> Gedichte und Zitate für alle: Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 1. Szene

2019-08-19

Johann Wolfgang von Goethe: Torquato Tasso - 5. Akt 1. Szene




                    

                   
Fünfter Aufzug
                         
Erster Auftritt

                             
Garten.                        
Alfons. Antonio.

ANTONIO. 
   Auf deinen Wink ging ich das zweitemal
   Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.
   Ich hab ihm zugeredet, ja gedrungen,
   Allein er geht von seinem Sinn nicht ab,
   Und bittet sehnlich daß du ihn nach Rom
   Auf eine kurze Zeit entlassen mögest.

ALFONS. 
   Ich bin verdrießlich, daß ich dir's gestehe,
   Und lieber sag ich dir, daß ich es bin,
   Als daß ich den Verdruß verberg und mehre.
   Er will verreisen; gut, ich halt ihn nicht,
   Er will hinweg, er will nach Rom, es sei!
   Nur daß mir Scipio Gonzaga nicht,
   Der kluge Medicis ihn nicht entwende!
   Das hat Italien so groß gemacht,
   Daß jeder Nachbar mit dem andern streitet,
   Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.
   Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fürst,
   Der die Talente nicht um sich versammelt.
   Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
   Ist ein Barbar, er sei auch wer er sei.
   Gefunden hab ich diesen und gewählt,
   Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,
   Und da ich schon für ihn so viel getan,
   So möcht ich ihn nicht ohne Not verlieren.

ANTONIO. 
   Ich bin verlegen, denn ich trage doch
   Vor dir die Schuld von dem was heut geschah;
   Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,
   Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn;
   Doch wenn du glauben könntest, daß ich nicht
   Das Mögliche getan ihn zu versöhnen,
   So würd ich ganz untröstlich sein. O! sprich
   Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder
   Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.

ALFONS. 
   Antonio nein, da sei nur immer ruhig,
   Ich schreib es dir auf keine Weise zu;
   Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,
   Und weiß nur allzuwohl was ich getan,
   Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz
   Vergessen, daß ich eigentlich an ihn
   Zu fordern hätte. Über vieles kann
   Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn
   Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.

ANTONIO. 
   Wenn andre vieles um den e i n e n  tun,
   So ist's auch billig, daß der eine wieder
   Sich fleißig frage was den andern nützt.
   Wer seinen Geist so viel gebildet hat,
   Wer jede Wissenschaft zusammen geizt
   Und jede Kenntnis die uns zu ergreifen
   Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen,
   Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?

ALFONS. 
   Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!
   Gleich wird uns, wenn wir zu genießen denken,
   Zur Übung unsrer Tapferkeit ein Feind,
   Zur Übung der Geduld ein Freund gegeben.

ANTONIO. 
   Die erste Pflicht des Menschen, Speis und Trank
   Zu wählen, da ihn die Natur so eng
   Nicht wie das Tier beschränkt, erfüllt er die?
   Und läßt er nicht vielmehr sich wie ein Kind
   Von allem reizen was dem Gaumen schmeichelt?
   Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
   Gewürze, süße Sachen, stark Getränke,
   Eins um das andre schlingt er hastig ein,
   Und dann beklagt er seinen trüben Sinn,
   Sein feurig Blut, sein allzuheftig Wesen,
   Er schilt auf die Natur und das Geschick.
   Wie bitter und wie töricht hab ich ihn
   Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;
   Zum Lachen fast, wär irgend lächerlich
   Was einen Menschen quält und andre plagt.
   »Ich fühle dieses Übel«, sagt er bänglich
   Und voll Verdruß! »Was rühmt Ihr Eure Kunst?
   Schafft mir Genesung!« Gut, versetzt der Arzt,
   So meidet das und das »Das kann ich nicht«
   So nehmet diesen Trank »O nein! der schmeckt
   Abscheulich, er empört mir die Natur«
   So trinkt denn Wasser »Wasser? nimmermehr!
   Ich bin so wasserscheu als ein Gebißner«
   So ist Euch nicht zu helfen »Und warum?«
   Das Übel wird sich stets mit Übeln häufen,
   Und, wenn es Euch nicht töten kann, nur mehr
   Und mehr mit jedem Tag Euch quälen »Schön!
   Wofür seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Übel,
   Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie
   Auch schmackhaft machen, daß ich nicht noch erst,
   Der Leiden los zu sein, recht leiden müsse.«
   Du lächelst selbst und doch ist es gewiß,
   Du hast es wohl aus seinem Mund gehört?

