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2019-08-14

Johann Wolfgang von Goethe: JERY UND BÄTELY-EIN SINGSPIEL (2)





Bergige Gegend, im Grund eine Hütte am Felsen, von dem
ein Wasser herabstürzt; an der Seite geht eine Wiese abhängig 
hinunter, deren Ende von Bäumen verdeckt ist. Vorne
an der Seite ein steinerner Tisch mit Bänken.

BÄTELY (mit zwei Eimern Milch, die sie an einem Joche
trägt, kommt von der Wiese)
Singe, Vogel, singe!
Blühe, Bäumchen, blühe!
Wir sind guter Dinge,
Sparen keine Mühe,
Spat und früh.
Die Leinwand ist begossen, die Kühe sind gemolken, ich
habe gefrühstückt, die Sonne ist über den Berg herauf,
und noch liegt der Vater im Bette. Ich muß ihn wecken,
daß ich jemand habe, mit dem ich schwatze. Ich mag
nicht müßig, ich mag nicht allein sein. (Sie nimmt Rocken
und Spindel.) Wenn er mich hört, pflegt er aufzustehn.
(Vater tritt auf.)
VATER. Guten Morgen, Bätely.
BÄTELY. Vater, guten Morgen!
VATER. Ich hätte gerne noch länger geschlafen, und du
weckst mich mit einem lustigen Liedchen, daß ich nicht
zanken darf. Du bist artig und unartig zugleich.
BÄTELY. Nicht wahr, Vater, wie immer?
VATER. Du hättest mir die Ruhe gönnen sollen! Weißt
du doch nicht, wann ich heut nacht zu Bette gegangen bin.
BÄTELY. Ihr hattet gute Gesellschaft.
VATER. Das war auch nicht artig, daß du so früh hin-
einschlupftest, als wenn dir der schöne Mondschein die
Augen zudrückte. Der arme Jery war doch um deinetwillen
da; er saß bis nach Mitternacht bei mir auf der Bank, er
hat mich recht gedauert.
BÄTELY. Ihr seid gleich so mitleidig, wenn er klagt und
druckst und immer ebendasselbe wiederholt, hernach eine
Viertelstunde still ist, tut, als wenn er aufbrechen wollte,
und doch am Ende bleibt und wieder von vornen anfängt.
Mir ists ganz anders dabei, mir machts Langeweile.
VATER. Ich wollte doch selbst, daß du dich zu etwas
entschlössest.
BÄTELY. Wollt Ihr mich so gerne los sein.?
VATER. Nicht das; ich zöge mit, wir hättens beide besser
und bequemer.
BÄTELY. Wer weiß? Ein Mann ist nicht immer bequem.
VATER. Besser ist besser. Wir verpachteten das Gütchen
hier oben und richteten uns unten ein.
BÄTELY. Sind wirs doch einmal so gewohnt! Unser
Haus hält Wind, Schnee und Regen ab, unsre Alpe gibt
uns, was wir brauchen, wir haben zu essen und zu trinken
das ganze Jahr, verkaufen auch noch so viel, daß wir uns
ein hübsches Kleid auf den Leib schaffen können, sind
hier oben allein und geben niemand ein gut Wort! Und
was wär Euch unten im Flecken ein größer Haus, die
Stube besser getäfelt, mehr Vieh und mehr Leute dabei?
Es gibt nur mehr zu tun und zu sorgen, und man kann
doch nicht mehr essen, trinken und schlafen als vorher.
Euch wollt ichs freilich bequemer wünschen.
VATER. Und mir wollt ich wünschen, daß ich nicht mehr
um dich zu sorgen hätte. Freilich werde ich alt und spüre
denn doch, daß ich abnehme. Der rechte Arm wird mir
immer steifer, und ich fühle das Wetter mehr in der Schulter,
da wo mir die Kugel den Knochen traf. Und dann, mein
Kind, wenn ich einmal abgehe, kannst du allein gar nicht
bestehen; du mußt heiraten und weißt nicht, welchen Mann
du kriegst. Jetzt ists ein guter Mensch, der dir seine Hand
anbietet. Das werf ich immer im Kopf herum und sorge
und denke für dich.
Jeden Morgen
Neue Sorgen
Sorgen für dein junges Blut.
BÄTELY. Alle Sorgen
Nur auf morgen1
Sorgen sind für morgen gut.
Was hat denn Jery gesagt?
VATER. Was hilfts? Du gibst doch nichts drauf.
BÄTELY. Ich möchte hören, ob was Neues drunter war.
VATER. Neues nichts, er hat auch nichts Neues zu sagen,
bis du ihm das Alte vom Herzen nimmst.
BÄTELY. Es ist mir leid um ihn. Er könnte recht vergnügt
sein: er ist allein, hat vom Vater schöne Güter, ist jung
und frisch; nur will er mit Gewalt eine Frau dazu haben
und just mich. Er fände zehen für eine im Ort. Wann kommt
er zu uns herauf? Warum will er just mich?
VATER. Weil er dich lieb hat.
BÄTELY. Ich weiß nicht, was er will, er kann nichts
als mich plagen.
VATER. Mir war er gar nicht zuwider.
BÄTELY. Mir ist ers auch nicht. Er ist hübsch, wacker,
brav. Neulich auf dem Jahrmarkte warf er den Fremden,
der sich mit Schwingen großmachte, rechtschaffen an
den Boden. Er gefallt mir sonst ganz wohl. Wenn sie nur
nicht gleich heiraten wollten und, wenn man einmal freundlich
mit ihnen ist, einem hernach den ganzen Tag auflägen.
VA'I'ER. Es ist erst seit einem Monat, daß er so oft kommt.
BÄTELY. Es wird nicht lange währen, so ist er wieder
da; denn ganz früh sah ich ihn auf die Matte schleichen,
die er oben im Walde hat. Sein Tage hat er nicht so oft
nach den Sennen gesehn als neuerdings; ich wollt, er
ließ mich in Ruh.—Die Leinwand ist schon fast wieder
trocken. Wie hoch die Sonne schon steht! Und Euer
Frühstück?
VATER. Ich will es schon finden. Sorge nur zur rechten
Zeit fürs Mittagsessen.
BATKLY. Daran ist mir mehr gelegen wie Euch.
( Vater ab.)
BÄTELY. Wahrhaftig, da kommt er! Hab ichs doch gesagt.
Die Liebhaber sind so pünktlich wie die Sonne. Ich
muß nur ein lustig Lied anfangen, daß er nicht gleich in
seine alte Leier einlenken kann.
(Sie macht sich was zu schaffen und singt.)
Es rauschet das Wasser
Und bleibet nicht stehn;
Gar lustig die Sterne
Am Himmel hin gehn;
Gar lustig die Wolken
Am Himmel hin ziehn;
So rauschet die Liebe
Und fähret dahin.
JERY (der sich ihr indessen genähert).
Es rauschen die Wasser,
Die Wolken vergehn;
Doch bleiben die Sterne,
Sie wandeln und stehn;
So auch mit der Liebe,
Der treuen, geschieht:
Sie wegt sich, sie regt sich,
Und ändert sich nicht.
BÄTELY. Was bringt Ihr Neues, Jery?
JERY. Das Alte, Bätely!
BÄTELY. Hier oben haben wir Altes genug! Wenn Ihr
uns nichts Neues bringen wollt! Wo kommt Ihr so früh
her?
JERY. Ich habe oben auf der Alpe nachgesehen, wieviel
Käse vorrätig sind; unten am See hält ein Kaufmann, der
ihrer sucht. Ich denke, wir werden einig.
BÄTELY. Da kriegt Ihr wieder viel Geld in die Hände.
JERY. Mehr, als ich brauche.
BÄTELY. Ich gönn es Euch.
JERY. Ich gönnt Euch die Hälfte, gönnt Euch das Ganze.
Wie schön wärs, wenn ich einen Handel gemacht hätte
und käme nach Hause und würfe dir die Doublen in den
Schoß. Zähl es nach, sagt ich dann, heb es auf! Wenn ich
nun nach Hause komme, muß ich mein Geld in den Schrank

