> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 4. Szene

2019-08-20

Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 4. Szene



                    

                       
Vierter Auftritt

Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die                          
übrigen.

PRINZESSIN. 
   Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst
   Vielmehr in Belriguardo noch zurück,
   Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso,
   Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.
   Du gehst nach Rom? 

TASSO. 
   Ich richte meinen Weg
   Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde
   Mich gütig auf, wie ich es hoffen darf,
   So leg ich da mit Sorgfalt und Geduld
   Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.
   Ich finde viele Männer dort versammelt,
   Die Meister aller Art sich nennen dürfen.
   Und spricht in jener ersten Stadt der Welt
   Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns?
   Wie viele tausend stumme Lehrer winken
   In ernster Majestät uns freundlich an!
   Vollend ich da nicht mein Gedicht, so kann
   Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fühl ich,
   Mir wird zu keinem Unternehmen Glück!
   Verändern werd ich es, vollenden nie.
   Ich fühl, ich fühl es wohl, die große Kunst
   Die jeden nährt, die den gesunden Geist
   Stärkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,
   Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!
   Nach Napel will ich bald! 

PRINZESSIN. 
   Darfst du es wagen?
   Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,
   Der dich zugleich mit deinem Vater traf.

TASSO. 
   Du warnest recht, ich hab es schon bedacht.
   Verkleidet geh ich hin, den armen Rock
   Des Pilgers oder Schäfers zieh ich an.
   Ich schleiche durch die Stadt wo die Bewegung
   Der Tausende den einen leicht verbirgt.
   Ich eile nach dem Ufer, finde dort
   Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,
   Mit Bauern die zum Markte kamen, nun
   Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;
   Denn ich muß nach Sorrent hinüber eilen.
   Dort wohnet meine Schwester, die mit mir
   Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.
   Im Schiffe bin ich still, und trete dann
   Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht
   Den Pfad hinauf und an dem Tore frag ich:
   Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!
   Cornelia Sersale? Freundlich deutet
   Mir eine Spinnerin die Straße, sie
   Bezeichnet mir das Haus. So steig ich weiter.
   Die Kinder laufen nebenher und schauen
   Das wilde Haar, den düstern Fremdling an.
   So komm ich an die Schwelle. Offen steht
   Die Türe schon, so tret ich in das Haus

PRINZESSIN. 
   Blick auf, o Tasso, wenn es möglich ist,
   Erkenne die Gefahr in der du schwebst!
   Ich schone dich, denn sonst würd ich dir sagen:
   Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?
   Ist's edel nur allein an sich zu denken,
   Als kränktest du der Freunde Herzen nicht?
   Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?
   Wie beide Schwestern dich zu schätzen wissen?
   Hast du es nicht empfunden und erkannt?
   Ist alles denn in wenig Augenblicken
   Verändert? Tasso! Wenn du scheiden willst,
   So laß uns Schmerz und Sorge nicht zurück.

TASSO wendet sich weg. 

PRINZESSIN. 
   Wie tröstlich ist es einem Freunde, der
   Auf eine kurze Zeit verreisen will,
   Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur
   Ein neuer Mantel, oder eine Waffe.
   Dir kann man nichts mehr geben, denn du wirfst
   Unwillig alles weg was du besitzest.
   Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,
   Den langen Stab erwählst du dir, und gehst
   Freiwillig arm dahin, und nimmst uns weg
  Was du mit uns allein genießen konntest.

TASSO. 
   So willst du mich nicht ganz und gar verstoßen!
   O süßes Wort, o schöner teurer Trost,
   Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!
   Laß mich in Belriguardo hier, versetze
   Mich nach Consandoli, wohin du willst!
   Es hat der Fürst so manches schöne Schloß,
   So manchen Garten, der das ganze Jahr
   Gewartet wird, und ihr betretet kaum
   Ihn e i n e n  Tag, vielleicht nur e i n e  Stunde.
   Ja wählet den entferntsten aus, den ihr
   In ganzen Jahren nicht besuchen geht,
   Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt,
   Dort schickt mich hin! Dort laßt mich euer sein!
   Wie will ich deine Bäume pflegen! die Zitronen
   Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken
   Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren!
   Es sollen schöne Blumen in den Beeten
   Die breiten Wurzeln schlagen, rein und zierlich
   Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein.
   Und laßt mir auch die Sorge des Palastes!
   Ich will zur rechten Zeit die Fenster öffnen,
   Daß Feuchtigkeit nicht den Gemälden schade;
   Die schön mit Stukkatur verzierten Wände
   Will ich mit einem leichten Wedel säubern,
   Es soll das Estrich blank und reinlich glänzen,
   Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verrücken,
   Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!