ALFONS. 
   Ich hab es oft gehört und oft entschuldigt.

ANTONIO. 
   Es ist gewiß, ein ungemäßigt Leben,
   Wie es uns schwere wilde Träume gibt,
   Macht uns zuletzt am hellen Tage träumen.
   Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?
   Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich
   Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn
   Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden
   Der ihn nicht haßt und bitter ihn verfolgt.
   So hat er oft mit Klagen dich belästigt:
   Erbrochne Schlösser, aufgefangne Briefe,
   Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!
   Du hast es untersuchen lassen, untersucht,
   Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.
   Der Schutz von keinem Fürsten macht ihn sicher,
   Der Busen keines Freundes kann ihn laben.
   Und willst du einem solchen Ruh und Glück,
   Willst du von ihm wohl Freude d i r  versprechen?

ALFONS. 
   Du hättest recht, Antonio, wenn in ihm
   Ich meinen nächsten Vorteil suchen wollte!
   Zwar ist es schon mein Vorteil, daß ich nicht
   Den Nutzen grad und unbedingt erwarte.
   Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;
   Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes
   In seiner Art, so ist er wohl bedient.
   Das haben uns die Medicis gelehrt,
   Das haben uns die Päpste selbst gewiesen.
   Mit welcher Nachsicht, welcher fürstlichen
   Geduld und Langmut trugen diese Männer
   Manch groß Talent, das ihrer reichen Gnade
   Nicht zu bedürfen schien und doch bedurfte!

ANTONIO. 
   Wer weiß es nicht, mein Fürst, des Lebens Mühe
   Lehrt uns allein des Lebens Güter schätzen.
   So jung hat er zu vieles schon erreicht
   Als daß genügsam er genießen könnte.
   O sollt er erst erwerben was ihm nun
   Mit offnen Händen angeboten wird,
   Er strengte seine Kräfte männlich an
   Und fühlte sich von Schritt zu Schritt begnügt.
   Ein armer Edelmann hat schon das Ziel
   Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn
   Ein edler Fürst zu seinem Hofgenossen
   Erwählen will und ihn der Dürftigkeit
   Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch
   Vertraun und Gunst, und will an seine Seite
   Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg,
   Sei's in Geschäften oder im Gespräch:
   So dächt ich, könnte der bescheidne Mann
   Sein Glück mit stiller Dankbarkeit verehren.
   Und Tasso hat zu allem diesem noch
   Das schönste Glück des Jünglings: daß ihn schon
   Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.
   O glaube mir, sein launisch Mißbehagen
   Ruht auf dem breiten Polster seines Glücks.
   Er kommt, entlaß ihn gnädig, gib ihm Zeit
   In Rom und in Neapel, wo er will,
   Das aufzusuchen was er hier vermißt
   Und was er hier nur wiederfinden kann.

ALFONS. 
   Will er zurück erst nach Ferrara gehn?

ANTONIO. 
   Er wünscht in Belriguardo zu verweilen.
   Das Nötigste was er zur Reise braucht,
   Will er durch einen Freund sich senden lassen.

ALFONS. 
   Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht
   Mit ihrer Freundin gleich zurück, und reitend
   Werd ich vor ihnen noch zu Hause sein.
   Du folgst uns bald, wenn du für ihn gesorgt.
   Dem Kastellan befiehl das Nötige,
   Daß er hier auf dem Schlosse bleiben kann
   So lang er will, so lang bis seine Freunde
   Ihm das Gepäck gesendet, bis wir ihm
   Die Briefe schicken die ich ihm nach Rom
   Zu geben willens bin. Er kommt! Leb wohl!
                                                              



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