Wenn
   Ihr wahrhaft seid, wie ihr gepriesen werdet,
   So zeigt's durch euern Beistand und verherrlicht
   Durch mich die Wahrheit! Ja, vernimm, o König,
   Es wird ein heimlicher Betrug geschmiedet:
   Vergebens fragst du den Gefangnen nach;
   Sie sind hinweg und suchen ihre Freunde,
   Die mit dem Schiff am Ufer warten, auf.
   Der ältste, den das Übel hier ergriffen
   Und nun verlassen hat es ist Orest,
   Mein Bruder, und der andre sein Vertrauter,
   Sein Jugendfreund, mit Namen Pylades.
   Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer
   Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild
   Dianens wegzurauben und zu ihm
   Die Schwester hinzubringen, und dafür
   Verspricht er dem von Furien Verfolgten,
   Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung.
   Und beide hab' ich nun, die Überbliebnen
   Von Tantals Haus, in deine Hand gelegt:
   Verdirb uns wenn du darfst.

THOAS.
   Du glaubst, es höre
   Der rohe Skythe, der Barbar, die Stimme
   Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,
   Der Grieche, nicht vernahm?

IPHIGENIE.
   Es hört sie jeder,
   Geboren unter jedem Himmel, dem
   Des Lebens Quelle durch den Busen rein
   Und ungehindert fließt. Was sinnst du mir,
   O König, schweigend in der tiefen Seele?
   Ist es Verderben? so töte mich zuerst!
   Denn nun empfind' ich, da uns keine Rettung
   Mehr übrigbleibt, die gräßliche Gefahr,
   Worein ich die Geliebten übereilt
   Vorsätzlich stürzte. Weh! Ich werde sie
   Gebunden vor mir sehn! Mit welchen Blicken
   Kann ich von meinem Bruder Abschied nehmen,
   Den ich ermorde? Nimmer kann ich ihm
   Mehr in die vielgeliebten Augen schaun!

THOAS.
   So haben die Betrüger, künstlich dichtend,
   Der lang' Verschloßnen, ihre Wünsche leicht
   Und willig Glaubenden ein solch Gespinst
   Ums Haupt geworfen!

IPHIGENIE.
   Nein! o König, nein!
   Ich könnte hintergangen werden; diese
   Sind treu und wahr. Wirst du sie anders finden,
   So laß sie fallen und verstoße mich
   Verbanne mich zur Strafe meiner Torheit
   An einer Klippeninsel traurig Ufer.
   Ist aber dieser Mann der lang' erflehte,
   Geliebte Bruder, so entlaß uns, sei
   Auch den Geschwistern wie der Schwester freundlich.
   Mein Vater fiel durch seiner Frauen Schuld,
   Und sie durch ihren Sohn. Die letzte Hoffnung
   Von Atreus' Stamme ruht auf ihm allein.
   Laß mich mit reinem Herzen, reiner Hand
   Hinübergehn und unser Haus entsühnen.
   Du hältst mir Wort! Wenn zu den Meinen je
   Mir Rückkehr zubereitet wäre, schwurst
   Du, mich zu lassen, und sie ist es nun.
   Ein König sagt nicht, wie gemeine Menschen,
   Verlegen zu, daß er den Bittenden
   Auf einen Augenblick entferne, noch
   Verspricht er auf den Fall, den er nicht hofft:
   Dann fühlt er erst die Höhe seiner Würde,
   Wenn er den Harrenden beglücken kann.

THOAS.
   Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser
   Im Kampfe wehrt und gischend seinen Feind
   Zu tilgen sucht, so wehret sich der Zorn
   In meinem Busen gegen deine Worte.

IPHIGENIE.
   O laß die Gnade, wie das heil'ge Licht
   Der stillen Opferflamme, mir, umkränzt
   Von Lobgesang und Dank und Freude, lodern.

THOAS.
   Wie oft besänftigte mich diese Stimme!

IPHIGENIE.
   O reiche mir die Hand zum Friedenszeichen.

THOAS.
   Du forderst viel in einer kurzen Zeit.

IPHIGENIE.
   Um Guts zu tun, braucht's keiner Überlegung.

THOAS.
   Sehr viel! denn auch dem Guten folgt das Übel.

IPHIGENIE.
   Der Zweifel ist's, der Gutes böse macht.
   Bedenke nicht; gewähre, wie du's fühlst.



Kanzler von Müller: Unterhaltungen mit Goethe

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