PRINZESSIN. 
   Ich finde keinen Rat in meinem Busen
   Und finde keinen Trost für dich und uns.
   Mein Auge blickt umher ob nicht ein Gott
   Uns Hülfe reichen möchte? Möchte mir
   Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank
   Der deinem Sinne Frieden brächte, Frieden uns.
   Das treuste Wort, das von der Lippe fließt,
   Das schönste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.
   Ich muß dich lassen, und verlassen kann
   Mein Herz dich nicht. 

TASSO. 
   Ihr Götter, ist sie's doch
   Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt!
   Und konntest du das edle Herz verkennen?
   War's möglich daß in ihrer Gegenwart
   Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang?
   Nein nein, du bist's, und nun ich bin es auch.
   O fahre fort und laß mich jeden Trost
   Aus deinem Munde hören! deinen Rat
   Entzieh mir nicht, o sprich: was soll ich tun?
   Damit dein Bruder mir vergeben könne,
   Damit du selbst mir gern vergeben mögest,
   Damit ihr wieder zu den Euren mich
   Mit Freuden zählen möget. Sag mir an.

PRINZESSIN. 
   Gar wenig ist's was wir von dir verlangen,
   Und dennoch scheint es allzuviel zu sein.
   Du sollst dich selbst uns freundlich überlassen.
   Wir wollen nichts von dir was du nicht bist,
   Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefällst.
   Du machst uns Freude wenn du Freude hast,
   Und du betrübst uns nur wenn du sie fliehst;
   Und wenn du uns auch ungeduldig machst,
   So ist es nur, daß wir dir helfen möchten
   Und, leider! sehn daß nicht zu helfen ist;
   Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,
   Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.

TASSO. 
   Du bist es selbst, wie du zum erstenmal
   Ein heilger Engel mir entgegen kamst!
   Verzeih dem trüben Blick des Sterblichen
   Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.
   Er kennt dich wieder! Ganz eröffnet sich
   Die Seele, nur dich ewig zu verehren.
   Es füllt sich ganz das Herz von Zärtlichkeit
   Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefühl!
   Ist es Verirrung was mich nach dir zieht?
   Ist's Raserei? ist's ein erhöhter Sinn,
   Der erst die höchste reinste Wahrheit faßt?
   Ja, es ist das Gefühl, das mich allein
   Auf dieser Erde glücklich machen kann;
   Das mich allein so elend werden ließ,
   Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen
   Es bannen wollte. Diese Leidenschaft
   Gedacht ich zu bekämpfen; stritt und stritt
   Mit meinem tiefsten Sein, zerstörte frech
   Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehörst.

PRINZESSIN. 
   Wenn ich dich, Tasso, länger hören soll,
   So mäßige die Glut die mich erschreckt.

TASSO. 
   Beschränkt der Rand des Bechers einen Wein
   Der schäumend wallt und brausend überschwillt?
   Mit jedem Wort erhöhest du mein Glück,
   Mit jedem Worte glänzt dein Auge heller.
   Ich fühle mich im Innersten verändert,
   Ich fühle mich von aller Not entladen,
   Frei wie ein Gott, und alles dank ich dir!
   Unsägliche Gewalt die mich beherrscht,
   Entfließet deinen Lippen; ja, du machst
   Mich ganz dir eigen. Nichts gehöret mir
   Von meinem ganzen Ich mir künftig an.
   Es trübt mein Auge sich in Glück und Licht,
   Es schwankt mein Sinn. Mich hält der Fuß nicht mehr.
   Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir
   Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
   Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
   So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin.
       
Er fällt ihr in die Arme und drückt sie fest an sich.

PRINZESSIN
ihn von sich stoßend und hinwegeilend. 

   Hinweg! 

LEONORE  die sich  schon  eine  Weile  im  Grunde  sehen lassen,
herbeieilend. 
   Was ist geschehen? Tasso! Tasso!
                 
Sie geht der Prinzessin nach.

TASSO im Begriff ihnen zu folgen. 
   O Gott! 

ALFONS 
der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genähert.    
Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. 

                                 Ab. 
                                                                   



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