stellen und weiß nicht, für wen.
BÄTELY. Wie lang ists noch auf Ostern?
JERY. Nicht lange mehr, wenn Ihr mir Hoffnung macht.
BÄTELY. Behüte Gott! ich meinte nur.
JERY. Du wirst an vielem Übel schuld sein. Schon so oft
hast du mir den Kopf so toll gemacht, daß ich dir zum
Trutz eine andre nehmen wollte. Und wenn ich sie nun
hätte und wäre sie gleich müde und sähe immer und
immer: das ist nicht Bätely! ich war auf immer elend.
BÄTELY. Du mußt eine Schöne nehmen, die reich ist
und gut; so eine wird man nimmer satt.
JERY. Ich habe dich verlangt und keine Reichere, noch
Bessere.

Ich verschone dich mit Klagen,
Doch das eine muß ich sagen,
Immer sagen: dir allein
Ist und wird mein Leben sein.
Willst du mich nicht wieder lieben?
Willst du ewig mich betrüben?
Mir im Herzen bist du mein;
Ewig, ewig bleib ich dein.
BÄTELY. Du kannst recht hübsche Lieder, Jery, und
singst sie recht gut. Nicht wahr, du lehrst mich ein halb
Dutzend? Ich bin meine alten satt. Leb wohl! Ich habe
noch viel zu tun diesen Morgen; der Vater ruft. (Ab)

JERY. Gehe!
Verschmähe
Die Treue!
Die Reue
Kommt nach!

Ich gehe von hinnen,
Du wirst mich vertreiben,
Um Luft zu gewinnen;
Hier kann ich nicht bleiben.

Verschmähe
Die Treue!
Die Reue
Kommt nach!

Thomas tritt auf.

THOMAS. Jery!
JERY. Wer?
THOMAS. Guten Tagl
JERY. Wer seid Ihr?
THOMAS. Kennst du mich nicht mehr?
JERY. Thomas, bist dus?
THOMAS. Hab ich mich so geändert?
JERY. Jawohl, du hast dich gestreckt; du siehst vornehmer
aus.
THOMAS. Das macht das Soldatenleben; ein Soldat sieht
immer vornehmer aus als ein Bauer; das macht, er ist
mehr geplagt!
JERY. Du bist auf Urlaub?
THOMAS. Nein, ich habe meinen Abschied. Wie die
Kapitulation um war: Adieu, Herr Hauptmann! macht ich
und ging nach Hause.
JERY. Was ist das aber für ein Rock? Warum trägst du
den Tressenhut und den Säbel? Du siehst ja noch ganz
soldatenmäßig aus.
THOMAS. Das heißen sie in Frankreich eine Uniforme
de gout, wenn einer auf seine eigne Hand was Buntes
trägt.
JERY. Gefiel dirs nicht?
THOMAS. Gar wohl, gar gut, nur nicht lange. Ich nähme
nicht fünfzig Doublen, daß ich nicht Soldat gewesen wäre.
Man ist ein ganz andrer Kerl; man wird frischer, lustiger,
gewandter, kann sich in alles schicken und weiß, wie es
in der Welt aussieht.
JERY. Wie kommst du hierher? Wo schwärmst du herum?
THOMAS. Zu Hause bei meiner Mutter wollte mirs nicht
gleich gefallen; da hab ich ein vierzig rechte Appenzeller
Ochsen zusammengekauft und auf Kredit genommen, alle
schwarz und schwarzbraun wie die Nacht; die treib ich
nach Mailand, das ist ein guter Handel; man verdient
etwas und ist lustig auf dem Wege. Da hab ich meine
Geige bei mir, mit der mach ich Kranke gesund und das
Regenwetter fröhlich. Nun, wie ist denn dir, alter Tell?
Du siehst nicht frisch drein. Was hast du?
JERY. Ich wäre auch gern lang einmal fort, hätte auch
gern einmal so einen Handel versucht. Geld hab ich
ohnedies immer liegen, und zu Hause gefällt mirs gar
nicht mehr.
THOMAS. Hm! Hm! Du siehst nicht aus wie ein Kaufmann;
der muß klare Augen im Kopfe haben! Du siehst
trübe und verdrossen.
JERY. Ach, Thomas!
THOMAS. Seufze nicht, das ist mir zuwider.
JERY. Ich bin verliebt!
THOMAS. Weiter nichts? O das bin ich immer, wo ich
in ein Quartier komme und die Mädchen sind nur nicht
gar abscheulich.

Ein Mädchen und ein Gläschen Wein
Kurieren alle Not;
Und wer nicht trinkt und wer nicht küßt,
Der ist so gut wie tot.

JERY. Ich sehe, du bist geworden wie die andern; es ist
nicht genug, daß ihr lustig seid, ihr müßt auch gleich liederlich
werden.
THOMAS. Das verstehst du nicht, Gevatter! Dein Zustand
ist so gefährlich nicht. Ihr armen Tröpfe, wenn es
euch das erstemal anwandelt, meint ihr gleich, Sonne,
Mond und Sterne müßten untergehn.

Es war ein fauler Schäfer,
Ein rechter Siebenschläfer,
Ihn kümmerte kein Schaf;
Ein Mädchen könnt ihn fassen:
Da war der Tropf verlassen.
Fort Appetit und Schlaf!

Es trieb ihn in die Ferne,
Des Nachts zählt er die Sterne,
Er klagt` und härmt' sich brav:
Nun, da sie ihn genommen,
Ist alles wiederkommen,
Durst, Appetit und Schlaf.

Nun sage, willst du heiraten?
JERY. Ich freie um ein allerliebstes Mädchen.
THOMAS. Wann ist die Hochzeit?
JERY. So weit sind wir noch nicht
THOMAS. Wieso?
JERY. Sie will mich nicht.
THOMAS. Sie ist nicht gescheit.
JERY. Ich bin mein eigner Herr, hab ein hübsches Gut,
ein schönes Haus, ich will ihren Vater zu mir nehmen,
sie sollens gut bei mir haben.
THOMAS. Und sie will dich nicht? Hat sie einen andern
im Kopfe?
JERY. Sie mag keinen.
THOMAS. Keinen? Sie ist toll. Sie soll Gott danken und
mit beiden Händen zugreifen! Was ist denn das für ein
Trotzkopf?
JERY. Schon ein Jahr geh ich um sie. In diesem Hause
wohnt sie bei ihrem Vater. Sie nähren sich von dem
kleinen Gute hierbei. Alle junge Bursche hat sie schon
weggescheucht, die ganze Nachbarschaft ist unzufrieden
mit ihr. Dem einen hat sie einen schnippischen Korb
gegeben, dem andern hat sie einen Sohn toll gemacht.
Die meisten haben sich kurz resolviert und haben andre
Weiber genommen. Ich allein kanns nicht über das Herz
bringen, so hübsche Mädchen man mir auch schon angetragen
hat.
THOMAS. Man muß sie nicht lange fragen. Was will
so ein Mädchen allein in den Bergen? Wenn nun ihr
Vater stirbt, was will sie anfangen? Da muß sie sich dem
ersten besten an Hals werfen.
JERY. Es ist nicht anders.
THOMAS. Du verstehst es nicht. Man muß ihr nur recht
zureden, und das ein bißchen derb. Ist sie zu Hause?
JERY. Ja!
THOMAS. Ich will Freiersmann sein. Was krieg ich,
wenn ich sie dir kupple?
JERY. Es ist nichts zu tun.
THOMAS. Was krieg ich?
JERY. Was du willst.
THOMAS. Zehn Doublen! Ich muß etwas Rechts fordern.
JERY. Von Herzen gern.
THOMAS. Nun laß mich gewähren!
JERY. Wie willst dus anstellen.?
THOMAS. Gescheit!
JERY. Nun?
THOMAS. Ich will sie fragen, was sie machen will, wenn
ein Wolf kommt.
JERY. Das ist Spaß.
THOMAS. Und wenn ihr Vater stirbt.
JERY. Ah!
THOMAS. Und wenn sie krank wird.
JERY. Nun, sprich recht gut.
THOMAS. Und wenn sie alt wird.
JERY. Du hast reden gelernt.
THOMAS. Ich will ihr Historien erzählen.
JERY. Recht schön.
THOMAS. Ich will ihr erzählen, daß man Gott zu danken
hat, wenn man einen treuen Burschen findet.
JERY. Vortrefflich!
THOMAS. Ich will dich herausstreichen! Geh nur, geh!
JERY. Neue Hoffnung, neues Leben,
Was mein Thomas mir verspricht!
THOMAS. Freund, dir eine Frau zu geben,
Ist die größte Wohltat nicht.
(Jery ab.)
THOMAS (allein.) Wozu man in der Welt nicht komml!
Das hätte ich nicht gedacht, daß ich bei meinem Ochsenhandel
nebenher noch einen Kuppelpelz verdienen sollte.
Ich will doch sehen, was das für ein Drache ist, und ob
sie kein vernünftig Wort mit sich reden läßt. Am besten,
ich tu, als wenn ich den Jery nicht kennte und nichts
von ihm wüßte, und fall ihr dann mit meinem Antrag in
die Flanke.

Bätely kommt ans der Hütte.

THOMAS (für sich). Ist sie das? O die ist hübsch! (Laut)
Guten Tag, mein schönes Kind.
BÄTELY. Großen Dank! Wär Ihm was lieb?
THOMAS. Ein Glas Milch oder Wein, Jungfer, wäre mir
eine rechte Erquickung. Ich treibe schon drei Stunden
den Berg herauf und habe nichts gefunden.
BÄTELY. Von Herzen gerne, und ein Stück Brot und
Käs dazu! Roten Wein, recht guten italienischen.
THOMAS. Scharmant! Ist das Euer Haus?
BÄTELY. Ja, da wohn ich mit meinem Vater.
THOMAS. Ei! ei! So ganz allein?
BÄTELY. Wir sind ja unser zwei. Wart Er, ich will Ihm
zu trinken holen; oder komm Er lieber mit herein; was
will Er da haußen stehn? Er kann dem Vater was erzählen,
THOMAS. Nicht doch, mein Kind, das hat keine Eile.
(er nimmt sie bei der Hand und hält sie.)
BÄTELY (macht sich los). Ei was soll das?
THOMAS. Laß Sie doch ein Wort mit sich reden. (Er
faßt sie an.)
BÄTELY. (wie oben). Meint Er? Kennt Er mich schon?
THOMAS. Nicht so eilig, liebes Kind!
Ei, so schön und spröde!
BÄTELY. Weil die meisten töricht sind,
Meint Er, ist es jede?
THOMAS. Nein, ich lasse dich nicht los,
Mädchen, sei gescheiter!
BÄTELY. Euer Durst ist wohl nicht groß;
Geht nur immer weiter!
(Bätely ab.)
THOMAS (allein). Das hab ich schlecht angefangen! Erst
hätt ich sie sollen vertraut machen, mich einnisten, essen
und trinken; dann meine Worte anbringen. Du bist immer
zu hui! Denk ich denn auch, daß sie so wild sein wird!
Sie ist ja so scheu wie ein Eichhorn. Ich muß es noch
einmal versuchen. (nach der Hütte zu) Noch ein Wort,
Jungfer!
BÄTELY (am Fenster). Geht nur Eurer Wege! Hier ist
nichts für Euch. (Sie schlägt das Fenster zu.)
THOMAS. Du grobes Ding! Wenn sies ihren Liebhabern
so macht, so nimmt michs wunder, daß noch einer bleibt.
Da kommt der arme Jery schlecht zurechte! Die sollte
ihren Mann finden, der auch wieder aus dem Walde riefe,
wie sie hinein schreit. Das trotzige Ding dünkt sich hier
oben so sicher! Wenn einer auch einmal ungezogen würde,
müßte sies haben, und ich hätte fast Lust, ihr den ledigen
Stand zu verleiden. Wenn nun Jery auf mich paßt und
hoft und wartet, wird er mich auslachen, so wenig es ihm
lächerlich ist. Zum Henker, sie soll mich anhören, was
ich ihr zu sagen habe. Ich will wenigstens meine Kommission
ausrichten. So gerade abzuziehen, ist gar zu schimpflich.
(An der Hütte stark anpochend.) Nun ohne Spaß,
Jungfer, mache Sie auf; sei Sie so gut und geb Sie mir
ein Glas Wein! Ich wills gern bezahlen.
BÄTELY (wie oben am Fenster). Hier ist kein Wirtshaus,
und pack Er sich! Wir sind das hier zu Lande gar nicht gewohnt.
Darnach sich einer aufführt, darnach wird einem.
Geb Er sich nur keine Mühe. (Sie schmeißt das Fenster zu.)
THOMAS. Du eigensinniges, albernes Ding! Ich will dir
weisen, daß du da oben so sicher nicht bist. Das Affengesichtl
Wir wollen sehen, wer ihr beisteht! Und wenn
sie einmal gewitzigt ist, wird sie nicht mehr Lust haben,
so allein sich auszusetzen. Schon gut! Da ich meine Lektion
nicht mündlich anbringen kann, will ichs ihr durch
recht verständliche Zeichen zu erkennen geben. Da kommt
meine Herde just den Berg herauf; die soll auf ihrer Wiese
Mittagsruhe halten. Ha! Ha!—Sie sollen ihr die Matten
schön zurechte machen, ihr den Boden wohl zusammendämmeln.
(Er ruft nach der Szene.) Heda! He!

Ein Knecht tritt auf.

THOMAS. Treibt nun in der Hitze den Berg nicht weiter
hinauf! Hier ist eine Wiese zum Ausruhen. Treibt nur das
Vieh alle da hinein!—Nun! was stehst du und verwunderst
dich? Tu, was ich dir befehle. Begreifst dus? Auf diese
Wiese hier! Nur ohne Umstände. Und laßt euch nichts
anfechten, es geschehe, was wolle. Laßt sie grasen und
ausruhen! Ich kenne die Leute hier, ich will schon mit
ihnen sprechen. (Der Knecht geht ab.) Wenn es aber vor
den Landvogt kommt? Ei was, um das bißchen Strafe!
Ich denke, die Kur soll anschlagen; und hilfts nichts, so
sind wir alle auf einmal gerächt, Jery und ich und alle
Verliebten und Betrübten.

(Er tritt auf das Felsenstück nahe
beim Wasser und spricht mit Leuten außer dem Theater)

Treibt nur die Ochsen hier auf die Wiese! Reißt nur
die Planken zusammen! So! nur alle!—Junge, hierher!
herein! Nun gut, macht euch lustig! Jagt mir dort die
Kühe weg!—Was die für Sprünge machen, daß man sie
von ihrem Grund und Boden vertreibt!—Nun Trotz dem
Affen! (Er setzt sich auf das Felsenstück, nimmt seine Violine
hervor, streicht und singt.)
Ein Quodlibet, wer hört es gern,
Der komme flugs herbei;
Der Autor, der ist Holofern,
Es ist noch nagelneu.
VATER (eilig aus der Hütte).
Was gibts? was untersteht Ihr Euch?
Wer gibt das Recht Euch? wer?
THOMAS. In Polen und im Römschen Reich
Gehts auch nicht besser her.
BÄTELY. Meinst du, daß du hier Junker bist.
Daß niemand wehren kann?
THOMAS. Ein Mädchen, das verständig ist,
Das nimmt sich einen Mann.
VATER. Sieh, welch ein unerhörter Trotz!
Wart nur, du kriegst dein Teil!
THOMAS (wie oben).
Man sagt, auf einen harten Klotz
Gehört ein grober Keil.
BÄTELY. Verwegner, auf und packe dichl
Was hab ich dir getan?
THOMAS (wie oben).
Pardonnez-moi! Ihr sehet mich
Für einen andern an. (Ab)
BÄTELY. Sollen wirs dulden?
VATER. Ohne Verschulden!
BÄTELY. Rufet zur Hilfe
Die Nachbarn herbei! ( Vater ab.)
Mir springt im Schmerze
Der Wut mein Herze,
Fühle mich, ach!
Rasend im Grimm
Und im Grimme so schwach!
THOMAS (kommt wieder). Gib mir, o Schönste,
Nur freundliche Blicke,
Gleich soll mein Vieh
Von dem Berge zurücke!
BÄTELY. Wagst, mir vors Angesicht
Wieder zu stehn?
THOMAS. Liebchen, o zürne nicht,
Bist ja so schön!
BÄTELY. Toller!
THOMAS. O süßes,
O himmlisches Blut!
BÄTELY. Ach, ich ersticke!
Ich sterbe für Wut!

(Er will sie küssen, sie stößt ihn weg und fährt in die Tür.
Er will das Fenster aufschieben, da sie es zuhält, zerbricht
er einige Scheiben, und im Taummel zerschlägt er die übrigen)

THOMAS (bedenklich hervortretend). St! St! Das war zu
toll! Nun wird Ernst aus dem Spiele. Du hättest deine
Probe gescheiter anfangen können. Ein Freiersmann sollte
nicht mit der Tür ins Haus fallen. Sieht man doch, daß
ich immer nur für mich gekuppelt habe, und da ists nicht
übel, gerade und ohne Umschweife zu traktieren.—Was
ist zu tun? Das gibt Lärm. Ich muß sehen, daß ich mich
mit Ehren zurückziehe, daß es nicht aussieht, als ob ich
mich fürchtete. Nur recht frech getan, musiziert und so
sachte retiriert! (Er geht, auf der Violine spielend, nach
der Wiese.)
VATER. O Himmel! Welcher Zorn! Welcher Verdruß!
Der Bösewicht! Nun fühl ich erst, daß mir das Mark nicht
mehr in den Knochen sitzt wie vor alters, daß mein Arm
lahm ist, daß meine Füße nicht mehr fortwollen! Wart
nur! Wart nur! Von den Nachbarn rührt sich keiner, sie
sind mir alle wegen des Mädchens aufsässig. Ich rufe, ich
spreche, ich erzähle, keiner will mir zu Gefallen etwas wagen.
Ja, sie spotten beinahe mich aus. (Nach der Wiese gekehrt)
Seht, wie frech! Wie verwegen! Wie er umhergeht und
musiziert! Die Planken zerrissen! (Nach dem Hause.) Die
Fenster zerschlagenl Es fehlt nichts, als daß er noch plündert.—
Kommt denn kein Nachbar? Hätt ich doch nicht
geglaubt, daß sie mirs so denken sollten. Ja, ja! so ists!
Sie sehen zu, sie machen höhnische Gesichter. Eure Tochter
ist keck genug, sagt der eine, laßt sie sich mit dem
Burschen herumschlagen.—Hat sie nun keinen, ruft der
andre, den sie an der Nase herumführt, der sich ihr zuliebe
die Rippen zerstoßen ließe?—Mag sies für meinen Sohn
haben, der um ihrentwillen aus dem Lande gelaufen ist,
sagt ein dritter.—Vergebens!—Es ist erschrecklich, es ist
abscheulich! O wenn Jery in der Nähe wäre, der einzige,
der uns retten könnte!
BÄTELY (kommt aus der Hütte der Vater geht ihr entgegen,
sie lehnt sich auf ihn). Mein Vater! Ohne Schutz!
Ohne Hilfe! Diese Beleidigung! Ich bin ganz außer mir. —Ich traue meinen Sinnen nicht, und mein Herz kanns nicht tragen.

Jery tritt auf.

VATER. Jery, sei willkommen, sei gesegnet!
JERY. Was geschieht hier? Warum seid ihr so verstört?
VATER. Ein Fremder verwüstet uns die Matten, zerschlägt
die Scheiben, kehrt alles drunter und drüber. Ist er
toll? ist er betrunken? was weiß, was weiß ich? Niemand
kann ihm wehren, niemand.—Bestraf ihn, vertreib ihn!
JERY. Bleibet gelassen, meine Besten; ich will ihn packen,
ich schaff euch Ruhe, ihr sollt gerächt werden!
BÄTELY. O Jery, treuer, lieber! Wie erfreust du mich!
Sei unser Retter! Tapfrer, einziger Mann!
JERY. Geht beiseite, verschließt euch ins Haus. Laßt
euch nicht bange sein! Laßt mich gewähren. Ich schaff
euch Rache und vertreib ihn gewiß.
(Vater und Bätely gehen ab.)
JERY (allein indem er einen Stock ergreift).
Dem Verwegenen
Zu begegnen,
Schwillt die Brust.
Welch Verbrechen,
Sie beleidgen!
Sie verteidgen,
Welche Lust! (Er tritt gegen die Wiese.)
Weg von dem Orte!
Ich schone keinen.
(Indem er abgehen will, tritt ihm Thomas entgegen)
THOMAS. Spare die Worte,
Es sind die meinen.
JERY. Thomas!
THOMAS. O Jery!
Soll ich von hinnen?
JERY. Bist du von Sinnen?
Hast dus getan?
THOMAS. Jery, ja Jery!
Nur höre mich an.
JERY. Wehr dich, Verräter!
Ich schlage dich nieder.
THOMAS. Glaub mir, ich habe
Noch Knochen und Glieder.
JERY. Wehr dich!
THOMAS. Das kann ich!
JERY. Fort mit dir, fort!
THOMAS. Jery, sei klug.
Und hör nur ein Wort!
JERY. Rühr dich, ich schlag dir
Den Schädel entzwei!
Liebe, o Liebe,
Du stehest mir bei.

(Jery treibt Thomasen vor sich her, sie gehen, sich schlagend,
ab. Bätely kommt ängstlich aus der Hütte; die beiden
Kämpfenden kommen wieder aufs Theater, sie haben sich
angefaßt und ringen, Thomas hat Vorteil über Jery)

BÄTELY. Jery! Jery!
Höre! Höre!
Wollt ihr gar nicht hören?
Hilfe, Hilfe!
Vater, Hilfe!
Laßt euch, laßt euch wehren!

(Sie ringen und schwingen sich herum, endlich wirft Thomas
den Jery zu Boden.)

THOMAS (spricht abgebrochen, wie er nach und nach zu
Atem kommt). Da liegst du! Du hast mirs sauer gemacht!
Doppelt sauer! Du bist ein starker Kerl und mein guter
Freund! Da liegst du nun! Du wolltest nicht hören. Übereile
dich nicht mehr! Das ist eine gute Lektion. Armer
Jery! wenn dich auch der Fall von deiner Liebe heilen
könnte! (Zu Bätely, die sich indessen mit Jery beschäftigt.
Jery ist aufgestanden.) Um deinetwillen leidet er, und mich
schmerzt, daß ich ihm weh getan habe. Sorge für ihn,
verbinde ihn, heile ihn! Er hat seinen Mann gefunden;
viel Glück, wenn er bei dieser Gelegenheit auch eine Frau
findet! Ich mache mich auf die Wege und habe nicht
länger zu passen. (Ab.)
JERY (der indessen, von Bätely begleitet, an den Tisch im
Vordergrunde gekommen und sich gesetzt hat). Laß mich,
laß mich!
BÄTELY. Ich sollte dich lassen? Du hast dich meiner so
treulich angenommen!
JERY. Ach, ich kann mich noch nicht erholen! ich streite
für dich und werde besiegt! Laß mich, laß mich!
BÄTELY. Nein, Jery, du hast mich gerächt; auch überwunden
hast du gesiegt. Sieh, er treibt sein Vieh hinweg,
er macht dem Unfug ein Ende.
JERY. Und ist dafür nicht bestraft! Er geht trotzig umher,
prahlend davon, und ersetzt nicht den Schaden, Ich
vergehe in meiner Schande!
BÄTELY. Du bist doch der Stärkste im ganzen Kanton.
Auch die Nachbarn erkennen, wie brav du bist. Diesmal war
es ein Zufall, du hast wo angestoßen! Sei ruhig, sei getrost!
Sieh mich an! Gestehe mir, hast du dich beschädigt?
JERY. Meine rechte Hand ist verrenkt. Es wird nichts
tun, es ist gleich wieder in Ordnung.
BÄTELY. Laß mich ziehen! Tut es weh? Noch einmal!
Ja, so wird es getan sein. Es wird besser sein.
JERY. Deine Sorgfalt hab ich nicht verdient.
BÄTELY. Das leidest du um mich! Wohl hab ich nicht
verdient, daß du dich meiner so tätig annimmst!
JERY. Rede nicht.

BÄTELY. So bescheiden! Gewiß hab ichs nicht um dich
verdient. Sieh nur, deine Hand ist aufgeschlagen, und du
schweigst!
JERY. Laß nur, es will nichts bedeuten.
BÄTELY. Nimm das Tuch, du wirst sonst voll Blut.
JERY. Es heilt für sich, es heilt geschwinde.
BÄTELY. Nein! Nein! Gleich will ich dir einen Umschlag
zurechtemachen. Warmer Wein ist gut und heilsam.
Warte, warte nur, gleich bin ich wieder da. (Ab)
JERY (allein). Endlich, endlich darf ich hoffen,
Ja, mir steht der Himmel offen!
Auf einmal
Streift ins tiefe Nebeltal
Ein erwünschter Sonnenstrahl.
Teilt euch, Wolken, immer weiter!
Himmel, werde völlig heiter,
Ende, Liebe, meine Qual!
THOMAS (der an der Seite hereinsieht). Höre, Jery!
JERY. Welch eine Stimme! Unverschämter! darfst du
dich sehen lassen?
THOMAS. Stille! Stille! Nicht zornig, nicht aufgebracht!
Höre nur zwei Worte, die ich dir zu sagen habe.
JERY. Du sollst meine Rache spüren, wenn ich nur einmal
wieder heil bin.
THOMAS. Laß uns die Zeit nicht mit Geschwätz verderben!
Höre mich, es hat Eil.
JERY. Weg von meinem Angesicht! Du bist mir abscheulich.
THOMAS. Wenn du diese Gelegenheit verlierst, so ist
sie auf immer verloren. Erkenne dein Glück, ein Glück,
das ich dir verschaffe. Ihre Sprödigkeit verschwindet, sie
fühlt sich dankbar, sie fühlt, was sie dir schuldig ist.
JERY. Du willst mich lehren? Toller, ungezogner Mensch!
THOMAS. Schelte, wenn du mich nur anhören willst.
Gut, ich habe ihr diesen tollen Streich gespielt! Es war
halb Vorsatz, halb Zufall. Genug, sie findet, daß ein
wackrer Mann ein guter Beistand ist. Gewiß, sie bekehrt
sich.—Du wolltest nicht hören, ich mußte mich zur Wehre
setzen; du bist selbst schuld, daß ich dich niedergeworfen,
dich beschädigt habe.
JERY. Geh nur, du beredest mich nicht.
THOMAS. Sieh nur, wie alles glückt, wie alles sich
schicken muß. Sie ist bekehrt, sie schätzt dich, sie wird
dich lieben. Nun sei nicht säumig, träume nicht, schmiede
das Eisen, solang es heiß bleibt.
JERY. Laß ab und plage mich nicht länger!
THOMAS. Ich muß dirs doch noch einmal sagen: sei nur
zufrieden! du bist mirs schuldig; du hast mir zeitlebens
dein Glück zu danken. Konnte ich deinen Auftrag besser
ausrichten? Und wenn die Art und Weise ein bißchen
wunderlich war, so ist doch am Ende der Zweck erreicht.
Du kannst dich freuen! Mache es richtig mit ihr. Ich
komme zurück, ihr werdet mir vergeben und, wenn es
euch wohl geht, noch gar meinen Einfall, meine Tollheit
loben.
JERY. Ich weiß nicht, was ich denken soll.
THOMAS. Glaubst du denn, daß ich sie für nichts und
wieder nichts beleidigen wollte?
JERY. Bruder, es war ein toller Gedanke; als ein Soldatenstreich
mag es hingehn!
THOMAS. Die Hauptsache ist, daß sie deine Frau wird;
und dann ists einerlei, wie der Freiersmann sich angestellt
hat. Der Vater kommt! Auf einen Augenblick leb wohl.
(Ab)

Vater tritt auf.

VATER. Jery, welch ein sonderbar Geschick ist das! Soll
ichs ein Unglück, soll Ichs ein Glück nennen? Bätely
ist umgewendet, erkennt deine Liebe, ehrt dich, liebt dich,
weint um dich. Sie ist gerührt, wie ich sie nie gesehen
habe.
JERY. Könnt ich eine solche Belohnung erwarten?
VATER. Sie ist betroffen. In sich gekehrt steht sie am
Herde, sie denkt ans Vergangne, und wie sie sich gegen
dich betragen hat. Sie denkt, was sie dir schuldig geworden.
Sei nur zufrieden. Ich wette, sie beschließt noch
heute, was dich und mich erfreuen wird, was wir beide
wünschen.
JERY. Soll ich sie besitzen?
VATER. Sie kommt, ich mach ihr Platz. (Ab.)
BÄTELY (mit einem Topfe und Leinwand)
Ich bin lang, sehr lang geblieben.
Komm, wir müssens nicht verschieben;
Komm und zeig mir deine Hand.
JERY (indem sie ihn verbindet).
Liebe Seele, mein Gemüte
Bleibt beschämt von deiner Güte.
Ach, wie wohl tut der Verband!
BÄTELY (die geendigt hat).
Schmerzen dich noch deine Wunden?
JERY. Liebste, sie sind lang verbunden;
Seit dein Finger sie berührt,
Hab ich keinen Schmerz gespürt.
BÄTELY. Rede, aber rede treulich,
Sieh mir offen ins Gesicht!
Findest du mich nicht abscheulich?
Jery, aber schmeichle nicht!
Der du ganz dein Herz geschenkt,
Die du nun so schön verteidigt,
Oft wie hat sie dich beleidigt.
Weggestoßen und gekränkt!
Hat dein Lieben sich geendet,
Hat dein Herz sich weggewendet,
Überlaß mich meiner Pein!
Sag es nur, ich will es dulden,
Stille leiden meine Schulden;
Du sollst immer glücklich sein.
JERY. Es rauschen die Wasser,
Die Wolken vergehn;
Doch bleiben die Sterne, .
Sie wandeln und stehn.
So auch mit der Liebe,
Der treuen, geschieht:
Sie wegt sich, sie regt sich.
Und ändert sich nicht.
(Sie sehen einander an, Bätely scheint bewegt und unschlüssig.)
JERY. Engel, du scheinst mir gewogen!
Doch ich bitte, halt die Regung
Noch zurück, noch ist es Zeit!
Leicht, gar leicht wird man betrogen
Von der Rührung, der Bewegung,
Von der Gut und Dankbarkeit.
BÄTELY. Nein, ich werde nicht betrogen!
Mich beschämet die Erwägung
Deiner Lieb und Tapferkeit.
Bester, ich bin dir gewogen,
Traue, traue dieser Regung
Meiner Lieb und Dankbarkeit.
JERY. Verweile!
Übereile
Dich nicht!
Mir lohnet schon gnüglich
Ein freundlich Gesicht.
BÄTELY (nach einer Pause).
Kannst du deine Hand noch regen?
Sag mir, Jery, schmerzt sie dir?
JERY (seine rechte Hand aufhebend).
Nein, ich kann sie gut bewegen.
BÄTELY (die ihrige hinreichend)
Jery, nun so gib sie mir.
JERY (ein wenig zurücktretend) Soll ich noch zweifeln?
Soll ich mich freuen?
Wirst du mir bleiben?
Wird dichs gereuen?
BÄTELY. Traue mir! Traue mir.
Ja, ich bin dein!
JERY (einschlagend). Ich bin auf ewig
Nun dein, und sei mein!
(Sie umarmen sich.)
BEIDE. Liebe! Liebe!
Hast du uns verbunden.
Laß, o laß die letzten Stunden
Selig wie die ersten sein!

Vater tritt auf.

VATER. Himmel! was seh ich?
Soll ich es glauben?
JERY. Soll ich sie haben?
BÄTELY. Willst dus erlauben,
Vater?
JERY. O Vater!
VATER. Kinder—
(Zu drei.) O Glück!
VATER. Kinder, ihr gebt mir
Die Jugend zurück.
BÄTELY und JERY (kniend). Gebt uns den Segen.
VATER. Nehmet den Segen.
(Zu drei.) Segen und Glück.
Thomas kommt,
THOMAS. Darf ich mich zeigen?
Darf ich es wagen?
BÄTELY. Welche Verwegenheit!
JERY. Welches Betragen!
VATER. Welche Vermessenheit!
THOMAS. Höret mich an!
In der Betrunkenheit
Hab ichs getan.
Rufet die Ältsten,
Den Schaden zu schätzen;
Ich gebe die Strafe,
Will alles ersetzen.
(Heimlich zu Jery,) Und für mein Kuppeln
Krieg ich zwölf Dubbeln;
Mehr sind der Schaden,
Die Strafe nicht wert.
(Laut zu Bätely.) Gebe dich! (Zum Vater.) Höre mich!
(Zu Jery.) Bitte für mich!
JERY. Laßt uns, ihr Lieben,
Der Torheit verzeihen,
Am schönen Tage
Jeden sich freuen;
Auf und vergebt ihm!
BÄTELY und VATER (zu Jery) Ich gebe dir nach.
(Zu. Thomas) Dir ist verziehen.
ALLE. O fröhlicher Tag!
Himmel der Liebe!   (1)
Selige Triebe!
Ewig verbunden!
Fröhliche Stunden!
Bleibendes Glück!

(1) AB "HIMMEL DER LIEBE"-- AB HIER BEGINNT DER SCHLUSSTEIL DEN GOETHE ERST IM   JAHR 1825 GESCHRIEBEN HAT




Die letzte Krankheit Goethes von C.Vogel



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